Sonntag, 27. Mai 2018

Frühkapitalistische Sklaverei (Gerd Bedszent)

Bürgerliche Revolutionen gelten in der Geschichtsschreibung allgemein als Aufbruch aus der Finsternis des Mittelalters, als Auflehnung gegen Repression und Intoleranz feudaler Eliten, als Durchsetzung von Liberalismus, Humanität und universellen Menschenrechten. Das ist nicht ganz falsch. Von Schönrednern unserer heutigen Gesellschaft wird aber gern verschwiegen, dass der damalige Aufbruch in die neue Zeit von schrecklichen sozialen Grausamkeiten begleitet wurde. Und diese sind keineswegs irgendwie »passiert«; sie wurden ganz bewusst begangen und von führenden Ideologen des Bürgertums gerechtfertigt.

Rainer Roth, ehemals Professor für Sozialwissenschaft an der Fachhochschule Frankfurt am Main und in diversen sozialen Zusammenhängen aktiv, hat sich eines zwar bekannten, aber weitgehend verdrängten Kapitels der finsteren Frühgeschichte des Kapitalismus angenommen: der Plantagensklaverei sowie der damit verbundenen Verschleppung von Millionen Afrikanern über den Atlantik. Das Ergebnis von Roths Recherchen ist bemerkenswert: eine fast 700 Seiten umfassende Auflistung schauerlicher Massenmorde, die Schilderung unmenschlicher Arbeitsbedingungen und ganz offen praktizierter Folter. Und zahlreiche Zitate, aus denen die Rechtfertigung dieser Praktiken durch Vordenker und Politiker des aufstrebenden Bürgertums eindeutig hervorgeht.

Roth beschreibt mit Sympathie den Widerstand der Verschleppten und gewaltsam in die Maschinerie der Plantagenwirtschaft Hineingepressten. Die Geschichte der modernen Sklaverei war schließlich auch eine Geschichte zahlreicher Fälle von Arbeitsverweigerung, Flucht und bewaffnetem Aufruhr. Ein Abschnitt des Buches schildert die Erhebung der Plantagensklaven in der französischen Kolonie Saint Domingue – der heutigen Republik Haiti. Es war die einzige erfolgreiche Selbstbefreiung einer versklavten Bevölkerungsgruppe. Zahlreiche andere Sklavenaufstände auf karibischen Inseln und dem amerikanischen Festland wurden niedergemordet.

Der Autor beschränkt sich bei seiner historischen Analyse auf Großbritannien, Frankreich und die 1776 unabhängig gewordene USA – und klammert die auch von Portugal, Spanien, den Niederlanden und Dänemark ähnlich brutal betriebene Sklavenwirtschaft aus. Ihm geht es um den Nachweis, dass die bürgerlichen Revolutionen des17. und 18. Jahrhunderts keineswegs eine Aufhebung der barbarischen Plantagensklaverei beabsichtigten, zahlreiche Träger dieser Revolutionen sogar entweder direkt oder indirekt von dieser Sklavenwirtschaft profitierten. Dieser Nachweis ist ihm gelungen.

Roth räumt mit zahlreichen sowohl durch die Literatur als auch durch wissenschaftliche Publikationen geisternden Selbstrechtfertigungen des Bürgertums auf. Zu den Zielen der französischen Revolution von 1789 gehörte nicht die Abschaffung der Sklaverei. Selbst Anhänger der damals aktiven »Gesellschaft der Freunde der Schwarzen« (Amis des Noirs) meinten, Plantagensklaven solle man erst nach einer längeren »Erziehung« in die Freiheit entlassen. Die dann im Februar 1794, also während der Jakobinerdiktatur, beschlossene Abschaffung der Sklaverei resultierte primär aus militärischen Erfordernissen. Die junge Republik brauchte das Bündnis mit den aufständischen Sklavenheeren gegen britische und spanische Truppen – es drohte der Komplettverlust des Kolonialbesitzes an die Konkurrenz. Unter der Militärdiktatur eines Napoleon Bonaparte wurde die Sklaverei umgehend wieder eingeführt. In Haiti scheiterte dies allerdings – unter dem Kommando schwarzer Generäle warfen befreite Sklaven die französischen Armeen aus dem Land. Für gezwungenermaßen anerkannte Wiedergutmachungsforderungen angeblich geschädigter französischer Sklavenhalter musste die Bevölkerung Haitis trotzdem etwa 150 Jahre lang zahlen.

