Sonntag, 21. Juni 2015

Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirklich Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes. (Marx)

Kritik der Religion Von N.N. (e-mail an die Redaktion) 1 Ursprung der Religionen Menschen sind diejenigen Naturerscheinungen, die wir beeinflussen können, indem wir mit ihnen sprechen. Daraus erklärt sich das Bedürfnis, andere Naturerscheinungen zu vermenschlichen, um sie beeinflussen zu können. Das ist der grundlegende Anthropomorphismus religiöser Vorstellungen. Mit Anbetung und Opfer versuchen wir zu unserem Nutzen und Frommen zu erreichen, dass Naturerscheinungen etwas tun, was uns nützt, oder etwas zu unterlassen, was uns schadet. In menschlichen Gemeinschaften vor der neolithischen Revolution, bevor es Ackerbau, Viehzucht und Klassengesellschaften gab (also in etwa vor 10.000 Jahren) waren Prekarität der Existenz, unmittelbares Ausgeliefertsein an Naturgewalten, Angst vor dem Mangel an Lebensmitteln Ursache für ein tiefes Abhängigkeitsgefühl. Mit dem landwirtschaftlichen Anbau von Lebensmitteln verschwindet die zugehörige Angst nicht, die Menschen blieben abhängig insbesondere vom Regen. Marx und Engels statuierten kategorisch: „Man kann die Menschen durch das Bewusstsein, durch die Religion, durch was man sonst will, von den Tieren unterscheiden. Sie selbst fangen an, sich von den Tieren zu unterscheiden, sobald sie anfangen, ihre Lebensmittel zu produzieren … “ (MEW 3,21) Das gelingt aber nicht immer in ausreichendem Maße, ebenso wenig wie es immer gelingt, tödlichen Gefahren durch entsprechende Maßnahmen zu entrinnen. In Anlehnung an das Marx/Engels-Zitat aus der „Deutschen Ideologie“ habe ich geschrieben: „Dagegen mobilisieren Menschen eine andere Produktivkraft als jene, die unmittelbar der Produktion von Lebensmitteln dient. Man kann sie Phantasie, Begeisterungsfähigkeit, Überschießen der Wünsche über die Wirklichkeit hinaus oder wie ,man sonst will‘ nennen, landläufig wird sie Religiosität genannt.“ (S.9)* Mit entsprechenden Verhaltensweisen und Ritualen beseelen Menschen einander und in ihrer Phantasie auch ihre Umgebung und die Naturkräfte, um sie im Sinne der eigenen Bedürfnisse zu beeinflussen. Ob das im Einzelfall gelingt oder nicht – es wird selbst zu einem Bedürfnis, das in der Gemeinschaft befriedigt werden will. Zeitgenössische religiöse Bekenntnisse deuten die früheren Formen der Religion als menschliche Selbsttäuschungen. Die einzig wahre Religion kam später – durch Einsicht, Eingebung oder Offenbarung. Die Frage ist natürlich, ob diese späteren Religionen nicht ebenso Selbsttäuschungen sind. In jedem Falle stehen menschliche Wünsche und Bedürfnisse Pate bei den Religionen. Sie haben einen Sinn – einen menschlichen Sinn. In frühen menschlichen Gemeinschaften dürfte es den Einzelnen kaum möglich gewesen sein, sich der gegebenen spezifischen religiösen Befangenheit zu entziehen. Für diese Menschen gab es nur ihre einzige, beseelte und magisch aufgeladene Welt. Religiöse Handlungen und Frömmigkeit verweisen immer auf bestimmte Probleme der betreffenden menschlichen Gesellschaften – so Opfer an vermenschlichte oder vergöttlichte Naturkräfte auf Brüche mit der Natur, zum Beispiel Raubbau am jagdbaren Wild, Hilflosigkeit gegenüber Natur- und Klimakatastrophen, Erschöpfung des bebaubaren Bodens. Die rituelle Verschleuderung von Überschüssen Einzelner verweisen auf ein gesellschaftliches Problem, nämlich auf das Unbehagen gegenüber dem Aufkommen gesellschaftlicher Ungleichheit. 2 Abhängigkeit der Götter von den Menschen Der Himmel – oder der entrückte Olymp – der antiken Griechen und Römer war von mythischen Gottheiten bevölkert. Diese Götter sind eindeutig anthropomorph, aber sie stehen weit über uns, sind viel größer, stärker, schöner, weiser als wir. Im Vergleich mit ihnen sind wir außerordentlich klein, schwach, hässlich und dumm. Und doch sind wir ihnen offenbar nicht gleichgültig. Sie greifen in die menschlichen Schicksale ein. Kaiser Marc Anton sagte: „Wenn die Götter sich um niemand bekümmern, eigentlich sich beraten, Beschluss fassen, so wollen wir weder opfern, noch beten, noch schwören, noch sonstwas tun, dass die Götter uns gegenwärtig sind und mit uns leben.“ Demnach sind die Götter von uns abhängig, sind wir für sie bedeutend, von Belang, denn sonst wären sie nicht unsere Götter, nicht anbetungswürdig. Die philosophische oder theologische Behauptung hingegen, es müsse doch höhere Wesen oder ein höchstes Wesen geben, das die Welt und uns geschaffen hat, ist ohne Belang. Gottheiten sind nur von Belang, wenn ich hohe Bedeutung für sie habe und sie daher zu meinen Gunsten – oder zugunsten meiner Gemeinschaft – beeinflussen kann. Das gilt auch für den jüdisch-christlichen Gott. Darum heißt es in Moses 28, Vers 20: „Wenn Elohim, d.i. Gott, mit mir sein und mich behüten und bewahren wird auf dem Wege, den ich reise, und gibt mir Brot zu essen und Kleider anzuziehen, und ich kehre zurück mit Frieden in das Vaterhaus, so ist Jehova mein Gott.“ Daraus folgt: Nur, wer Menschen beglücken kann und auch dazu bereit ist, ist ihr Gott. Auch der jüdisch-christliche Gott der Bibel ist alles andere als anthropomorphismenfrei, und bei ihm findet sich – um mit Nietzsche zu sprechen – sehr viel Menschliches, allzu Menschliches, Zorn, Eifersucht, Prahlsucht. Man höre nur, wie er sich vor Hiob brüstet: „Gürte wie ein Mann deine Lenden! Ich will dich fragen; lehre mich. Willst du mein Urteil zunichte machen und mich schuldig sprechen, dass du Recht behältst? Hast du einen Arm wie Gott und kannst du mit gleicher Stimme donnern wie er? Schmücke dich mit Pracht und Hoheit; zieh Majestät und Herrlichkeit an! Streu aus den Zorn deines Grimmes; schau an alle Hochmütigen und demütige sie! Ja, schau alle Hochmütigen an und beuge sie und zertritt die Gottlosen in Grund und Boden! Verscharre sie miteinander in der Erde, und versenke sie ins Verborgene, so will auch ich dich preisen, dass dir deine rechte Hand helfen kann.“ (Hiob 40, 7-14) 3 Wie erklärt sich der Monotheismus? Erklärt sich das Aufkommen des Monotheismus durch die Entwicklung des Bewusstseins, dass die vielfältigen Naturerscheinungen nur Ausprägungen einer einzigen Natur sind, von der sich die Menschen insgesamt – und zu Recht! – abhängig fühlen, und die sie vergöttlichen, um sie zu beeinflussen? Das mag so sein. Die Anbetung partikularer Naturgewalten ist durch jede Horizonterweiterung gefährdet. Der bestimmte Fetisch kann zerstört werden, ohne dass etwas passiert. Das bestimmte neue Werkzeug kann eine Nahrungsquelle sicher erschließen, um deren Erhalt man bisher immer bangen musste. Die Naturgewalt insgesamt kann von den Menschen niemals restlos bemeistert werden. Im Gegenteil. Das wissen gerade wir heute nur zu gut. Gerade deshalb bleibt sie Gegenstand der Furcht und der Beschwörung. Es gibt aber einen anderen Gesichtspunkt. Der Gott der monotheistischen Religionen ist vor allem ein politischer Gott, Gott eines Volkes, Gott einer Nation. Indem die menschlichen Gemeinschaften soziale Ungleichheit und Klassen ausbilden, schaffen sie auch Staaten, die als zweite übermenschliche Macht über Menschen neben die Natur treten. Gott wird zur personifizierten Gerichtsbarkeit der menschlichen Gesellschaft und hat auch als solcher Macht über Leben und Tod der Menschen. „Der eine Gott, dem alles untertan ist, entspricht einer Wirklichkeit, in der der Mensch gewissermaßen von sich selbst überwältigt ist. Der Mensch muss sich selbst nicht nur das höchste Wesen sein, wie Feuerbach meinte, er muss sich selbst auch ein unheimliches Wesen geworden sein, um seine Vorstellung von höchsten Wesen in einem Jahwe oder Allah zu verkörpern.“ (S. 25) 4 Religiöser Pluralismus Die Vielheit der Religionen ist der Keim aller Religionskritik. Mit der Zunahme des Verkehrs von Menschen verschiedener Kulturkreise nimmt das Bewusstsein zu, dass es viele „einzige“ religiöse Wahrheiten gibt. Das fördert den Zweifel, denn es liegt nahe: Wäre ich woanders geboren oder mit anderen Menschen aufgewachsen, würde ich wohl etwas anderes glauben. Ein Vorzug des Feuerbachschen religionskritischen Ansatzes ist, dass er das sagt, was auch alle Religiösen und alle Theologen sagen: Die religiösen Vorstellungen sind alle Menschenwerk, bloß meine eigenen nicht. Feuerbach verzichtet nur darauf, eine Religion von dieser Diagnose auszunehmen. 5 Verstand und Glaube Eingebung und Offenbarung, heilige Schriften, kanonisierte Wahrheiten prägen den Inhalt der großen so genannten Weltreligionen. Ihre Unterschiede treten besonders deutlich hervor in ihren gelehrten und esoterischen Formen (obwohl ihre mystischen Formen einander wieder recht ähnlich sind), während sie einander als Volksreligionen, als massenhaft praktizierte Religionen, in ihren esoterischen Formen also, sehr ähneln. Die Vorformen der vernunftbestimmten aufklärerischen Religionskritik haben sich im religiösen Denken selbst entwickelt. In der Frühscholastik meldet sich der Verstand zu Wort, und somit war sie eine Vorform der Aufklärung. Durch Aneignung eines Teils der arabischen Gelehrsamkeit rezipierten die christlichen Gelehrten (Mönche und „Kleriker“, wie man damals sagte) wichtige Teile der antiken Philosophie. Im 12. Jahrhundert stellte der 1109 geborene Anselm von Canterbury sein stolzes „Credo, ut intellegam“ („Ich glaube, damit ich verstehe“) gegen das apologetische Motto „Credo, quia absurdum“ („Ich glaube [eben] weil es widersinnig ist.“) Auch für Anselm blieb die Wahrheit als Glaubensinhalt offenbart, aber nicht in Widerspruch zu den Einsichten des menschlichen Verstands. Der brillanteste und bekannteste der Frühscholastiker des 12. Jahrhunderts war Petrus Abelardus (Pierre Abélard), der in Paris als Kleriker lehrte, viel Zulauf hatte und in scharfen Konflikt mit den konservativen Strömungen der Theologie seiner Zeit geriet. Sein Hauptwerk trägt den bezeichnenden Titel „Sic et non“ („Ja und Nein“). Die Aussagen der Bibel und der Kirchenväter (auctoritates) galten als unanfechtbar. Peter Abelard stellte das nicht direkt in Frage, er stellte aber Aussagen dieser Autoritäten zu wichtigen Fragen nebeneinander und zeigte, dass sie einander widersprachen. In solchen Fällen, so lehrte er, müssen wir mithilfe unseres gottgegebenen Verstandes selbst urteilen, was richtig und was falsch ist. Denn da Gott selbst es war, der uns diesen Verstand gegeben hat, muss er auch dafür sein, dass wir uns dieses Verstandes bedienen – und dessen wichtigste Fähigkeit ist zu urteilen, das Richtige von Falschen zu scheiden. Die ausgereifte Hochscholastik (Thomas von Aquin war deren berühmtester Vertreter) brachte im 13. Jahrhundert die systematische Vollendung dieser kritischen Arbeit hervor, aber auch ihre Erstarrung. An die Stelle des kühnen Suchens trat ein Lehrgebäude mit universalem Anspruch. „Scholastik“ ist heute auch eine Invektive geworden und meint das Nachbeten überlieferter Weisheiten kombiniert mit feinsten Unterscheidungen bis hin zu Spitzfindigkeiten im selbstgenügsamen Medium des Begriffs. Gleichwohl schärft sich der Verstand auch an solchen Problemstellungen, die uns heute als ziemlich weit hergeholt erscheinen. Übrigens ist zu viel Überheblichkeit gegenüber den Denkern von damals nicht angebracht. Ihr so genannter „Universalienstreit“ zwischen Begriffsrealismus (Essentialismus) und Nominalismus ist im Grunde bis heute nicht endgültig geklärt. Für die Begriffsrealisten kam den Begriffen selbst Wahrheit zu, da sie das Wesen der Erscheinungen ausdrücken, also die eigentliche Wirklichkeit, der gegenüber die einzelnen Erscheinungen nur „Akzidenzien“ sind. Das wurde auch für die so genannten Gottesbeweise der Scholastik benutzt, zum Beispiel so: Da wir den Begriff von Gott als dem höchsten Wesen haben, muss es diesen Gott auch geben. Für die Nominalisten hingegen waren die Begriffe wie Etiketten, die den Erscheinungen von den Menschen aufgeblebt werden. Es gibt demnach keine innere Beziehung zwischen dem Wort und der mit dem Wort bezeichneten Erscheinung. Schon im 11. Jahrhundert vertrat der 1092 von einer Synode verurteile Roscellinus von Compiègne gestützt auf den Nominalismus, Gott, Vater und Sohn bildeten keine Dreieinigkeit, sondern nur eine Dreiheit göttlicher Wesen. Es liegt auf der Hand, dass uns heute der Nominalismus moderner und zutreffender vorkommt als der Begriffsrealismus. Aber so einfach liegen die Dinge nicht. In Wirklichkeit gibt es menschliche Erkenntnis immer nur in einer Weise, die bereits durch Begriffe vermittelt ist. Manche mögen meinen, modernere philosophische Diskussionen hätten dieses Problem restlos geklärt. Nach meinem Gefühl ist das keineswegs so. In den folgenden Jahrhunderten eroberte der Verstand neues Terrain, und zwar auf zwei verschiedenen Gebieten. Der 1561 geborene Francis Bacon war der Meinung, dass Gott und mithin die christlichen Glaubensinhalte und die sie vertretenden kirchlichen Instanzen darüber entscheiden, was wir zu tun und zu lassen und wie wir uns zu benehmen haben. Das war für ihn durch Offenbarung und Glauben geklärt, und daran wollte er auch nicht kratzen. Andererseits gehörte es zu der von ihm entwickelten kritischen Idolenlehre, sich nicht durch Überlieferungen davon abhalten zu lassen, vorurteilsfrei zu beobachten und zu untersuchen, was sich an natürlichen Prozessen abspielt. Auch wenn in der Bibel steht, dass die Sonne sich um die Erde dreht, wenn wir feststellen, dass sich die Erde um die Sonne dreht, dann vertreten wir das auch. Für die Erkenntnis der Natur erklärte Bacon den menschlichen Verstand zur höchsten Instanz. Marx nannte ihn den Stammvater der modernen Naturwissenschaften. Andere Aufklärer wie Pierre Bayle (1647-1706) und Giambattista Vico (1668-1744) waren der entgegengesetzten Meinung. Da Gott die Natur geschaffen hat, dürfte es Menschen nicht möglich sein, sie wirklich und vollständig zu erkennen. Die menschliche Ideengeschichte und die Geschichte der Menschen und ihrer Gesellschaften überhaupt sind aber Menschenwerk und daher von Menschen erkennbar. Damit machten Bayle und Vico dem Verstand ein anderes Terrain frei und können als Stammväter der kritischen Beschäftigung mit den menschlichen Ideen und der menschlichen Gesellschaft betrachtet werden. Sie gehören zu dem Zweig der Aufklärung, dessen Ansätze unter anderem zu Feuerbach und zu Marx und Engels führten. 