Montag, 8. September 2014

„Die Chruschtschowianer“

Auszug aus Kapitel 9 : Die „Teufel“ geraten außer Kontrolle Tirana 1984, dt. Ausgabe, Seite 293 – 329 Von ENVER HOXHA Der ansteckende Geist des 20. Parteitags gab allen konterrevolutionären Elementen in den sozialistischen Ländern und in den kommunistischen und Arbeiterparteien Auftrieb, er flößte denen Mut ein, die maskiert nur auf den Augenblick warteten, an dem sie den Sozialismus, wo er gesiegt hatte, stürzen konnten. Die Konterrevolutionäre in Ungarn, in Polen, in Bulgarien, in der Tschechoslowakei und anderswo, die Verräter am Marxismus-Leninismus in den Parteien Italiens und Frankreichs sowie die jugoslawischen Titoisten begrüßten jubelnd Chruschtschows berüchtigte Thesen über die „Demokratisierung“, den „Stalinkult“, die Rehabilitierung verurteilter Feinde, die „friedliche Koexistenz“, den „friedlichen Übergang“ vom Kapitalismus zum Sozialismus usw. Diese Thesen und Parolen fanden bei den Revisionisten, an der Macht oder gestürzt, bei der Sozialdemokratie und den reaktionären bürgerlichen Intellektuellen begeisterte und hoffnungsvolle Aufnahme. Die Ereignisse in Ungarn und Polen waren das Vorspiel zur Konterrevolution, die sich später noch breiter und tiefgreifender nicht nur in diesen Ländern, sondern auch in Bulgarien, in Ostdeutschland, in der Tschechoslowakei, in China und besonders in der Sowjetunion abspielen sollte. Nachdem sie ihre Stellungen in Bulgarien, in Rumänien, in der Tschechoslowakei usw. bis zu einem gewissen Grad abgesichert hatte, fiel die Chruschtschow-Clique über Ungarn her, dessen Führung dem sowjetischen Kurs nicht so gehorsam folgte. Doch auf Ungarn hatte es auch Tito und die Amerikaner abgesehen. Wie sich zeigte, gab es in Ungarn viele schwachen Punkte. Dort war die Partei geschaffen worden; an ihrer Spitze stand Rakosi, um den sich einige alte kommunistische Genossen scharten, etwa Gerö und Münich, aber auch junge, erst vor kurzem dazu gekommen, die sich an den von der Roten Armee und Stalin gedeckten Tisch setzen konnten. Man begann in Ungarn „den Sozialismus aufzubauen“, doch die Reformen waren nicht radikal. Das Proletariat wurde zwar bevorzugt, doch ohne das Kleinbürgertum all zu sehr zu verärgern. Die ungarische Partei war entstanden aus einem Zusammenschluss der angeblich illegalen kommunistischen Partei (ungarische Kriegsgefangene in der Sowjetunion), der alten Kommunisten Bela Kuns sowie der sozialdemokratischen Partei. Dieser Zusammenschluss war also ein ungesunder Verschnitt, aus dem nie etwas wurde, bis dann die Konterrevolution und Kadar im Verein mit Chruschtschow und Mikojan per Dekret die vollständige Liquidierung der Ungarischen Partei der Werktätigen verkündeten. Rakosi habe ich näher gekannt, und ich mochte ihn. Ich habe mich oft mit ihm unterhalten, denn ich war mehrmals bei ihm, sowohl dienstlich als auch privat, mit Nexhmije. Rakosi war ein ehrlicher Mann, ein alter Kommunist und Führer der Komintern. Er hatte gute Absichten, doch seine Arbeit wurde von innen und von außen sabotiert. Solange Stalin lebte, schien alles gut zu gehen, doch nach seinem Tod begannen sich in Ungarn die Schwachstellen zu zeigen. Rakosi berichtete mir einmal in einem Gespräch über die ungarische Armee und fragte