Donnerstag, 2. August 2012
Joëlle Aubron, ehemaliges Mitglied von Action directe, im Interview
Nach über 17 Jahren wurde die Haft von Joelle Aubron am 16.06.2004 ausgesetzt.
Solange es ihre Kräfte zuließen, kämpfte sie für die Freilassung ihrer gefangenen GenossInnen.
Joelle Aubron starb am 1. März 2006.
Am 14. Juni ist Joëlle Aubron, 45 Jahre alt, nach 17 Jahren Haft aus dem Gefängnis von Bapaume (Pas-de-Calais) freigelassen worden. Die Strafe ist ausgesetzt worden wegen einer Krebserkrankung mit Metastasen im Gehirn. Das Ex-Mitglied von Action directe (AD) war wegen zweier Morde aus den Jahren 1985 und 1986 an General René Audran, Generalinspektor der Armee, und an Georges Besse, Chef von Renault, zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt worden. Für Libération kommt sie hier auf die Gefängnisjahre und AD zurück.
/ Wie vergeht die Zeit im Gefängnis?
Unsere Strafe wusste ich schon in dem Moment, wo sie mir Handschellen angelegt haben, das war später keine Überraschung mehr. Ich habe die Gefängniszeit wie eine lange Strecke gesehen, die Kurven habe ich im Laufe der Jahre genommen. Das Prinzip war, immer genug Energie aufzubringen, um die Mauern von sich fernzuhalten. Wenn ich auf dem Flur der Abteilung herumlief um nachzudenken, habe ich gesehen, wie die Frauen dort herumhingen, vor allem am Wochenende, und auf irgend etwas warteten... Ich habe mich nie gelangweilt. Ich hatte immer einen Haufen Sachen zu tun: lesen, auf Post antworten, Texte übersetzen, Kollagen machen, Aquarelle zeichnen und außerdem diese nicht enden wollenden Anträge. Wegen alles und jedem: Bücher hereinbekommen oder herausgeben. Für Einkäufe oder um eine Besuchsverlängerung zu bekommen. Das ist eine systematisch organisierte Abhängigkeit, gegen die man kämpfen muss. Trotzdem ist das Gefängnis keine tote Zeit. Im schlimmsten Fall passt sich der Stoffwechsel an diese Verlangsamung an.
/ Wie sind die Beziehungen zwischen den Gefangenen in einem Frauengefängnis?
Viele der Frauen wurden vergessen. Übrigens, im Gegensatz zu den Männergefängnissen sind die Besuchszeiten niemals voll ausgebucht. In den fast vier Jahren in Bapaume hatte ich nur einmal Schwierigkeiten einen Besuch zu verlängern, weil die Besucherzellen belegt waren. Das affektive Elend ist so groß, dass man sich über den Mangel an Solidarität zwischen den Gefangenen nicht wundern darf. Aber als unsere GenossInnen im September vor den Mauern von Bapaume demonstriert haben, waren die Frauen glücklich, sie waren berührt davon, dass nach so vielen Jahren Leute draußen an uns denken und uns ihre Solidarität zeigen. Das war ein Fest, als wenn auch sie aus dem Vergessen auftauchten, die Stimmung hat sich danach verändert. Sie war fröhlicher, solidarischer. Und was mich betrifft, ich sage das jetzt im Spass: Ich war 20 Jahre mit Regis Schleicher verheiratet, aber ich habe 20 Jahre mit Nathalie Ménigon zusammen gelebt. Zusammen haben wir Tag für Tag eine äußerst solide Beziehung als Genossinnen hergestellt.
/ Wie die anderen Gefangenen aus AD waren Sie jahrelang in totaler Isolation. Wie haben Sie das erlebt?
Nathalie hatte dafür eine sehr gute Formel. ´Wenn man isoliert ist, verliert man Zeit, verliert man den Tag und schließlich sich selbst. In der Isolation hat man außer den WärterInnen kein Gegenüber. Man braucht aber den Blick des Anderen, um leben zu können, um zu wissen, dass man existiert. Man fragt sich danach am Ende so vieler Monate, in denen man allein war. Einige schneiden sich. Nicht unbedingt aus Verzweiflung, einfach um zu sehen, wie das Blut fließt und damit beweist: „Du lebst.“ Im Lauf der vielen Hungerstreiks, die wir gemacht haben, habe ich übrigens gelernt, dass es unmöglich ist, den Körper vom Kopf zu trennen. Bei einem Streik übernimmt der Kopf die Führung. Wenn man aufhört, rächt sich der Körper. Und in der Isolation, wenn der Körper somatisieren kann, dann ist das nicht unbedingt das Schlimmste. Das Risiko, wenn es keine Somatisierung gibt, ist, dass der Kopf alles abbekommt. Bei Georges, das ist klar, ihm ist das nach sechs Jahren Isolation und mehreren Hungerstreiks passiert.
/ Wie haben Sie von Ihrer Krankheit erfahren?
