Mittwoch, 2. Januar 2019

Fackelzug für Bandera und ein neuer Kandidat für die ukrainische Präsidentschaft

Nicht komisch

Von Reinhard Lauterbach
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Ukrainischer »Partypatriotismus«: Anhänger der »Nationalen Gefolgschaft« huldigen in Kiew Nazikollaborateur Stepan Bandera (1.1.2019)
Mehrere tausend ukrainische Neofaschisten haben am Dienstag in Kiew und anderen Städten des Landes an den 110. Geburtstag des Nazikollaborateurs Stepan Bandera erinnert. Das Kiewer Parlament hatte den 1. Januar kurz vor dem Jahreswechsel in die Liste der offiziell zu begehenden Gedenktage aufgenommen – zusammen mit Jubiläen weiterer ukrainischer »Helden«, die ihre »Würdigung« durch die Organisation antipolnischer und antijüdischer Pogrome errungen haben.
In der Nationalistenhochburg Lwiw sprach auf dem Bandera-Gedenkappell der örtliche Bürgermeister und Vorsitzende der im Westen gern als »reformorientiert« eingestuften Partei »Selbstverteidigung«, Andrij Sadowij. Zu Füßen des überlebensgroßen Bandera-Denkmals bedauerte er, dass Bandera leider nicht in der ganzen Ukraine so leidenschaftlich verehrt werde, wie in Lwiw. Dessen Bürger könnten aber Vorbild für den Rest des Landes sein.
Zumindest für Kiew galt das nicht, denn dort gab es gleich zwei Festzüge. Die Partei »Swoboda« hatte die traditionelle Form eines Fackelzugs einschließlich drohender Parolen wie »Tod den Feinden der Nation« gewählt, an dem einige tausend Menschen teilnahmen. Die »Nationale Gefolgschaft«, Nachwuchsorganisation des paramilitärischen Bataillons »Asow«, marschierte parallel mit einigen hundert meist jungen Leuten in Kampfanzügen und Weihnachtsmannmützen. Als Schneemänner verkleidete Jungnazis verteilten kleine Geschenke an beistehende Kinder, offensichtlich in der Absicht, Neujahr und Bandera-Geburtstag vereint als einen ukrainischen »Partypatriotismus« zu inszenieren.
»Spaßig« mutet auch die offizielle Präsidentschaftsbewerbung von Wolodimir Selenskij an. Die kündigte der ukrainische Comedystar am Silvesterabend an. Selenskij ist der Titelheld der Serie »Diener des Volkes«, die seit 2015 im Fernsehkanal 1+1 ausgestrahlt wird. Darin wird ein einfacher Lehrer, der vor seiner Klasse über die politische Klasse des Landes gelästert hatte, populär und schließlich Präsident, nachdem ein Mitschnitt der Klassenzimmertirade im Internet landet. Seine Kandidatur gilt als Manöver des Oligarchen Igor Kolomojskij – dem auch 1+1 gehört –, Präsident Petro Poroschenko zu schaden. Der Sender zeigte in der Neujahrsnacht Selenskijs Auftritt kurz vor und Poroschenkos Neujahrsansprache kurz nach Mitternacht – wo die nötige Aufmerksamkeit wohl gefehlt haben dürfte.
Egal, wie seriös die Bewerbung Selenskijs ist, politisch ernstzunehmen ist sie durchaus. Gegenwärtig liegt der Komiker laut Umfragen auf dem zweiten Platz hinter Julia Timoschenko und würde damit in die Stichwahl gehen. Amtsinhaber Poroschenko folgt auf Platz drei, knapp vor Jurij Bojko, dem »Kandidaten des Südens und Ostens«, der sich vor allem an die russischsprachige Bevölkerung wendet. Selenskij spricht sich für Verhandlungen mit den international nicht anerkannten Volksrepubliken des Donbass aus und will den Krieg möglichst schnell beenden. Timoschenko fordert demgegenüber ein militärisches Vorgehen gegen die Volksrepubliken; ihre »Reintegration« in die Ukraine sei unmöglich, hat sie erklärt, weil dann »die Separatisten die Herrschaft in der ganzen Ukraine übernehmen« würden. Ein interessantes Argument, weil sich daran die Frage anschließen müsste, wer in der Ukraine eigentlich die Separatisten sind. Umfragen westlicher Institute aus den letzten Monaten des Jahres 2018 haben gezeigt, dass 72 Prozent der Ukrainer den Krieg leid sind und im Landesdurchschnitt ein Viertel der Bevölkerung der Einstufung Russlands als »Aggressor« nicht zustimmt. In den östlichen und südlichen Regionen hat sich der Anteil der »Prorussen« trotz Repressionen und Propaganda auf dem Niveau von etwa 50 Prozent gehalten.

https://www.jungewelt.de/artikel/346451.ukraine-nicht-komisch.html

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