Diesmal haben die Polinnen ein lautes „Nein“ gerufen und das so laut, dass die Kanzeln und die Regierungsbank im Sejm wackeln. Die PiS zog den Schwanz ein und die Pfaffen lecken ihre Wunden.
Von Günter Ackermann
Als ich in Polen studierte, lernte ich eine alte polnische Germanistik-Dozentin, die während der Okkupationszeit von 1939 bis 1945 an einer illegalen höheren Schule als Deutschlehrerin gearbeitet hatte, kennen. Den Polen war unter der faschistischen Besatzung jede höhere Schulbildung verwehrt. Also bildeten sich illegale höhere Schulen, deren Abschlüsse nach 1945 auch anerkannt wurden. An so einer Schule war diese Dozentin im Krieg tätig gewesen, sie war also im Widerstand gegen die Faschisten. Wäre die Schule aufgeflogen, den Dozenten hätte zumindest KZ, wenn nicht gar der Tod, gedroht. Die Frau sagte mir:„200 Jahre war es eine patriotische Tat, etwas gegen die Obrigkeit zu tun. Wir waren dreigeteilt und die Obrigkeit war die Russlands, Preußens und Österreichs und alles, was diesen schadete, nutzte Polen. Diese Erkenntnis sitzt tief in der polnischen Tradition und auch heute ist es noch so.“
Es war das Jahr 1981, damals war es die Zeit der Bewegung Solidarność. Ab 1990 gab es in Polen eine neue Obrigkeit. Aber auch die hatte und hat es schwer, das Volk traut ihr nicht, das zeigt die Beteiligung an den Wahlen. Nach 1990 entwickelte sich das Fernsehen und Radio in Kirchenradio und Fernsehen, machte man die Glotze an, erschien ein Schwarzkittel. Also wurde die Nachfolgepartei der PVAP gewählt. Diese aber war korrupt und wurde ab gewählt.
Die Kirche wähnte sich 1990 am Ziel. Inzwischen gibt es einen eigenen katholischen Sender, gemacht von Nonnen und Mönchen, mit Sitz in Toruń (deutsch Thorn) zwischen Warszawa und Gdansk gelegen, Radio Maryja. Der Sender meldet sich mit: „Hier ist Radio Maryja, die katholische Stimme in Deinem Haus. Gelobt seien Jesus Christus und die Jungfrau Maria“.
Dieser Sender ist der Leib- und Magensender der Kaczynski-Partei PiS, die derzeit die Regierung stellt.
Schon direkt nach 1990 schlugen die Versuche fehl, die Abtreibung zu verbieten, allerdings erschwerte man sie. War Abtreibung zur Zeit der Volksrepublik Polen kein Thema für die Kirche, wurde sie es aber direkt danach. Aber wie gesagt: Die Versuche, Abtreibung zu verbieten, schlugen fehl. Also verlegte man sich auf Salami-Taktik das führte in den letzten 20 Jahren vom freiesten zum strengsten Abteibungsgesetz. Aber das genügt den Pfaffen noch immer nicht. Also gründeten sie eine extrem reaktionär-katholische Initiative, die die Abtreibung ganz verbieten will, Zuwiderhandlung sollten mit 5 Jahren Haft bestraft werden.
Jetzt aber reichte es den Polinnen, die gingen auf die Straße. Die Regierungspartei, die im Parlament noch in der 1. Lesung zugestimmt hatte, bekam kalte Füße und kniff. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Regierung will allerdings irgendwann einen eigen Entwurf einbringen.
Illegale gefährliche und stümperhafte Abtreibungen waren vor 1990 kein Thema in Polen. Warum sollte eine Frau gefährliche und teure Abtreibungen machen lassen, wenn es kostenlos oder mit wenig Geld fachmännisch und sauber gemacht werden konnte?Mit der Verschärfung des Abtreibungsrechts allerdings kam dieses Problem wieder. Man schätzt, es gibt in Polen 200.000 illegale und lebensgefährliche Abtreibungen. Ein übliches „medizinisches“ Instrument der illegalen Abtreibung ist ein Kleiderbügen aus Draht, der der Schwangeren eingeführt wird. Was das bedeutet, brauche ich wohl nicht näher zu erklären. Wäre das neue Gesetz in Kraft getreten, dann hätte es nur noch solche gefährlichen Kleiderbügel-Abtreibungen gegeben. Das ist den Schwarzkitteln und ihren Claqueuren in Regierung und Parlament offenbar lieber, als eine legale Abtreibung durch einen Arzt.
Für die Obrigkeit unter der Führung von Jarosław Kaczyński und seiner Partei PiS wachsen in Polen die Bäume nicht in den Himmel. Diesmal haben die Polinnen ein lautes „Nein“ gerufen und das so laut, dass die Kanzeln und die Regierungsbank im Sejm wackeln. Die PiS zog den Schwanz ein und die Pfaffen lecken ihre Wunden.
Aber die kommen wieder. Wenn die Polinnen und Polen nicht aufpassen, kommt es durch die Hintertür. Die Schwarzkittel beherrschen das Handwerk der Tarnung und Lüge bestens, sie erprobten es viele hundert Jahre.
G.A.

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