Sonntag, 8. März 2015

Mexiko - Künstler gegen das Verbrechen

Verzweifelte Rufe, aufgezeichnet von einem Handy, gehören zu den letzten Lebenszeichen eines Studenten: "Wir brauchen einen Krankenwagen! Wir haben einen Verletzten! Holt einen Krankenwagen! Hört auf zu schießen! Wir haben keine Waffen! Warum richtet ihr die Waffen auf uns?" Am 26. September wollten die Lehramtsstudenten nach Mexiko-City fahren, zu einer Demonstration gegen die Regierung. Sie kamen nie an. Eltern und Angehörige fordern endlich Aufklärung An ihrer Hochschule in Ayotzinapa haben die Eltern der 43 Vermissten auf den leeren Stühlen ihrer Kinder kleine symbolische Altäre aufgebaut. Die Mütter und Väter wohnen jetzt in der Schule - eine Mahnwache. Sie fordern von der Regierung endlich Aufklärung über den Verbleib ihrer Kinder. Eine Mutter liest vor aus einem Brief an ihren verschwundenen Sohn, einem der "43": "Ich vermisse Dich. In diesen Tagen ist die Freude von mir gegangen. Du fehlst mir. Ich liebe Dich, mein Kleiner. Wo bist du?" »Der Staat hat uns unsere Kinder genommen, deswegen verlangen wir sie vom Staat wieder zurück. Ihr einziger Fehler war es, hierher zu kommen, um hier zu studieren. Eine andere Hochschule hätten wir uns nicht leisten können. Wir sind arme, einfache Leute.« Mutter eines Vermissten Der traurige Höhepunkt einer Schreckensherrschaft Die 43 verschwundenen und mutmaßlich ermordeten Studenten haben Mexiko in Aufruhr versetzt - weil sich in ihrem Schicksal alle Missstände des Landes bündeln. Armut, die alltägliche Gewalt der Drogenkartelle, ein gleichgültiger Staat. Während eines sechs Jahre andauernden Drogenkrieges sind über 120.000 Menschen ermordet worden. Kunst als moralische Instanz gegen das Vergessen und für ein Ende der Gewalt Der Musiker Lengualerta hat die Geschichte der 43 Studenten in einem Video für einen Protestsong verarbeitet. "For those", "Für jene", heißt sein Lied. Er erzählt von Ayotzinapa und setzt die Trauer an der Schule der Studenten in Szene: Für all die Getöteten, all die Verhafteten. Lebendig verschleppten sie sie, lebendig wollen wir sie zurück! Unsere Freunde leben, bis das Vergessen sie endgültig sterben lässt. »Es ist nicht so, dass die Gewalt irgendwo weit weg geschieht. Sie passiert Bekannten, Freunden, die ganze Gesellschaft ist davon durchsetzt. Deswegen wollen wir als Künstler die Menschen für das Problem sensibilisieren. Wir wollen Öffentlichkeit schaffen, damit Verbrechen, wie jenes an den 43 Studenten nicht wieder in Vergessenheit geraten.« Lengualerta, Musiker "Videoclip und Diskurs", unter dieser Überschrift mischt Lengualerta Musik und Dokumentation. Er will aufklären und mobilisieren. Die 43 ist Symbol des Protests geworden, mahnt überall im Land. Wie eine Wunde, die sich nicht schließen will und soll. "Künstler für Ayotzinapa" heißt eine Aktion, an der sich über 200 mexikanische Künstler beteiligten. Sie haben die Porträts der "43" gemalt, immer mit der Frage verknüpft: Wo seid ihr? Der mexikanische Filmemacher Epigmenio Ibarra stellte die Bilder in Mexiko aus und schickt sie regelmäßig über Twitter an die Regierung. Ayotzinapa sind wir alle, sagt er. »Angesichts solcher Verbrechen, wäre es kriminell zu schweigen und das Verschwinden der 43 Studenten war der Moment, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Aber was können wir als Künstler tun? Kunst muss in dieser Situation das Gewissen sein. Kunst bietet die Möglichkeit der Kommunikation über die Verhältnisse, denn Kunst rührt am Gefühl.« Epigmenio Ibarra, Filmemacher Misstrauen und Zweifel - ein erschütterndes Verbrechen bleibt ungesühnt Vor drei Wochen präsentierte der mexikanische Generalstaatsanwalt eine offizielle Version zum Fall. Demnach seien die Studenten von der lokalen Polizei entführt und an Drogengangster übergeben worden. Diese hätten sie ermordet und die Leichen bei einer Müllkippe verbrannt. Gerichtsmediziner untersuchten den Ort nach DNA-Resten der Verschwundenen. Bislang konnte aber nur ein Student identifiziert werden. Doch solange nicht alle identifiziert sind, ist der Fall offen. Gewalt und Korruption - Ein Land kapituliert vor einer kriminellen Übermacht »Am Tag, als der Präsident vom Verschwinden der 43 erfuhr, ging er Golf spielen. Er brauchte 12 Tage, um zu reagieren. Und einen Tag, nachdem er verkündet, die Studenten seien entführt, ermordet und verbrannt worden, flog er nach China und sagte später: 'ommt endlich darüber hinweg.' Und der Generalstaatsanwalt sagt zum Fall 'Ya me canse', 'Ich habe genug, mir reicht's.'« Epigmenio Ibarra, Regisseur So geschehen auf der Pressekonferenz zum Fall. Der Generalstaatsanwalt auf Nachfragen von Journalisten genervt: "Ya me canse" - "Mir reicht es." Eine Begebenheit mit Symbolgehalt. Eine Künstlergruppe "Ya me canse" verarbeitete den Satz zu einem politischen Statement: Mir reicht es … nicht in dem Mexiko leben zu können, das wir wollen. Mir reicht es ... mit der Gewalt und der Korruption. Mir reicht es ... darauf zu warten, dass die Dinge sich ändern. Lasst sie uns gemeinsam ändern! "Ich werde nicht ruhen, bis sie zurückgekehrt sind" - "For those" / Lengualerta Immer wieder organisieren die Eltern und Angehörigen der 43 Studenten Suchtrupps. Für sie ist der Fall nicht abgeschlossen. Sie hoffen, wenigstens die sterblichen Überreste ihrer Kinder zu finden. Bislang jedoch finden sie immer nur neue Gräber - von anderen Vermissten. Die brutale Realität Mexikos. »Wir leben in einem unsichtbaren Krieg schon seit langem. Aber Ayotzinapa war eine Zäsur. Die Gleichgültigkeit, mit der wir alles hinnahmen, was uns widerfuhr, ist Vergangenheit. Stattdessen sagen wir jetzt: 'Es reicht. Ich habe genug' - 'Ya me canse'.« Lengualerta, Musiker URL: http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/mdr/2014/sendung-vom-22022014-124.html _______________________________________________ Chiapas98 Mailingliste JPBerlin - Mailbox und Politischer Provider Chiapas98@listi.jpberlin.de https://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/chiapas98

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