Sonntag, 8. Februar 2015

Die Satire lebe! Noch und noch! (Harald Kretzschmar)

Ja, sie lebt doch noch, die Satire. Gerade vermutete ich, sie sei schon tot – die gezeichnete politische Satire. Ich mußte es denken, als ich die Sächsische Zeitung im Pegida-Paradies Dresden aufschlug und die Ergebnisse des dort von der Sächsischen Zeitung verliehenen »Deutschen Karikaturenpreis 2014« gedruckt sah: Alles, was krank macht, war da in hübschen, mit Sprechblasen verzierten Bildchen festgehalten. Die einer gezeichneten Satire würdigen Grundkrankheiten der Gesellschaft waren jedoch total ausgespart. Irgendwelche Herrschaftsstrukturen sind offenbar tabu. Jux und Tollerei auf der untersten Ebene ist angesagt in deutschen Landen. Satirisch frecher Zeichenstift? Nein, die computermilde Kreuz-und-quer-Kritzelei ist angesagt. Den Umweg des Nachdenkens über politische Hintergründe ersparen uns die auslobenden Herren und Damen. Ja, sie lebt doch noch, die Satire. Erst wenn in Paris vier Karikaturisten des fast unscheinbaren Satireblattes Charlie Hebdo aus dem Mündungsfeuer der Schießeisen angeblich im Namen Allahs mordender Gewalttäter tot niedergestreckt sind, darf sie im weltweit öffentlichen Bewußtsein auferstehen. Von einem Moment zum anderen wird sie gefeiert, die Satire. Vive la France, Oase der Satire! Sofort sind die Tafeln in perfektem Französisch »Je suis Charlie« (Ich bin Charlie) da. Abertausende demonstrieren für etwas, was sie bis dato kaum kannten. Siehe da, wie wandlungsfähig plötzlich die Offiziellen sind, verschanzt hinter Ratgebern und Lobbyisten. Allgemein höchst empfindlich gegenüber scharfer Recherche und witziger Kritik, preisen sie nun laut die Satire. Tolle Zeiten brechen an. Die Museen und die Schulbücher und die Pflegestätten der Historie entdecken umgehend die längst verdrängte und vergessene satirische Zeichnung. Ausgesuchte Karikaturisten werden in diverse Talkshows eingeladen, damit auch sie endlich die dort üblichen Fragen beantworten. Ja, sie lebt doch noch, die Satire. Am Ende braucht sie gar nicht mehr die künstlerische oder publizistische Ausprägung. Sie wird gelebt. Präsident Obama persönlich schlägt den Weg frei für eine filmische Satire, in der die Ermordung des Staatsoberhauptes eines Schurkenstaates gefeiert wird. Ja, das ist die Satire, von der ein Establishment träumt, das bisher die Mittel der Satire sträflich verkannt hat. Auf denn zu immer wirkungsvoller drastischen Mohammed-Karikaturen, die neben den paar Islamisten bitteschön eben auch einige Millionen Moslems treffen. Man kennt das doch: Kollateralschäden. Satire braucht Freiheit. Frei von jeglicher menschlicher Rücksichtnahme, politischer Orientierung und Durchblick in Zusammenhänge soll die Satire gedeihen. Völlig durchgedreht und anarchisch hat sie die Spaßgesellschaft am allerliebsten. Aber nicht vergessen: Jedes Jahr am 7. Januar zu den Gräbern der ermordeten Satiriker gehen und Kränze abwerfen mit der Inschrift »WIR sind Charlie«.

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