Dienstag, 22. Januar 2019

Pfarrerin Ruth Misselwitz über Frauenpower und mangelnde Gleichberechtigung sowie die zwei unvollendeten Revolutionen 1918/19 und 1989

Die Kraft der Schwachen


  • Von Karlen Vesper
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  • 19.01.2019, 14:08 Uhr
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  • Lesedauer: 16 Min.
    • Weltweit werden an diesem Samstag Frauen mit »Women‘s Marches« für Gleichberechtigung, gegen Gewalt und Diskriminierung demonstrieren. Am Donnerstag diese Woche gedachte der Bundestag der Einführung des Frauenwahlrechts vor 100 Jahren in Deutschland: Am 19. Januar 1919 durften erstmals zur Wahl zur Nationalversammlung Frauen ihre Stimme abgeben und auch selbst gewählt werden. Aus diesem Anlass sprach »neues deutschland« mit der Frauen- und Bürgerrechtlerin Ruth Misselwitz. Die 1952 im Kreis Luckau geborene studierte Theologin war von 1981 bis 2017 Pfarrerin in der Kirchengemeinde Alt-Pankow in Berlin. 1981 hat sie mit ihrem Ehemann, dem Biologen Hans-Jürgen Misselwitz, und der Regisseurin Freya Klier den Pankower Friedenskreis gegründet, 1989/90 moderierte sie einen Runden Tisch, 1991 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der Mobilen Akademie für Geschlechterdemokratie und Friedensförderung und von 2001 bis April 2010 war sie Vorstandsvorsitzende der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V. Für ihr Engagement wurde sie mit dem Verdienstorden des Landes Berlin und dem Bundesverdienstkreuz geehrt.
      Mit der ersten deutschen Revolution im 20. Jahrhundert erhielten die Frauen in Deutschland das aktive und passive Wahlrecht. Es gab in Erinnerung daran schon im November vergangenen Jahres einen Staatsakt, auf dem auch Kanzlerin Angela Merkel sprach.
      Es waren von ihr erstaunliche Töne zu hören. Bis dahin hat sie sich all die Jahre als Kanzlerin wie CDU-Vorsitzende sehr zurückgehalten, was Frauenrechte betrifft. Die deutlichen Worte nun, waren für mich ganz erstaunlich.
      Vielleicht hat sich Frau Merkel bis dato zurückgehalten, weil ihre Partei ein Männerverein war, in dem sie sich gegen große Widerstände hat durchsetzen müssen?
    • Wahrscheinlich. Aber muss man deshalb sein Geschlecht verleugnen? Und muss man dann nicht erst recht in die Offensive gehen, wenn es um Respekt und Anerkennung, um Gleichberechtigung und Gleichstellung der Frau geht?
      Die erste deutsche Revolution im 20. Jahrhundert brachte das Frauenwahlrecht, im Gefolge der zweiten, der 1989er, gab es etliche Rückschläge in der Emanzipation der Frauen, vor allem in Ostdeutschland schmerzlich erfahren: Abtreibungsparagraf, Massenarbeitslosigkeit, Schließung von Kindergärten etc.
      In den 1990er Jahren gab es in Ostdeutschland eine regelrechte Geburtenverweigerung, die ostdeutschen Frauen wollten auf einmal einfach keine Kinder mehr bekommen. Fast wie beim antiken griechischen Vorbild, der Komödie »Lysistrata« von Aristophanes, in der die Frauen Athens und Spartas sich dem sexuellen Begehren ihrer Männer verweigern, um einen Friedensschluss beider Staaten zu erzwingen. In den 1990er Jahren ging es um die totale Verunsicherung in der Arbeitswelt sowie in der persönlichen Sphäre der ostdeutschen Frauen.
      Ich bin eine emanzipierte Frau durch und durch. Als wir unsere beiden Kinder bekamen, blieb ich mal zwei Jahre zu Hause. Aber, dass ich berufstätig sein will, stand für mich außer Frage und wurde auch von meinem Mann nie in Zweifel gezogen. Als dann aber die Massenarbeitslosigkeit über Ostdeutschland kam und auch viele Pfarrstellen abgebaut oder zusammengelegt und in der kirchlichen Kinder- und Jugendarbeit viele Stellen gestrichen wurden, kamen mir – obwohl ich beruflich nie gefährdet war – Zweifel, ob ich das Recht auf eine Vollbeschäftigung habe, wenn mein Mann eine feste Arbeitsstelle hat. In vielen ostdeutschen Familien waren damals beide Partner erwerbslos. Warum hatte ich ein schlechtes Gewissen?
      Weil das in den Genen der Frau steckt?
      Nee, das ist die Erziehung, Sozialisation, die Umwelt, die uns das immer wieder eingeimpft hat. Das haben wir schon bei unserer Müttergeneration erlebt. Und das blieb, auch wenn in der DDR Frauen eine viel sicherere Position in der Arbeitswelt hatten als in der Bundesrepublik.
      Sie haben in der DDR für Frauenrechte gestritten. Was empfanden Sie als Defizite?
      In den höheren Etagen waren auch in der DDR deutlich weniger Frauen zu finden als Männer, bis hinauf ins ZK der SED. Die Mehrheit der Lehrer an Schulen waren Frauen, aber die Direktoren Männer. Mein Mann arbeitete in der Forschung, an einem Akademieinstitut in Berlin-Buch, auch dort waren die leitenden Funktionen mehrheitlich von Männern besetzt.
      Wie konnte dies sein, wenn die Gleichberechtigung verfassungsrechtlich verankert war?
      Vermutlich, weil die Männerwelt innerlich und äußerlich darauf noch nicht eingestellt war, dass sie ihre Einstellung zum anderen Geschlecht grundsätzlich und gesamtgesellschaftlich verändern muss. Wir haben zum Beispiel darum gekämpft, dass die Doppelbelastung der Frauen im Beruf und in der Familie gemindert wird, die Männer auch mal ihre Ansprüche an die Frauen privat zurückstellen, von ihnen nicht immer erwarten, dass ein leckeres Essen auf dem Tisch steht und die Wohnung blitze-blank ist. Für viele Männer war es auch noch sozial anrüchig, den Kinderwagen zu schieben. Und es gab keine Diskussion darüber, dass der Mann vielleicht mal zu Hause bleibt, wenn die Kinder noch sehr klein oder krank sind. Trotz aller Fortschritte in der Emanzipation gab es noch diese tradierte männliche Mentalität in der DDR.
      Emanzipation: Die Kraft der Schwachen
      Persönlich gekränkt war ich, als wir ostdeutschen Frauen nach der Vereinigung von westdeutschen Feministinnen als »Mutti« bezeichnet wurden – weil wir nicht nur berufstätig, sondern auch Mütter sein wollten!
      Wir hatten sehr intensive Kontakte auch zu westeuropäischen Frauenorganisationen. Da fiel uns ein markanter Unterschied auf: Wir Frauen im Osten hatten einen Beruf, hatten Kinder und waren verheiratet, oft mehrmals. (Lacht)
      Die Scheidungsquote in der DDR war eine der höchsten weltweit.
      Weil die Frauen sich die Freiheit nahmen und die Möglichkeit hatten, sich scheiden zu lassen. Und wir hatten durch die sexuelle Selbstbestimmung der Frau Patchworkfamilien, ohne dass diese damals so genannt wurden. Frauen in der DDR hatten ein ganz anderes Weltbild und waren aber auch viel mehr gestresst als die westdeutschen.
      Von westdeutschen Frauen wurde uns aber vorgeworfen, dass wir viel zu soft wären in Sachen Emanzipation. Tatsächlich waren wir nicht so ideologisiert wie sie, denn wir mussten nicht um eine Arbeitsstelle kämpfen. Wie lange dauerte es, bis in der Bundesrepublik eine Frau ohne Erlaubnis des Mannes eine Arbeit aufnehmen, ein eigenes Bankkonto eröffnen oder den Führerschein machen konnte! Das gab es bei uns seit der Gründung der DDR nicht mehr! Wir waren selbstbestimmter, brauchten um manche Position nicht mehr zu kämpfen.