mich dann auch nach unserer: „Unsere Armee ist schwach, wir haben keine Kader, die Offiziere sind die alten aus der Horthy-Armee, deshalb nehmen wir jetzt einfache Arbeiter aus den Fabriken von Czepel und machen sie zu Offizieren“, erzählte er mir. „Ohne eine starke Armee“, sagte ich zu Rakosi, „lässt sich der Sozialismus nicht verteidigen. Ihr müsst die Horthy-Leute entfernen. Es ist gut, dass ihr Arbeiter genommen habt, nur müsst ihr darauf achten, dass sie ordentlich ausgebildet werden.“ Während wir uns in Rakosis Villa unterhielten, kam Kadar. Er war gerade aus Moskau zurückgekehrt, wo er sich zur Behandlung eines Augenleidens aufgehalten hatte. Rakosi stellte ihn mir vor, erkundigte sich, wie es ihm denn nun gehe, und entließ ihn dann zu seiner Familie. Als wir wieder allein waren, sagte Rakosi zu mir: „Kadar zum Beispiel ist ein junger Kader, wir haben ihn zum Innenminister gemacht.“ Um die Wahrheit zu sagen, er sah mir nicht nach einem Innenminister aus. Bei einer anderen Gelegenheit unterhielten wir uns über die Wirtschaft. Rakosi berichtete mir über die Wirtschaft Ungarns, besonders über die Landwirtschaft, wo es gut aussehe, dass sich das Volk satt essen könne und sie gar nicht wüssten, wohin mit all dem Schweinefleisch, der Wurst, dem Bier und dem Wein! Ich machte große Augen, wusste ich doch, dass es nicht nur bei uns, sondern auch in allen anderen sozialistischen Ländern nicht so aussah, sogar in Ungarn nicht. Rakosi hatte den Fehler, dass er gerne dick auftrug und die Erfolge bei der Arbeit übertrieb. Doch trotz dieser Schwäche hatte Matyas meiner Meinung nach ein gutes kommunistisches Herz und sah die Linie der Entwicklung des Sozialismus nicht falsch. Man muss wissen, dass Ungarn und die Rakosi-Führung sich, meiner Meinung nach, ständig der Wühlarbeit der vom Klerus, vom mächtigen Kulakentum und den getarnten Horthy-Faschisten unterstützten internationalen Reaktion zu erwehren hatten, dass sie vom jugoslawischen Titoismus und seiner Agentenoirganisation mit Rajk an der Spitze, mit Kadar (der sich tarnte) und anderen bedrängt wurden und schließlich, dass ihnen Chruschtschow und die Chruschtschowianer keine Ruhe ließen. Diese mochten Rakosi und seine Anhänger nicht, hassten ihn sogar, weil er Stalin und dem Marxismus-Leninismus treu blieb und, wenn nötig, auf gemeinsamen Beratungen das ganze Gewicht seiner Persönlichkeit gegen sie in die Waagschale warf. Rakosi gehörte zur alten Garde der Komintern, und die Komintern war für die modernen Revisionisten ein „rotes Tuch“. So wurde Ungarn zur Spielwiese der Intrigen und Machenschaften Chruschtschows, Titos und der Konterrevolutionäre ( hinter denen der amerikanische Imperialismus stand), die die ungarische Partei von innen zersetzen und die Stellung Rakosis und der zuverlässigen Leute in ihrer Führung untergruben. Rakosi stand sowohl Chruschtschow im Weg, der auch Ungarn in seinen Pferch bringen wollte, als auch Tito, der das sozialistische Lager zerstören wollte und Rakosi als einen der „Stalinisten“, die ihn 1948 bloßgestellt hatten, doppelt hasste. Im April 1957, als die „parteifeindliche Gruppe“ Malenkows, Molotows usw. noch nicht ausgeschaltet war, hielt ich mich mit einer Partei-und Regierungsdelegation in Moskau auf. Nach einem inoffiziellen Abendessen im Katerinsky-Saal im Kreml saßen wir noch mit Chruschtschow, Molotow, Mikojan, Bulganin u.a. zum Kaffeetrinken zusammen. Während des Gesprächs wandte sich Molotow an mich und sagte wie im Spaß: „Mikojan fährt morgen nach Wien. Er will dort auch so ein Schlamassel anrichten wie in Budapest.“ Um das Gespräch bei diesem Thema zu halten, fragte ich ihn: „Wieso, hat Mikojan diesen Schlamassel angerichtet?“ „Wer sonst?“ entgegnete Molotow. „Dann kann sich aber Mikojan nicht mehr in Budapest blicken lassen“, sagte ich. „Wenn Mikojan sich in Budapest noch einmal blicken lässt“, fuhr Molotow fort, „wird man ihn aufknüpfen.“ Chruschtschow saß mit gesenktem Kopf da und rührte in seinem Kaffee. Mikojan lief dunkel an, seine Kiefer arbeiteten, dann sagte er mit einem zynischen Lächeln: „Warum sollte ich denn nicht nach Budapest gehen? Wenn sie mich hängen, hängen sie auch Kadar; schließlich haben wir diesen Schlamassel zusammen angerichtet,“ Die Rolle der Chruschtschowianer bei der ungarischen Tragödie war für mich nun klar. Chruschtschows und Titos Anstrengungen, alles Gesunde in Ungarn zu liquidieren, deckten sich, deshalb stimmten sie ihr Vorgehen aufeinander ab. Nach Chruschtschows Belgrad-Reise richteten sich ihre Vorstöße auf die Rehabilitierung der titoistischen Verschwörer Koçi Xoxe, Rajk, Kostoff usw. Während unsere Partei um keinen Millimeter von ihrem korrekten, prinzipienfesten Standpunkt abrückte, gab die ungarische Partei klein bei, Tito und Chruschtschow triumphierten. Mit Rajk wurde auch der Verrat rehabilitiert. Rakosis Stellung wurde erheblich geschwächt. Es mag schon sein, dass die ungarische Parteiführung mit Rakosi und Gerö auch wirtschaftliche Fehler beging, aber diese haben die Konterrevolution nicht hervorgerufen. Der Hauptfehler von Rakosi und Genossen war, dass sie nicht fest blieben, dass sie sich durch den Druck der äußeren und inneren Feinde ins Schwanken bringen ließen. Sie versäumten es, die Partei und das Volk, die Arbeiterklasse zu mobilisieren, um die Anstrengungen der Reaktion schon im Keim zu ersticken. Stattdessen machten sie dieser Zugeständnisse, rehabilitierte Feinde wie Rajk usw. Dadurch wurde die Lage immer labiler, bis dann die Konterrevolution ausbrach. Im Juni 1956 hatte ich auf dem Weg nach Moskau zu einer Beratung des RGW in Budapest ein Gespräch mit den Genossen des Politbüros der Ungarischen Partei der Werktätigen. Ich traf weder Rakosi noch Hegedüs, damals Ministerpräsident, noch Gerö an, weil sie mit dem Zug bereits nach Moskau abgereist waren. (Allerdings begegnete ich Rakosi in Moskau weder auf der Beratung noch sonst irgendwo. Mit Sicherheit war er zum „Ausruhen“ in irgendeiner „Klinik“, wo ihn die Sowjets davon „überzeugten, seinen Rücktritt zu erklären“. Zwei oder drei Wochen später wurde er tatsächlich seiner Ämter enthoben.) Die ungarischen Genossen erzählten mir, in ihrer Partei und ihrem Zentralkomitee gebe es einige Schwierigkeiten. „Im Zentralkomitee“, sagten sie, „ ist eine Stimmung gegen Rakosi aufgekommen. Farkas, der Mitglied des Politbüros gewesen ist, hat die Fahne gegen ihn erhoben.