Sonntag, 8. Februar 2015

Unbeachtete »deutsche Helden«? (Kurt Pätzold)

Auch dieses Datum wirft seine Bücher voraus: der 18. Juni 2015 mit dem dann zu begehenden 200. Jahrestag der Schlacht bei Waterloo. Es wurde die letzte des Franzosenkaisers. Als Napoleon sie verloren hatte und seine Streitmacht zerfiel, entschloß er sich, anders als ein Jahr zuvor, ohne von seinen Marschällen gedrängt zu werden, zur (zweiten) Abdankung. Diesmal kam er nicht glimpflich davon. Die südatlantische Insel St. Helena wurde der ihm bestimmte Verbannungsort. Das ferne Geschehen ist weit aus dem geschichtlichen Gedächtnis der Heutigen gerückt. Fünfzigjährige und Ältere mögen sich des Namens eben noch erinnern. Der ist ihnen als Heranwachsende im Ohr gewesen, dorthin gelangt durch den von der schwedischen Gruppe Abba gesungenen Text. Dessen Bezug zum Ereignis bestand darin, daß Waterloo als Gleichwort für endgültiges Scheitern galt. Im Song klagt ein Verliebter, daß ihm seine Angebetete auf immer unerreichbar geworden ist. Die gleiche Generation kann sich womöglich noch des von Sergej Bondartschuk gedrehten sowjetisch-italienischen Films »Waterloo« erinnern. Nun könnte der Jahrestag beitragen, Geschichtswissen aufzubessern. Daß er in Großbritannien Anlaß zu besonderem Gedenken geben wird, kann fest angenommen werden. Auch in Belgien wird das geschehen, in dessen Staatsgebiet liegt Waterloo heute – zum Zeitpunkt des Geschehens gehörte es zum Königreich der Niederlande. Und in der Bundesrepublik? Unter ihren Bewohnern werden sich vermutlich Niedersachsen und unter diesen wieder jene, die sich einst Hannoveraner nannten, der Schlacht besonders erinnern. Denn ihre Vorfahren stellten das Hauptkontingent jener Königlichen Deutschen Legion, die nach der Eroberung des Kurfürstentums durch Napoleon 1803 in England gebildet worden war als Teil der britischen Armee. In ihr bekriegten Hannoveraner, Nassauer, Preußen, auch Bayern Napoleons Truppen an mehreren Fronten, besonders erfolgreich 1811 und 1812 auf der iberischen Halbinsel, und schließlich drangen sie über die Pyrenäen weit in den Süden Frankreichs entlang der Mittelmeerküste vor. Schon dort hatten sie unter dem Oberbefehl von Arthur Wellesley, Herzog von Wellington, gesiegt. Nun also waren sie erneut aufgeboten worden, Napoleon zu schlagen, der binnen weniger Monate eine etwa 70.000 Soldaten starke Armee aufgestellt hatte. Mit ihr, über Frankreichs Grenzen nach Norden vorstoßend, gelangen ihm Schlachtensiege. Des Iren Brendan Simms Buch handelt von der Rolle der erwähnten Formation im Heer Wellingtons, genauer von einer kleinen Gruppe, dem zweiten leichten Bataillon. Dessen Soldaten verteidigten ein an der Straße von Brüssel nach Charleroi gelegenes Bauerngehöft »La Haye Sainte« etwa fünf Stunden gegen die anstürmenden Franzosen. Schließlich mußten die Verteidiger weichen. Jedoch hatten sie an einem Brennpunkt der Schlacht Napoleons überlegene Truppen solange aufgehalten, daß Blüchers Armee Waterloo erreichte und die vereinte Übermacht schließlich triumphierte. Wiewohl das dramatische Geschehen britische, französische, deutsche, ja selbst US-amerikanische Historiker herausgefordert hat, Dokumentensammlungen zur Schlacht, zur Rolle der Legion und auch zum Kampf um den Gutshof erschienen sind, hat sich Simms des Themas erneut angenommen, angetrieben von dem Urteil, es sei der Anteil eben jenes »deutschen« Bataillons für den Ausgang der gesamten Schlacht bislang nicht genügend gewürdigt worden. Auf die Masse der vorliegenden Literatur gestützt, unverarbeitete Schriften aus dem Hannoverschen Archiv auswertend, hat er nicht nur den Verlauf des Geschehens lebendig geschildert. Er stellt auch beteiligte Offiziere und Soldaten mit ihren Biographien vor, einschließlich ihres späteren Lebens als Zivilisten oder Angehörige der hannoverischen Armee. Denn die Legion war 1816 aufgelöst worden mit sehr unterschiedlichen sozialen Folgen für Offiziere und Mannschaften. Zur überlieferten Geschichtsschreibung gehört die kontroverse Diskussion, wer den Hauptbeitrag zum Schlachtensieg beisteuerte. War Waterloo am Ende ein »deutscher Sieg«, den Nationalisten im Kaiserreich beispielsweise am 100. Jahrestag des Ereignisses – also 1915, da befanden sich Deutschland und England im Weltkrieg – beanspruchten? Das will der Ire mit dem Blick auf die personelle nationale Zusammensetzung von Wellingtons Armee nicht ganz ausschließen. Ganz im Stich gelassen hat er die Leser jedoch bei der Frage, wofür da, den Tod verachtend oder von Befehlen und Strafandrohungen getrieben, Männer einander hingemordet haben und mit welchen Folgen. Es gehört eine Portion von Naivität dazu, Simms in der Feststellung zu folgen, die Armeen der Alliierten hätten für die Wiederherstellung der »deutschen Freiheit« und des »europäischen Gleichgewichts« gestritten. Am Ende macht der Autor den Befehlshabern der Bundeswehr einen Vorschlag. Sie möchten überlegen, ob die Soldaten des zweiten Bataillons der Königlich deutschen Legion und ihr Kampf gegen Napoleon nicht eine geeignetere Traditionslinie für ihre Streitmacht liefere als beispielsweise preußische Armeen und deren Schlachten. Da hätten wir nach Christopher Clark einen zweiten in Großbritannien tätigen Hochschullehrer, der sich um das rechte Geschichtsverständnis der Deutschen sorgt. Brendan Simms: »Der längste Nachmittag. 400 Deutsche, Napoleon und die Entscheidung von Waterloo«, Übersetzung Wiebke Meier, C. H. Beck, 191 Seiten, 18,95 €

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