Du musst dich nicht schämen. Die Gelben Westen und die Klassengewalt in wohlgesetzten Worten.

“…
Die
deutschen Intellektuellen sprechen ungern von Wirtschaft, sondern
lieber von Moral. Sie können die Aktionen der Gelbwesten nachvollziehen,
sagen sie, einige zumindest. Im selben Atemzug verurteilen sie deren
Gewalt. Dabei sind sie blind für die Tatsache, dass die Gewalt der
Gelbwesten eine Notwehr der Geschlagenen gegen die Klassengewalt der
Bürgerlichen ist. Ist nicht Sozialhilfe gewaltsamer als das Anzünden
eines Autos, unbezahlbarer Wohnraum oder Zwangsräumung aggressiver als
die Blockade einer Straße? Arbeitslosigkeit trotz Studienabschluss viel
mehr ein Gewaltakt als das Standhalten im Angesicht eines
Polizeiknüppels – und Drei-Schicht-Arbeit im Kriegslärm der Maschinen im
Vergleich zum Werfen von Pflastersteinen? Was ist die Besetzung einer
Schule gegen die schleichende, stille Gewalt der Ausgrenzung im
Bildungswesen? Wenn die 500 reichsten Personen in Frankreich seit 2008
ihr Vermögen verdreifacht haben und gemeinsam 650 Milliarden Euro
besitzen, während 21,5 Prozent der Jungen ihr Brot nicht verdienen
können, wenn Millionen schon die Miete über den Kopf wächst und ihnen
die Hochkultur die Türen vor der Nase zuschlägt – wer ist dann der
extreme Gewalttäter? (…) Im Nachbarland findet eine Revolte der
Vergessenen gegen das Klassensystem statt. Hier debattieren
Intellektuelle über Plastikstrohhalme oder Bestseller, in denen die
populären Klassen ausgelöscht sind, nicht existieren. Dann kommt ein
Appell, demokratisch gewählte Vertreter müssten die Politik bestimmen.
Man müsse sich an das Gesetz halten, nichts könne Gewalt rechtfertigen.
Das sollten sie den Mädchen und Jungs aus meinem Viertel sagen, die vier
Jahre in lauten und schlecht beheizbaren Containern unterrichtet
wurden, weil ein Bauunternehmen streckenweise die Sanierung des
Schulgebäudes stoppte: Die Stadt konnte nicht zahlen. Diese Mädchen und
Jungs arbeiten jetzt in Fabriken, im Einzelhandel, in der Pflege oder
Leiharbeit, wenn sie nicht arbeitslos sind. Der Gewalt der Armut konnten
sie nicht entkommen. Vielleicht sind sie schon Mütter und Väter. In
Frankreich hätten sie gelbe Westen an…”
Artikel von Mesut Bayraktar vom 26.01.2019 beim ND online
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