Dossier

„
Deutschland
ist in einer Ausnahmesituation, 80% der LKW Fahrer sind angestellt, nur
20% sind selbstfahrende Unternehmer. In fast allen europäischen Staaten
ist das Verhältnis umgekehrt. (…) In Rußland wurde der Grenze des
Erträglichen überschritten und es brach eine Protestwelle los, über die
in Deutschland nur wenig berichtet wurde. Der Protest ging von
selbstfahrenden Unternehmern aus, die ihre Einnahmen durch die Kosten
einer neuen Maut schwinden sahen. Sie sahen sich zudem dadurch
provoziert, daß das Mautsystem von einem engen Vertrauten Putins
betrieben wird. Die Proteste begannen im vergangenen November und es
beteiligten sich mindestens 3000 LKW im gesamten Land…” Beitrag bei chefduzen.de vom 4.1.2016 mit Links zu Presseberichten 
. Die Trucker freuen sich über jede Solidaritätsadresse. Bitte schreibt an: solidarity_trucker (at) yahoo.com. Siehe dazu neu:
- Neue Truckerproteste in Rußland um Gewichtskontrollen und
Überladung: “Auf dem Getreidemarkt gilt: Nur wer das Gesetz bricht, kann
überleben.”
“In den Getreidesilos ist die Arbeit zum Erliegen gekommen – die
Fahrer weigern sich, zu unrentablen Preisen zu transportieren und
versuchen ihre Kollegen davon zu überzeugen, ihrem Beispiel zu folgen.
Fahrer aus den Regionen Rostow, Krasnodar und Stawropol nahmen an einem
Sit-In teil. Am Rande: Auch in Wolgograd, Woronesch, Saratow und
Tambow, bekundeten Getreidetransporteure ihre Absicht, ihre Kollegen zu
unterstützen. Warum Getreidefahrer gegen “Überladung” sind, wurde von
der Zeitung “Novaya” analysiert. (…) Der Protest begann spontan und
gleichzeitig in mehreren Regionen, sagte Andrej Gruzdenko, einer der
Organisatoren des Streiks und Mitglied der Union der
landwirtschaftlichen Transporteure der “Novaya”. Die Fahrer versammelten
sich in Rostow, im Gebiet Stawropol – im Dorf Krasnogvardeyskoye, in
Kuban – in Krasnodar, Armavir und Kropotkin. Der wichtigste Treffpunkt
ist der Automobilmarkt. “Am 20. Januar fand eine Versammlung aller
solidarischen Getreidetransporeure statt”, -sagte Gruzdenko. “Die
Menschen versammelten sich friedlich in Gruppen und begannen zu
diskutieren, wie wir unser Leben leben können.” “Wie man mit einer
Situation umgeht, in der ein gesetzestreues Transportunternehmen nicht
auf dem Markt existieren kann? Der Einzige, der überleben kann, ist
Derjenige, der Überladung akzeptiert und das Gesetz bricht. (…) Es gibt
weder einen offiziellen Anführer des Protestes, noch gibt es einen
Kommunikationskanal – Mitglieder der Bewegung koordinieren ihre Aktionen
über verschiedene Kanäle. (…) Die neu entstandene Bewegung widersetzt
sich dem unlauteren Wettbewerb und den niedrigen Tarifen auf dem
Transportmarkt. Ersteres bedeutet “Überladung” und damit die Reduzierung
der Logistikkosten. Die Fahrer müssen dann Lasten transportieren, die
um ein vielfaches schwerer sind als die Norm. Diese Praxis hat eine
Komponente der Korruption – die Spediteure geben zu, dass es möglich
ist, überladene LKWs zu fahren, da das Personal der
Gewichtskontrollpunkte die Augen vor Verstößen verschließt. Und sie tun
es nicht umsonst. “Wir haben eine Forderung an die Behörden: “Lassen Sie
Gewichtskontrollpunkte in Ordnung bringen!”, sagt Gruzdenko. “Unsere
Kontrollposten sind korrupt und es ist für sie profitabler, wenn ein
Fahrzug mit 70 Tonnen ankommt, als mit 20 Tonnen nach der Norm – sie
bekommen mehr Kopeken durch jede Überladung”. (…) Getreidetransporteure
sind nicht mehr bereit, das Spiel der Überladung mitzuspielen, das ist
die Grundlage des Protestes. (…) Aber das Hauptargument der Trucker ist,
dass Überladung den Markt “gebrochen” hat – nur Trucker, die zustimmen,
das Gesetz zu brechen und Überladung zu akzeptieren, können überleben.
Der Ausweg besteht darin, sich zu einigen und einen einheitlichen Tarif
für den Markt auszuarbeiten. (…) Laut Gruzdenko gelang es den
Aktivisten, einen Teil der Ladung im Hafen von Asow und Terminals in
Taman und Noworossijsk zu stoppen, während mehr als tausend Fahrzeuge an
den Protesten teilnehmen. “Alle rufen mich an, versuchen miteinander
zusammenzukommen”, sagt er. “Es haben sich Spediteure aus Wolgograd,
Woronesch und Saratow angeschlossen.” Meldungen am 27.1.2019 bei chefduzen
(auf Grundlage von Übersetzungsprogrammen), dort folgt ein interessantes Interview
- Russische Trucker erneut im Streik – und im Wahlkampf
„Für den 15. Dezember hatte die Vereinigung russischer
Transportunternehmer (OPR) einen landesweiten Warnstreik angekündigt, am
Freitag zogen die Streikposten auf. Anders als im vergangenen März, als
die bislang größte Aktion der OPR angelaufen war, gilt dieses Mal ein
zeitliches Limit von zehn Tagen. Danach stehen die Neujahrsfeiertage an.
Dass dennoch jetzt gestreikt wird, hat gleich mehrere Gründe. Zum einen
kündigte die Regierung unlängst verschärfende Maßnahmen bei
Nichtzahlung von Mautgebühren für Lkw ab zwölf Tonnen an. Zum anderen
begann Mitte Dezember die aktive Vorlaufphase der
Präsidentschaftswahlen, die für den 18. März 2018 anstehen“ – so beginnt der Beitrag „Steine auf dem Weg“ von Ute Weinmann am 18. Dezember 2017 in neues deutschland
, worin auch noch informiert wird: „Als
Teil der Kampagne plante die OPR, ihren Vorsitzenden, Andrej Baschutin,
als Präsidentschaftskandidaten aufzustellen. Zumal es der OPR um eine
gesamte Reform der Logistikbranche geht. Doch die Behörden legen den
Truckern zahlreiche Steine in den Weg. Am 1. Dezember stufte das
Justizministerium die OPR als »ausländischen Agenten« ein. Formale
Voraussetzung dafür war eine Geldüberweisung aus Deutschland. Laut
Gesetz kann der Organisation nun die Teilnahme an den
Präsidentschaftswahlen verweigert werden, weshalb ein Aufruf an
wohlwollende Nichtmitglieder ging, Baschutin auf einer extra
einberufenen Versammlung als Kandidaten einer Bürgerkoalition zu
benennen“. Siehe dazu auch eine Meldung über die Einstufung als ausländische Agenten-Organisation:
- Regierung sagt Treffen mit streikenden russischen Truckern ab – und schickt stattdessen die Polizei vorbei
„In wenigen Tagen sind es 2 Monate seit dem die LKW Fahrer in Russland in den Streik getreten sind. Es
ist unglaublich, wie ausgeprägt das Desinteresse der westlichen Medien
an dem landesweiten Arbeitskampf ist. Da der Streik ohne Streikgeld
geführt wird, hat die Not einige Fahrer zum Abbruch der
Arbeitsniederlegung gezwungen. Doch die russische Regierung scheint
nicht davon überzeugt zu sein, den Arbeitskampf einfach aushungern zu
können. Gestern, am 21.5. versuchte sie mit massiven
Repressionsmaßnahmen gegen die Streikenden vorzugehen. In Khimki im
Norden Moskaus liegt ein bedeutendes Streikcamp, das bereits in den
Arbeitskampf im letzten Jahr eine zentrale Rolle spielte. Die Polizei
verhaftet am Sonntag dort mehr als 10 Lkw streikende Fahrer“ – ist ein Auszug aus dem aktuellen Kurzbericht „Truckerprotest in Rußland“ am 22. Mai 2017 bei chefduzen
, worin ausführlich über die Festnahmen berichtet wird und auch Fotos von der Polizeiaktion dokumentiert sind
- [Video] Ein Monat Truckerstreik in Rußland
„Seit
dem 27.3. haben LKW Fahrer in Rußland die Arbeit niedergelegt. Die
russischen Medien erhielten den Auftrag, den Streik zu ignorieren. Doch
auch die deutschen Medien berichten kaum…“ – das ist der Begleittext zum Video „LKW Streik in Rußland“ vom Kilometerfresser seit dem 26. April 2017 bei You Tube
zu sehen (deutsch, 5 Minuten) und sehenswert, weil darin sowohl
Streikende zu Wort kommen, als auch UnterstützerInnen – sowie einiges
von den Auswirkungen verschiedenster Art (inklusive Repressionsversuche)
zu sehen ist
- Trucker rüsten zum 1. Mai. Interview mit dem Sprecher der streikenden russischen Trucker
„Trucker
rüsten zum 1. Mai. Streikführer Andrej Baschutin kündigt verschärften
Protest gegen neue russische Maut an“ ist ein Gespräch von Ute Weinmann
mit Andrej Baschutin, dem Vorsitzenden der Truckervereinigung OPR am 26.
