Montag, 17. Oktober 2016

Das maritime Netzwerk der „Koyoten“

 

Vor zwei Jahren ist in Mexiko ein Maßnahmenpaket gegen illegale Migration verabschiedet worden. Die Behörden haben ihre Kontrollen im Landesinneren seither verschärft - was Migranten aus Mittelamerika auf ihrer Reise in die USA zunehmend auf den Seeweg zwingt.
Mit dem „Plan Frontera Sur“ nahm die mexikanische Regierung vor allem die illegale Migration im Süden des Landes ins Visier. Neben der verstärkten Präsenz von Grenzschutz, Polizei und Armee entlang der Hauptverkehrsrouten wurde die Zahl der Abschiebungen deutlich erhöht. Die Auswirkungen des Plans machten sich bereits im Jahr seines Inkrafttretens 2014 bemerkbar.
Damals wurden nach Angaben des mexikanischen Innenministeriums allein 24.000 Frauen in ihre Heimatländer, hauptsächlich Honduras und El Salvador, zurückgebracht - doppelt so viele wie noch 2013. Zudem nahm die Polizei 23.000 Kinder in Gewahrsam, was einen Anstieg von mehr als 230 Prozent im Vergleich zum Jahr davor bedeutete.

Kaum Durchkommen im Süden

Für Menschen, die vor Armut und Bandenkriminalität in Mittelamerika flüchten, gibt es im Süden Mexikos kaum mehr ein Durchkommen. Als eine der gefährlichsten Routen für Migranten gilt das Gebiet entlang der Autobahn zwischen den südmexikanischen Bundesstaaten Chiapas und Oaxaca. Auf der Straße und auf der Zugsstrecke gebe es strenge Kontrollen der Behörden, im dicht bewaldeten Umland bestehe die Gefahr, Menschenhändlern und Räubern zum Opfer zu fallen, berichtete eine Reporterin des „Guardian“ aus der Region.
Karte zeigt        die mexikanischen Bundesstaaten Oaxaca und Chiapas
Grafik: Map Resources/APA/OSM/ORF.at
Viele der Geflüchteten weichen deshalb auf den Ozean aus, um den Landweg zu umschiffen. Schlepper - in Mexiko werden sie umgangssprachlich „Koyoten“ genannt - hätten ein maritimes Netzwerk entlang der Küste aufgebaut, so die britische Zeitung, als Knotenpunkte dienten abgelegene Fischerdörfer.
Frei von Risiko ist auch diese Route nicht. Zum einen nutzen die Schmuggler von Kartellen die kleinen Orte entlang der Küste zum Drogentransport nach Norden. Die Marine hat daher ihre Kontrollen auf See verstärkt. Zum anderen ist die Überfahrt in kleinen Fischerbooten nicht ungefährlich. Im Juli ertranken drei Kinder, nachdem ein Boot mit Honduranern und Salvadorianern vor Chiapas gekentert war. Katastrophen wie im Mittelmeer zwischen Libyen und Italien sind aber bisher ausgeblieben.

Ankunft in der Nacht

Genaue Zahlen, wie viele Migranten mittlerweile zumindest zeitweise den Seeweg nutzen, um Richtung US-Grenze zu kommen, gibt es nicht. Die Zahl der Migranten, die den Seeweg nehmen, sei seit dem Inkrafttreten des Plans zum Schutz der Südgrenze stark gestiegen, sagte der Aktivist Ruben Figueroa von der Gruppe Meso-American Migrants Movement gegenüber dem „Guardian“, ohne Details zu nennen.
Anwohner kleiner Ortschaften entlang der Pazifikküste in Oaxaca sagten dem Blatt, dass die Schlepperei in der Region in den letzten Jahren zugenommen habe, nachdem sie eine Zeit lang völlig verschwunden war. Im Dorf Bahia La Ventosa im Süden des Bundestaats Oaxaca landen pro Woche etwa 80 bis 100 Personen, sagte der Fischer Raul Salinas. Die Menschen kämen meist nachts an, in den Häusern der Fischer bekämen sie zu essen und einen Schlafplatz, ehe die „Kojoten“ sie am nächsten Tag per Bus oder Boot weiterbeförderten.
Auch weiter im Norden, direkt an der Grenze zwischen Mexiko und den USA, wagen viele Migranten die Überfahrt mit dem Boot. Von der mexikanischen Grenzstadt Tijuana gelangt man per Flugzeug in 45 Minuten in die US-Metropole Los Angeles. Zwischen Tijuana und San Diego auf amerikanischer Seite haben die US-Behörden einen fünf Meter hohen Zaun bis in den Pazifik gebaut. Die Küstenabschnitte sind für die Grenzschützer nur schwer zu kontrollieren, immer wieder versuchten Menschen, das Hindernis zu umschiffen oder sogar zu umschwimmen, berichteten US-Medien.

