Bericht aus dem Erdbebengebiet Isthumos von Tehuantepec,
Oaxaca
Um Mitternacht Donnerstag auf Freitag bebte die Erde in
Südmexiko extrem stark, das Epizentrum war 120 km vor der
Küste von Chiapas und Oaxaca (Istmo). Innerhalb eines Tages
hat Codigo DH eineinhalb Tonnen Nothilfe gesammelt und trotz
Schwierigkeiten auf dem Weg wegen Erdrutschen konnte am
Samstag die Brigade in Juchitán die Hilfe verteilen. Auf
dieser Reise waren ein Arzt, ein Architekt und ein
Journalist von einem freien Medium.
Der Arzt berichtet am Sonntag von der Reise, hier kurz
zusammengefasst:
Tehuantepec ist wenig beschädigt, die Hafenstadt Salina
Cruz im Zentrum stark, mehrere Häuser eingestürzt. Juchitán
ist extrem stark beschädigt.
Die Brigade von Codigo DH arbeitete mit der Asamblea
Popular del Pueblo Juchiteco (APPJ) zusammen, um zwei
Quartiere zu besuchen, die 7ª sección und die 5ª sección.
Zwei Armenquartiere, wo keine Hilfe der Regierung ankam,
obwohl Präsident Peña Nieto und Gouverneur Murat am Samstag
im Zentrum von Juchitan waren und die Fotos um die Welt
gingen. In den Quartieren besuchte die Brigade ca 10 % der
Strassen und der Architekt hat folgende Diagnose gemacht:
40% der Häuser sind eingestürzt. Weitere 30 % stehen noch,
aber sind nicht reparierbar. So steht zum Beispiel das Haus
des Bruders von Mariano, eines Mitglieds der APPJ, aber 80 %
der Betonstützen des Hauses sind frakturiert, das heisst,
das Haus muss abgerissen werden. Der Besitzer hat 20 Jahre
am Haus gebaut, bis es vor zwei Jahren fertig war…
Die Leute leben seit dem Beben auf der Strasse, im
Schockzustand, viele Nachbeben erschüttern die Stadt mit
100’000 Einwohnern. Niemand will sein Haus verlassen und
bspw. ins Zentrum gehen für ein Hilfspaket. Niemand wagt es,
die Gasleitungen zu öffnen und zu kochen, weil es überall
nach Gas riecht. Alle warten auf Hilfe der Regierung, und
die kommt nicht. Die Strassen sind voll Schutt, und die
Nachbarn haben die Strassen teilweise auch absichtlich
gesperrt, aus Sicherheitsgründen, denn die Kriminalität ist
ein grosses Problem und unter diesen Umständen eine
zusätzliche Bedrohung. Die Brigade sah, wie ein Lastwagen
von Liconsa (verbilligte Milch für Arme) vor einem
zerstörten Haus in der 5ª sección Halt machte, und die
Chauffeure ausstiegen und eine Foto mit dem Lastwagen vor
dem Schutt machten. Die Nachbarn meinten, dass die dann den
Lastwagen öffnen und Hilfe verteilen, war aber nicht der
Fall, sie sind wieder eingestiegen und davongefahren.
Die wenigen Hilfsmittel, die Codigo DH verteilen konnten,
gingen innerhalb kurzer Zeit in den beiden Quartieren unter
die Leute. Es kam dabei auch zu Diskussionen, weil auch
Leute, die für die Windkraftprojekte ihr Land vermieten,
dran kamen. Die Hilfe war natürlich für alle ohne
Unterschied. Der Arzt hat Patienten notdürftig versorgt.
Seiner Analyse nach sind die direkt vom Erdbeben verletzten
Personen mehr oder weniger versorgt. Mehr Sorgen bereitet
der Allgemeinzustand der Bevölkerung, denn viele mit hohem
Blutdruck, mit Diabetes oder anderen chronischen Krankheiten
sind durch den Stress, den fehlenden Schlaf, die ungenügende
Ernährung in gefährlichem Zustand. Zudem sind die Familien,
die Mitglieder verloren haben, noch nicht fähig gewesen,
wirklich zu trauern. Die Trauerrituale im Istmus sind sehr
intensiv und dauern mehrere Tage, doch die Erdbebenopfer
konnten nur kurz betrauert werden, am Samstag wurden sie im
engsten Kreis beerdigt ohne grosse Trauerzüge, ohne die
kollektiven Trauerrituale.
Die humanitäre Situation ist ausserhalb von Juchitán
ähnlich schwierig, oder zum Teil noch schwieriger aufgrund
der unterbrochenen Kommunikationswege. Andererseits
praktizieren auf dem Land die Leute stärkere kollektive
Hilfeprozesse (tequio). In den Ikoots-Dörfern San Mateo del
Mar und San Dionisio del Mar schlafen die Leute in den
Huegeln aus Angst vor einem Tsunami. In Ixhuatan ist die
kommunitäre Sekundarschule zusammengestürzt. Die
Migrantenherberge von Ixtepec erlitt geringeren Schaden, die
Migranten gingen mit Schaufel und Pickel daran, den Nachbarn
zu helfen bei der Schutträumung. Auch weiter weg von der
Küste ist die Zerstörung sichtbar, so sind in den Sierras
die starken Regenfälle zusammen mit dem Erdbeben eine
zusätzliche Gefahr für Erdrutsche (Sierra Mixe, Sierra
Norte).
Die Zivilgesellschaft in Oaxaca organisiert sich bzgl.
Nothilfe, alle Sektoren der Gesellschaft bewegen sich,
organisieren Hilfspakete. Die Bereitschaft ist gross, auch
aus Mexiko Stadt, oder aus Ayotzinapa, ist Hilfe unterwegs.
Wie immer ist die Logistik die grösste Herausforderung der
Nothilfe. Und die Gefahr ist gross, dass die Katastrophe
auch politische Vorteile bringt für die Parteien und
Regierungen. Am Tag des Erdbebens, Freitag, war Peña Nieto
erstmals in Oaxaca Stadt und nahm an einem
Aussenhandelskongress teil. Dabei stiess er auf die Wut der
Bevölkerung und der sozialen Organisationen wie die
Lehrergewerkschaft. In einer fünfstündigen Strassenschlacht
wurden Dutzende Leute verletzt, mehrere schwer. Im Isthmus
soll im Oktober eine Sonderwirtschaftszone eingeweiht
werden. Der Schockzustand, in dem sich nun die Bevölkerung
befindet, wird ihm dies erleichtern.
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