Regierung setzt Reform
unter Polizeieinsatz um. Lehrergewerkschaft wehrt sich
gegen Evaluierung. Zahlreiche Verletzte bei
Demonstrationen
Von
Philipp
Gerber [1]
amerika21
Oaxaca, Mexiko. Die Auseinandersetzung
zwischen der mexikanischen Regierung und der oppositionellen
Lehrergewerkschaft, die sich an der Bildungsreform von 2013
entzündet
[3] hat, ist im November
in eine neue Runde gegangen. Die Evaluierung, die
etappenweise alle Lehrkräfte durchlaufen müssen, wird nun
mit einem großen Polizeiaufgebot durchgesetzt. Im Vorfeld
wurden im Oktober vier gewerkschaftlich aktive Lehrer aus
Oaxaca wegen Sachbeschädigung und Blockaden verhaftet und im
Hochsicherheitsgefängnis von Altiplano eingesperrt.
Die Bildungsreform beinhaltet Privatisierungen, eine
Absenkung sozialer und anderer Privilegien sowie eine
stärkere Bewertung der Leistung der Lehrkräfte. Diese Reform
habe nicht das Ziel, das marode öffentliche Bildungssystem
zu verbessern, sondern richte sich vielmehr gegen die
gewerkschaftliche Organisierung der Lehrerschaft, so
Kritiker.
Die Lehrergewerkschaft CNTE stellt sich indes nicht
grundsätzlich gegen eine Evaluierung, lehnt aber die Form
ab. Diese verbinde die Resultate bei gutem Abschneiden mit
Lohnverbesserungen und Aufstiegsschancen, bei wiederholtem
schlechtem Abschneiden drohe die Entlassung. Zudem sei der
Fragenkatalog nicht auf die lokalen Gegebenheiten
zugeschnitten und berücksichtige nicht die kulturelle und
sprachliche Vielfalt. Auch der Mexikanische Rat der
Bildungsforschung, in dem gut 1.000 Pädagogik-Spezialisten
vertreten sind, kritisiert die Evaluierung als
"improvisiert" und fordert
[4] in einer Petition an
die nationale Bildungsbehörde "eine echte Bildungsreform in
respektvoller Zusammenarbeit mit den Lehrern", um die
massiven Bildungsdefizite im Land anzugehen.
Zwischen Mitte November und Mitte Dezember 2015 sind zehn
Prozent der über eine Million Lehrer Mexikos aufgerufen, in
einem vierstündigen Test mit 152 Fragen über ihre
pädagogischen Kenntnisse Rechenschaft abzulegen. In
Oaxaca-Stadt protestierten am 28. November die Lehrer der
gewerkschaftlichen Sektion 22 mit einer Großdemonstration
gegen diese Evaluation, deren Austragungsort von 10.000
Bundespolizisten abgeschirmt wurde. Es kam zu Scharmützeln,
mehrmals setzte die Polizei Tränengas ein, drei Polizisten
wurden leicht verletzt. Insgesamt verlief der Protest der
rund 10.000 Lehrkräfte jedoch friedlich.
6.000 Lehrer und Berufseinsteiger, welche die pädagogische
Hochschule absolviert hatten, waren in Oaxaca zum Test
aufgerufen, doch nur knapp die Hälfte absolvierte die
Prüfung. Die offensichtlich astronomischen Kosten für das
Verfahren und das Polizeiaufgebot wurden nicht publik
gemacht.
Wichtiger scheint der Zentralregierung, den Widerstand der
Opposition zu brechen. Für den neuen Bildungminister,
Aurelio Nuño Mayer, war die Beteiligung in Oaxaca ein
Erfolg: "Die Lehrer beginnen sich vom Joch der Gewerkschaft
Sektion 22 zu befreien", meinte der Minister, dem
Aspirationen auf das mexikanische Präsidentschaftsamt
nachgesagt werden. In Oaxaca ist die Wahrnehmung eine
andere. Trotz Verhaftungen, drohender Haftbefehle und
Entlassungen und trotz massivem Aufgebot der
Sicherheitskräfte ist der Widerstand der Gewerkschaft
ungebrochen. Und in verschiedenen Medien, die bisher gegen
die Lehrergewerkschaft argumentierten, werden immer mehr
kritische Stimmen laut, die nach den tatsächlichen Absichten
hinter der Bildungsreform fragen.
Bis Mitte Dezember werden die Tests in den ebenfalls
oppositionellen Bundesstaaten Guerrero und Chiapas
durchgeführt. In der aktuellen Evaluation kam es zu
Auseinandersetzungen in einem halben Dutzend Bundesstaaten,
darunter in Veracruz, wo rund 50 Lehrer verletzt wurden. Für
Februar 2016 ist bereits die nächste Etappe angesetzt.
Links:
[1] https://amerika21.de/autor/philipp-gerber
[2] https://www.facebook.com/cnte.hidalgo/photos_stream
[3] http://lateinamerika-nachrichten.de/?aaartikel=staatsfeind-nr-1
[4] https://www.change.org/p/sep-mexico-por-una-reforma-educativa-necesaria-y-respetuosa-del-magisterio
[5] https://flattr.com/submit/auto?user_id=amerika21&url=https%3A%2F%2Famerika21.de%2F2015%2F12%2F137014%2Fkonflikt-bildungsreform-mexiko&title=Konflikt%20um%20die%20Bildungsreform%20in%20Mexiko%20spitzt%20sich%20zu&description=Oaxaca%2C%20Mexiko.%20Die%20Auseinandersetzung%20zwischen%20der%20mexikanischen%20Regierung%20und%20der%20oppositionellen%20Lehre rgewerkschaft%2C%20die%20sich%20an%20der%20Bildungsreform%20von%202013%20entz%C3%BCndet%20hat%2C%20ist%20im%20November%20in%20eine%20neue%20Runde%20gegangen.&language=de_DE&category=text
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