“ „Es ist nun an der Zeit, dass Farkas nicht nur aus dem Zentralkomitee, sondern auch aus der Partei entfernt wird“, sagte Bata, der Verteidigungsminister, zu mir. „Seine Haltung“, fuhr er fort, „ist parteifeindlich, feindselig. Er vertritt die These: ´Ich habe Fehler gemacht, Berija ist ein Verräter. Doch wer hat mir befohlen, diese Fehler zu machen? Rakosi!`“. Diese Frage sei auch von Revay aufs Tapet gebracht worden, berichteten mir die ungarischen Genossen, der vorgeschlagen habe: „Wir sollten eine Kommission schaffen, die das Verschulden jedes einzelnen, Rakosis Fehler usw. untersucht.“ Ich fragte dazwischen: „Dann hat also das Zentralkomitee kein Vertrauen zum Politbüro?“ „So sieht es aus“, erwiderten sie. „Wir waren gezwungen, der Bildung einer Kommission zuzustimmen, beschlossen aber, dass ihr Bericht zuerst dem Politbüro vorgelegt wird.“ „Was ist das für eine Kommission?“, fragte ich. „Solche Fragen muss das Zentralkomitee ans Politbüro überweisen, und dort muss der Bericht diskutiert werden. Und wenn das Zentralkomitee es für nötig hält, setzt es das Politbüro ab.“ Die ungarischen Genossen erzählten mir unter anderem, der als Konterrevolutionär ausgeschlossene Imre Nagy habe an seinem Geburtstag ein großes Abendessen für etwa 150 Leute gegeben, zu dem auch Mitglieder des Zentralkomitees und der Regierung eingeladen worden seien. Viele hätten die Einladung des Verräters angenommen und seien hingegangen. Als ein Mitglied des Zentralkomitees die Genossen der Führung gefragt habe, ob er nun gehen sollte oder nicht, hätten diese geantwortet: „Entscheide selbst.“ Diese Antwort erschien mir natürlich sehr merkwürdig, und ich fragte die ungarischen Genossen: „Warum habt ihr ihm denn nicht klipp und klar gesagt, er solle nicht gehen, weil Imre Nagy ein Feind ist ?!“ „Na ja, wir ließen ihn die Sache selber beurteilen und nach seinem Gewissen entscheiden“, lautete die Antwort. Bei diesem Gespräch gestanden die ungarischen Führer mir gegenüber ein, dass in ihrer Partei eine schwierige Situation herrsche. An diesen Schwierigkeiten hatte auch der 20. Parteitag seinen Anteil. „Es gibt bei uns Gruppen in der Partei, Schriftsteller usw., die nicht auf der Linie sind und sich nach dem 20. Parteitag richten wollen“, berichteten sie mir. „Diese Leute sagen zu uns: ´Der 20. Parteitag bestätigt unsere Thesen, dass es in der Führung Fehler gibt. Deshalb haben wir recht`.“ „Auch Togliattis Interview hat uns viele Scherereien gemacht“, sagte einer der Anwesenden. „Es gibt Mitglieder des Zentralkomitees, die zu mir gesagt haben: ´Was sollen wir denn nun machen? Besser, wir handeln, verfolgen auch in Ungarn eine andere, unabhängige Politik, so wie Jugoslawien`.“ Es sah dort wirklich sehr schlimm aus. Ein anderes Mitglied des Zentralkomitees hatte zornig zu ihnen gesagt: „Verheimlicht ihr vom Politbüro uns immer noch Dinge wie beim 20. Parteitag? Warum veröffentlicht ihr Togliattis Interview nicht?“ „Und wir veröffentlichen es“, erklärten mir die Genossen des Büros. „Die Partei muss schließlich informiert werden …!“ Ich berichtete den ungarischen Genossen, dass es bei uns gut aussah, und erläuterte unser Vorgehen auf der Konferenz von Tirana. „In der Partei“, betonte ich, „muss es eine richtige Demokratie geben. Sie muss stabilisierend wirken und die Einheit festigen, nicht sie zerstören. Deshalb haben wir denen, die die Demokratie zum Schaden der Partei missbrauchen wollen, die Leviten gelesen. Wir haben solche Dinge bei uns nicht zugelassen.