      Vor der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland befürchteten die Konservativen und Klerikalen, dass dieses den Linken und den Liberalen nützen würde, während umgekehrt jene Gleiches zugunsten des politischen Gegners vermuteten. Wie erklären Sie sich diese Angst in Hinblick auf die Entscheidung von Frauen?
      Wahrscheinlich weil Frauen immer als Projektionsflächen für irgendwelche Schreckensszenarien herhalten müssen, für das Böse schlechthin. Denken wir nur an die Hexenverfolgung. Der Mann hat seine Vorrechtsstellung gegenüber der Frau mit den absurdesten Begründungen zu legitimieren versucht, angefangen mit dem Sündenfall, den Eva angeblich beging, indem sie sich leicht verführbar gezeigt habe und deren körperliche Sinne den männlichen Verstand überrumpelt hätten. Gerade in der christlichen Theologie haben wir eine ungeheure Frauenphobie, ideologisch untermauert.
      Aber warum eigentlich?
      Das hat wohl mit der Angst des Mannes vor der Frau zu tun, die ihm hinsichtlich der körperlichen und mentalen Beschaffenheit überlegen ist. Die Geburtsfähigkeit, die den Mann von der Frau abhängig macht, war Männern schon immer ein Dorn im Auge. Diesen Geburtsneid haben wir seit Adam und Eva. Deshalb behauptet die biblische Geschichte, dass Gott Eva aus einer Rippe von Adam schnitzte. Eine typisch patriarchale Vorstellung.
      Mitten im Ersten Weltkrieg haben Frauen als erste gegen das mörderische Völkergemetzel protestiert. Sind Frauen pazifistischer als Männer?
      Nee, überhaupt nicht. Sie müssen sich bloß mal umgucken.
      Beispielsweise Ursula van der Leyen, unsere militante Verteidigungsministerin?
      Frauen sind keine besseren Menschen. Auch sie haben ihre Abgründe, Tiefen und Höhen, ihre Stärken und Schwächen. Sie sind besonders schwach und fehlbar, wenn sie sich patriarchalen Strukturen unterwerfen, ihnen zu unterwerfen glauben müssen, um Karriere zu machen. Sie meinen, noch bessere, härtere, kompromisslosere Männer sein zu müssen als ihre männlichen Kollegen.
      Eine Frau, die erfolgreich sein will, muss männliche Verhaltensmuster annehmen?
      So funktioniert das leider immer noch. Denken Sie an die britische Premierministerin Margaret Thatcher, die »Eiserne Lady«, oder an Queen Elisabeth I. Die mussten viel härtere Männer sein als ihre männliche Entourage. Deshalb ist prinzipiell ein Systemwandel notwendig, zu mehr partnerschaftlichem, respektvollem Miteinander. Frauen sollten nicht mehr darum kämpfen müssen, genauso zu werden wie ein Mann, sondern eine andere Atmosphäre in die Arbeitswelt einbringen dürfen. Das finde ich ganz wichtig.
      Nach meiner Beobachtung wird das »schwache Geschlecht« vorgeschoben, wenn Männer die Karre in den Dreck gefahren haben: Angela Merkel seinerzeit, als alle führende CDU-Politiker in den Spendenskandal, die »Schwarzen Kassen«, verstrickt waren, Theresa May mit dem Brexit-Desaster. Der Beispiele gibt’s viele. Und Frau soll dann gefälligst wieder zurücktreten, wenn sie ihre Schuldigkeit getan hat.
      Das ist wahr. Aber Frau Merkel hat man total unterschätzt. Bei allem, was ich an ihr zu kritisieren habe, gerade was den Umgang mit Griechenland betraf, der zerstörerisch war, auch für die EU, hat sie wichtige Dinge durchgesetzt, die sonst kein anderer Bundeskanzler gewagt oder gewollt hätte. Sie hat die Bundesrepublik und ihre Partei kräftig verändert, hat Kindergärten bundesweit durchgesetzt, die Ehe gleichgeschlechtlicher Partner und die Quotenregelung eingeführt …
      Die 1918er Revolution wird als unvollendete, halbherzige, unglückliche oder abgebrochene bezeichnet. Trifft das auch auf die Friedliche Revolution von ’89 zu?
      Wir haben nicht an eine Wiedervereinigung Deutschlands gedacht, haben die Teilung Deutschlands akzeptiert als eine Folge der deutschen Schuld an zwei Weltkriegen. Wir forderten Reisefreiheit und Offenheit der Grenzen, Demokratie und Pressefreiheit. Wir wollten mit Gorbatschow ein Haus Europa, das nicht eine Festung ist, sondern ein gemeinschaftliches Heim, in dem die feindlichen Lager aufgehoben sind und wir eine demokratische, eine menschliche, eine soziale Gesellschaft aufbauen – einschließlich der Anerkennung nationaler Unterschiede.
      Die Entwicklung ist uns aus der Hand geglitten. Aus den Rufen »Wir sind das Volk!« wurde der Ruf »Wir sind ein Volk!« Wir wollten den dritten Weg, also weder eine diktatorische DDR noch eine kapitalistische Bundesrepublik, sondern einen demokratischen Sozialismus. Unsere Niederlage wurde bei den Wahlen im März 1990 sichtbar. Die CDU hat dann die Herrschaft übernommen.
      Also war 1989 eine abgewürgte oder missglückte Revolution?
      Welche Revolution kann von sich behaupten, dass sie alle ihre Ziele erfüllt hat? Denken Sie an die Französische Revolution oder die russische 1917. Da können wir noch froh sein, dass bei uns keine Köpfe gerollt sind. Und das ist ein hoher Wert, für den wir gar nicht genug dankbar sein können.
      Was als nicht eingelöst bezeichnet werden muss, war unsere Hoffnung auf ein friedliches Haus Europa. Das Auseinanderbrechen von Jugoslawien löste einen furchtbaren Krieg aus und die Mauer quer durch Zentraleuropa ist jetzt an deren südliche Grenzen verschoben. Das sind für mich die bittersten Erfahrungen. Das Friedenskonzept, von dem wir getragen waren, hat sich nicht erfüllt. Die Militärindustrie hat sich durchgesetzt.
      Glauben Sie noch an die Machbarkeit eines demokratischen Sozialismus?
      Darüber streiten sich berühmte Köpfe. Ich möchte mich nicht um ideologische Kategorien zoffen. Aber soziale Gerechtigkeit ist für mich sehr wichtig. Die Schere zwischen Arm und Reich darf nicht noch weiter auseinandergehen, denn dann gibt es Unfrieden. Es kann nicht sein, dass der Reichtum der Welt in wenigen hundert Händen ist und Milliarden Menschen in bitterster Armut leben. Vor Flüchtlingsströme schützen uns nicht die raffiniertesten Waffensysteme, da helfen nur Ausgleich und Gerechtigkeit.
      Wie setzt man Gerechtigkeit durch?
      Über die Instrumente der Politik, die wieder eine viel stärkere Rolle spielen muss. Es müssen beispielsweise gerechte Steuersysteme eingeführt werden, die Reichen besteuert werden. Frieden ist nur durch Gerechtigkeit zu sichern.
      Was empfanden Sie, als in Chemnitz, Köthen und anderswo AfD- und Pegida-Demonstranten »Wir sind das Volk!« riefen, die originäre Losung von 1989?
      Den habe ich nicht erst wieder in Chemnitz gehört, sondern schon 2006 in der Sporthalle Pankow-Heinersdorf bei einer Bürgerversammlung, in der es um den Bau einer Moschee ging und wo deren Gegner aufmarschiert sind. Ich war zutiefst erschüttert, wie unser Spruch in einer Art missbraucht wurde, die mich fast zerrupft hätte. Aber so ist das mit Losungen, die können jederzeit für andere Zwecke instrumentalisiert werden, sind nicht vor Verkehrung ihres ursprünglichen Sinns geschützt. Wobei man natürlich sagen muss, jene, die heute diese Losung skandieren, empfinden sich als das Volk und man sollte sie auch anhören, mit ihnen diskutieren.
