Peter Nowak
01.09.2016
Ihr Selbstmordversuch und ihre verschärften Haftbedingungen wurden in Deutschland kaum wahrgenommen
In der letzten Woche wurde in manchen Medien kurz
vermeldet, dass die Fraktionen der Linken und der Grünen einen neuen
Anlauf nehmen, um den US-Whistleblower Snowden doch noch die Möglichkeit
zu geben, in Deutschland vor dem NSA-Untersuchungsausschuss aussagen zu können.
In einem Brief an den Bundesgerichtshof fordern beide
Fraktionen, dass die Blockade der Bundesregierung gegen eine Vernehmung
von Snowden in Deutschland beendet werden soll. Allerdings dürfte das
Ansinnen, Snowden nach Deutschland zu bringen, genau so wenig Chancen
auf Verwirklichung haben wie bisher. Die mit antiamerikanischem Furor
geführte Debatte über die NSA hat in Deutschland merklich an Bedeutung
verloren. Im Zuge der internationalen Terrorgefahr betonen Politiker und
Geheimdienstexperten wieder die Gemeinsamkeit der unterschiedlichen
Dienste.
Zudem dürfte es sich Snowden zweimal überlegen, ob er
nach Deutschland reist, wo nicht ausgeschlossen werden kann, dass er in
die USA ausgeliefert wird. Zudem haben Medien und Politiker
in Deutschland Snowden mehrmals beschuldigt, mit dem russischen
Geheimdienst zu kooperieren. Das könnte sogar in Deutschland juristische
Folgerungen haben. Das Schicksal der Whistleblowerin Chelsea Manning
deutet die Gefahr an, die Snowden droht, sollte er an die USA
ausgeliefert werden.
Selbstmordversuch bestätigt
Die Gerüchte, wonach Manning im Militärgefängnis von Fort Leavenworth einen Selbstmordversuch unternommen hat, bestätigen sich
laut der Anwälte von Manning. Ihnen zufolge hat ihre Mandantin in den
Morgenstunden des 6. Juli einen Suizidversuch unternommen. Auf ihrer Twitterseite
hinterließ Manning die Botschaft: "Ich bin okay. Ich bin froh, am Leben
zu sein. Vielen Dank für Eure Liebe. Ich komme da durch."

Screenshot aus einem Militär-Video, das mit Hilfe von Manning an die Öffentlichkeit gelangte
Auf der Internetseite der Kampagne für Mannings Freilassung wird der Selbstmordversuch mit den erschwerten Haftbedingungen von Manning in Verbindung gebracht.
Erschwerend kommt hinzu, dass der Transgender Manning die 25jährige
Haftstrafe wegen Spionage und Verrat in einem Militärgefängnis für
Männer verbüßen muss. Chelsea Manning hatte wichtige Dokumente und
Videos an die Plattform Wikileaks geschickt, die Kriegsverbrechen von
US-Militärs während ihres Engagements im Irak dokumentieren.
Nach Suizidversuch verschärfte Repression im Gefängnis
Nach ihrem Suizidversuch versuchen Solidaritätsgruppen mit einer Petition gegen die erschwerten Haftbedingungen vorzugehen. Die US-Behörden versuchen hingegen, die Haftbedingungen gegen Manning noch zu erschweren.
Manning droht eine erneute Anklage. Vorgeworfen werden
ihr bedrohendes Verhalten, der Besitz verbotener Gegenstände und der
Widerstand gegen Gefängnispersonal. Kommt es zu einer Verurteilung,
befürchten US-Menschenrechtsorganisationen
unbefristete Einzelhaft, Wiedereinstufung auf die höchste
Sicherheitsstufe sowie neun zusätzliche Haftjahre ohne die Möglichkeit
der Haftaussetzung.
Der Chaos Computer Club, dessen Ehrenmitglied Mannings ist fordert eine Begnadigung von Mannings und kritisiert ihre Haftbedingungen. In der Erklärung heißt es:
Die unmenschlichen Haftbedingungen haben Chelsea Manning
an den Rand des Selbstmords getrieben. Als Strafe für ihren Versuch
sollen diese nun noch verschärft werden. Mannings Haftbedingungen wurden
schon 2012 vom UN-Berichterstatter als Folter kritisiert. Wir fordern
den scheidenden US-Präsidenten Barack Obama auf, Manning zu begnadigen
und so den grausamen Bedingungen ein Ende zu bereiten. Das wäre endlich
das langersehnte Zeichen für Whistleblower, auf das viele hoffen.
Die Erklärungen von Netzpolitik und dem CCC sind eine
der wenigen Stimmen, die in Deutschland Solidarität mit Mannings
fordern. Der Suizidversuch wurde kaum wahrgenommen. Der deutschsprachige
Wikipedia-Eintrag zu Manning wurde seit längerem nicht mehr aktualisiert.
Das harte Vorgehen der US-Behörden gegen die
Whistleblowerin demonstriert, dass Menschen, die es wagen,
Kriegsverbrechen bekannt zu machen, mit den Folgen bis zur Vernichtung
rechnen müssen - dass sich die deutschen Repressionsorgane nicht anders
verhalten würden, ist klar. In Zeiten, in denen der Krieg wieder
häufiger als Möglichkeit der Politik isn Spiel gebracht wird, gehören
harte Sanktionen gegen Menschen, die die Folgen des Krieges nicht
einfach als Kollateralschaden hinnehmen wollen, zum Politikgeschäft.
Eine internationale Plattform für die Freiheit von
Manning wäre dringend notwendig. Das Desinteresse in weiten Teilen der
deutschen Öffentlichkeit zeigt einmal mehr, der Hype um Snowden galt und
gilt weniger der Informationsfreiheit und der Solidarität mit den
Whistleblowern, er war vielmehr darauf ausgerichtet, moralisch Punkte im
Kampf zwischen Deutschland und den USA zu machen.
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