Montag, 27. Mai 2013

Die absurden Methoden der Jobcenter

Mit nur noch knapp drei Millionen Menschen ohne Job liest sich die aktuelle Arbeitsmarktstatistik durchaus positiv. Doch Zahlenwerk lässt sich aufhübschen: Etwa, indem man Arbeitslose in "Weiterbildungsmaßnahmen" steckt. 2012 waren mehr als 800.000 Menschen in geförderten Kursen, wurden deshalb nicht mehr als "arbeitslos" gezählt. Oft sind diese Maßnahmen wenig sinnvoll. Von Katja Keppner und Benedikt Strunz, NDR Info Im September 2012 scheint sich für Rainer Tomme (Name geändert) doch noch alles zum Guten zu wenden. Seit mehreren Jahren ist der ehemalige Großhandelskaufmann arbeitslos. Doch der Berater vom Jobcenter Hamburg weiß Rat: Ein spezieller Weiterbildungskurs zur beruflichen Integration mit dem Namen "Kick" soll helfen. Angeboten wird der Kurs von der Firma Salo und Partner, einem von vielen Trägern, die im Auftrag der Jobcenter Menschen in Arbeit bringen sollen. "Ich habe mich sehr gefreut. Es war für mich auch endlich ein Licht am Ende des Tunnels. Ich habe sehr viele Bewerbungen geschrieben, die leider alle abgelehnt worden sind. Ich habe gedacht, da wird dir jetzt von Profis wirklich geholfen. Da komme ich dann jetzt auch wirklich in Arbeit", beschreibt Tomme seine Gefühle, die er nach dem Angebot empfunden habe. Zweifel an Sinn und Zweck von Weiterbildungen Mehrmals habe der Berater darauf hingewiesen, dass 70 Prozent aller "Kick"-Teilnehmer wieder Arbeit fänden. Auf einem Papier von Salo und Partner heißt es, Ziel des Kurses sei die "Integration in den 1. Arbeitsmarkt". Der 46-Jährige willigt begeistert ein. Doch bereits in den ersten Tagen der mehrmonatigen "Weiterbildung" kommen ihm Zweifel: "Fünf Wochen lang haben wir mehrfach die Woche das Thema Grundrechenarten behandelt - also addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren. Acht plus neun, 13 durch drei. Solche Sachen." Ein zermürbender Unterricht sei das gewesen, dazu hätten die Dozenten oft unmotiviert und unstrukturiert gewirkt. Vermittlungen in Praktika statt in den ersten Arbeitsmarkt Entsetzt ist Tomme aber über etwas anderes: Vermittelt werden die Kursteilnehmer nämlich nicht in den ersten Arbeitsmarkt, sondern vor allem in Praktika - zum Beispiel im Lagerwesen: "Man kann Menschen nicht damit locken, dass sie eine 70-prozentige Chance nach Absolvierung des Kurses haben, in den ersten Arbeitsmarkt integriert zu sein, wenn es letztendlich nur darum geht, dass die Leute für Nichts in ein Praktikum gehen." Auf Nachfrage von NDR Info bestätigt das Jobcenter Hamburg, dass eine sogenannte Erprobung beim Arbeitgeber im Zielberuf zum Konzept des Kurses zähle. Mit einer Vermittlungsquote von 70 Prozent habe man jedoch nie geworben. Erst auf mehrfache Nachfrage teilt das Jobcenter außerdem mit, dass gerade mal zwei von zehn Kursteilnehmern einen Job fänden. So das Ergebnis einer Überprüfung. Maßnahme "Kick" soll überprüft werden Weshalb gibt das Jobcenter Hunderttausende Euro für Weiterbildungen aus, deren Nutzen anscheinend sehr beschränkt ist? Wilhelm Adamy vom DGB sitzt im Aufsichtsrat der Bundesagentur für Arbeit. Ihn wundert der Fall "Kick" nicht: "Der Gesetzgeber - und unabhängig von der Parteizugehörigkeit - hat immer wieder versucht, durch statistische Tricks bestimmte Personengruppen herauszunehmen. Hier ist es so, dass diejenigen, die an Maßnahmen teilnehmen, weitgehend nicht mehr in der Arbeitslosenstatistik enthalten sind." Der Träger der Maßnahme "Kick", das Multi-Millionen-Unternehmen Salo und Partner GmbH, geht weiterhin von einer Vermittlungsquote von 70 Prozent aus. Das Jobcenter Hamburg teilte mit: Bei einer Überprüfung von "Kick" sei man bereits im vergangenen Jahr auf Mängel gestoßen. Jetzt werde "Kick" in veränderter Form angeboten. Man nehme die Recherche jedoch zum Anlass, auch das neue "Kick" bald zu überprüfen.

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