Wie der Autor weiter schreibt, wird auch der US-amerikanische Sezessionskrieg in der ersten Hälfte der 1860er Jahre meist fälschlich als Auseinandersetzung zwischen Befürwortern und Gegnern der Sklaverei dargestellt. Tatsächlich sei der Abspaltungsversuch der sklavenhaltenden Südstaaten (Konföderation) das Resultat wirtschaftlicher Interessenskonflikte zwischen beiden Landesteilen gewesen. Eine Sklavenbefreiung wurde vom industriell aufstrebenden Norden keineswegs angestrebt. Das von Präsident Abraham Lincoln auf dem Höhepunkt des Bürgerkrieges verabschiedete Dekret zur Aufhebung der Sklaverei im Süden resultierte primär aus militärischen Zwängen. Die sofort einsetzende Massenflucht von Sklaven in den Norden schwächte die Wirtschaft der Konföderierten nachhaltig und brachte den Truppen der Union gleichzeitig einen Zustrom an hochmotivierten Freiwilligen. Außerdem verschaffte dieses Dekret dem Norden eine moralische Überlegenheit – die anfangs durchaus mögliche militärische Unterstützung der Sklavenhalter durch europäische Mächte wurde so verhindert.

Und der von der britischen Regierung geführte Kampf gegen die Sklaverei? Wie aus dem Buch hervorgeht, hat es diesen gegeben – allerdings erst sehr spät: 1807 verabschiedete das britische Unterhaus ein Gesetz gegen den Sklavenhandel. 1833 wurde in Großbritannien eine allgemeine Sklavenbefreiung dekretiert – die Besitzer sollten allerdings für ihren »Verlust« entschädigt werden. In mehreren britisch kontrollierten Territorien galt das Gesetz zudem nicht, und die Sklavenwirtschaft hielt sich dort wesentlich länger. Wie Roth schreibt, waren »die Sklavenhalter … mit der Abschaffung der Sklaverei einverstanden, da sich die Plantagenproduktion mit Sklaven überlebt hatte und sie sich dem Druck mächtigerer Interessen beugen mussten«.

Und was waren nun diese stärkeren Mächte? Sie speisten sich aus dem aufsteigenden englischen Industriebürgertum. Wie der Autor zutreffend beschreibt, schickte es sich gerade unter dem Banner des Freihandels an, die Welt mit seinen Produkten zu überschwemmen. Die Plantagensklaverei, der das englische Bürgertum einen Großteil seines Reichtums verdankte, wurde von ihm nun als lästiges Übel, eine Quelle permanenten Ärgers angesehen. Zudem erwies sich das Verbot des Sklavenhandels als geeignete Methode, in noch nicht kolonial unterworfenen Territorien zu expandieren und die auswärtige Konkurrenz zu schädigen. Unter dem Banner des Kampfes gegen Sklaverei stieg das britische Imperium weiter zur Weltmacht auf. Rainer Roth zitiert mehrmals zustimmend Karl Marx, der diese Heuchelei des liberalen Bürgertums häufig glossierte.

Ist all dies lediglich ein Blick in die Vergangenheit, in eine längst überwundene finstere Zeit? Nein, ist es nicht. Auf die ineffizient gewordene Ökonomie des Zwanges, genannt Sklaverei, folgte ein anderer Zwang, genannt Lohnarbeit. Wie der Autor schreibt, wurden »Peitsche, Folter und Verstümmelung … ersetzt durch Existenzunsicherheit, die Angst, die Arbeit zu verlieren, durch niedrige Löhne und prekäre Arbeitsverhältnisse«. Die detaillierte Schilderung der Durchsetzung eben dieser Lohnarbeit samt der damit verbundenen sozialen Grausamkeiten wäre allerdings Thema eines anderen Buches.


Rainer Roth: »Sklaverei als Menschenrecht. Über die bürgerlichen Revolutionen in England, den USA und Frankreich«, 2. Auflage, Digitaler Vervielfältigungs- und VerlagsService, 698 Seiten, 15 €

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