Samstag, 10. August 2013

Betriebsratskiller und Detektive

Eine Solarfirma gegen Betriebsräte und IG Metall Die Be- und Verhinderung von Betriebsräten und Gewerkschaften ist keine Seltenheit in Deutschland. Angeheuerte Profis sind am Werk und suchen Mittel und Wege, den Beschäftigtenvertretern das Leben schwer zu machen - auf Englisch: »Union Busting«. Lange galt Gido Genschorek, Geschäftsführer der Firma HatiCon in der Uckermark, als Hoffnungsträger, gab er doch 650 Menschen neue Arbeit. Hauptsache Arbeit dachten viele in der Region. Wenige wagten an Tariflohn, Arbeitsschutz und Mitbestimmung zu denken. Das ist inzwischen anders. Die IG-Metall-Sekretärin Sophie Bartholdy resümiert: »Es war eine lange, harte Auseinandersetzung. Aber jetzt ist das Unternehmen ein Leuchtturm in diesem nahezu weißen Fleck auf der gewerkschaftlichen Landkarte.« HatiCon stellt patentierte Systeme aus Aluminium und Edelstahl für die Befestigung von Solaranlagen her - ein preisgekröntes Unternehmen. Heute sind nach mehreren Entlassungswellen nur noch rund 300 Menschen an den zwei Standorten Pinnow bei Schwedt und Güterfelde (Potsdam-Mittelmark) geblieben. Die rüde Art, in der das Management die Belegschaft halbierte, trieb die Verbliebenen zum Wunsch, einen Betriebsrat zu gründen und sich in der IG Metall zu organisieren. Damals seien die Chefs durch den Laden spaziert und hätten die Kollegen per Fingerzeig aussortiert: »Du kannst gehen, Du, und Du auch.« Die Idee eines Sozialplans tauchte in Genschoreks Welt nicht auf. »Ich dulde in meinem Betrieb weder die katholische Kirche noch die IG Metall«, sagte er einmal. Mit allen Mitteln Neben dem Arbeitsklima, das von Schikanen und Willkür geprägt war, lag auch der Arbeitsschutz im Argen. So berichten Gewerkschafter von Schutzvorrichtungen an Stanzen, die abgebaut worden seien, um die Produktivität der Maschine zu erhöhen. Als es tatsächlich zu einer schweren Verletzung gekommen sei, verteilte das Management zu allem Überfluss Abmahnungen an die geschädigte Person und den Sicherheitsbeauftragten. Was den Fall HatiCon in Deutschland einzigartig macht: Nachdem sich im September 2012 die Gründung eines Betriebsrats anbahnte, heuerte HatiCon nacheinander beide marktführenden deutschen Union Buster (Unternehmensberater, die gegen Gewerkschaften vorgehen) an: zuerst Helmut Naujoks aus Hamburg, ab März 2012 Schreiner + Partner aus Attendorn. Sophie Bartholdy kann stolz darauf sein, inzwischen beide Betriebsratskiller aus dem Feld geschlagen zu haben. Genschorek verkaufte sein 2006 gegründetes Start-up-Unternehmen am 1. Januar 2013 an die schwedische SAPA Group. Als die Konzernspitze in Stockholm von der Spur der Verheerung erfuhr, die Schreiner + Partner und Naujoks über zehn Jahre durch den deutschen Mittelstand geschlagen haben, hatte das Wirkung. SAPA hat in Schweden ein sozialpartnerschaftliches Image. Inzwischen sind die Union-Buster-Mandate allem Anschein nach annulliert. Der Teilerfolg war teuer erkauft und hart erkämpft. Um die Betriebsratswahl zu verhindern und - als das nicht möglich schien - durch den Einsatz »gelber«, unternehmerfreundlicher Wahllisten zu gewinnen, setzten HatiCon und seine Berater im Herbst 2012 systematisch die Schichtleiter unter Druck, ihre Kollegen auf Linie zu bringen. Es wurden Listen angefertigt, auf denen das wahrscheinliche Wahlverhalten notiert wurde und mittels derer Einzelne bearbeitet werden konnten. Es gab anonyme Aushänge - geschrieben, als kämen sie aus der Mitte der Belegschaft - gegen die IG Metall im Betrieb. 16 Kollegen, die mutmaßlich der Gewerkschaft nahe standen, wurden kurz vor der Wahl ebenso gefeuert wie der Sohn einer Kandidatin. Als letzte Verzweiflungstat erhöhte Genschorek den kargen Lohn um 50 Cent pro Stunde. Ein HatiCon-Stundenlohn liegt zwischen 8 und 8,50 Euro und damit bis zu 1000 Euro monatlich unter dem Flächentariflohn. Der Kampf ging weiter Bei der Wahl kamen letztlich sechs Kandidaten der IG Metall in den Betriebsrat und nur drei der gelben Gegenlisten. Doch damit war noch lange nicht Schluss. Die Geschäftsleitung versuchte nun, den Betriebsrat einerseits vorzuführen und unter Androhung von Entlassungen zur Unterschrift unter unannehmbare Betriebsvereinbarungen zu drängen. Andererseits ging sie gegen einzelne Mitglieder mit Schikanen, Abmahnungen und Kündigungen vor. Auch die offene Bespitzelung von Betriebsratsmitgliedern gehört zu den Gepflogenheiten deutscher Union Buster. Die Schwedter Detektei A. Clausens (»gegründet 1990«, »25-jährige Geheimdiensterfahrung«) übernahm die Drecksarbeit. Die Bespitzelungen haben zwei Motive. Geschehen sie offen, sollen sie zuvorderst die betroffene Person einschüchtern und zermürben. Verdeckte Ermittlungen dagegen sollen Indizien und »Beweise« erbringen, aus denen das Unternehmen fristlose Kündigungen stricken kann. Eine häufige Konstruktion, die in einschlägigen Ratgebern beworben wird, geht so: Ein Betriebsratsmitglied wird aufgrund psychischer Belastung krank geschrieben. Falls es noch einer Nebentätigkeit nachgeht - am anderen Arbeitsplatz wird es schließlich nicht gemobbt - ist das ein Grund zur Kündigung, der vor Gericht schwer zu halten sein dürfte, aber zunächst einmal Fakten schafft. Auch Sophie Bartholdy wollten die Union Buster und ihre Gefolgsleute unter Druck setzen. Ihre Vorgesetzten bei der IG Metall erhielten E-Mails aus dem HatiCon-Umfeld, in denen sie gezielt persönlich diskreditiert werden sollte. Doch damit konnte man die Gewerkschaft kaum beeindrucken. Im Gegenteil. Der Autor dieser nd-Serie hat zusammen mit dem Publizisten Werner Rügemer für die Otto-Brenner-Stifung, die Wissenschaftsstiftung der IG Metall, über 75 Fälle von Betriebsratsbekämpfung in Deutschland gefunden, die allein durch Presseveröffentlichungen eindeutig nachweisbar sind. Zusammen mit Kollegen betreibt er den Blog arbeitsunrecht.de. Die komplette Serie im Web: nd-online.de/busting

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen