Dienstag, 6. September 2016
Türkei: Putschversuch im Juli 2016 und die Folgen
a) In der Türkei in diesen Tagen. Über Visafreiheit, Fahnenmeer und
all diejenigen, die trotz allem widerständig bleiben – einige
Reisereflexionen
"16. August 2016, Atatürk-Flughafen in Istanbul. Ein Monat und ein Tag
sind seit der Putschnacht im Juli vergangen. Die Schlange an der
Passkontrolle für Nicht-Türkinnen und Nicht-Türken ist auffallend
leer. Im Mai hatte ich noch eine Stunde angestanden, jetzt war alles
innerhalb von 20 Minuten erledigt. (…) Der Tag, an dem ich ankomme,
ist der Tag, an dem die linke, pro-kurdische Zeitung Özgür Gündem
gerichtlich verboten wurde. Polizeieinheiten stürmten die Redaktion
und nahmen alle Anwesenden in Gewahrsam, in der Nacht folgen weitere
Razzien in Wohnungen von Kolumnist*innen und Beiratsmitgliedern – und
weitere Verhaftungen. Düstere Zeiten, keine Frage. Aber wie düster?
(…) Die negativen Schlagzeilen, die man hierzulande vor allem
wahrnimmt, sind absolut zutreffend. Aber sie sind nur ein Teil der
Realität. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil sonst alle real
existierenden Handlungsmöglichkeiten verborgen bleiben - und das
Verständnis für die, die als Aktivistinnen und Aktivisten im Land
bleiben, begrenzt…" Bericht von Susanne Rohland anlässlich ihres
Türkei-Besuchs fürs LabourNet Germany Mitte August 2016
http://www.labournet.de/?p=103956
Im Bericht heißt es schließlich: "… Gelegenheiten für
Solidaritätsaktionen werden uns in nächster Zukunft kaum ausgehen." In
diesem Sinne:
b) Entlassung auf Lebenszeit, keine Möglichkeit zum Widerspruch,
Reisepässe einbehalten - Akademiker*innen für den Frieden von
Entlassungswelle in der Türkei betroffen: Dringender Soli-Aufruf!
Es kommt einem Berufsverbot gleich: In der Nacht vom Donnerstag (1.
September 2016) entschied das Kabinett, 2.346 Akademiker*innen wegen
angeblicher Unterstützung des Putschversuchs vom 15. Juli 2016
dauerhaft aus dem öffentlichen Dienst zu entlassen. Davon betroffen
sind auch 41 "Akademiker*innen für den Frieden" und der
Bildungsgewerkschaft Eğitim-SEN. 2.218 Akademikerinnen und Akademiker
hatten im Januar einen Friedensappell gegen den Krieg im Südosten der
Türkei unterzeichnet, viele von ihnen stehen seitdem unter
juristischer und disziplinarischer Verfolgung. Ihnen jetzt in
Zusammenhang mit dem Putschversuch eine Verbindung zum Islamprediger
Gülen zu unterstellen, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Was
allerdings besonders schwer wiegt: Die Entscheidung schließt eine
weitere Beschäftigung im Öffentlichen Dienst auf Lebenszeit aus. Da
die Entlassung unter Berufung auf geltende Ausnahmezustands-Regularien
getroffen wurde, ist kein Einspruch dagegen möglich, das grundlegende
Recht auf einen fairen Prozess wird mit Füßen getreten. Zugleich
werden die Reisepässe für ungültig erklärt und damit eine
Ausreisesperre verhängt. Die Kolleg*innen bitten dringend um
Protestschreiben aus Universitäten, Berufsverbänden, Gewerkschaften an
die türkischen Autoritäten. Siehe dazu den Soli-Aufruf der
Akademiker*innen für den Frieden vom 3. September 2016 im englischen
Original inklusive Adresssammlung für die Proteste
http://www.labournet.de/?p=103899
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