“ Als die Rede auf Togliattis Interview kam, fragten sie mich nach meiner Meinung. „Togliatti liegt falsch mit dem, was er da gesagt hat“, antwortete ich ihnen. „Wir haben unsere Widersprüche zu ihm natürlich nicht an die Öffentlichkeit getragen, aber wir haben die Ersten Sekretäre der Bezirksparteikomitees zusammengerufen und ihnen die Sache erklärt, damit sie wachsam und in jedem Fall vorbereitet sind.“ Da sagt mir Szallai, Mitglied des Politbüros: „Ich habe Togliattis Interview gelesen und halte es nicht für so schlecht. Der Anfang ist in Ordnung, erst gegen Schluss wird es schlecht.“ „Wir haben es nicht veröffentlicht und waren erstaunt, als Radio Prag es brachte“, sagte ich. Dieses Gespräch brachte mich zu der Überzeugung, dass ihre Linie schwankend war. Außerdem schienen auch die zuverlässigeren Leute im Büro unter dem Druck der konterrevolutionären Elemente zu stehen, und so schwankten auch sie. Das Politbüro schien zusammen zu halten, doch man hatte es völlig isoliert. Am Abend gaben sie in einem Saal im Parlamentsgebäude ein Essen für uns. An der Wand zog ein großes Gemälde von Atilla den Blick auf sich. Wir unterhielten uns erneut über die in Ungarn gärende schwierige Lage. Doch man merkte, dass sie den Kopf verloren hatten. Ich sagte: „Warum seht ihr tatenlos zu, wie die Konterrevolution heraufzieht? Warum ergreift ihr keine Maßnahmen?“ „Was für Maßnahmen sollen wir denn ergreifen?“ fragte einer von ihnen. „Schließt unverzüglich den Petöfi-Klub, verhaftet die Hauptunruhestifter, schickt die Arbeiterklasse bewaffnet auf die Straße und umstellt das Esztergom. Wenn ihr Mindszenty nicht inhaftieren könnt, könnt ihr dann nicht wenigstens Imre Nagy verhaften? Lasst einige von den Häuptern dieser Konterrevolutionäre erschießen, damit sie begreifen, was Diktatur des Proletariats heißt.“ Die ungarischen Genossen rissen die Augen auf und blickten mich verblüfft an, als wollten sie sagen: „Du hast wohl den Verstand verloren?“ Einer von ihnen sagte zu mir: „Wir können nicht so vorgehen wie Sie sagen, Genosse Enver. Für so alarmierend halten wir die Lage nicht. Wir haben die Situation unter Kontrolle. Das Geschrei im Petöfi-Klub, das sind Kindereien. Und wenn ein paar Mitglieder des Zentralkomitees zu Imre Nagy gegangen sind und ihm gratuliert haben, dann nur, weil sie schon lange mit ihm befreundet sind und nicht, weil sie etwas dagegen haben, dass das Zentralkomitee Imre ausgeschlossen hat.“ „Ich glaube, ihr nehmt die Sache auf die leichte Schulter“, entgegnete ich. „Ihr habt gar keine richtige Vorstellung von der großen Gefahr, die auf euch zu kommt. Glaubt uns, wir kennen die Titoisten genau und wissen,, was sie vor haben, diese Antikommunisten und Agenten des Imperialismus.