Schweizerinnen bereiten Neuauflage des Frauenstreiks von 1991 vor
Von Johanna Montanari![]()
Am Tag des landesweiten Schweizer Frauenstreiks 1991 auf dem Bundesplatz in Bern
Foto: Edi Engeler/picture alliance/KEYSTONE
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War 1991 das große Jahr für den Feminismus? In der Schweiz schon. Am 14. Juni 1991 legten knapp eine halbe Million Frauen ihre Arbeit nieder und gingen auf die Straße. Die große Zahl war für alle überraschend. Straßen und Plätze wurden in ein lila Meer verwandelt. Nächstes Jahr am 14. Juni soll es in die zweite Runde gehen: In der Schweiz wird wieder zum großen Frauenstreik aufgerufen.
Es ist nicht der erste Versuch, an den Erfolg von 1991 anzuknüpfen. Auch 2011, genau zwei Jahrzehnte danach, wurde zu einem Aktionstag aufgerufen. Doch es konnten lange nicht so viele Menschen wie 1991 mobilisiert werden. 2019 soll das anders werden. Dass das nicht unwahrscheinlich ist, zeigten rund 20.000 Personen, die am 22. September 2018 in Bern für Lohngleichheit auf die Straße gingen.
Der Streik in der Schweiz 1991 inspirierte auch die Frauenbewegung in Deutschland. Nach seinem Vorbild wurde am Weltfrauentag 1994 zu einem »Frauenstreiktag« aufgerufen, an dem sich über eine Million Frauen beteiligten. Der Schweizer Aktionstag von 1991 hatte auch selbst ein berühmtes historisches Vorbild: In Island hatte anlässlich des von der UNO ausgerufenen Internationalen Jahres der Frau 1975 ein als »Frauenruhetag« angekündigter Streik stattgefunden. Am 24. Oktober des Jahres legten dort stolze 90 Prozent der Arbeiterinnen und weiblichen Angestellten die Arbeit nieder. 20.000 Frauen und Mädchen gingen auf die Straße. Für das kleine Land, das zu dieser Zeit gerade mal 220.000 Einwohner zählte, waren das unglaublich viele Menschen.
Der Frauenstreik, an dem sich in Europa bis heute die meisten Menschen beteiligten, fand dieses Jahr am 8. März in Spanien statt. Insgesamt waren es rund sechs Millionen Menschen, zirka 40 Prozent aller spanischen Lohnabhängigen. In 300 Städten gab es Demonstrationen. Der Streikaufruf »Si paramos todas, paramos todo« entsprach sinngemäß dem Schweizer Motto von 1991: »Wenn Frau will, steht alles still!«
Anlass für den Streik von 1991 war der zehn Jahre zuvor in die Bundesverfassung aufgenommene Gleichstellungsartikel. Dessen zögerliche Umsetzung sorgte für Unmut. Die Schweiz ist dafür bekannt, dass die Frauenemanzipation im europäischen Vergleich sehr lange auf sich warten ließ. Erst 1971 führte sie als letztes europäisches Land das Frauenwahlrecht auf Bundesebene ein. Die Kinokomödie »Die göttliche Ordnung« von Petra Volpe, die letztes Jahr in die Kinos kam, verarbeitet diese Geschichte. In ihr kämpft eine Schweizer Hausfrau vom Land für das Stimmrecht. In manchen Kantonen dauerte es sogar noch länger, bis Frauen wählen durften. Ende 1990 zwang das Bundesgericht dann endlich auch den letzten Kanton, Appenzell Innerrhoden, dies zuzulassen. Die Auffassung, dass der Mann das Oberhaupt der Familie sei und die Frau verantwortlich für den Haushalt, war in der Schweiz noch bis 1988 im Eherecht verankert.
Dem legendären Streik von 1991 folgten viele feministische Errungenschaften in den nächsten Jahren. Verbindliche Regelungen zur Umsetzung des Gleichstellungsartikels wurden eingeführt, und sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz wurde verboten. Ikone des Streiks war die Gewerkschafterin Christiane Brunner, damals Präsidentin des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeitnehmer-Verbandes (SMUV). Als die Sozialdemokratische Partei (SP) 1993 nicht sie, sondern einen Mann, Francis Matthey, bei der Bundesratswahl aufstellte, gab es heftige Proteste. Matthey lehnte aufgrund des politischen Drucks die Wahl ab, was als »Brunner-Effekt« in die Geschichte einging. Letztendlich wurde aber nicht Brunner, sondern Ruth Dreifuss in den Bundesrat gewählt, immerhin eine Frau.
Viele Forderungen von 1991 sind bis heute aktuell: Gleicher Lohn für gleiche Arbeit, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ein Ende von Gewalt gegen Frauen. Allerdings sind sich »die Frauen« auch in der Schweiz nicht einig. Weibliche Mitglieder der liberalen Partei, der FDP, halten den Streik laut der Schweizer Tageszeitung NZZ für »nicht zielführend«. Am 1. Dezember wird der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) auf seinem Kongress entscheiden, ob er ihn unterstützt. Es wäre ein wichtiges Signal. Der Frauenkongress des SGB ruft bereits zum Streik auf. Stattfinden wird er so oder so. Komitees zur Vorbereitung haben sich in allen größeren Städten in der Schweiz gebildet.

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