Kritik an Mexiko

Die Verabschiedung des „Plan Frontera Sur“ vor zwei Jahren dürfte nicht zuletzt auf Drängen der USA geschehen sein, mutmaßen Beobachter. Washington förderte die Grenzschutzmaßnahmen mit einer Zahlung von 86 Millionen Dollar (rund 77 Mio. Euro). Die USA haben den Schutz der Grenze zu Mexiko seit den Anschlägen vom 11. September 2001 beständig verstärkt. Waren es im Jahr 1990 noch 3.000 US-Grenzbeamte, die an der mexikanischen Grenze stationiert waren, sind es heute mehr als 20.000. Hinzu kam der beständige Ausbau des Zauns.
Grenzzaun
AP/Guillermo Arias
Der Grenzzaun in der Nähe von Yuma im US-Bundesstaat Arizona
Die verstärkten Schutzmaßnahmen setzten eine Spirale in Gang. Die stark überwachten Grenzen verhinderten, dass illegale Eingewanderte zurück nach Mittelamerika zu ihren Kindern reisen konnten. Viele versuchten daraufhin, ihre Kinder in die USA zu holen. Im Sommer 2014 eskalierte die Situation: Tausende unbegleitete Minderjährige strandeten an der mexikanisch-amerikanischen Grenze, US-Präsident Barack Obama sprach von einem „humanitären Notstand“.
Die mexikanische Regierung wies die Darstellung, Washington habe sie deswegen unter Druck gesetzt, zurück. Man wolle lediglich die Kontrolle über seine Grenze zurückerlangen und Migranten vor dem organisierten Verbrechen schützen. Im Rahmen der Operation seien zahlreiche mutmaßliche Gangmitglieder, Entführer und Schmuggler verhaftet worden, teilte die Regierung bereits 2015 in einem Statement an den „Guardian“ mit.

Großes Thema im US-Wahlkampf

Die Zuwanderung und der Schutz der Südgrenze sind auch zentrale Themen im derzeit laufenden US-Präsidentschaftswahlkampf. Der republikanische Kandidat Donald Trump kündigte an, im Fall eines Wahlsieges eine Mauer zu Mexiko errichten zu wollen, und sorgte mit abschätzigen Aussagen über Mexikaner wiederholt für Empörung. Anders als von Trump behauptet, ist die Zahl der illegal in die USA Eingewanderten aber nicht gestiegen.
Familie vor        Grenzzaun
AP/Gregory Bull
Blick in die USA am Grenzzaun in der Nähe von Tijuana - die Anlage reicht hier bis ins Meer
Laut dem Pew-Institut wird die Zahl der Menschen, die „unautorisiert“ in die Vereinigten Staaten eingewandert sind, auf 11,1 Millionen geschätzt. Von ihnen stellten Mexikaner mit 5,8 Millionen im Jahr 2014 die bei Weitem größte Gruppe, aber ihre Zahl nahm von 2009 bis 2014 um eine halbe Million ab.

Einwanderung aus Mexiko geht zurück

Dass die Zahl insgesamt etwa auf gleicher Höhe bleibt, liegt an einer Zunahme illegal Einwandernder aus Asien und Zentralamerika. Laut Pew kamen von dort zwischen 2009 und 2014 insgesamt 325.000 mehr Menschen. 2014 lebten zwei Drittel oder 66 Prozent der illegalen Eingewanderten seit zehn Jahren oder länger in den USA, 2005 waren es erst 41 Prozent.
Das US-Heimatschutzministerium schätzt, dass im Vorjahr 170.000 Person illegal in die USA eingereist sind. Zehn Jahre zuvor waren es noch 1,7 Millionen gewesen. Grund für den starken Rückgang ist laut der Behörde die Weltwirtschaftskrise und der damit verbundene Abbau Tausender Jobs in den USA. Das mache das Land vor allem für Mexikaner weniger attraktiv.

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