Dienstag, 23. Juni 2020

»Was heißt Solidarität in Zeiten der Pandemie?« LuXemburg Online Juni 2020

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»Was heißt Solidarität in Zeiten der Pandemie?«
LuXemburg Online
 Juni 2020

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Foto: unteilbar.org/Ina Felina, CC: BY

Liebe Leser*innen,
nach wochenlangen Ausgangsbeschränkungen kehrt das öffentliche Leben zurück – eine prekäre Normalität. Auch bei uns läuft wieder einiges wie gewohnt, dennoch produzieren wir diesen Sommer kein Printheft, sondern, überwiegend im Homeoffice, zwei Online-Schwerpunkte. Zu schnell ändern sich die Konstellationen, überschlagen sich die Ereignisse.
Während es in Europa ein gewisses Aufatmen gibt, gehen in anderen Teilen der Welt die Infektionen durch die Decke. Die Ärmsten haben kaum eine Chance, sich vor Ansteckung zu schützen und sind, wie eine neue Studie zeigt, auch hierzulande am stärksten gefährdet. Das Virus trifft nicht alle gleich – in Schlaglichtern zeigen wir, wie die Krise Ungleichheiten verstärkt: Trotz des Beifalls für die „Heldinnen der Nation“ haben Entgrenzung und Selbstausbeutung im Care-Bereich zugenommen. Haushaltsarbeiter*innen haben ihre Jobs verloren – als Migrant*innen, teils illegalisiert, hatten viele ohnehin keine Verträge. Während Angestellte ins Homeoffice wechseln konnten, mussten Beschäftigte in der Produktion oft ohne Gesundheitsschutz weiterarbeiten. Und am Homeschooling scheitern fast alle – aber Kinder, denen zu Hause kein Computer zur Verfügung steht, und bei denen niemand Zeit hat, wochenlang das Lernen zu begleiten, haben fast keine Chance mitzuhalten.
Dass die Frage der Wohnverhältnisse, der Ernährung, des Arbeitsplatzes und des Zugangs zu Gesundheitsversorgung für ein erhöhtes Infektionsrisiko und für schwere Verläufe zentral sind, haben die Ausbrüche in Schlachthöfen, in Geflüchteten Unterkünften oder Wohnblocks in sozial marginalisierten Stadteilen gezeigt. Nicht zu Unrecht haben Epidemiolog*innen eine wichtige Stimme in aktuellen Debatten, die Sozialepidemiologie verschafft sich hingegen noch zu selten Gehör.
Für die USA und Großbritannien ist belegt, dass POC und Migrant*innen ein größeres Risiko schwerer Verläufe haben – im „racial capitalism“ machen sie oft die systemrelevante, aber am wenigsten geschützte Arbeit. Wut auf ein System, dass auch in der Pandemie eine rassistische Nekropolitik betreibt, eine Politik des Sterben-Machens, befeuert derzeit die #BlackLifesMatter-Proteste. Auch hier regt sich endlich Protest. Mit LINKS-Kanax sprechen wir über Rassismus in der Pandemie. Obdachlose und Geflüchteten-Initiativen tun sich zusammen, um ein Ende der Massenunterbringung zu erstreiten, und Sozialwissenschaftler*innen aus dem Care-Bereich melden sich – neben der Virologie – in Fragen einer umkämpften Krisenbearbeitung zu Wort.
Wie müsste ein solidarischer Umgang mit der Pandemie aussehen? Wie könnte eine sozialistische Regierungsweise die Bearbeitung der Krise von denen her denken, die am stärksten betroffen sind? Ein Blick auf die AIDS-Debatte der 1980er Jahre zeigt, wie solidarischer Selbstschutz aussehen kann. Panagiotis Sotiris hat in dieser Gemengelage die Debatte um eine linke Biopolitik eröffnet, die wir aufnehmen.
Unser Corona-Dossier haben die meisten sicher schon zur Kenntnis genommen. Wer sich nicht auf Facebook oder Twitter bewegt, kann unseren RSS-Feed abonnieren, um über aktuelle Texte informiert zu werden. Im kommenden Online-Schwerpunkt gehen wir der – unter Corona noch drängender gewordenen – Frage der sozialen Daseinsvorsorge nach: Wie kann und muss ein Sozialstaat des 21. Jahrhunderts aussehen?
Wir wünschen viel Gewinn beim Lesen und trotz allem einen schönen Sommer!

Barbara Fried
Für die Redaktion der LuXemburg


DAS VIRUS TRIFFT NICHT ALLE GLEICH 

Von Horst Kahrs


Wie Rassismus und Klasse in der Pandemie zusammenwirken 
Von Ellie Gore

Wie eine linke Antwort aussehen muss
Gespräch mit Belma Bekos und Jules El-Khatib von LINKS*KANAX

Illegalisierte Arbeiter*innen in Berlin fordern: Legalisierung jetzt!
Von Llanquiray Painemal, Susanne Schultz und Michel Jungwirth
Geflüchteten- und Obdachloseninitiativen kämpfen für ein Ende der Massenunterkünfte 
Gespräch mit Nora Brezger vom Flüchtlingsrat Berlin      

BIOPOLITIK VON LINKS
Gelockert in eine neue Normalität der Krise?
Teil I: Überlegungen zu einer emanzipatorischen Pandemiebekämpfung
Teil II: Ende der Einigkeit: Die Kräfteverhältnisse im Ringen um einen „Exit“
Teil III: Perspektiven einer sozialistischen Gouvernementalität und solidarische Praxen in der Pandemie

Von Lia Becker und Alex Demirović
Solidarische Biopolitik: Kondome, Masken und die Parallelen zwischen HIV- und Corona-Pandemie
Von Wolfram Schaffar
Ist eine demokratische Biopolitik möglich?
Demokratische Biopolitik neu betrachtet: Antwort auf eine Kritik

Von Panagiotis Sotiris


Zum Weiterlesen:




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