      Unmöglich finde ich die ewige Schelte, die »blöden Ossis« haben nichts gelernt, wissen nicht, was Demokratie ist, sind alle diktaturgeschädigt. Diese Arroganz ist empörend. Da haben wir es auch wieder mit einer Projektionsfläche zu tun, wohin man gern das »Böse« verlagert. Die AfD sitzt in allen Bundesländern in den Parlamenten, nicht nur in Ostdeutschland. Wir haben Rechtsruck und Rechtspopulismus in ganz Europa und besonders krass in den USA. Das ist kein ostdeutsches Phänomen. Man sollte sich ernsthaft mit den Ursachen beschäftigen.
      Und diese wären?
      Dass sich bestimmte Bevölkerungsgruppen ausgegrenzt und abgehängt fühlen, weshalb sie leichtfertig Populisten hinterher laufen.
      Aber es ist wahrlich ein Unding, das Ostgehälter und Ostrenten 30 Jahre nach der Vereinigung immer noch niedriger sind als im Westen!
      Und das trotz gleicher Lebenshaltungskosten. Das ist ein Skandal. Gleiche Gehälter und Renten sind längst überfällig.
      Gibt es die Ungleichbehandlung zwischen ost- und westdeutschen Angestellten auch in der Kirche?
      Ja, das gab es und das habe ich beispielsweise auf der Berlin-Brandenburgischen Synode im Jahr 2000 angesprochen, kam aber damit nicht durch. Die Angleichung der Ostgehälter an die Westgehälter wurde immer mit dem Argument der finanziellen Überforderung der Kirche zurückgewiesen. Ich hatte damals einen Initiativantrag mitorganisiert, in dem wir vorschlugen, dass alle kirchlichen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Pfarrer und Pfarrerinnen auf das ostdeutsche Gehaltsniveau reduziert werden, so hätte die Kirche noch einen finanziellen Gewinn. Der Antrag bekam keine Mehrheit. Ein westlicher – männlicher – Kollege sagte mir, er würde nicht zustimmen, weil er sonst seine Kinder nicht mehr ernähren könne. Da musste ich lachen. Ich hatte auch Kinder zu ernähren.
      Seit 2012 gibt es aber innerhalb der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg keine unterschiedlichen Tarifverträge mehr.
      Sie hatten eigentlich Klinische Psychologie studieren wollen, wurden aber wegen »gesellschaftlicher Unreife« abgelehnt. Was war darunter zu verstehen?
      Die mir attestierte »Unreife« bezog sich darauf, dass ich aus einem Pfarrhaushalt kam, weshalb ich auch nicht Mitglied der Pionierorganisation und zunächst auch nicht der FDJ, der Freien Deutschen Jugend, war. Man wollte mir trotz sehr guter Noten den Zugang zur EOS, zur Erweiterten Oberschule, also zum Gymnasium, verwehren. Da hat mein Vater protestiert, ist zum Bezirksrat getrabt und hat auf die verfassungsrechtliche Religionsfreiheit gepocht. Das hat er für alle seine Kinder gemacht.
      Als mir dann von Mitschülern vorgehalten wurde, ich könne mir kritische Äußerungen leisten, weil ich nicht in der FDJ sei, bin ich dieser in der 10. Klasse explizit beigetreten, denn diese Unterstellung hat mich wahnsinnig geärgert. Nun habe ich innerhalb der FDJ Kritik geübt, was aber auch nicht viel bewegte.
      Bedauern Sie, dass Sie dann dennoch anderes studieren mussten?
      Ich bedauere überhaupt nichts. Dass ich Theologie studieren konnte, war ein glücklicher Umstand, ich würde sogar sagen: eine göttliche Fügung. Der Herrgott wollte mich auf diesem Posten. Und ich habe das nie bereut.
      Sie gehörten zu den ersten organisierten Oppositionellen in der DDR, als es noch keine Massenproteste gab, Sie eine kleine Minderheit bildeten. Hatten Sie Angst, dass Ihnen und Ihrer Familie Ungemach widerfahren könnte? Oder waren Sie durch die Kirche geschützt?
      Ich hatte immer den Rückhalt meiner Kirche. Wir hatten in Berlin-Brandenburg Bischof Gottfried Forck, auf den wir uns in der kirchlichen Friedensarbeit hundertprozentig verlassen konnten. Andere Bischöfe, in Thüringen oder in Mecklenburg, waren nicht so standfest. Aber selbst in diesen Landeskirchen musste kein Pfarrer um seinen Arbeitsplatz bangen. Wir hatten tatsächlich in der Kirche einen geschützten Raum. Für die private Sphäre galt das nicht.
      Beispielsweise?
      Ende der 1970er Jahre, als ich gerade im Babyjahr war, hatten wir einen Mittwochkreis gegründet, in dem wir die Ideen der sowjetischen Avantgarde und der Frankfurter Schule diskutierten. Damals schon wurden wir observiert. Es sollte eine Abhöranlage in einer Wohnung unter uns eingebaut werden. Die dortigen Mieter haben sich dem Ansinnen der Stasi verweigert: »Das kommt gar nicht infrage!« Sie waren Mitglieder der SED, aufrechte Genossen, die uns damals auch sogleich darüber informiert haben. Später haben wir dies in den Stasi-Akten bestätigt gefunden und erfahren, dass man eine Abhöranlage mit Richtmikrofonen dann in einer konspirativen Wohnung auf der anderen Straßenseite, uns gegenüber, eingebaut hat.
      »Virus« hieß der »Operative Vorgang« gegen uns. Wir ahnten oder wussten jedenfalls schon damals, dass wir beobachtet wurden und in unsere Gruppe Spitzel eingeschleust sein könnten. Wir ließen uns davon aber nicht beirren.
      Bemühten Sie sich um Gegenmaßnahmen?
      Nein, wir versuchten lediglich darauf zu achten, dass man uns nicht durch Verdächtigungen gegeneinander ausspielt und die Gruppe sich dadurch auflöst. Das ist der Stasi bei einigen Gruppen gelungen. Wir bestanden aber auch darauf, keine Untergrundgruppe, sondern ganz legal zu sein. Wir wollten in aller Öffentlichkeit wirken. Unsere Haltung war: Alles, was wir sagen und tun, können wir auch vor jedem Stasi-Offizier verantworten.
      Erlebten Sie dennoch eine große Enttäuschung, als Sie später Ihre Akten einsahen?
      Es gab niemanden aus unserem persönlichen Umfeld, der eine große Enttäuschung war, kein einziger. Zu jenen, die im weiteren Umfeld entlarvt wurden, hatten wir schon damals ein distanziertes, kein sehr vertrautes Verhältnis. Eine Enttäuschung war vielleicht »Knut«, weil er uns sympathisch erschien.
      Ja, wir waren mit massiven Angriffen konfrontiert, darunter Denunziationskampagnen. Man hat beispielsweise versucht, unsere Ehe auseinanderzubringen. Und wir standen auch mal unter Hausarrest. Da wurde schon heftiger Druck auf uns ausgeübt. Wir schrieben damals eine Vollmacht, dass unsere Kinder zum Bruder meines Mannes in Jena kommen, falls wir verhaftet werden. Und wir weihten unsere Kinder ein.
      Sind Sie stolz darauf, zur Avantgarde der »Friedlichen Revolutionäre« zu gehören?
      Pff! Stolz? Sagen wir so: Ich bin in eine Situation hineingestellt worden, für die ich sehr dankbar bin. Wir haben in der DDR etwas gewagt und unglaublich viel Solidarität und Vertrauen erlebt. Das ist für mich das größte Geschenk gewesen. Daraus habe ich viel Kraft gesogen, und das trägt mich bis heute.
      Ich weiß, vieles von dem, wofür wir eintraten, worauf wir gehofft und woran wir geglaubt haben, ist nicht eingelöst. Aber auch dies ist eine Erfahrung, die ich in meinem Leben nicht missen möchte. Wir haben etwas bewirkt und bewegt. Diese Gewissheit möchte ich gern weitergeben an Menschen, die heute hoffnungslos und eventuell von einem Gefühl der Ohnmacht bemächtigt sind. Ich habe mich immer an einen Spruch in der Bibel gehalten. Da sagt Gott zu Paulus: »Lass dir an meiner Gnade genügen, denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.«
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