Sonntag, 3. Februar 2019

Kündigung des INF-Vertrages ungünstig für das deutsche Weltmachtstreben. Aber nur auf den ersten Blick

Berlin setzt auf Sieg


Von Jörg Kronauer
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Für die Bundeswehr wurden schon vor längerer Zeit neue Panzer gegen Russland bestellt: Angela Merkel am 10. Oktober 2012 auf dem Übungsplatz Munster in der Lüneburger Heide
»Souveränitätskrieger«: So nannte ein Kommentator der US-Denkfabrik »Council on Foreign Relations« den am 9. April 2018 ins Amt berufenen Nationalen Sicherheitsberater von US-Präsident Donald Trump, John Bolton, bereits vorab im März 2018. Bolton hat nie verhehlt, dass er von multinationalen Organisationen nichts hält und internationale Verträge ablehnt. So äußerte er bereits im Jahr 2000, Rüstungskontrolle sei eine »Theologie«, die er nicht möge. 2011 schrieb er im Wall Street Journal, sie sei »während des Kalten Krieges gewissenhaft entwickelt worden«. Nicht zuletzt den INF-Vertrag hat Bolton stets für schädlich gehalten, und in seiner Zeit als US-Botschafter bei den Vereinten Nationen von August 2005 bis Dezember 2006 soll er erklärt haben: »Wenn ich den Sicherheitsrat neu gestalten könnte, dann gäbe es nur ein ständiges Mitglied: die Vereinigten Staaten«.
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Der INF-Vertrag ist Geschichte. Nachdem US-Präsident Donald Trump und sein Außenminister, Ex-CIA-Chef Michael Pompeo, am Freitag offiziell mitgeteilt hatten, die Vereinigten Staaten stiegen aus dem Abkommen aus, hat Russlands Präsident Wladimir Putin am Sonnabend die Konsequenzen gezogen und die Vereinbarung ebenfalls ausgesetzt. Damit verbleibt nun noch ein halbes Jahr, bis der jetzt gekündigte Vertrag in aller Form ungültig wird. Und während ausgerechnet die NATO behauptet, die nächsten sechs Monate nutzen zu wollen, um weiter zu verhandeln und das Abkommen vielleicht in letzter Sekunde doch noch zu retten, hat die Debatte über die nächsten Aufrüstungsschritte längst begonnen. Strategen erwägen nicht zuletzt die Stationierung nuklearer Mittelstreckenraketen in Europa. Festzuhalten bleibt zunächst: Washington hat die Aufkündigung des INF-Vertrags mutwillig herbeigeführt. Verträge zu sprengen, die die US-Handlungsfreiheit in welcher Hinsicht auch immer einschränken, ist fester Bestandteil der machtpolitischen Strategie der Trump-Administration (siehe Spalte rechts). Entsprechend hat die US-Regierung Moskau zuletzt unerfüllbare Forderungen vorgelegt, etwa diejenige – so hat es Sergej Netschajew, der russische Botschafter in Deutschland, geschildert –, sämtliche Daten aus den vergangenen zehn Jahren »zu allen Tests von Flugkörpern«, die laut US-Behauptungen den INF-Vertrag brechen könnten, an Washington zu übergeben. Nach der zu erwartenden Ablehnung dieser Zumutung hat die Trump-Administration das Gegenangebot aus Moskau zurückgewiesen, US-Fachleute könnten zu Inspektionen vor Ort sowie zum Datentausch nach Russland reisen, um die US-Vorwürfe zu klären. Das sei unzureichend, hieß es ohne weitere Begründung aus Washington.

Unbewiesene Vorwürfe

Fast von selbst versteht sich, dass Washington bis heute keinen Beleg für Moskaus angeblichen Verstoß gegen das INF-Abkommen präsentiert hat. »Ob Russland den Vertrag gebrochen hat, ist bislang noch nicht bewiesen«, konstatierte am Freitag auf faz.net sogar der Exchef vom Dienst des Reservistenmagazins Loyal und jetzige FAZ-Redakteur Lorenz Hemicker. Unbewiesene Vorwürfe haben sich allerdings längst zum standardmäßig gebrauchten Instrument entwickelt, mit dem westliche Aggressionen gegen Russland und in wachsendem Maße auch gegen China legitimiert werden. Sogenannte Regierungsberater gehen bereits dazu über, von der Öffentlichkeit schlicht »Vertrauen« in die Bundesregierung zu fordern. So äußerte Christian Mölling, stellvertretender Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), von Hemicker befragt, wieso Washington Moskaus Angebot zu Inspektionen vor Ort abgelehnt habe, man solle der Bundesregierung doch einfach »soweit vertrauen, dass sie nicht aus blindem Kadavergehorsam so eine Entscheidung mitträgt«. Kontrolle wäre gut für die Demokratie, blindes Vertrauen aber ist für die herrschende Klasse besser.
Nun wäre es in der Tat nicht zutreffend, Berlin einfach »Kadavergehorsam« vorzuwerfen. Für das ehrgeizige Vorhaben der Bundesregierung, zu einer weltweit operierenden Macht »auf Augenhöhe« mit den Vereinigten Staaten aufzusteigen, ist das Ende des INF-Vertrags höchst ungünstig: Die Stationierung einiger nuklearer US-Mittelstreckenraketen in Europa würde wohl vollauf genügen, um den Konflikt zwischen dem Westen und Russland heftig zuzuspitzen und Deutschland – jedenfalls, solange es noch keine schlagkräftige, nuklear bewaffnete EU-Streitmacht gibt – fest an die Seite der USA zu treiben. Zumindest Polen und die baltischen Staaten wären wohl ohne besondere Umstände zu einer derartigen Stationierung bereit (siehe Seite 8). Für eine von Washington unabhängige Weltpolitik, wie Berlin sie anstrebt, sähe es dann schlecht aus.

Mögliches Schlachtfeld

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Was tun? Kanzlerin Angela Merkel hat angekündigt, Berlin werde alles versuchen, um den INF-Vertrag zu retten. Allerdings sind die Erfolgsaussichten dafür gleich null, weil Washington das Abkommen ja abschütteln will. Alternativ schlug Mölling am 31. Januar in einem zusammen mit General a. D. Heinrich Brauß verfassten DGAP-Papier vor, selbst in die Offensive zu gehen und die NATO-Aufrüstung gegen Russland »weiter substantiell« zu stärken. Eine Option sei dabei die »Entwicklung und Aufstellung landgestützter, zielgenauer und hochwirksamer konventioneller Mittelstreckenwaffen in Europa, die russische Führungseinrichtungen bedrohen« und vielleicht gar »die militärische Handlungsfähigkeit Russlands lähmen können«. Auch über »Cyberoperationen« solle man nachdenken, fordert Mölling. Letzten Endes dürfe man sogar »die Entwicklung landgestützter nuklearer Mittelstreckenwaffen und ihre Stationierung in Europa ... nicht von vornherein ausschließen«. Damit wären Berlin und die EU zwar eng an die Vereinigten Staaten gebunden; dafür wäre aber, wenn es schon nicht anders geht, ein Sieg im Machtkampf gegen Russland denkbar. Dass dies um den Preis geschieht, Europa erneut zu einem möglichen Schlachtfeld in einem Nuklearkrieg zu machen, nähme die Bundesregierung wohl erneut in Kauf.https://www.jungewelt.de/artikel/348423.inf-vertrag-berlin-setzt-auf-sieg.html

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