6 Argumentationsfiguren der Aufklärung Es gab verschiedene Argumentationsfiguren der religionskritischen Aufklärung, die ihre Berechtigung, aber auch ihre Mängel hatten. Am einfachsten und den ersten kritischen Fragen religiös erzogener Kinder verwandtesten sind die Argumentationsfiguren der moralischen Religionskritik und die Verweise auf die Absurdität bestimmter Glaubensinhalte. So fragte ich meinen Religionslehrer, einen älteren gütigen Jesuitenpater, wie das Leid und das Böse in die Welt kommen konnten, wenn doch Gott zugleich allwissend, allmächtig und allgütig sein soll? Er antwortete darauf, Gott könne auch „auf krummen Zeilen gerade schreiben“. Das war nicht so überzeugend, doch wird die theologisch-jesuitische Apologetik durch solche bohrenden Fragen trotzdem keineswegs in Verlegenheit gebracht. Ihre entscheidende Antwort ist die „Freiheit“. In der Tat, wollte Gott Menschen schaffen und nicht seelenlose Marionetten, dann musste er ihnen die Wahlfreiheit lassen, sich für das Gute oder für das Böse zu entscheiden. Und so ist das Böse in die Welt gekommen. Analog, wollte Gott eine Welt des Lebendigen schaffen und nicht eine fühllose Automatenwelt, so kam er nicht darum herum, durch Reize affizierbare Wesen zu schaffen, die also Schmerz und Lust, Leid und Glück empfinden können. Auch der Verweis auf die Absurdität von Glaubensinhalten hat seine Berechtigung. Welt und Mensch als erschaffen (die Welt als Artefakt widerspricht der geziemenden Wertschätzung der Erde, Machwerk sein zu sollen widerspricht der Menschenwürde), der in menschliche Schicksale eingreifende Gott, die jungfräuliche Geburt, die Gottessohnschaft, die Auferstehung, das Verzehren der Gottheit als Hostie, überhaupt die ganzen Wunder, wie absurd das alles ist! Doch sind die Glaubensinhalte nicht erklärt, ihr Sinn, ihre „innere Wahrheit“ nicht erfasst, bloß dadurch, dass man sich über sie lustig macht. François Marie Arouet, besser bekannt unter seinem literarischen Pseudonym Voltaire, meinte: „Wenn es Gott nicht geben würde, müsste man ihn erfinden!“ Auch Voltaire war Religionskritiker, aber trotzdem kein Gegner der Religion. So hat auch Thomas Hobbes (dessen Hauptwerk „Der Leviathan“ 1651 erschien) nicht an die Glaubensinhalte der christlichen Religion (oder überhaupt einer Religion) geglaubt, aber doch die Religion für nützlich und notwendig erklärt – im Interesse der Herrschenden. Denn die Religion erspart es, die arbeitenden Massen durch unmittelbare Gewalt in Schach zu halten, hält sie ruhig und bereit zur Unterwerfung. Diese „funktionale“ Religionskritik „freier Geister“ (Nietzsche) im Dienst der Herrschenden geht mit demselben Gestus des Durchschauens und Entlarvens einher wie die Kritik der anderen Aufklärer. „Sie machen sich keine Illusionen, decken Irrtümer auf, setzen gegen Vorurteile ihr Verstandesurteil und die wirklichen Zusammenhänge. Noch die Argumente, mit denen sie die Religion verteidigen, würden der Religion schlecht bekommen, wenn sie Allgemeingut würden. Sie gehen von einer Teilung der Gesellschaft aus. Nur ein kleiner privilegierter Teil der Gesellschaft ist reif für die höheren Einsichten, der Rest muss unmündig gehalten werden.“ (S. 76) Die Tugend solcher Aufklärer ist amoralischer Natur, sie ist Tugend im Renaissance-Stil, virtù, Tüchtigkeit im Sinne der Schrift „Il Principe“ von Macchiavelli, wo der „gute“ Fürst nur derjenige ist, der sich durchsetzt. Das ist der Verstand im Dienste der Höheren, der Herrenmenschen, die dezisionistische „moralinfreie“ Haltung „Jenseits von Gut und Böse“ von Sorel, Pareto, Nietzsche… Ganz umgekehrt trotz ganz ähnlicher Diagnose greift die Priestertrugstheorie die Herrschenden an und die Pfaffen, die sich um des eigenen Vorteils willen in deren Dienst stellen. Die religiösen Inhalte werden zu ebenso vielen Betrugsmanövern erklärt – auch hier haben wir wieder die Teilung der Gesellschaft in Betrüger und Betrogene, Leithammel und Gelackmeierte. Auch das hat alles seine