April 2017 in neues deutschland (im Abo, daher hier bei Pressreader dokumentiert
), worin er einleitend zur bisherigen Bilanz von rund 4 Streikwochen sagt: „Es
gibt zunehmend Reaktionen auf unseren Streik. In vielen Regionen
erklären sich lokale Staatsvertreter zu Gesprächen bereit – sie haben
jedoch keinerlei Entscheidungsbefugnisse. Die Regierung hat sich durch
ihre demonstrative Zurückhaltung selbst in die Ecke manövriert und
simuliert nun diverse Aktivitäten über einflusslose Mittelsmänner. Die
wollen uns beispielsweise zu einem runden Tisch mit Industriellen und
Unternehmern zum Thema Lenk- und Ruhezeiten einladen. Dabei bleibt deren
Interesse völlig unklar..“
- Die Auswirkungen des Truckerstreiks werden in Rußland zunehmend sichtbar
„Zum
einen stehen sie ökonomisch schlechter da, zum anderen fördern die
lokalen gesellschaftlichen Strukturen ein geschlossenes Vorgehen. Wer
die Region mit einem beladenen Lkw verlassen will, erhält Polizeischutz.
Zwar haben sich die Streikenden im Voraus auf friedliche Protestformen
geeinigt, aber wer aus ihren Reihen ausbricht, muss sich deutliche Worte
der Kollegen gefallen lassen. Nicht überall ist der Protest sichtbar.
Um keinen Konflikt mit der Polizei zu riskieren, bleiben die Trucks oft
auf ihren Stellplätzen. In Dagestan kamen zur Einschüchterung der Fahrer
sogar Einheiten der Nationalgarde zum Einsatz. Michail Kurbatow, einer
der Koordinatoren der OPR, strahlt dennoch Optimismus aus. »Immer mehr
Regionen schließen sich dem Streik an«, sagte er dem »nd«. Auch weit
hinter dem Ural, insbesondere in Burjatien, liegt der Güterverkehr auf
der Straße zu großen Teilen lahm. Aus 34 anderen Regionen vermeldete die
Verbraucherschutzvereinigung bereits Engpässe bei der
Lebensmittelversorgung“ – aus dem Beitrag „Russlands Trucker gegen »Platon«“ von Ute Weinmann am 20. April 2017 in neues Deutschland
, worin es abschließend zur zentralen Forderung der Trucker nach direkten Verhandlungen mit der Regierung heißt: „Bislang
setzt der Kreml offenbar schlicht auf eine Hinhaltetaktik in der
Erwartung, der Protest löse sich irgendwann von selbst auf. Anstatt sich
dem direkten Gespräch zu stellen, entsandte Moskau Dienstag den
Fernsehjournalisten und Kaukasuskenner Maksim Schewtschenko als
Unterhändler nach Dagestan. Der Kampfmoral der streikenden Fahrer tut
dies keinen Abbruch: sie wollen einzig und allein mit den
Entscheidungsträgern aus der Regierung sprechen“
- Nach drei Wochen Streik sehen die russischen Trucker die Auswirkungen
In einer ersten offiziellen Zwischenbilanz des russischen
Truckerstreiks, die die Vereinigung OPR nach 20 Streiktagen gezogen hat,
werden eine ganze Reihe konkreter Auswirkungen dieses Streiks in den
verschiedenen Regionen des Landes fest gehalten. Die OPR sieht den
Streik auf einem guten Weg, die Entschlossenheit ist auch durch
neuerliche Festnahmen nicht zu brechen, die Forderung nach einem
Gespräch mit dem Regierungschef bleibt erhoben, auch wenn die Regierung
und die Medien nach wie vor so tun, als ob nichts sei. Dazu die zusammenfassende deutsche Übersetzung „Fernfahrerstreik. Zwischenbilanz nach 20 Streiktagen“ vom 17. April 2017:
1. Die Streikkoordinatoren gingen davon aus, dass der Streik nach einem
Monat spürbare Auswirkungen zeigt. Die Prognosen sind früher
eingetroffen.
2. Offen zugängliche Zahlen über finanzielle Verluste von
Tankstellenbetreibern liegen nicht vor, dafür gibt es Berichte aus den
Regionen über Lieferstockungen u.a. von Lebensmitteln. Solche
Informationen stammen aus Städten, deren Versorgung komplett von Zulieferungen abhängig ist.
3. Die Verbraucherschutzvereinigung teilte mit, dass ihr über 100
Meldungen aus drei Dutzend Regionen Russlands vorliegen mit Beschwerden
über Lücken im Warenangebot von Lebensmittelgeschäften. Die Vereinigung
erstellte eine interaktive Karte mit Angaben zur Lebensmittelknappheit,
d.h. sie weist auf Verstöße gegen die Rechte von Verbrauchern hin, die
durch die Doktrin zur Lebensmittelsicherheit in der Russischen
Föderation geschützt sind. Sie hat sich mit einem offiziellen Schreiben
an Premierminister Medwedjew gewandt, das Informationen über erste
Engpässe in der Lebensmittelversorgung enthält und auf die Notwendigkeit
hinweist, eiligst Maßnahmen zur Vermeidung einer Unterversorgung zu
ergreifen.
4. Eine Reihe engagierter Personen, die zwar keine “Parteiführer”
darstellen, sich aber für die Rechte und Freiheiten russischer Bürger
einsetzen, haben sich offen für die Unterstützung der Fernfahrer
ausgesprochen.
5. Kulturschaffende und Personen des öffentlichen Lebens setzen sich für
die Fernfahrer ein. Aleksej Lebedinskij, bekannt als “Professor
Lebedinskij”, Musiker, hat eine Videobotschaft veröffentlicht. Der
Politiker Leonid Gozman folgte.
Die Regierung organisierte vor laufenden Kameras der zentralen TV-Sender
ein Treffen mit Vertretern von Fake-Organisationen, die niemanden
vertreten außer sich selbst.
6. Die Regierung weigert sich demonstrativ die Fernfahrer zu beachten,
die auf ein Treffen mit Premierminister Medwedjew und Transportminister
Sokolow bestehen, um über die gegebenen Umstände zu sprechen, die es den
Fahrern unmöglich machen ihrer Arbeit nachzugehen und Geld für sich und
ihre Familien zu verdienen. Als ob nichts wäre.
7. Versuche des Sicherheitsapparats auf ihre Weise gegen die Fernfahrer
vorzugehen haben an der Situation nichts geändert. Die Streikenden sind
in einem klassischen Netzwerk organisiert, ohne Anführer bei
gleichzeitiger Austauschbarkeit einzelner Koordinatoren, sie stehen
dauernd im Kontakt und sie verbinden einheitliche Forderungen an den
Staat. Kümmerliche Versuche Andrej Bazhutin oder Rustam Mallomagomedow
außer Gefecht zu setzen scheiterten. Sie sind weder Nawalnyj noch
Maltsew, sondern lediglich Sprecher der Streikenden. Nicht mehr.
Einschüchterungsversuche gegenüber der Fernfahrer in Dagestan mit
bewaffneten Einheiten der Nationalgarde, Panzern, Hubschraubern und
Panzerwagen führten zu nichts. Die Staatsmacht fürchtet sich vor einem
Blutvergießen in Dagestan. Ein dritter Kaukasuskrieg käme ihr zum
jetzigen Zeitpunkt gar nicht gelegen.
8. Die Staatsführung nimmt eine abwartende Haltung ein nach dem Prinzip
“alles löst sich irgendwie von selbst in Luft auf”. Im Fernsehen ist
keine Rede von den Fernfahrern, sei’s drum. Als ob es keine Probleme
gäbe.
9. Die Taktik der Streikenden besteht derzeit darin, dass die Regionen
versuchen diverse Aktionen durchzuführen wie Autokolonnen u.ä., Einfluss
auf die lokalen Staatsvertreter zu nehmen, damit diese wiederum Druck
auf Medwedjew ausüben, mit dem Ziel eines Treffens mit den Fernfahrern.
Allerdings meinen Beobachter, dass nur eine Aktion in Moskau von den
Medien wahrgenommen wird und den gewünschten Effekt erzielt.
- Zu den Auswirkungen des Streiks gehört der Beginn einer Lebensmittelknappheit in einigen Regionen – siehe Bericht bei chefduzen
, dort auch Videos
- Aktuell scheint Andrej wieder festgenommen worden zu sein. Bei facebook wurde eine aktuelles Video seiner Verhaftung
hochgeladen (ca. ab min 11)
- Hintergründe, Entwicklungen und Perspektiven des Truckerstreiks in Rußland, der trotz Repressionen weiter geht
„Eine
Grassroots-Bewegung der LKW-Fahrer mit dem Ziel einer kollektiven
Verteidigung ihres Rechts auf Arbeit und zur Verbesserung ihrer
Arbeitssituation ist dann im Zusammenhang mit der Einführung des
LKW-Mautsystems “Platon” (eine Abkürzung von “plata sa tonnu”, dt.:
“zahlbar pro Tonne”) entstanden. Das am 15.11.2015 eingeführte System
“Platon” gilt für LKWs mit einem Gewicht ab 12 Tonnen und betrifft ca.
2 Millionen Fahrzeuge. Es etabliert eine in Russland bislang kaum
verbreitete (mit Ausnahme von wenigen zahlpflichtigen
Autobahnabschnitten rund um Moskau) Maut für die (Ab-)Nutzung der
“Verkehrswege föderaler Bedeutung”. Die Gebühr pro gefahrenem Kilometer
in Höhe von 1,53 russische Rubel sollte ab November 2015 kontinuierlich
steigen – und zwar auf 3 Rubel im Februar 2016, auf nachträglich
beschlossene 3,06 Rubel ab April 2017 (am 22.03.2017 wurde allerdings
von Ministerpräsident Medwedew eine Reduzierung des Anstiegs auf
25 Prozent – von 1,53 auf 1,91 Rubel – erlassen), und schließlich – wie
ursprünglich beabsichtigt – auf 3,73 Rubel ab dem Jahr 2019. Des
Weiteren müssen die LKW-Fahrer eine kostenlose Vorrichtung für eine
satellitengesteuerte Überwachung der zurückgelegten Fahrtwege in ihrem
Fahrzeug installieren, um eine korrekte Zahlung auf der Grundlage einer
lückenlosen Nachvollziehbarkeit der Transportroute zu gewährleisten“ – aus dem ausführlichen Beitrag zu Geschichte und Bedeutung dieser Auseinandersetzung „Aus
Not vereint… Eine Analyse von Arbeitsprotesten der LKW-Fahrer in
Russland“ von Valentina Mählmeyer am 03. April 2017 bei der
Bundeszentrale für politische Bildung
,
zwar verfasst vor dem Beginn des Streiks am 27. März, aber eben zum
Verständnis des Protestes sehr geeignet. Siehe dazu auch drei aktuelle
Beiträge und ein Video:
- Polizeirepression stoppt russische Trucker nicht – der Streik wird fortgesetzt
Mehrere Repräsentanten der Truckervereinigung OPR sind in den letzten Tagen festgenommen worden. In dem Interview „More than a Million Trucks Have Stopped Running Nationwide“ am 07. April 2017 bei der Novaja Gazeta
(übersetzt vom Russian Reader) spricht Nina Petlyanova mit Andrei
Bazhutin, dem Vorsitzenden der OPR. Der war gerade eben zu 14 Tage Haft
verurteilt worden – wegen Fahrens ohne Führerschein. Nur, dass ihm
niemand mitgeteilt hatte, dass er keinen Führerschein mehr besaß. Und
wichtiger als diese Isolation – er wurde nach 5 Tagen wieder frei
gelassen – war die damit verbundene Drohung, seine Kinder durch das Amt
für Kinderschutz in ein Heim einweisen zu lassen. Er unterstreicht in
dem Gespräch, dass er – genauso wenig wie Rustam Mallamagomedov, der
ebenfalls inhaftierte OPR-Sprecher im Streikzentrum Dagestan – sich
keinesfalls einschüchtern lasse. Die aktuelle Forderung bleibe ein
Treffen mit der Regierung, an dem auch nicht OPR-Fahrer teilnehmen
sollen – und so lange werde man versuchen, den Streik aufrecht zu
erhalten, was insofern gut aussehe, als die Beteiligung mit rund einer
Million stehender LKWS im Land sehr gut sei…
- Das Streikzentrum der russischen Trucker ist Dagestan – das des Polizeiaufmarsches auch
„In Dagestan beteiligen sich inzwischen über 90 Prozent der Fahrer
an dem Streik, insgesamt fällt die Beteiligung sehr unterschiedlich aus,
auch die Protestformen. Viele LKW’s bleiben auf ihren Stellplätzen,
aber es gab auch schon etliche LKW-Kolonnen auf den Straßen und auch
Protestcamps haben sich etabliert wie bei Irkutsk. Der Güterverkehr auf
den Straßen lässt landesweit deutlich nach.
Der für den 28. März geplante Traktoren-Marsch gen Moskau musste
ausfallen. Die OPR (Vereinigung russischer Transportunternehmer, die den
Streik massgeblich initiiert hat) hat sich bereits im Sommer mit
Landwirten im Krasnodarer Gebiet solidarisiert, die mit de facto
erfolgten Landenteignungen durch riesige Agroholdings in der Region
konfrontiert sind. Der Druck auf die Landwirte ist riesig – kein Zufall
bei den Zuständen im Krasnodarer Gebiet“ – das ist ein kurzer
Email-Bericht vom 01. April 2017 von der Trucker-Streikbewegung und
ihren Bündnissen. Siehe dazu auch einen Bericht über den Polizeieinsatz
in Dagestan – und über erste Versprechungen:
- Russischer Trucker-Protest mobilisiert regional unterschiedlich
„Es gibt mehr Fahrer als Aufträge, und unsere Kunden sind zumeist
große Unternehmen oder Speditionen. Die Kunden weigern sich einfach,
höhere Preise zu akzeptieren – nach dem Moto ‚Friss oder stirb!‘“,
beschreibt Sergej Vladmiriov, stellvertretender Vorsitzender des
Fernfahrerverbands, die Ausgangslage für hunderttausende russische
Lkw-Fahrer. Gewerkschaften wie in westlichen Staaten gibt es kaum, und
die rund 70 Prozent der Fahrer in Russland sind selbstfahrende
Unternehmer und nicht organisiert. Es ist nun das erste Mal, dass sich
Menschen in der Transportbranche zusammenschließen. “Unser Verein zählt
rund 10.000 Mitglieder, die sich innerhalb eines Jahres zusammengefunden
haben“ – so fasst in dem Beitrag „Aufstand der russischen Trucker“ die Vereinigung Camion Pro am 29. März 2017
die komplexe Ausgangssituation zusammen und dokumentiert dazu auch in
mehreren Videos die begonnen Aktionen. Siehe dazu zwei weitere aktuelle
Beiträge/Videos:
- Festnahmen, Polizeiaufmärsche, Blockaden: Der Truckerstreik in Russland hat begonnen
Eine erste kurze E-Mail mit informationen zum ersten Tag des Truckerstreiks in Russland erreichte uns heute: „Liebe Leute, alle Medien hier berichten über Nawalnyj, über den Streik der Trucker,
der heute begonnen hat, finden sich wesentlich weniger Nachrichten.
Nichtsdestotrotz passiert eine ganze Menge. In vielen Städten stehen die
LKW’s am Straßenrand oder blieben an ihren Stellplätzen, landesweit
begannen die Proteste, die Hälfte der Fahrer in Dagestan beteiligt sich
an der Aktion. Andrej Bazhutin, der Vorsitzende der Vereinigung
russischer Transportunternehmer wurde derweil zu 14 Tagen Haft wegen
Fahrens ohne Führerschein verurteilt. Ohne es zu wissen wurde ihm
nämlich seine Fahrerlaubnis entzogen. Auch in einigen anderen Städten
kam es zu Festnahmen“ Beste Grüße, eine der Dolmetscherinnen für
die Trucker auf ihrem Deutschland-Besuch – wir danken und kümmern uns
um weitere Informationen! Siehe dazu das Video:
- Ursachen und Bedingungen für den erneuten Trucker-Streik in Russland 2017
Wenn am 27. März die russischen Trucker erneut für einen landesweiten
Streik mobilisieren, sind die Ursachen – der Widerstand gegen die
Einführung der desaströsen Maut-Gebühren – dieselben, wie im letzten
Jahr, die Bedingungen allerdings andere, insoweit die mehr Unterstützung
und Bündnispartner haben, als 2016. Dazu drei aktuelle Beiträge:
- Montag 27.3.2017 beginnt der große Streik der russischen Trucker
“Eine
kleine Gruppe russischer Trucker machte in diesen Tagen eine Rundreise
durch einige Städte in der BRD: Berlin, Kiel, Hamburg, Bremen. Und das,
obwohl sie am kommenden Montag vor einem großen Streik stehen. Sie
setzen damit ihren Widerstand gegen Platon fort, das ist eine Art
Mautsystem, das sie existenziell bedroht. Mit Platon und weiteren
Steuern sollen die Trucker fertiggemacht werden, damit die großen
Logistikfirmen ihren 75 prozentigen Marktanteil übernehmen können. In
Rußland sind die meisten Trucker Kleinunternehmer mit ein oder höchstens
zwei LKW´s. Ihr gewerkschaftsähnlicher Zusammenschluß heißt OPR, in dem
etwa 10.000 Fuhrleute organisiert sind. (…) Lohnarbeitende Kollegen aus
großen Logistikfirmen teilten gerade mit, daß die großen Firmen Angst
bekommen hätten, ihre Fahrer als Streikbrecher Gewalt auszusetzen. Und
gesagt hätten, dass sie während des kommenden Streikes die
Gütertransporte stoppten! Mit dem Streik von Montag nächster Woche gehen
die Trucker einen Schritt weiter und rechnen damit, daß sich andere
Berufsgruppen ihrem Kampf anschließen: Moskauer Taxifahrer und Bauern,
die auch gegen Korruption und soziale Ungerechtigkeit in ihren Gebieten
kämpfen…” Beitrag vom 24.3.2017 bei der Gewerkschaftslinken Hamburg 
- Resignation und spontane Kämpfe von Berufskraftfahrern
Bericht von Karsten Weber vom Juni 2016,
darin u.a. Bericht von Streik und Blockaden in Belgien sowie ein Brief
der Streikaktivisten in Rußland: Nach einem 5 monatigen Arbeitskampf
haben die russischen Trucker am 1.5. ihren Streik beendet und eine
eigene, gewerkschaftsähnliche Organisation gegründet..
