Dienstag, 15. November 2016

Schuß ins Knie

Sanders’ Wahlveranstaltungen zogen die Massen an, die quer durch die Stadt Schlange standen, um in die Arenen gelassen zu werden. Er war der einzige Kandidat, der sich rein aus Kleinspenden finanzierte und fast 45 Prozent der Delegierten hinter sich bringen konnte.

Bernie Sanders
Bernie Sanders


Quelle: Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

Viele Menschen, die am Mittwochmorgen auf ihre Mobiltelefone oder auf den Fernseher schauten, konnten es vermutlich zunächst nicht richtig fassen, was da nachts in den USA (nicht »Amerika«) geschehen war.
Mit dem, was uns hier in Europa an Berichterstattung präsentiert wurde, konnte man auch nur glauben, ein wilder Höhlenmensch habe der Prinzessin die Juwelen gestohlen, um es überspitzt zu formulieren. Kein Tag verging, an dem nicht sämtliche sozialen Netzwerke vollgemüllt wurden mit Anti-Trump-Bildchen und Artikeln billigster Machart. Die Berichterstattung in den USA selbst erschien dagegen wesentlich unaufgeregter und sah mitnichten einen sicheren Sieg für Hillary Clinton, deren eigene dunkle Abgründe in Europa gekonnt außen vor gelassen wurden. Zu grell leuchteten die Entgleisungen Donald Trumps.
Mit Blick auf den Vorwahlkampf der »Demokraten« schien es also im Nachhinein betrachtet keine besonders gute Idee gewesen zu sein, alles zu unternehmen, um Clinton zur Kandidatin zu küren. Sicherlich war ihr schärfster Konkurrent Bernie Sanders weit entfernt von einem Sozialisten europäischer Vorstellung, dennoch war er derjenige, der für USA-Verhältnisse, innerhalb des Zwei-Parteien-Wahlkampfes gesehen, die fortschrittlichsten Themen vorbringen konnte. Er begeisterte damit die Massen und es entwickelte sich eine regelrechte neue soziale Bewegung, während man den Wahlkampfveranstaltungen Hillary Clintons ansah, daß sie dem einfachen Volk eigentlich gar nichts zu bieten hatte und lediglich ihrem Clan und dem Establishment die Pfründe retten wollte.
Sanders’ Wahlveranstaltungen zogen die Massen an, die quer durch die Stadt Schlange standen, um in die Arenen gelassen zu werden. Er war der einzige Kandidat, der sich rein aus Kleinspenden finanzierte und fast 45 Prozent der Delegierten hinter sich bringen konnte. In Umfragen sah Sanders im direkten Vergleich mit Trump bereits wie der Sieger aus. Clintons Nominierung war, wenn auch von den Medien in Europa tapfer ignoriert, in Gefahr und die Partei mußte handeln: In Wahlbezirken mit Wahlmaschinen schnitt Bernie plötzlich grundsätzlich schlechter ab, als bei den herkömmlichen Stimmzetteln. In manchen US-Staaten, besonders drastisch in Kalifornien, wurden millionenfach Stimmen für Sanders unterschlagen oder die Menschen wurden mit nicht besetzten Wahlbüros oder verwehrter Registrierung schikaniert. Sanders erhielt keinen Personenschutz mehr für Wahlauftritte.
Den Höhepunkt des Wahlbetrugs stellte der Nominierungsparteitag in Philadelphia dar: Abertausende Sanders-Anhänger vor der Halle und seine Delegierten drinnen waren bereit zum Schlagabtausch. Draußen von der Polizei bekämpft, drinnen auf hintere, unbeleuchtete Plätze verwiesen und die »Sanders«-Pappschilder von Sicherheitsleuten entrissen bekommen, waren sie Opfer eines unwürdigen Schauspiels. Sanders-Delegierte, live auf CNN befragt, ob sie nun Clinton unterstützten, antworteten, sich lieber der Grünen Jill Stein anzuschließen. Die Peinlichkeit war perfekt.
Zu diesem Zeitpunkt schmückten sich hierzulande verschiedene »Sozialisten« mit Clinton als erster Frau fürs Weiße Haus. Am vergangenen Mittwoch nun halfen auch Fotos mit der Pappfigur von Hillary oder Beleidigungen seitens führender LSAP-Leute in den sozialen Netzwerken nichts mehr. Trump ist Präsident. Ein Wahlsieg, den sich auch der Parteivorstand der »Demokratischen Partei« der USA ans Revers heften kann.
Christoph Kühnemund

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