Kitas im Notstand
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In der Kita zu arbeiten, ist nicht sehr attraktiv. Das liegt an den Arbeitsbedingungen und der Entlohnung
Foto: Christian Charisius/dpa
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Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) beklagt einen dramatischen Notstand in der Personalausstattung von Kindertagestätten. »Die Lage ist dramatisch schlecht«, gab am Freitag die Deutsche Presseagentur (dpa) Bundesvorstandsmitglied Björn Köhler wieder. »Eigentlich bräuchten wir 100.000 Leute sofort, um vernünftig zu arbeiten.« Mangel herrscht demnach vor allem bei den Betreuungsplätzen für Kinder unter drei Jahren, die Nachfrage übersteige das Angebot zum Teil deutlich. Nach GEW-Angaben können mancherorts Einrichtungen einfach nicht loslegen, weil es an ausgebildeten Erzieherinnen und Erziehern fehlt.
Die dpa berichtete über den Fall der Kleinstadt Achim südöstlich von Bremen, in der ein städtischer Träger eine Kitagruppe im Vorjahr für etliche Wochen nur bis 14 statt 16 Uhr öffnen konnte. »Zusätzlich gab es einzelne Schließungstage – immer dann, wenn ich den Betrieb nicht gewährleisten konnte, weil Kolleginnen krank waren«, zitierte die Agentur die Leiterin Hannelore Lankenau. Die Notlage trat ein, nachdem eine Beschäftigte gekündigt hatte und eine andere nach der Probezeit nicht übernommen worden war. Die Suche nach einer neuen Fachkraft sei monatelang erfolglos geblieben. Als Notlösung wären zunächst Eltern und später sogar Verwandte, die teils von weit weg anreisten, mobilisiert worden.
Hauptgründe für die Misere sind das altersbedingte Ausscheiden von Erzieherinnen und der Umstand, dass nicht genügend Nachwuchs bereitsteht. Laut GEW-Mann Köhler ist ein großer Teil des Personals über 50 Jahre alt, das Schlimmste steht somit erst noch bevor. Um die ohnehin nur mäßigen Standards von heute zu halten, müssten mindestens 300.000 zusätzliche Kräfte bis zum Jahr 2025 neu eingestellt werden, meint der Gewerkschafter. Wolle man die Qualität verbessern, seien »wahrscheinlich rund 500.000 zusätzliche Fachkräfte« nötig. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) hat offenbar niedrigere Ansprüche: Sie beziffert den Bedarf unter Verweis auf eine aktuelle Prognos-Studie mit lediglich 190.000 Neueinsteigern in den kommenden sieben Jahren und mit knapp 200.000 bis 2030.
Gleichwohl ist man auch in ihrem Haus alarmiert. »Vor allem in städtischen Ballungsräumen sind teilweise gravierende Engpässe zu verzeichnen«, erklärte eine Ministeriumssprecherin gegenüber dpa. Abhilfe verspricht sich Giffey von einem Förderprogramm des Bundes, mit dem der Erzieherberuf spürbar aufgewertet werden soll. Vom neuen Ausbildungsjahr 2019 bis 2022 sollen den Bundesländern dafür rund 300 Millionen Euro zugeschossen werden. »Es muss attraktiver werden, eine Ausbildung anzufangen, sie abzuschließen und danach im Beruf zu bleiben«, äußerte sich Giffey Mitte Dezember anlässlich der Vorstellung ihrer Initiative. Diese zielt insbesondere darauf, dass die Ausbildungszeit künftig vergütet wird. Bislang erhalten Betroffene in der Berufsschulzeit kein Geld, vor nicht langer Zeit musste bisweilen sogar Schulgeld entrichtet werden.
»Ein großes Problem ist nach wie vor die Bezahlung«, monierte auch GEW-Vorstand Köhler. »Während andere, männlich geprägte Berufe Wertschätzung, also Ausbildungsentgelt, bekommen haben, musste man bei der Erzieherinnenausbildung lange Jahre noch Geld mitbringen.« Mager geht es auch nach den Lehrjahren weiter. Das Anerkennungsjahr wird mit höchstens 1.500 Euro brutto entlohnt, das Einstiegsgehalt liegt im Durchschnitt bei 2.500 Euro. Die Politik müsse endlich deutlich machen, »welchen Wert der Beruf für unsere Gesellschaft hat«, bekräftigte Köhler.
Einen Ausbau beim Personal erhofft sich Ministerin Giffey auch mit dem zum Jahresanfang in Kraft getretenen »Gute-Kita-Gesetz«. Unter anderem soll damit der Betreuungsschlüssel in den Einrichtungen verbessert werden, was – zumal angesichts der weiter steigenden Nachfrage nach Plätzen – nur mit einer kräftigen Einstellungsoffensive zu meistern wäre. Allerdings bleibt es den Ländern überlassen, was sie mit den bis 2022 bewilligten Bundesmitteln in Höhe von 5,5 Milliarden Euro anstellen. Nach einem Bericht von Spiegel online vom Mittwoch soll das Geld vielerorts in die Senkung oder Abschaffung von Kitagebühren und nur in Ausnahmefällen in voller Höhe für Qualitätsverbesserungen verwendet werden.
Nach einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) kann ein Kitaplatz je nach Wohnort erheblich ins Kontor schlagen. Die Bandbreite der Kosten reicht demnach von null Euro bis über 600 Euro pro Monat und Kind. Eigentlich wollte Giffey den Ländern eine bundeseinheitliche Regelung zur Staffelung nach Einkommen der Eltern, Anzahl der Kinder und Betreuungszeit vorschreiben – ist damit aber gescheitert.

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