“Die russischen Trucker haben einen eigenen Verband gegründet”
„Ihre einzige Chance sahen die Fernfahrer im Aufbau eines eigenen
Netzwerks und sie ließen die Zeit im Protestcamp nicht ungenutzt
verstreichen. Ende April schließlich war es so weit: In Moskau fand der
Gründungskongress der Vereinigung der Fuhrunternehmer Russlands statt,
die über 2 000 Mitglieder in 43 Regionen vereint. Eine Leistung
sondergleichen angesichts der ansonsten dürftigen Vernetzung vieler
russischer Aktivisten. Der Machtapparat reagiert harsch. Insbesondere in
Dagestan, wo der Organisationsgrad der Fernfahrer ungleich höher liegt
als in anderen russischen Regionen, sehen sich die Protestierenden mit
polizeilichen Abschreckungsmaßnahmen konfrontiert. Rustam Mallomagomedow
erfuhr im März, dass er zur Fahndung ausgeschrieben ist. Bei einer
Vorladung ins Moskauer Polizeipräsidium hieß es, sein LKW habe einen
Personenschaden verursacht – dabei ist der Wagen seit Dezember
abgemeldet und nicht im Einsatz. Bei ihrer jetzigen Tour durch das
Krasnodarer Gebiet versuchte die Polizei Anfang Juni die Weiterfahrt der
kleinen Kolonne zu unterbinden“ – aus dem Artikel “Die Trucker organisieren sich“ von Ute Weinmann am 09. Juni 2016 in der jungle world
, worin auch noch einmal die Entwicklung dieser Bewegung im Widerstand gegen die Sondersteuer für LKW skizziert wird
- Gespräche mit streikenden russischen Truckern
„November/Dezember
begann ein Arbeitskampf der russischen LKW Fahrer. Auslöser dafür war
die neue Maut “Platon”, doch es geht gleichzeitig um die Würde und
Arbeitsbedingungen der Fahrer. In den Medien erfährt man kaum etwas über
diese Auseinandersetzung. Deshalb ist die alternative Verbreitung der
Informationen sehr wichtig“ ist der ebenso kurze wie knappe Vorspann zum Video von Kilometerfresser TV „LKW Streik in Russland“ am 12. März 2016 bei You Tube
eingestellt. Die technische Qualität ist nicht besonders – der Inhalt
dafür umso mehr, denn streikende LKW Fahrer selbst kommen selten
öffentlich zu Wort
- 10.000 streikende Trucker in Russland brauchen Solidarität
Zehntausend sollen es inzwischen sein, die den Kampf gegen „Plato“ (die
extrem erhöhten Abgaben) seit dem 20. Februar nun ebenfalls aufgenommen
haben und neben dem Camp in Khimki, das es bereits seit Beginn des
Protestes im November 2015 gab, gibt es inzwischen eine ganze Reihe
weiterer solcher Camps. Und trotz des nahezu vollständigen
Medienboykotts haben sie nicht nur Fortschritte auf dem Weg einer
unabhängigen eigenen Organisierung gemacht, sondern sind auch zum
Bezugspunkt anderer sozialer Proteste geworden, was sich auch daran
zeigt, dass sie ihren Forderungskatalog erweitert haben – etwa für eine
neue Wohnungsbaupolitik und für die Rücknahme der Rentenkürzungen. Der
Aufruf „Striking Russian Truckers: A Call for Solidarity“ des Russian
Reader vom 01. März 2016 macht aber auch die extremen Schwierigkeiten
unterschiedlichster Art deutlich, denen sich sich die Streikenden
gegenübersehen: Sowohl, was den Medienboykott betrifft und Hilfe dabei,
ihn zu durchbrechen, als auch direkte Solidaritätsbekundungen, als auch
jede sonstige Hilfe tun dringend Not. Die Mailadresse für entsprechende
Kontakte ist: solidarity_trucker@yahoo.com,
deren reichliche Benutzung von LabourNet Germany dringend empfohlen
wird. Siehe dazu auch einen Hintergrundbeitrag, der auch über
Vernetzungen berichtet:
- „Wildcatstreik der Lasterfahrer“ von Ute Weinmann am 04. Februar 2016 in der jungle world
fasst die Entwicklung bis dahin ausführlich zusammen und hebt, was die Organisierungsbestrebungen betrifft hervor: „Ihre
Prioritäten liegen beim Aufbau einer durchschlagskräftigen
überregionalen Interessenvertretung, einer Art alternativen
Truckergewerkschaft. In fast 60 Regionen gibt es Basisgruppen, die ihre
grundsätzliche Bereitschaft zum Beitritt bekunden. Andrej reiste
bereits zu Verhandlungen in etliche Orte, darunter auch nach Dagestan.
Dort stieß »Platon« auf besonders heftigen Widerstand. Ein weiterer
Fahrer namens Sergej stammt selbst aus Dagestan. Erst am Vortag kam er
in Chimki an, die Polizei ließ ihn mit seinem Kleintransporter durch die
Absperrung. »In Dagestan weiß die ganze Bevölkerung über uns
Bescheid«, sagt er überzeugt. Die Sympathien für die Fernfahrer seien
dort stark ausgeprägt, gekämpft werden müsse aber in Moskau. Schließlich
werden dort die Entscheidungen getroffen“
- Jetzt bilden die russischen Trucker eigene Gewerkschaften – Und streiken weiter
Das
Protestcamp in der Kleinstadt Khimki, das russische Trucker schon vor
Monaten organisiert hatten, besteht nicht nur nach wie vor, sondern
wächst. Und vor allem: Breitet sich aus. Trotz Nachrichtensperre werden
Aktivisten aus dem Camp immer öfter in andere Regionen eingeladen, um
dort ihre Erfahrungen in Sachen Selbstorganisation zu diskutieren. Der
Kampf gegen das Projekt Plato, sprich die Vervielfachung der Besteuerung
der LKW-Fahrer – das nach Ansicht der Trucker nur dazu dienen soll,
großen Speditionen den Markt zu sichern – geht weiter, auch indem in
einzelnen Gegenden eigene Verbände in der Funktion von Gewerkschaften
gegründet werden. In dem Artikel „Russian Truckers Prepare for Nationwide Strike“ von Victoria Lomasko am 16. Februar 2016 beim Russian Reader
übersetzt wird über diese Erfahrungen und Entwicklungen ausführlich
berichtet, wie auch über die in diesen Tagen erneut anstehenden
Versuche, daraus einen landesweiten Streik zu entfalten
- Russische Trucker protestieren weiterhin
„Der Streikposten im Bezirk Moskau-Chimki ist trotz starken
Schneefalls seit Anfang Dezember besetzt. 15 Lkw sind mit Transparenten
behängt. Die Fernfahrer fordern die Abschaffung der im November für Lkw
ab zwölf Tonnen eingeführten Abgabe. Der Standort des Streikpostens auf
dem Parkplatz am Nordrand Moskaus ist gut gewählt. Hier parken die
Kunden der drei großen Einkaufszentren, Ikea, Mega und Aschan. Die
Polizei verhindert bereits seit Anfang Dezember, dass sich der
Streikposten mit den 15 Lkw vergrößert. Die Lastzüge mit ihren Fahrern
sind Überbleibsel einer Protestwelle, die Mitte November letzten Jahres
über 20 russische Regionen erfasste, nun aber abgeebbt ist“ – aus der Reportage „Russische Trucker streiken gegen die Maut“ von Ulrich Heyden am 28. Januar 2016 in neues deutschland
– wobei abebben offensichtlich noch lange nicht heißt beendet sein…
Siehe dazu auch eine Sammlung von Beiträgen über Begegnungen mit
streikenden Truckern:
- „A Lesson in Solidarity: With the Striking Truckers in Khimki“ von Tamara Eidelmann am 02. Januar 2016 beim Russian Reader
ist die Übersetzung eines Beitrages von Ende Dezember über die
Erfahrungen mit streikenden Truckern in Khimki – und obwohl dies der
Titel der Webseitesparte ist, ist es der erste Artikel einer ganzen
kleinen Sammlung solcher Erfahrungsberichte, aus denen ein recht
konkretes Bild vom Leben, Arbeiten und vom Kampf der russsischen Trucker
deutlich wird. Bemerkenswert dabei, dass beinahe alle AutorInnen zu
Beginn ihrer Beiträge darauf verweisen, dass in ihrem jeweiligen
Bekanntenkreis ihre Kontaktabsicht mit einer Art Stirnrunzeln gesehen
wurde – nach dem Motto, das sind doch alles Rechte, was sich als
eindeutig unrichtig herausstellte
- Aus dem Beitrag bei chefduzen.de vom 4.1.2016
:”…
Von Regierungsseite reduzierte man die Mautgebühren und verstärkte die
Repression gegen protestierende Trucker. Fahrer wurden gestoppt und
gezwungen eine Erklärung zu unterschreiben, sie würden sich ich keinen
Protesten beteiligen. Es wurde mit dem Einsatz von Wasserwerfern
gedroht. Als für den 1.-3.Dez. zentrale Proteste in Moskau angekündigt
waren, verhinderte die Polizei, dass viele LKW die Hauptstadt erreichen
konnten, mit dem Argument, es ginge um einen Anti-Terroreinsatz. Am
3.12. kam es zu Gesprächen zwischen Regierungsvertretern und Sprechern
der protestierenden Fahrer. Die Protestbewegung ist abgeebbt, aber
einige harrten auch über die Weihnachtstage aus mit Transparenten an
ihren Fahrzeugen. Obwohl die Mautgegner mit Strafen belegt werden, gibt
es noch immer Proteste…”
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