Samstag, 16. September 2017

Die Rebellion der Maulwürfe (Monika Köhler)


Sie quälen sich durch die Wand, quetschen sich durch eine enge Röhre – wie ein Geburtskanal –, fallen in einen hellen Raum. Auch von oben brechen sie Stücke heraus. Wo kommen sie an? Ist es das gelobte Land? Alte Zeitungen liegen verstreut herum. Sie haben den Durchbruch geschafft: Riesenmaulwürfe. Sie merken schnell, dass es hier nicht besser ist als in ihrem Höhlenland, und fangen an, den Raum zu zerstören.

So beginnt in der Hamburger Kampnagelfabrik das Stück von Philippe Quesne aus Paris: »Die Nacht der Maulwürfe« (im Rahmen des Sommerfestivals bis zum 27.8.). Wenn das »Utopien aus dem Underground« sind, wie es das Programmheft suggerieren will, gar am Höhlengleichnis Platons orientiert, dann kommen das Aufmüpfige, die Rebellion zu früh. Für die Zuschauer ist alles ein großer Spaß. Ohne Bedeutung? Die sieben Maulwürfe in ihren dicken Pelzhäuten haben sich durchgearbeitet und sitzen nun schwer atmend, schnaufend, hechelnd im Raum, der keine neue Welt, sondern eine Enttäuschung ist. Sie haben große Erdbrocken aufgeschichtet – als Waffen? Das kleinste der Tiere kam sogar mit roter Spitzhacke. Die Wände dieser Scheinwelt (wie ein Papiertheater für Kinder) sind bald demoliert unter wildem Trommeln, das Gerüst ist weggeschoben. Die Wühler finden Trost in der Musik, einige haben eine Band gebildet, Gitarren, Schlagzeug und Theremin, ein Instrument, das berührungslos gespielt wird. Sphärenmusik und harter Rock – erstaunlich das alles mit den plumpen Maulwurfshänden mit Krallen. Eines der Tiere singt sogar Sopran. Steht oben auf den Resten des Gestänges mit ausgebreiteten Armen, springt und setzt unten die Vorstellung fort. Selbstgespräche, undeutlich in den Pelz gemurmelt. Oder ein Lachen, ganz hell wie von einem Kind.

Einer der Maulwürfe, der mit rötlichem Fell, ist – wie sich herausstellt – eine Frau, die ein Baby kriegt. Zwei helfen ihr liebevoll bei der Geburt. Das kleine Wesen, quietschrosa wie Kaugummi, mit langer Nabelschnur, wird geherzt – wie bei Menschen? Ein Unterschied: Die Wühltiere wenden Gewalt an nur gegen Sachen, kein Streit, kein Kampf. Oft benehmen sie sich wie Kinder, fahren mit dem Elektroroller herum, auf den sie eines der merkwürdigen spitzen Gebilde gepackt haben, die eine Grenze zum Höhlenbereich bilden: weiße Stalaktiten. Über allem ein Schriftzug: »Welcome to Caveland«. Auf den schwarzen Bergen ringsum klettern die Maulwürfe und rutschen zur Erde. Natürlich gibt es Sex, so heftig, dass alles drum herum wackelt. Er stöhnt, sie schnauft, er kriecht weg. Danach allgemeines Schlafen.

Was ist das? Helle Würste werden aufgetürmt, ineinander verschlungen. Maulwürfe sind Fleischfresser. Das müssen Regenwürmer sein, eine Delikatesse. Die Maulwürfe laufen um den Fleischberg herum, fassen sich am Schwanz, langsam wie bei einem Ritual.

Feuer schießt mal hier, mal da nach oben. Rauch. Eine durchscheinende Plane wird herabgelassen, dahinter beginnen Schattenspiele. Die Tiere treten auf, sprechen – unverständlich – in der Diktion klassischer Theaterstücke, doch dumpf wie durch ein Rohr. Ein Maulwurf lagert davor als Zuschauer. Ihm wird ein schwingendes Seil vorgeführt. Er will darüber springen. Doch blitzschnell die Erkenntnis. Er hebt die Lichtplane hoch, bemerkt die Täuschung und verschwindet nach hinten. Was er sah: nur Abbilder. Die Plane wird hochgerissen, Lichter blenden nun das Publikum. Nur angedeutet, die Assoziation an das Höhlengleichnis Platons. Der Schluss kommt überraschend, ohne zwingenden Grund. Die Rebellion, sie hat schon stattgefunden und nichts gebracht? Nur die Musiker spielen noch wild und ekstatisch.

Ein wundersames Bildertheater, ungewöhnlich, mitreißend, ohne Sprache, aber mit viel Komik, ohne Klamauk. An zwei Tagen gab es für Kinder verkürzte Vorstellungen mit dem »Nachmittag der Maulwürfe«.

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