Nicht komisch
Von Reinhard Lauterbach
Ukrainischer »Partypatriotismus«: Anhänger der
»Nationalen Gefolgschaft« huldigen in Kiew Nazikollaborateur Stepan
Bandera (1.1.2019)
Foto: Valentyn Ogirenko /REUTERS
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In der Nationalistenhochburg Lwiw sprach auf dem Bandera-Gedenkappell der örtliche Bürgermeister und Vorsitzende der im Westen gern als »reformorientiert« eingestuften Partei »Selbstverteidigung«, Andrij Sadowij. Zu Füßen des überlebensgroßen Bandera-Denkmals bedauerte er, dass Bandera leider nicht in der ganzen Ukraine so leidenschaftlich verehrt werde, wie in Lwiw. Dessen Bürger könnten aber Vorbild für den Rest des Landes sein.
Zumindest für Kiew galt das nicht, denn dort gab es gleich zwei Festzüge. Die Partei »Swoboda« hatte die traditionelle Form eines Fackelzugs einschließlich drohender Parolen wie »Tod den Feinden der Nation« gewählt, an dem einige tausend Menschen teilnahmen. Die »Nationale Gefolgschaft«, Nachwuchsorganisation des paramilitärischen Bataillons »Asow«, marschierte parallel mit einigen hundert meist jungen Leuten in Kampfanzügen und Weihnachtsmannmützen. Als Schneemänner verkleidete Jungnazis verteilten kleine Geschenke an beistehende Kinder, offensichtlich in der Absicht, Neujahr und Bandera-Geburtstag vereint als einen ukrainischen »Partypatriotismus« zu inszenieren.
Egal, wie seriös die Bewerbung Selenskijs ist, politisch ernstzunehmen ist sie durchaus. Gegenwärtig liegt der Komiker laut Umfragen auf dem zweiten Platz hinter Julia Timoschenko und würde damit in die Stichwahl gehen. Amtsinhaber Poroschenko folgt auf Platz drei, knapp vor Jurij Bojko, dem »Kandidaten des Südens und Ostens«, der sich vor allem an die russischsprachige Bevölkerung wendet. Selenskij spricht sich für Verhandlungen mit den international nicht anerkannten Volksrepubliken des Donbass aus und will den Krieg möglichst schnell beenden. Timoschenko fordert demgegenüber ein militärisches Vorgehen gegen die Volksrepubliken; ihre »Reintegration« in die Ukraine sei unmöglich, hat sie erklärt, weil dann »die Separatisten die Herrschaft in der ganzen Ukraine übernehmen« würden. Ein interessantes Argument, weil sich daran die Frage anschließen müsste, wer in der Ukraine eigentlich die Separatisten sind. Umfragen westlicher Institute aus den letzten Monaten des Jahres 2018 haben gezeigt, dass 72 Prozent der Ukrainer den Krieg leid sind und im Landesdurchschnitt ein Viertel der Bevölkerung der Einstufung Russlands als »Aggressor« nicht zustimmt. In den östlichen und südlichen Regionen hat sich der Anteil der »Prorussen« trotz Repressionen und Propaganda auf dem Niveau von etwa 50 Prozent gehalten.
https://www.jungewelt.de/artikel/346451.ukraine-nicht-komisch.html
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