Sexualisierte Folter ist eine geplante Gewaltausübung
Italia Méndez und Norma Jiménez über ihre Klage gegen Mexiko vor dem Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof
Neues Deutschland v. 19.1217
In San Salvador Atenco hatte sich die Bevölkerung
erfolgreich gegen den Bau eines Großflughafens organisiert.
Als Anfang Mai 2006 Straßenhändler vertrieben wurden, ging die
Bundespolizei gegen Protestierende vor. Wer war dafür
verantwortlich, Frau Méndez?
Italia Méndez: Niemand Geringeres als der heutige Präsident
Enrique Peña Nieto. Als Gouverneur des Bundesstaates México
ordnete er die Zerschlagung der Proteste an. Er statuierte ein
Exempel gegen die Zivilgesellschaft, denn 2006 brodelte es im
ganzen Land. Die Andere Kampagne der Zapatisten zog durch
Mexiko, und in Oaxaca und anderswo protestierten die Menschen
gegen Armut, Ausschluss und Ungerechtigkeit. Ich hatte nicht die
geringste Ahnung, was passieren würde, als ich gemeinsam mit 207
anderen Demonstrierenden festgenommen wurde. In den Bussen, die
uns ins Gefängnis brachten, wurde sexualisierte Folter gegen
mich und andere Frauen angewandt. Es waren keine spontanen Akte,
sondern ein geplantes und angeordnetes Vorgehen.
Frau Jiménez, Sie bezeichnen sexualisierte Folter sowohl als
Tabuthema wie als alltägliche Praxis in Mexiko ...
Norma Jiménez: Sexualisierte Folter ist ein Instrument der
sozialen Kontrolle. Eine extreme Situation der Passivität, die
vor allem Frauen durchleben. Sie geht einher mit entwürdigender
verbaler Gewalt. In den vergangenen Jahren haben wir uns mit
Aktivistinnen und Überlebenden ausgetauscht. Dabei ist
auffällig, dass im sogenannten »Drogenkrieg« vor allem einfache
Frauen festgenommen werden, die als Sündenböcke einer brutalen
Sicherheitspolitik dienen. Die Überlebenden versuchen zu
vergessen. Sie schweigen vor Scham. Doch die Haut hat
Erinnerungen. Manche Dinge verschwinden aus dem Kopf, aber bei
einer kleinen Berührung ist die ganze Situation wieder da. Wir
dürfen nicht vergessen, dass sexualisierte Folter eine geplante
Gewaltausübung ist, die im Einklang mit Verschwindenlassen und
anderen Praktiken zu einer Paralysierung der Zivilgesellschaft
führt. Währenddessen werden Land, Ressourcen und Wasser für den
Weltmarkt ausgebeutet.
Méndez: Es war sehr wichtig, dass wir immer Begleitung hatten,
Menschen, die uns Beistand leisteten, medizinisch, psychologisch,
juristisch. Es ist eine furchtbare Vorstellung, dass viele Frauen
damit ganz alleine sind. Die sogar im Gefängnis sitzen, weil sie
mit einer unter Folter erzwungenen Aussage zu Schuldigen gemacht
wurden. Wir haben 2015 eine Kampagne gestartet, um darauf
aufmerksam zu machen. Solidarität ist unsere Waffe, die
Diffamierung zu durchbrechen.
Fast zehn Jahre sind seit der Polizeigewalt in Atenco
vergangen. Gerade haben Sie den Fall dem Interamerikanischen
Menschenrechtsgerichtshof vorgetragen. Warum konnten Sie in
Mexiko keine Gerechtigkeit erlangen?
Méndez: Nach der Hölle der Folter versuchten die Behörden, uns in
Stücke zu zerlegen. Wir wurden als Lügnerinnen bezeichnet; uns
wurde vorgeworfen, wir würden einem Handbuch folgen, wie wir
glaubhaft machen können, vergewaltigt worden zu sein. Sie wollten
uns zerstört sehen, aber das ist ihnen nicht gelungen. Wir haben
immer wieder uns selbst klargemacht: Der Staat will, dass wir
schweigen. Deshalb ist es umso wichtiger, dass wir nicht
schweigen.
Was erhoffen Sie sich von dem Prozess gegen Mexiko vor dem
Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof?
Jiménez: Für uns ist es nicht ausschlaggebend, die Namen der
Täter in Uniform zu ermitteln. Wir wollen Gerechtigkeit und
Wiedergutmachung vom Staat. Denn es war der Staat, der uns das
angetan hat. Wir, die wir seine Aggression überlebt haben, haben
es uns zur Aufgabe gemacht, auf dieses Unrecht aufmerksam zu
machen. Dafür geben wir unseren Namen und unser Gesicht.
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