Ölpalmen im mexikanischen Urwald auf dem Vormarsch (Teil 1)
Von Rodrigo Soberanes, Chiapas
(Mexiko-Stadt, 09. Dezember 2017, desinformemonos).- Der Palmanbau schreitet
langsam aber stetig in dieser tropischen Region voran,
die den größten Teil Südmexikos umfasst. Laut
Zeugenaussagen, die Mongabay Latam gesammelt hat, haben
sich die Palmplantagen auf diese Weise in den
Bundesstaaten Veracruz, Quintana Roo, Tabasco, Oaxaca,
Guerrero und Chiapas auf Ländereien ausgedehnt, auf
denen Viewirtschaft betrieben wurde, auf Weidelang,
Grasland oder heimlich abgeholzten Urwald und sie werden
sich noch mehr ausdehnen, denn der Boden ist in diesen
Bundesstaaten gut für den Palmambau geeignet.
Er weiß genau, wohin er seinen Fuß setzen
kann
Rafael Lombera lebt schon seit seiner Kindheit im
Lacandona-Urwald, seit 44 Jahren. Von seinem Haus, das
am Ufer des Lacantún-Flusses steht, genau dort, wo
sich die Kaimane ausruhen, geht es 50 Meter steil nach
unten auf einer dicken Schicht aus Pflanzen und
Tieren, die den Erdboden verbirgt.
Er weiß genau, wohin er seinen Fuß setzen kann, ob
bei Tag oder bei Nacht. Mit seinem Fotoapparat
unternimmt er lange Wanderungen auf der anderen Seite
des Flusses, dort, wo das Biosphärenreservat Montes
Azules beginnt, eines der Vorzeigegebiete für
Naturschutz in Mexiko und Chiapas, dem Bundesstaat mit
der größten Biodiversität im ganzen Land.
In Boca de Chajul, einem kleinen Dorf in der Gemeinde
Marqués de Comillas im Bundesstaat Chiapas, konnte
Rafael Lombera schon beobachten, wie große Teile des
Urwaldes nach und nach verschwunden sind, vor allem
durch die Ausbeutung von natürlichen Ressourcen durch
den Menschen und vor allem durch Viehwirtschaft.
Auf dem Weg nach Chajul und auch am Ortseingang
dieser kleinen Ansiedlung sieht man am Straßenrand
Schilder mit der Aufschrift „Förderprogramm für
umweltbewusste Waldwirtschaft“ (Pago de Servicios
Ambientales). Dabei handelt es sich um ein Programm
der mexikanischen Regierung, das die Erhaltung und
Pflege des Urwaldes durch Privateigentümer*innen oder
durch
kommunale Ejidos* fördert.
Auf dem Weg wechseln sich Urwald und
Ölpalmen-Plantagen ab.
Eine Studie des mexikanischen Umweltamtes (Instituto
Nacional de Ecología) besagt, dass Marqués de Comillas
die einzige Region in Mexiko mit Urwald ist, der
regelmäßig überschwemmt wird. In anderen
Bundesstaaten, wie z.B. Tabasco, ist diese Art von
Urwald schon lange verschwunden.
Die Hütten von Rafael Lumbrera stehen auf Holzpfählen
zum Schutz vor Hochwasser, wenn der Lacantún-Fluss über
seine Ufer tritt.
64.000 Hektar Land sind mit Ölpalmen
bepflanzt
An diesem Flecken mitten im Urwald, der das ganze
Jahr Pflanzen- und Tierforscher*innen anzieht, begann
der Ölpalmen-Anbau Mitte des vergangenen Jahrhunderts.
Und er ist der Referenzpunkt für den Ölpalmen-Anbau
im Bundesstaat Chiapas, der mit rund 64.000 Hektar
einer der Hauptproduzenten in Mexiko ist. Mehr als 70
Prozent der Gesamtanbaufläche für Ölpalmen in Mexiko
liegt in Chiapas (nach aktuellen Zahlen des
Landwirtschaftsministeriums in Chiapas).
Das mexikanische Forschungsinstitut für
Waldwirtschaft, Landwirtschaft und Fischfang INIFAP
(Instituto Nacional de Investigaciones Forestales,
Agrícolas y Pecuarias) rechnet vor, dass Mexiko
insgesamt über eine Fläche von 2,5 Millionen Hektar
verfügt, die für den Anbau der Ölpalme geeignet wäre,
eine Fläche, die größer als das Territorium von ganz
El Salvador ist.
Ölpalmen im Lacandona-Urwald
Der größte Teil dieser für den Anbau der Ölpalme
geeigneten Fläche liegt im Südwesten Mexikos (rund
zwei Millionen Hektar, laut der mexikanischen
Bundesregierung). Dazu gehört der Bundesstaat Chiapas,
der über die klimatischen Voraussetzungen verfügt, um
den Anbau der Palme auf bis zu 400.000 Hektar
auszudehnen.
Der Boden dort, der für die Ölpalme so gut geeignet
ist, nimmt 75 Prozent aller Niederschläge in Mexiko
auf. Und ein Teil dieser bepflanzten Böden befindet
sich im Lacandona-Urwald, der als Auffangbecken für
die Regenfälle gilt, ebenso wie in einem der acht
Naturschutzgebiete, dem Biosphärenreservat Montes
Azules, das 330.000 Hektar groß ist, so erzählen León
Ávila, Experte für Ölpalmen und Dozent an der
Interkulturellen Universität von Chiapas und Rafael
Lombera, Bewohner des kleinen Dorfes.
Diese Naturräume umgeben die Hütte von Rafael Lombera
von allen Seiten.
Lombera bemerkt Veränderungen im Urwald
Rafael Lombera ist bekannt in Boca Chajul. Er
beobachtet und hört anders als Menschen in der Stadt.
Er weiß zum Beispiel, dass der Klammeraffe
Brustschwimmen praktiziert, wenn er den Lacantún-Fluss
überquert, allerdings nur bis zur Mitte des Flusses,
denn dann ermüdet er und schafft es nur irgendwie
unter Aufbietung aller Kräfte bis ans andere Ufer.
Er weiß auch, dass es nicht stimmt, dass Fledermäuse
einen perfekten Radar haben, denn sie stoßen oft gegen
seinen Körper; dass ein Jaguarweibchen eher einen
Menschen anfällt als ein Jaguarmännchen; dass man die
Aasgeier, die über den Palmenplantagen kreisen,
leichter fangen kann, da sie dort die Früchte fressen
und, da sie diese nicht verdauen können, dick werden
und dann nicht mehr so gut fliegen können.
Er bemerkt Veränderungen im Urwald und nach mehr als
vier Jahrzehnten an diesem Ort bezweifelt er, dass es
weiterhin Überschwemmungen in seiner Umgebung geben
wird. Er hat auch eine ganz klare Meinung darüber, was
die größte Bedrohung für eine der größten Lungen
Mexikos ist: „Der Urwald wird abgeholzt, um Ölpalmen
anzupflanzen.“
“Das Gelände war schon abgeholzt”
Onorato Olarte, Leiter für Gartenbau und Agrarindustrie
im Landwirtschaftsministerium des Bundesstaates Chiapas
meint, die Palme würde dort gepflanzt, wo es keinen
Urwald mehr gäbe, auf unbebautem Gelände, das zuvor als
Weideland genutzt wurde.
„Die Strategie des Ölpalmenanbaus beruht auf dem
nicht Abholzen des Urwaldes für neue Plantagen. Was
man im Lacandona-Urwald gemacht hat ist, dass man die
Grundstücke genutzt hat, die zuvor als Weideland
genutzt wurden“, bestätigt er in einem Interview mit
Mongabay Latam, einem Internetportal für unabhängigen
Umweltjournalismus.
Keine wirksame Kontrolle der
Umweltauswirkungen des Ölpalmenanbaus
Die Haltung der Regierung ist herablassend gegenüber
anderen Ansichten, die darauf hinweisen, dass die
Palmenplantagen im Urwald „einen negativen Einfluss
auf die Verfügbarkeit von Wasser haben“. Darin
eingeschlossen ist auch das Biosphärenreservat Montes
Azules, das laut eines Berichtes auf dem
Internetportal Gloobal bereits zu 80 Prozent gerodet
wurde.
Die Informationsstelle für Lebensmittel aus Fischerei
und Landwirtschaft SIAP (Servicio de Información
Agroalimentación y Pesquera) errechnete, dass bis 2013
schon 44 Prozent der Ölpalmen in Chiapas im Urwald
gepflanzt wurden.Laut Berechnungen des Landwirtschaftsministeriums in Chiapas seien dort rund 64.000 Hektar mit der Palme bepflanzt, damit rücke das gesetzte Ziel von 100.000 Hektar immer näher, so Olarte. Die Haltung der Regierung von Chiapas ist klar. Es gibt vier Baumschulen für Ölpalmen die, laut dem Institut für die Förderung der tropischen Landwirtschaft, die größten in Lateinamerika seien.
Der Forscher León Enrique Ávila, Experte für Ölpalmen
und Dozent der Interkulturellen Universität Chiapas,
unterstreicht im Interview, dass es beim Pflanzen der
Ölpalme in Chiapas keine wirksame Kontrolle der
Umweltauswirkungen dieses Anbaus gebe.
Antonio Castellanos, Forscher am interdisziplinären
„Forschungszentrum Chiapas und Südgrenze“, der
bereits seit sechs Jahren mit den Ölpalmenanbauern der
Ejidos zusammenarbeitet, versichert, eine
Voraussetzung für das Beziehen von Fördergeldern durch
die mexikanische Regierung bestehe darin, dass „man
sich verpflichten muss, sie nur in Monokultur
anzupflanzen.“ Wo die Ölpalme wächst, wachsen keine
anderen Pflanzen mehr.
Wie in einer stillen Einöde
Wenn León Ávila durch die Palmenplantagen geht,
beschleicht ihn das Gefühl, in einer stillen Einöde zu
sein, in der man im Morgengrauen keinen Laut mehr
hört. Er ist jahrelang in der Gegend unterwegs gewesen
und hat festgestellt, wie sich durch die Plantagen die
Flora, die Fauna und die Menschen verändert haben.
Er habe die Erfahrung gemacht, dass dort, wo die
Palme wächst, kein morgendlicher Lärm mehr im Urwald
zu hören sei und es kaum noch Vögel gäbe. Brüllaffen,
die typisch für die Region seien, seien nur noch in
einem begrenzten Gebiet zu finden und stritten sich.
Bienen suchten erfolglos Pollen und Fledermäuse
verbreiteten nicht mehr die Samen der Obstbäume,
erzählt Ávila detailreich.
Und die Menschen, die früher von der Ernte der
Produkte aus dem Urwald gelebt hätten, würden nun
schon voller Anspannung auf den Tag warten, an dem die
Fabrikbesitzer*innen die Plantagenbesitzer*innen
bezahlen und diese wiederum die Löhne an ihre
Tagelöhner*innen ausbezahlen, erklärt er weiter.
„In Dorfgemeinschaften, die sich früher selbst
versorgt haben, habe
ich Menschen getroffen, die gehungert haben”,
berichtet León Ávila.
Die beiden Forscher stimmen überein: Der größte
Fehler sei gewesen, die Ölpalme als Monokultur
einzuführen.Regierungsangestellter Olarte: Palmen werden nur auf Weideland gepflanzt
Auf dem Internetportal Gloobal heißt es dazu: „Der
Anbau der Ölpalme auf Tausenden von Hektar bedeutet
nicht nur Abholzung, sondern auch einen Anstieg von
Kohlendioxid und eine Verschmutzung des Wassers mit
Agrochemikalien in einer Region mit großer
Biodiversität, wie dem Biosphärenreservat Montes
Azules und dem Lacandona-Urwald.“
Onorato Olarte versichert seinerseits, dass die
Regierung von Chiapas zusammen mit der mexikanischen
Bundesregierung die Aktivitäten der Produzent*innen im
Blick habe, um zu überwachen, dass der Urwald nicht
gerodet werde, um anschließend Palmen auf diesem Boden
zu pflanzen.
Der Regierungsangestellte erklärt weiter, dass die
jetzige Regierung in Chiapas, die seit 2012 im Amt
ist, darauf setze Palmen in Gebieten zu pflanzen, die
für die Viehzucht abgeholzt worden waren, sogenanntes
„Weideland.“
“Wir garantieren, dass nur dieses Land für den Anbau
der Ölpalmen genutzt wird. Wir haben Fachleute im
Landwirtschaftsministerium, die garantieren, dass der
Urwald wertgeschätzt wird“, versichert Olarte.
*Ejido: gemeinschaftlicher Grundbesitz mit in der
Regel den Kleinbauern und Kleinbäuerinnen
individuell zugeteilten Parzellen.
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