Berechtigung, und wir hatten ja hier in Deutschland mit dem leider kürzlich verstorbenen Karlheinz Deschner sozusagen die Pfaffenfresserei auf höchstem Niveau und wollen sie auch nicht missen, alleine schon wegen des hohen Informationsgehalts und zugleich Unterhaltungswerts von Deschners Büchern. Allerdings ist das nicht Religionskritik im engeren Sinne des Wortes, sondern eben Kirchenkritik, Kritik an den Betrügereien, Machenschaften und Verbrechen der hohen Würdenträger der christlichen Kirchen und ihrer skrupellosen Erfüllungsgehilfen. Diese Art von Kritik hat oft zu Erneuerungsbewegungen geführt, die nicht gegen die Religion gerichtet waren, sondern wieder zurück wollten zu unverfälschter Religion und ursprünglicher selbstgewisser und moralisch einwandfreier Art und Weise, die Religiosität auszuleben. Die der Priestertrugstheorie zugrunde liegende Teilung der Gesellschaft in Betrogene und Betrüger ist eine zu einfache und nicht wirklich zutreffende Vorstellung. Wenn das nämlich so wäre, dann wäre Revolution in der Tat einfach. Wir müssten nur wie in dem guten alten Sciencefiction-Film auf die Straße laufen und schreien „Soiled Green ist Menschenfleisch!“, und das ganze auf Betrug beruhende System würde umgehend zusammenkrachen. In Wirklichkeit stellt, so sehr es auch Betrug und Betrüger, Zyniker und Empörte gibt, die religiöse Befangenheit einen gefühlsmäßig verankerten Bewusstseinstand dar, der sich nicht in entlarvte Betrugsmanöver auflösen lässt. Der Streit um die Wahrheit oder Unwahrheit religiöser Dogmen wie der Existenz Gottes usw. führt zu wenig, vor allem, wenn sie sich auf den Fortschritt naturwissenschaftlicher Erkenntnisse zu stützen sucht. Auch dieser Streit hat natürlich seine Berechtigung, vor allem, wenn es um das demokratische Ziel der Trennung von Kirche und Staat geht, um die Zurückweisung der Zumutung, religiöse Dogmen in den Schulen in Konkurrenz zu naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zu lehren. Doch findet Gott immer neue Verstecke und Schlupfwinkel im Unerkannten, wenn nicht in der Höhe, dann in der Tiefe, wenn nicht im Himmel, dann in unfasslichen Weiten und im unfasslich Kleinen. Der genannte Streit verfehlt das Ziel, die religiösen Inhalte zu verstehen und zu erklären. Ein weiterer Art von Irrweg sind die verweltlichten Verstandesformen der Religion. Die dürre Abstraktion des Hegelschen Weltgeistes konnte nicht massenwirksam werden. Der in der französischen Revolution geschaffene „Kult des höchsten Wesens“ konnte sich nicht lange halten. Massenhaft geglaubte religiöse Inhalte und massenhaft praktizierte Religiosität bedürfen sinnlicher Fassbarkeit und bildhafter Konkretion. Ein Gott ohne Eigenschaften und ohne Geschichte seiner Beziehung zu den Menschen ist kein Gott für Menschen. 7 Feuerbachs „Kopernikanische Wende“ Das „Homo homini deus“ Feuerbachs – mit Betonung auf dem ersten Wort, der Mensch ist des Menschen Gott – war insofern die „kopernikanische Wende“ der Religionskritik, als es an die Stelle des äußerlichen Ablehnens und Verwerfens der religiösen Inhalte deren einfühlendes Verstehen und restloses Erklären setzte. Feuerbach entzifferte die religiösen Inhalte als Projektionen des menschlichen Wesens, als indirekte und unbewusste Selbstverherrlichung der Menschen, als Ausdruck ihrer innigsten Wünsche und tiefsten Bedürfnisse. Feuerbach lässt die Inhalte gerade des christlichen Glaubens Revue passieren und arbeitet deren menschliche Bedeutungen jeweils heraus. Schon die dürrsten Attribute Gottes, seine Existenz und seine Vollkommenheit, sind menschliche Projektionen. Vollkommenheit können sie sich nicht als ein Nichtexistierendes vorstellen, da sie sich selbst nur als existierend vorstellen können, und Gottes moralische Vollkommenheit ist nach den moralischen Maßstäben der Menschen gestrickt. Der nur existierende und vollkommene Gott genügt den sich ihrer Unvollkommenheiten bewussten Menschen nicht, er ist ihnen zu kühl und zu fern. Die Projektion muss näher an den Menschen herangeholt werden. Daher rührt Gottes Liebe zu den Menschen, diese ihrer selbst nicht bewusste Eigenliebe der Menschen. In ihrer Zuspitzung wird die Liebe Gottes zu den Menschen der Gottes- und Menschensohn, der sich für die Menschen aufopfert. Zu dem Herausarbeiten des allgemein menschlichen zu Bewusstsein zu bringenden und bewahrenswerten Gehalts der Glaubensinhalte kommt die Kritik an der Einengung und von der menschlichen Selbstentfaltung wegführenden partikularen religiösen Form ihrer Äußerung. So feiern die Menschen zu Recht das ihnen so nötige Brot und seine gemeinsame Einnahme als konstitutiv für ihre Leiblichkeit und für ihr Wohlbefinden, engen diese menschliche Wahrheit aber zu Unrecht auf das nur scheinbare gemeinschaftliche Mahl des christlichen Abendmahls ein. So feiern die Menschen zu Recht die reinigende und damit auch sittliche Heilkraft des Wassers – mit der christlichen Taufe aber, so merkt Feuerbach ironisch an, schaffen sie die schädliche Illusion, diese reinigende Kraft des Wassers erschließe sich durch einmaligen Gebrauch… Nach dem Tode, im Jenseits, fängt das wirkliche Leben für die wahren Gläubigen erst an. Je konsequenter sie in ihrem Glauben sind, desto weltflüchtiger und lebensabgewandter müssen sie daher sein. Im Jenseits sind die Menschen alle gleich, also braucht der tiefgläubige Christ keine politische Aktivität für die Gleichheit im Diesseits, er hat schon seine „Republik im Himmel“. Feuerbach zeigt die überragende Bedeutung der Mittlerwesen zwischen Gott und Menschen auf. Das Mittlerwesen ist entscheidend, und somit ist Jesus Christus als Gottmensch der eigentliche Gott der Christen. In ihm kommt der verborgene menschliche Sinn der Religion sinnfällig zum Ausdruck. Gerade der Katholizismus mit seiner Gottesmutter, mit seinen Sendboten aus der Schar der Engel und mit seinen Legionen von Heiligen kennt sehr viele Mittlerwesen – es gibt sie, weil es einfacher ist, sich mit recht profanen persönlichen Wünschen an den dem Kinde doch näher stehenden heiligen Nikolaus zu wenden als direkt an Gott oder den gestrengen Gottvater. Der entscheidende Inhalt der Religion, den Feuerbach aufbewahrt wissen möchte, liegt im Gebet. So sagt er in seinem „Wesen des Christentums“: „Die positive, wahre Bedeutung und Lehre der Religion ist: Mensch, gehe in dich! Sei bei dir und in dir selbst zu Haus! Sammle dich: Bete! Beten heißt sich sammeln, dem zerstreuenden Dialog des Lebens in den ernsten Monolog der Selbstbesinnung übersetzen. Hierin stimmt die Philosophie mit der Religion überein; hierin, und nur hierin allein, liegt die sittliche Heilkraft und die theoretische Wahrheit der Religion.“ (zitiert S. 142) Feuerbach sieht das Gebet, den vorgestellten Dialog eines Menschen mit Gott, als Dialog des Menschen mit seinem eigenen Gemüt. Nur in dieser Weise können Menschen ihren wahren Wünschen nachspüren und erkennen, wie sie in Wirklichkeit leben wollen. Dafür ist es von Vorteil, sich dessen bewusst zu sein, an wen man sich im Gebet in Wirklichkeit wendet … Feuerbach brachte sich früh mit seinen kritischen „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit“ um seine akademische Karriere. Die Vorstellung von einem ewigen Leben erschien ihm skurril. Leben sei Qualität und damit notwendig begrenzt. Ewiges Leben könne nur qualitätslos und darum ewige Langeweile sein. Die Menschen wünschen sich ein langes Leben möglichst ohne Krankheiten und Beschwerden. Nicht umsonst erscheinen die unsterblichen Götter in Gestalten von Schönheit, Kraft und Jugend. Das verweist auch darauf, dass der Wunsch nach einem ewigen Leben nicht universal ist. Im Buddhismus ist es geradezu umgekehrt, in ihm wird der Ausbruch aus dem Rad der Wiedergeburten angestrebt. Das Eingehen ins Weltganze ist das Ziel – endlich ohne Wunsch und Begehren, ohne Lust und Leid, ohne allen Zwiespalt zu sein. Das erreichen wir freilich alle ohne weitere Mühe, in der Regel eher früher, als uns recht ist. Gleichwohl halte ich den „horror vacui“, den Schrecken davor, nicht mehr zu sein, nicht wirklich für eine Quelle der Religionen und die Bestattungskulte eher für einen Ausdruck des Verlustes und eine Auflehnung gegen den Verlust geliebter oder geachteter Mitmenschen. Schon Feuerbach wies darauf hin, dass sich niemand darüber beklagt, vor der eigenen Geburt nicht da gewesen zu sein. Formen der Bewusstlosigkeit kennen wir aus unserem eigenen Leben, und sei es nur im Tiefschlaf… 8 Kritik der gesellschaftlichen Wirklichkeit und der Neurosen In seinen „Thesen zu Feuerbach“ fragt Karl Marx, woher eigentlich das Bedürfnis der Menschen nach einer zweiten überirdischen Welt kommt: „Feuerbach geht von dem Faktum der religiösen Selbstentfremdung, der Verdoppelung der Welt in eine religiöse und in eine weltliche aus. Seine Arbeit besteht darin, die religiöse Welt in ihre weltliche Grundlage aufzulösen. Aber dass die weltliche Grundlage sich von sich selbst abhebt und sich ein selbständiges Reich in den Wolken fixiert, ist nur aus der Selbstzerrissenheit und dem Sichselbstwidersprechen dieser weltlichen Grundlage zu erklären. Diese selbst muss also in sich selbst sowohl in ihrem Widerspruch verstanden als praktisch revolutioniert werden. Also nachdem z.B. die irdische Familie als das Geheimnis der heiligen Familie entdeckt ist, muss nun erstere selbst theoretisch und praktisch vernichtet werden.“ (MEW Bd. 3, S. 6) Die Rücknahme der religiösen Projektion als Ergebnis der verstandesmäßigen Einsicht einzelner Menschen genügt Marx nicht. In der Gesellschaft insgesamt gelingt sie nur im Rahmen einer revolutionären Praxis, die die Entfremdung der Menschen vom menschlichen Wesen und seinen Potenzialen aufhebt und dadurch dem religiösen Bedürfnis seine Grundlage entzieht. So schreibt er in seiner „Einleitung zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie: „Das Fundament der irreligiösen Kritik ist: Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen. Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes, außerhalb der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät produzieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind. Die Religion ist die allgemeine Theorie dieser Welt, ihr enzyklopädisches Kompendium, ihre Logik in populärer Form, ihr spiritualistischer Point d’honneur, ihr Enthusiasmus, ihre feierliche Ergänzung, ihr allgemeiner Trost- und Rechtfertigungsgrund. Sie ist die phantastische Verwirklichung des menschlichen Wesens, weil das menschliche Wesen keine wahre Wirklichkeit besitzt. Der Kampf gegen die Religion ist also mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist.“ (MEW Bd. 1, S. 378) Für Marx geht es nicht einfach um die Ablehnung der Religion, sondern sehr viel mehr um die Ablehnung der Zustände, die der Religion bedürfen: „Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elendes und in einem die Protestation gegen das wirklich Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes.“ ((A.a.O.) Ein solches Herangehen an die Religion passt nicht gut zum antireligiösen Eifer und schon gar nicht zur Verfolgung religiöser Menschen. Wie Feuerbach sahen auch Marx und Engels sich nicht als „Atheisten“; alle drei hielten den Gegensatz von Theismus und Atheismus schon im 19. Jahrhundert für eine überholte Fragestellung vergangener Jahrhunderte. Menschen, denen die Verhältnisse, in denen sie leben, nicht die Möglichkeit einräumt, von ihrem Leben, von ihrer Tätigkeit und von ihren Zielen in diesem Leben begeistert zu sein, würden nur dumpf vor sich hin vegetieren, wenn sie nicht Ersatz und Ablenkung in Illusionen und anderen Betäubungsmitteln suchen würden. Es wäre unmenschlich, ihnen das ersatzlos wegnehmen zu wollen: „Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über einen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf. Die Kritik der Religion ist also im Keim die Kritik des Jammertales, dessen Heiligenschein die Religion ist. Die Kritik hat die imaginären Blumen an der Kette zerpflückt, nicht damit der Mensch die phantasielose, trostlose Kette trage, sondern damit er die Kette abwerfe und die lebendige Blume breche. Die Kritik der Religion enttäuscht den Menschen, damit er denke, handle, seine Wirklichkeit gestalte wie ein enttäuschter, zu Verstand gekommener Mensch, damit er sich um sich selbst und damit um seine wirkliche Sonne bewege. … Die Kritik des Himmels verwandelt sich damit in die Kritik der Erde, die Kritik der Religion in die Kritik des Rechts, die Kritik der Theologie in die Kritik der Politik.“ (MEW Bd. 1, S. 379) In Kapital Band 1 (MEW 23), im Kapitel über den Waren- und Geldfetischismus, tauchen die kritischen Denkmuster Feuerbachs bei Marx wieder auf. Die Waren, das Geld als die Erzware und die von den Handlungen der Menschen hervorgerufenen sachlichen Realitäten des Marktes treten dort als die eigentlichen Akteure auf und die Menschen als Objekte, als Opfer der Sachen, die sie selbst gemacht haben. Das ähnelt der Verdoppelung der Welt durch die religiösen Projektionen und macht die Menschen zu Dienern einer neuen Art von Gottheit, die aus ihrem eigenen Handeln entstanden sind. So entsteht eine Art zweiter Natur, von der die Menschen und ihre Geschicke abhängig sind. Ihre bewusst durchgeführten Einzelhandlungen schaffen ein Gesamtergebnis, das sie nicht kontrollieren und dem sie ausgeliefert sind. Nur handelt es sich hier nicht um Projektionen bloß in den Köpfen, sondern um Realabstraktionen, die nur aufgehoben werden können, indem die Menschen die gesellschaftliche Produktion unter ihre gemeinsame bewusste Kontrolle nehmen. Sigmund Freund hat auf seine Weise die kritischen Denkmuster von Feuerbach aufgegriffen und Gottvater als Projektion des Familienvaters der patriarchalischen Familie entziffert. Die Neurosen verstand er als eine Art von Privatreligionen, die die Menschen unter den Schlägen des Wiederholungszwangs produzieren, weil sie die seelischen Folgen der unbewältigten Konflikte ihrer Lebensgeschichte nicht bewusst bearbeitet haben. Die psychoanalytische Therapie als mithilfe der Übertragungsliebe emotional wirksame Selbstreflexion soll ihnen helfen, von unbewussten zu bewussten Tätern ihrer Taten und freier dafür zu werden, ihr Leben im Rahmen des Möglichen nach den eigenen Wünschen zu gestalten. 9 Worauf es ankommt Noch in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts mochte es manchen so scheinen, als sei die Frage der Religion nach so viel Aufklärung, Säkularisierung und Fortschritt wissenschaftlicher Erkenntnisse mehr oder weniger erledigt. Heute nimmt der Einfluss der großen christlichen Kirchen zwar ab, aber niemand würde behaupten, die Religiosität nehme ab. Sie nimmt vielmehr zu, gerade in ihren sektiererischen, fundamentalistischen, fanatischen und gewalttätigen Formen. Die entsprechenden Erscheinungen treten bei Strömungen aller großen sogenannten Weltreligionen auf, in Christentum, Islam, Judentum, Hinduismus und Buddhismus. Das korrespondiert mit der Zersetzung der Hoffnungen auf die weltlichen Formen der Selbstbefreiung aus Elend, Ausbeutung und Unterdrückung, seien sie verbunden gewesen mit Befreiungsnationalismen in armen und abhängigen Ländern oder sozialistischen und kommunistischen Strömungen weltweit. Je verzweifelter die Lage im Jammertal, desto stärker das Klammern an das illusorische Glück, das nicht von lauer konformistischer Scheinreligiosität kommt, sondern vom restlosen begeisterten Aufgehen in den Glaubensinhalten einer bestimmten Religion. Angesichts dieser Entwicklung ziemt es sich nicht, hinter Feuerbach, Marx und Freud zurückzufallen und sich auf die unzureichenden religionskritischen Argumentationsmuster der Aufklärung zurückzuziehen, die es vor ihnen gab. Gerade das aber geschieht oft und ist auch meistens charakteristisch für mehr oder weniger reißerische religionskritische Bücher in hoher Auflage. Hinzu kommt dann oft noch die zu den Interessen der Westmächte so gut passende Verengung auf die Denunziation islamischer Fundamentalismen. Die Religionskritik darf nicht zum Hindernis dafür werden, mit religiösen Menschen gemeinsam gegen Ausbeutung und Unterdrückung vorzugehen. Erbarmungslosigkeit gegen die gewerblichen Nutznießer des Glaubens muss einhergehen mit einfühlendem Verstehen für die religiösen Gefühle der Menschen. Die Selbstbefreiung aus Ausbeutung und Unterdrückung in der Perspektive einer universalen Emanzipation ist mit den Ideen eines revolutionären Sozialismus verbunden, der wesentlich auf Marx und Engels zurückgeht. Das ist aber heutzutage keineswegs mehr Mode. Die Bilanz des sogenannten „realen Sozialismus“ ist verheerend, möglicher Weise nicht so sehr, weil er gescheitert ist, sondern vielleicht vor allem, weil seine gesellschaftliche und politische Realität so weit vom ursprünglichen emanzipatorischen Anspruch entfernt war. Darum gibt es eine Glaubwürdigkeitskrise der sozialistischen Idee, die noch lange nicht überwunden ist. Da gab es aber auch eine verweltlichte Form der Vertröstungsideologie. Plackerei, Selbstaufopferung und Entbehrungen heute sollten kompensiert werden vom Bild des kommunistischen Paradieses auf Erden morgen oder übermorgen. Wer sich heute für den politischen Kampf gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen engagiert, für die Umwälzung der bestehenden Verhältnisse, für den Sturz der Macht des Kapitals, für eine sozialistische Demokratie statt der mehr oder weniger demokratisch verfassten Staaten, die im Dienst der Interessen des Kapitals stehen, entscheidet sich nicht für die Selbstaufopferung zugunsten der Vision einer Gesellschaft befreiter Enkel. Die Entscheidung betrifft die Frage, wie man hier und heute leben will. Darauf müssen wir uns besinnen. Auf das Unglück anderer Menschen kann wirkliches menschliches Glück nicht gebaut werden. In jedem Falle gilt die Marxsche Version des kategorischen Imperativs: „ … alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … “ (MEW Bd. 1, S. 385) Heilig das Wasser Heilig das Brot Heilig aber auch der Wein. Heilig aller Menschen Brauch und was ihn durchbricht, ist heilig auch. * Alle Seitenangaben ohne weitere Präzisierungen beziehen sich auf Manuel Kellner: „Kritik der Religion und Esoterik. Außer sich sein und zu sich kommen“, Stuttgart 2010, Schmetterling Verlag, Reihe theorie.org

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