Nun machen sich einige Sozialdemokraten Gedanken darüber, wie die Partei für ihre Mitglieder attraktiv bleiben kann. Martin Schulz, der als Hinterbänkler im Bundestag Platz genommen hat, plädierte kürzlich für eine Urwahl des Kanzlerkandidaten. Auch Parteivize Ralf Stegner hält dies für eine gute Idee. Unterstützung für den Vorschlag kam auch vom niedersächsischen Ministerpräsidenten Stephan Weil.
Bereits in den vergangenen Jahren hatten Spitzenpolitiker der SPD über diese Idee immer wieder diskutiert. Der damalige Parteivorsitzende Sigmar Gabriel hatte sich bereits 2015 mit Blick auf die Bundestagswahl 2017 offen für eine Urwahl gezeigt. Doch letztlich gab es nie mehrere Kandidaten, die gegeneinander antreten wollten. Stattdessen verlief die Kandidatenkür chaotisch. Als Gabriel sich im Januar 2017 dafür entschied, nicht anzutreten und stattdessen Schulz eine Chance zu geben, haben viele Bundestagsabgeordnete der SPD zuerst über die Medien von dieser überraschenden Entscheidung erfahren. Das sorgte verständlicherweise für Unmut.
Nun soll es zumindest mehr Transparenz geben. Außerdem hat sich die SPD-Spitze dafür entschieden, ihren Spitzenkandidaten früher als bisher zu nominieren. Die Partei hat eine externe kleine Beratergruppe engagiert, die der Meinung ist, dass die SPD nicht kampagnenfähig sei, wenn sie die Kandidatenfrage erneut so lange offen lasse. Bis Anfang 2021 werden die Sozialdemokraten sicherlich nicht warten. Die Urwahl könnte also im Jahr 2020 stattfinden und die Kandidaten sich zuvor bei Regionalkonferenzen vorstellen. Die Satzung der SPD steht dem Vorhaben nicht entgegen. Sie ermöglicht, dass der Kanzlerkandidat durch einen Mitgliederentscheid gewählt werden kann.
Jetzige Überlegungen über mögliche Kandidaten wären reine Spekulation. Sicher ist nur, dass nach bisheriger Auffassung in der Partei die SPD-Vorsitzende das erste Zugriffsrecht auf die Kanzlerkandidatur hat. Derzeit führt Andrea Nahles Partei und Bundestagsfraktion.
Auch in der CDU wird über einen Mitgliederentscheid zumindest nachgedacht. »Die Frage der nächsten Kanzlerkandidatur wird zu gegebener Zeit durch die Partei entschieden – gegebenenfalls auch durch einen Mitgliederentscheid«, sagte kürzlich der baden-württembergische CDU-Bundestagsabgeordnete Axel Fischer gegenüber der dpa.
Gute Erfahrungen haben die Grünen in den vergangenen Jahren mit Urwahlen gemacht. Ihre Mitglieder haben vor den Bundestagswahlen 2013 und 2017 jeweils ein quotiertes Spitzenkandidatenduo gewählt. Mindestens ein Platz ist für eine Frau reserviert. Bislang war das kein Problem. Die Spitzenkandidaten waren die Gesichter der Grünen im Wahlkampf und konnten bei einem möglichen Erfolg auf attraktive Ministerämter hoffen. Doch die Grünen blieben bei den Wahlen hinter den Erwartungen zurück und die Koalitionsverhandlungen mit der Union beziehungsweise mit Union und FDP führten nicht zum Erfolg.
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1108922.urwahl-bei-den-regierungsparteien-mitglieder-bei-der-stange-halten.html
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen