Mittellos herumgeschickt
Nicht an jeder Supermarktkasse (Archivbild) kann mit entsprechenden Scheinen und Barcodes bezahlt werden
Foto: Oliver Berg/dpa
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Denn Bargeld erhält man damit nur bei den Ketten Real, Rewe, Penny, Rossmann und »DM« sowie dem Buchhändler Ludwig. Auf dem Land, wo der öffentliche Nahverkehr oft rar und teuer ist, existieren deren Niederlassungen in vielen Orten und Kleinstädten gar nicht. Olaf B. (Name geändert) musste dies Mitte Januar im Landkreis Börde erfahren. Fast drei Monate wartete der 35jährige Vater zweier Söhne auf die Bearbeitung seines Antrags auf Arbeitslosengeld II. Er hatte keinen Cent mehr. Als er nach mehrstündigen Diskussionen im Jobcenter Haldensleben endlich einen Barcodeschein für einen Vorschuss in Höhe des monatlichen Regelsatzes erhalten hatte, schaffte er es mit Glück noch vor Ladenschluss in die einzige Rossmann-Filiale der 20.000-Einwohner-Kreisstadt. Einen anderen teilnehmenden Markt gibt es dort aktuell nicht, in seinem rund 40 Kilometer entfernten Wohnort mit 4.500 Einwohnern existiert gar keiner. Die Hin- und Rückfahrt mit der Bahn kostet im Normaltarif knapp 15 Euro, Sozialtickets kennt man im Landkreis Börde nicht.
»Abgesehen davon, dass man in einer Kleinstadt mit so einem Schein schnell unter ›Hartz-IV-Verdacht‹ und ins Gespräch gerät, ist das Verfahren wohl kaum durchdacht«, resümierte B. vorige Woche gegenüber junge Welt. So sieht es auch die frühere Jobcenter-Mitarbeiterin Inge Hannemann (Die Linke). »Gerade in kleineren Städten, wo jeder jeden kennt, fällt das natürlich auf und ist ähnlich stigmatisierend wie die Einlösung von Lebensmittelgutscheinen für Sanktionierte«, konstatierte sie. Auch daran, wie Mittellose in Not herumgeschickt würden, sei die systematische Diskriminierung der Armen zu erkennen.
Am neuen Zahlverfahren verdient das Unternehmen Cash Payment Solutions GmbH (CPS) mit Sitz in Berlin. Wieviel die BA an dieses genau löhnen muss, wollte der BA-Sprecher nicht verraten. Er erklärte lediglich, die BA zahle dafür keine Gesamtsumme, sondern für jede einzelne Transaktion. »Die genauen Kosten dürfen wir aus Gründen des Betriebsdatenschutzes nicht veröffentlichen«, so Weinert. Ferner könnten Leistungsbezieher in Notfällen immer noch einen Verrechnungscheck für die Postbank erhalten, sagte er.
Ähnlich beschwichtigte auch der Sprecher des Jobcenters Börde, Georg Haberland. Seine Behörde habe im vergangenen Jahr bereits am Pilotprojekt teilgenommen. Betroffene hätten dies »ausnahmslos positiv aufgenommen«, so Haberland. Zudem sei dieses Verfahren die Ausnahme, da das Geld in der Regel aufs Konto gehe. Statt einer Liste der teilnehmenden Märkte im ländlichen Bördekreis übersandte er einen Link zu einer Onlinesuchfunktion des Unternehmens. Doch Vorsicht: Dort sind zwei Handelsketten mit enthalten, die zwar Partner von CPS sind, aber keine Jobcenterscheine einlösen.
https://www.jungewelt.de/artikel/348431.stigmatisierendes-system-mittellos-herumgeschickt.html
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