Sonntag, 8. März 2015
Demo in Heidelberg für vermisste mexikanische Studenten
Nach dem mutmaßlichen Mord an 43 Studenten kommt Mexiko nicht zur Ruhe - In Heidelberg findet am Donnerstag erstmals eine Demo zu dem Thema statt
Rhein-Neckar-Zeitung, 25.02.2015
Von Denis Schnur
43 Studenten wurden am 26. September in Iguala im mexikanischen Guerrero von Polizisten entführt und anscheinend getötet. Seitdem demonstrieren regelmäßig Lehrer, Studenten und Eltern. Auch in Deutschland protestieren Deutsche und Mexikaner gemeinsam - etwa morgen auf dem Bismarckplatz. Im Interview erklären die Mexikanerin Anahí Caldú (31) und Steffen Brinkmann (39), der mit einer Mexikanerin verheiratet ist, warum sie den Protest nach Deutschland tragen.
Frau Caldú, Herr Brinkmann, die Entführung der Studenten liegt Monate zurück. Warum demonstrieren Sie noch?
Caldú: Die Entführung von 43 Studenten ist eine große Sache und wir wollen wissen, wer involviert war. Es steht etwa der Vorwurf im Raum, dass die Armee beteiligt war. Der Präsident bestreitet das und es gibt keine objektive Untersuchung. Es wird viel vertuscht. Wir wollen Gerechtigkeit und faire Ermittlungen durch eine unabhängige Kommission. Eine Untersuchung durch die Regierung macht keinen Sinn, weil sie selbst involviert war.
Brinkmann: Die mexikanische Regierung will zur Tagesordnung übergehen. Die Bundesbehörden schieben es auf die lokalen Behörden und sagen: "Das war’s!" Wir wollen das Thema im Bewusstsein der Öffentlichkeit halten.
Iguala ist fast 10 000 Kilometer von Heidelberg entfernt. Was erhoffen Sie sich von der Aktion hier?
Brinkmann: Wir wollen zeigen, dass Deutschland daran nicht ganz unbeteiligt ist. Zum einen wurden bei den Polizisten, die an der Entführung beteiligt waren, deutsche G36-Gewehre beschlagnahmt, die in den Bundesstaat Guerrero gar nicht exportiert werden dürfen. Deutschland als drittgrößter Waffenexporteur der Welt rüstet die mexikanische Polizei auf, die die Waffen oft gegen die Bevölkerung einsetzt. Das muss aufhören. Außerdem darf das geplante Polizeiabkommen zwischen Deutschland und Mexiko nicht in Kraft treten. Dass durch die Ausbildung mexikanischer Polizisten Rechtsstaatlichkeit gefördert werde, ist nur eine Fantasie. Im Endeffekt führt es nur zur Rechtfertigung der Methoden der mexikanischen Polizei.
Caldú: Wie das enden kann, zeigt das Beispiel des Kartells "Los Zetas". Es setzt sich aus ehemaligen Soldaten zusammen, die in einem ähnlichen Programm in den USA ausgebildet wurden. Das hat mehr mit Deutschland zu tun, als man denkt.
Wie wird Ihr Protest in Deutschland bislang aufgenommen?
Caldú: Viele Freunde interessieren sich dafür, aber für die meisten ist es zu weit weg, zu surreal. Viele können sich nicht vorstellen, dass so etwas passiert. Deutschland hat eine dunkle Vergangenheit, aber heute passieren solche Dinge nicht mehr. Deshalb ist es uns wichtig, mit konkreten Tatsachen zu zeigen, dass auch Deutschland damit zu tun hat.
Brinkmann: Viele haben ein Grundwissen über die Situation in Mexiko, gerade der Fall der Studenten war in den Medien präsent. Aber dass in Mexiko 20 000 Menschen vermisst werden, kann man sich nicht vorstellen. Dort kennt man Entführungen nicht aus Nachrichten, sondern aus dem Bekanntenkreis.
Was muss in Mexiko passieren, damit sich die Situation bessert?
Caldú: Es ist schwer. Die Menschen trauen der Politik nicht mehr, weil alle Parteien korrupt sind. Die einzige Hoffnung ist, dass die Bürger mehr beteiligt werden. Wir leben in einer Demokratie, die eigentlich eine Diktatur ist: Unser Präsident hat zu viel Macht und es war fast immer eine Partei an der Macht. Wenn sich das nicht ändert, bleibt wenig Hoffnung.
Brinkmann: Das Schlimme ist, dass in Mexiko alle Ebenen des öffentlichen Lebens mit Korruption durchzogen sind. Vom Lokalpolizisten bis zum Präsidenten ist es schwer, jemandem zu trauen. Was gut läuft, sind Graswurzelbewegungen, die Proteste organisieren, Lehrer, Studenten oder Eltern. Diese Bewegungen müssen international unterstützt werden. Dazu muss auch die deutsche Regierung Druck machen. Mexiko ist ein Krisenstaat. Das muss eingesehen werden und daraus die Folgen gezogen werden. Das heißt: Keine weiteren Waffenexporte und kein Polizeiabkommen.
Frau Caldú, haben Sie keine Angst, dass Ihnen als Aktivistin etwas zustößt, wenn Sie nach Mexiko zurückkehren?
Caldú: Nein! Meine Freunde sagen immer wieder: "Es ist gut, dass du gerade hier bist!" Das mag sein, aber Mexiko ist mein Land und meine Familie ist dort. Ich will, dass sich die Dinge ändern, sie können nicht so bleiben. Wenn man aufhört, zu kämpfen, weil man Angst hat, dann haben sie gewonnen.
Info: Infotisch am Donnerstag, 26. Februar, ab 15 Uhr auf dem Bismarckplatz, Demonstration um 17 Uhr.
URL: http://www.rnz.de/nachrichten/heidelberg_artikel,-Demo-in-Heidelberg-fuer-vermisste-mexikanische-Studenten-_arid,78661.html
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