Sonntag, 6. Januar 2019

Zugtickets im Vereinigten Königreich seit Jahresbeginn teurer. Minister gibt kämpferischen Gewerkschaften Schuld

Proteste gegen Preispolitik


Von Christian Bunke
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Reisende versucht die Regierung in London gegen die Beschäftigten auszuspielen
Zum Jahreswechsel steigen die Fahrpreise. Dieses eherne Gesetz gilt nicht nur in der Bundesrepublik. So haben Berufspendler und alle anderen im Vereinigten Königreich, die regelmäßig auf die Eisenbahnen angewiesen sind, mit Beginn des neuen Jahres eine deutliche Preissteigerung verkraften müssen. Am Mittwoch trat der Anstieg der durch die Regierung regulierten Fahrkartenpreise in Höhe von 3,1 Prozent in Kraft. Anfang 2018 hatte es bereits eine Erhöhung um 3,4 Prozent gegeben. Zum Vergleich: Die Löhne stiegen im vergangenen Jahr durchschnittlich um 2,6 Prozent.
Hinzu kommt, dass die »regulierten« Tarife der privaten Eisenbahnbetreiber überhaupt nur rund 45 Prozent aller verkauften Fahrkarten betreffen. Darunter fallen Jahreskarten sowie Fahrten, die außerhalb von Stoßzeiten liegen. Alle anderen Preise dürfen von den Betreibergesellschaften nach eigenem Ermessen festgelegt werden. Doch schon die Preise »regulierter« Fahrkarten haben es in sich: 4.082 Pfund (4.540 Euro) kostet im Jahr 2019 beispielsweise eine Jahreskarte für die Strecke zwischen Edinburgh und Glasgow.
Gegen die Preiserhöhungen gab es in zahlreichen großen und mittleren Städten in den vergangenen Tagen Proteste an den Bahnhöfen von Gewerkschaften, Verbraucherschutzorganisationen und Fahrgastverbänden. Gefordert wurden ein Einfrieren der Fahrpreise und eine Rücknahme der Erhöhungen. Darauf reagierte der konservative Verkehrsminister Christopher »Chris« Grayling am Mittwoch in einem Radiointerview für den Sender BBC 4, indem er den Eisenbahngewerkschaften die Schuld zuschob. Die Erhöhungen seien »höher, als sie sein müssten«, weil die Gewerkschaften »mit ihren Androhungen landesweiter Streiks« höhere Gehaltserhöhungen für ihre Mitglieder durchgesetzt hätten »als in anderen Branchen üblich«.
Dem widersprach Andrew »Andy« McDonald, der verkehrspolitische Sprecher von Labour, scharf. Auf Twitter erklärte er: »Das ist ein lächerlicher Versuch, die Beschäftigten bei den Eisenbahnen für die Preispolitik der Tories verantwortlich zu machen.« Es sage demnach »viel aus«, dass Grayling keine Lohnkürzungen »für die Bosse der Betreibergesellschaften oder die Senkung der an Aktionäre ausgezahlten Dividenden fordert«. 2017 wurden Dividenden in Höhe von 165 Millionen Pfund (183 Millionen Euro) ausgeschüttet.
Tatsächlich war gerade die Transportarbeitergewerkschaft RMT auch zwischen den Feiertagen an zahlreichen Streiks beteiligt. Dabei ging es immer um Widerstand gegen geplante Einsparungen durch die Betreibergesellschaften sowie Protest gegen die dadurch verursachte Mobbingkultur. So streikte am 24. Dezember das Personal der Cateringfirma »Rail Gourmet« in Edinburgh, um sich gegen das laut RMT »systematische Mobbing« durch die Arbeitgeber zu wehren. Kollegen würden willkürlich beschimpft, herabgewürdigt und außerdem nicht ausreichend bezahlt, so die Gewerkschaft. Bereits am 22. Dezember hatte es auf der »Northern Rail«-Linie den 41. Streiktag gegen den Versuch der Betreibergesellschaft gegeben, die Zugbegleiter abzuschaffen. Am 31. Dezember führte dasselbe Thema zu einem Streik auf der »South Western Railway«. Für den Zeitraum zwischen dem 5. und 26. Januar hat die RMT weitere Streiks bei »Northern Rail« angekündigt.
Eine Gemeinsamkeit bei den Ursachen für diese Streiks ist, dass britische Eisenbahnbetreiber neben den durch Fahrkarten erwirtschafteten Geldern auch jährliche staatliche Finanzierungen in Milliardenhöhe abstauben, diese Gelder aber trotz gegenteiliger Beteuerungen kaum in die Instandhaltung der Netze oder die Erhöhung des Personalbestandes fließen. Das schlägt sich in einer hohen Störanfälligkeit nieder.
So waren im Jahr 2018 laut Statistiken des Verkehrsministeriums 14 Prozent aller Züge verspätet. So viele Verspätungen hat es seit zwölf Jahren nicht mehr gegeben. Im Februar und März waren außerdem große Teile des Eisenbahnnetzes aufgrund der Auswirkungen eines Orkans fast komplett lahmgelegt. Im Mai kam es in Nordirland wegen einer Fahrplanumstellung zu zahlreichen Zugausfällen. Ein Grund: Die Lokführer mussten sich mit ihren neuen Strecken erst bekannt machen, es gab kein ausreichendes Ersatzpersonal, um die durch Weiterbildungsmaßnahmen entstandenen Lücken aufzufüllen.
Es ist also nicht verwunderlich, dass laut einer aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts »Yougov« vom 2. Januar nur 15 Prozent aller Briten im wahlfähigen Alter gegen die Verstaatlichung der Eisenbahnen sind, während 56 Prozent diese Maßnahme befürworten würden. Labour-Parteichef Jeremy Corbyn beteiligte sich am Mittwoch an Protesten gegen die Fahrpreiserhöhungen und versprach in einem auf Twitter veröffentlichten Video im Fall eines Regierungsantritts die Verstaatlichung der Eisenbahnen als Teil der Schaffung »eines integrierten Transportnetzwerkes«.

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