Es fing mit Unwohlsein an. Ich sagte mir, das hat nichts zu bedeuten, nur eine innere Erschöpfung. Und dann bin ich hingefallen. Im Krankenhaus von Lille wurde eine IRM gemacht und der Radiologe hat mir einen bösartigen Tumor im Gehirn verkündet. Ich habe nichts dazu gesagt, er hat es wiederholt, ich habe nicht reagiert. Und weil er dachte, wegen des Gehirnödems wäre ich etwas verwirrt, hat er noch mal wiederholt, was er gesagt hatte: „Verstehen Sie?“ Ich habe gesagt: „Ja, aber was soll ich denn machen?“ Die Wärterin, die mich begleitete und die mich eigentlich gut kennt, war verblüfft. Aber ich reagiere immer sehr kalt, sehr rational, ohne im mindesten fatalistisch zu sein. Ich frage mich jetzt: Wie kann ich mich um meine Gesundheit kümmern, was kann ich nützliches tun. Als die Bullen mich mit Handschellen an mein Bett ketteten, war es genauso. Rumschreien hätte nur die anderen Patienten belästigt und ich wäre außerdem noch an den Füßen gefesselt worden.
Nach dem Bericht der medizinischen Experten zur Aussetzung der Strafe sieht meine Zukunft düster aus. Mein Anwalt hatte sogar gezögert, ihn mir zum Lesen zu geben. Aber ich gehöre zu den Leuten, die lieber wissen, woran sie sind. Für mich ist es jetzt am besten so ruhig wie möglich zu leben, umgeben von meiner Familie, von meinen Freunden und den Hauptteil meiner Energie dafür aufzuwenden, mich gegen die Krankheit zu wehren.
/ Wie ist Ihre Freilassung abgelaufen?
Ich hatte nicht damit gerechnet, ich hatte überhaupt keinen Raum dafür gesehen, dass eine/r von uns freigelassen wird. Die Krankheit hat die Gegebenheiten geändert, ich sagte mir aber: „Vor allem verknüpfe dein Überleben nicht mit einer Freilassung.“ Ich habe kaum die Zeit gehabt, die Hoffnung auf Freilassung und dann die kurzfristige Freilassung selbst wirklich zu realisieren. Seit meinen ersten Schritten in Freiheit gab es diese Masse von Journalisten, Kameras, Blitzlichtern. Ich habe meine Hände vors Gesicht gehalten. Die GenossInnen haben mich geschützt. Danach sind wir zu Freunden gegangen. Leute, die ich seit zwanzig Jahren nicht gesehen hatte, waren da, andere, die ich nicht kannte, begrüßten mich, andere haben angerufen, wir hatten sehr zerrissene Gespräche. Ich sehe manche Dinge an und sage mir dabei: „Das sehe ich seit 17 Jahren zum ersten Mal.“ Das ist außergewöhnlich und vollkommen normal, beides zusammen. Außergewöhnlich ist das davor. Zu einem durch Mauern begrenzten Horizont, einem tristen Flur und Hofgang auf Asphalt verurteilt zu sein, Ich bin jetzt in der Position einer Beobachterin. Ich habe nicht die Absicht, irgend etwas in die Hand zu nehmen, ich höre, ich schaue, ich nehme die Dinge auf. Und dann ermesse ich meine phänomenale Chance: Ich komme raus und es gibt viele Leute, die ich treffen, auf die ich zählen kann. Das ist ein riesiger Unterschied zu den meisten Gefangenen, die in die soziale und finanzielle Not entlassen werden.
/ Was machen Sie den ganzen Tag?
Ich teile den Tag in Ruhe- und Pflegephasen und das Zusammensein mit Freunden auf. Ich besuche die, die lange Reisen gemacht haben, um mich im Gefängnis zu besuchen. Ich bin sogar nach Korsika und nach Deutschland gefahren. Was ich auch der Richterin für den Strafvollzug gesagte habe, die mich regelmäßig vorlädt. Meine GenossInnen aus AD, die immer noch exemplarische Strafen erleiden, sind mir nie aus dem Sinn.
/ Welchen Blick haben Sie auf die Aktionen von AD? Auf die Morde?
Ethisch und menschlich, geht es nicht darum, den Tod von wem auch immer zu rechtfertigen. Aber ich kann weder Bedauern noch Reue formulieren, ich würde das als unanständig empfinden sowohl gegenüber den Opfern als auch denen gegenüber, die bleiben... Ich trage eine Verantwortung und zwar nicht nur weil ich verurteilt worden bin, sondern weil ich zu dieser Organisation gehörte. Zur damaligen Zeit war das eine Entscheidung, war das die Realität des Kampfs. Wir dachten, ich dachte, dass es möglich wäre, eine Gegenmacht hervorzubringen. Wir dachten, wir könnten die Barrikade verteidigen. Mir ist vollkommen bewusst, dass ich hier im Vagen bleibe. Es fehlt der historische und politische Kontext der Atmosphäre der 80er Jahre. Ich könnte das erklären, aber das würde viele Seiten füllen. Außerdem ist AD nicht aus dem Nichts aufgetaucht. Wir gehörten einer langen Geschichte an und wir waren viele, die an einen Elan glaubten, mit ihm rechneten, der schließlich nicht kam. Unsere Hypothese ist gescheitert. Das ist klar. Aber ich kann nicht auf 17 und sogar 20 Jahre meines Lebens pfeifen. Ich würde mich fragen: „All das für nichts?“ Nichtsdestoweniger gibt es nichts, das ich verleugnen müsste. Und wenn es nur das wäre, dass der Druck zum Abschwören während dieser 17 Jahre in unseren Haftbedingungen sehr präsent war. Heute sind meine Genossen immer noch damit konfrontiert.“
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