Im Clinch mit der Rüstungsindustrie
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Deutschlandradio Kultur v. 6.2.2019
Der Freiburger Lehrer Jürgen Grässlin zählt zu
den engagiertesten Rüstungsgegnern Deutschlands. Insbesondere
der deutschen Rüstungsindustrie ist er ein Dorn im Auge: Die
Politik biete den Konzernen zu viele Schlupflöcher, kritisiert
er.
Er hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Wahrheit ans Licht
zu bringen: Dass deutsche Konzerne Waffen an Schurkenstaaten und
in Krisenherde exportieren, ist für den Aktivisten Jürgen Grässlin der wahre Grund
für viele Kriege. Nach seiner Berechnung sterben weltweit jeden
Tag mehr als 100 Menschen durch deutsches Kriegsgerät.
Als er als Bundeswehrsoldat auf Pappkameraden schießen musste,
wurde Jürgen Grässlin bewusst, dass er als Soldat im Ernstfall
töten würde. Den Wehrdienst hat er darum vorzeitig verlassen, er
wurde Lehrer – und entschlossener Friedensaktivist. Seine Bücher
und Filme erzählen seit über 30 Jahren vom Leid, das Waffen aus
deutscher Produktion in alle Welt bringen.
„Es reicht nicht, zu blockieren, Werkstore zu verschließen,
symbolische Akte zu vollziehen. Sondern ich muss recherchieren,
ich muss publizieren.“
Rüstungskontrollen „so löchrig wie ein Schweizer Käse“
Seine besondere Aufmerksamkeit gilt dabei der Firma Heckler &
Koch, dem größten deutschen Hersteller von Pistolen und Gewehren.
Jürgen Grässlin besitzt zwei Aktien des baden-württembergischen
Unternehmens, was ihn zur Teilnahme an dessen Hauptversammlungen
berechtigt. Dort piesackt er den Vorstand mit hartnäckigen
Nachfragen zum Export von H&K-Waffen. Und er hat die Firma verklagt, wegen einer
Waffenlieferung nach Mexiko. Das Urteil wird noch für diesen
Februar erwartet.
Dass der Prozess überhaupt stattfindet, hält Grässlin schon für
einen Erfolg: „Der Prozess hat mit Sicherheit eines gezeigt: Das
Rüstungsexport-Kontrollregime, das die Bundesregierung ja immer
wieder lobt, ist löchrig wie ein Schweizer Käse.“
Darum hat Jürgen Grässlin auch schon Klage gegen ein weiteres
deutsches Rüstungsunternehmen eingereicht. Die Motivation für
seinen Kampf gegen die Kriegswaffen-Industrie bezieht er aus
seiner christlichen Erziehung: „Für mich ist die Bergpredigt bis
heute sicherlich der prägende Text meines Lebens, der mich dazu
geführt hat, Pazifist zu werden, diesen Weg konsequent zu
beschreiten.“
Nicht 100-prozentig gegen Militär
Wobei der Pazifist Jürgen Grässlin in seinem Beruf als Lehrer
seine Schüler nicht einseitig beeinflussen will:
„Sie können ganz sicher sein, dass es bei mir keinen Unterricht
gibt, wo es heißt: Die Bundeswehr ist böse und die
Friedensbewegung ist lieb. Sondern wir stellen beide Modelle vor,
die Schülerinnen und Schüler diskutieren und bilden sich eine
eigene Meinung. So verstehe ich Demokratie und demokratische
Erziehung.“
Zumal Grässlin einräumt, dass manchmal eben doch das Militär
einschreiten muss oder müsste, um Menschenleben zu schützen:
„Nehmen Sie mal das Warschauer Getto, die bestialische Ausrottung
von Juden, nehmen sie Srebrenica und die Ermordung von 7000 – 8000
Bosniern. Viele weitere Fälle, Ruanda... Es gibt Grenzfälle, wo
ich auch sage: Wenn da Soldaten sind, können sie nicht wegschauen.
Aber mein Ansatz ist ein anderer: Versuchen wir doch erst einmal
dafür zu sorgen, dass es diese Srebrenicas und diese Warschauer
Gettos und diese Ruandas gar nicht mehr gibt. Ein Land wie Ruanda
stellt keine eigenen Waffen her, die müssen importiert werden.“
Für ein Verbot von Rüstungsexporten
Wegen der Rüstungsexporte sind die großen Waffenhändler wie die
USA oder Russland, aber auch Deutschland und deutsche Konzerne in
vielen Ländern verhasst, sagt Jürgen Grässlin. Darum müssten
Gesetze her, die den Export deutscher Waffen grundsätzlich regeln:
„Ein grundsätzliches Rüstungsexport-Verbot steht an oberster
Stelle unserer Forderungen.“
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