“ Doch ich blieb ein Rufer in der Wüste. Wir würgten unser Abendbrot hinunter, und die ungarischen Genossen versuchten während der ganzen Unterhaltung, die sich einige Stunden lang hinzog, mir weiszumachen, sie hätten „die Situation unter Kontrolle“, und ähnlichen Unsinn. Am nächsten Morgen stieg ich ins Flugzeug und flog nach Moskau. Ich traf mit Suslow in seinem Büro im Kreml zusammen. Er empfing mich in seiner üblichen Art, tänzelnd wie eine Ballerina vom Bolschoi-Ballett, und fragte mich, nachdem wir uns gesetzt hatten, über Albanien aus. Als wir unsere Probleme besprochen hatten, schnitt ich die Ungarnfrage an. Ich teilte ihm meine Eindrücke und Ansichten mit, so wie ich sie auch den ungarischen Genossen offen gesagt hatte. Suslow sah mich mit seinen durchdringenden Augen durch die dunkle Hornbrille an, und ich stellte beim Sprechen in seinen Augen einen Ausdruck von Unzufriedenheit, Verdrossenheit, ja Ärger fest. Seine Missbilligung äußerte sich auch in den Bleistiftkritzeleien, die er auf ein weißes Blatt Papier warf, das vor ihm auf dem Tisch lag. Ich fuhr fort und schloss mit der Bemerkung, mich erstaune die Ruhe und „Gelassenheit“ der ungarischen Genossen. Suslow fing mit seiner Holunderpfeifen dünnen Stimme zu sprechen an. Er sagte mir im Wesentliche folgendes: „Wir können mit Ihrer Beurteilung der Ungarnfrage nicht einverstanden sein. Sie malen die Lage in schwärzeren Farben, als sie in Wirklichkeit ist. Möglicherweise verfügen Sie nicht über ausreichende Informationen.“ Und Suslow redete und redete, versuchte mich zu „beruhigen“ und davon zu überzeugen, dass die Situation in Ungarn durchaus nicht alarmierend sei. Seine „Argumente“ überzeugten mich keineswegs, und die darauf folgenden Ereignisse bestätigten, dass unsere Ansichten und Hinweise bezüglich der schwierigen Lage in Ungarn vollkommen richtig waren. Rund 2 Monate später, Ende August 1956, hatte ich erneut eine scharfe Debatte mit Suslow über die Ungarnfrage. Wir waren auf dem Weg nach China zum Parteitag der chinesischen Partei über Budapest gekommen und hatten dort auf dem Flughafen ein Gespräch mit der damaligen ungarischen Führung gehabt, das uns noch mehr in unserer Überzeugung bestärkte, dass dort der Zusammenbruch in vollem Gange war, dass die Reaktion handelte, während die ungarische Führung durch ihr Vorgehen die Konterrevolution sogar noch begünstigte. Bei unserem Aufenthalt in Moskau trafen wir mit Suslow zusammen und teilten ihm unsere Besorgnis mit, damit er die sowjetische Führung davon unterrichte. Suslow nahm die gleiche Haltung ein wie bei meiner Begegnung mit ihm im Juni. „Wir haben weder vom Nachrichtendienst noch aus anderen Quellen Angaben darüber erhalten, dass dort, wie ihr sagt, die Konterrevolution gärt“, erklärte uns Suslow. „Die Feinde machen viel Lärm um Ungarn, doch die Lage dort ist dabei, sich zu normalisieren. Es gibt zwar einige Bewegungen unter den Studenten, doch die sind ungefährlich, unter Kontrolle. Die Jugoslawen sind dort nicht am Werk, wie ihr behauptet. Ihr müsst wissen, dass nicht nur Rakosi Fehler gemacht hat, sondern auch Gerö…“. „Ja, Fehler haben sie wirklich gemacht, schließlich haben sie die ungarischen titoistischen Verräter rehabilitiert, die sich verschworen hatten, um den Sozialismus in die Luft zu sprengen“, fiel ich Suslow ins Wort. Er verzog seine dünnen Lippen und fuhr fort: „Was Genossen Imre Nagy angeht, können wir mit Ihnen nicht einer Meinung sein, Genosse Enver.“ „Es überrascht mich sehr“, entgegnete ich, „dass Sie Imre Nagy als Genossen betrachten, obwohl ihn die Ungarische Partei der Werktätigen davon gejagt hat.“ „Na und wenn schon“, sagte Suslow darauf, „immerhin hat er bereut und Selbstkritik abgelegt.“ „Worte verfliegen im Wind“, widersprach ich. „Glaubt doch nicht an das Geschwätz …“. „Nein“, sagte Suslow, rot angelaufen, „wir haben seine Selbstkritik schriftlich.“ Er zog eine Schublade auf und holte ein an die Kommunistische Partei der Sowjetunion gerichtetes Schreiben mit Imre Nagys Unterschrift hervor. Dieser erklärte darin, er habe „im Denken und Handeln“ geirrt und bitte um die Unterstützung der Sowjets. „Glauben Sie das denn?“ fragte ich Suslow. „Ja, wir glauben es, warum auch nicht?“ erwiderte er und fuhr fort: Genossen können auch Fehler begehen, doch wenn sie ihre Fehler einsehen, müssen wir ihnen die Hand reichen.“ „Er ist ein Verräter“, sagte ich zu Suslow, „und unserer Meinung nach begeht ihr einen großen Fehler, wenn ihr einem Verräter die Hand reicht.“ Damit war das Gespräch mit Suslow beendet, und wir gingen weg, ohne mit ihm einverstanden zu sein. Diese Zusammenkunft hinterließ bei uns den Eindruck, dass die Sowjets, nachdem sie Rakosi definitiv verurteilt hatten, durch die Situation in Ungarn alarmiert und verschreckt waren, dass sie nicht wussten, was sie tun sollten, und noch vor dem Sturm eine Lösung finden wollten. Sicherlich verhandelten sie gerade mit Tito über eine gemeinsame Lösung. Sie bereiteten sich darauf vor, Imre Nagy, mit dem sie die Situation in Ungarn zu meistern hofften, zum Einsatz zu bringen. Und so geschah es dann auch. Der Kreis um Rakosi war sehr schwach. Weder das Zentralkomitee noch das Politbüro hatten das erforderliche Niveau. Leute wie Hegedüs und Kadar, Greise wie Münich und einige junge Burschen ohne Partei- und Kampferfahrung ließen die Leitungstätigkeit mit jedem Tag schwächer werden und gingen der titoistisch-chruschtschowschen Spinne ins Netz. Das ganze Abenteuer wurde fieberhaft vorbereitet. Die Reaktion erwachte zum Leben, erhielt Auftrieb, sprach und handelte offen. Der Pseudokommunist, Kulak und Verräter Imre Nagy wurde im Gewand des Kommunisten zum Bannerträger des Titoismus und des Kampfes gegen Rakosi. Dieser hatte die Gefahr erkannt, die der Partei und dem Land drohte, und Maßnahmen gegen Imre Nagy ergriffen, indem er ihn Ende 1955 aus der Partei entfernte. Doch es war zu spät. Die Spinne der Konterrevolution hatte Ungarn in ihr Netz eingesponnen, und es war dabei, die Schlacht zu verlieren. Chruschtschow und Tito, das Zentrum des Esztergom und die ausländische Reaktion, sie alle griffen Rakosi an. Anna Kettly, Mindszenty, die Grafen und Barone im Dienst der Weltreaktion, die sich innerhalb Ungarns, in Österreich und anderswo zusammengerottet hatten, organisierten die Konterrevolution und schmuggelten Waffen ein für die Tumulte, die sie vorbereiteten. Der Petöfi-Klub wurde zum Zentrum der Reaktion. Angeblich war dies ein Kulturklub des Jugendverbandes, in Wirklichkeit aber ein Nest, wo die reaktionären Intellektuellen unter der Nase der ungarischen Partei nicht nur über den Sozialismus und die Diktatur des Proletariats herzogen, sondern auch Vorbereitungen trafen und sich organisierten. Sie gingen sogar so weit, der Partei und der Regierung ihre Forderungen arrogant in Form eines Ultimatums zu unterbreiten. Anfänglich, als Rakosi noch an der Spitze stand, versuchte man einige Maßnahmen zu ergreifen: Der Petöfi-Klub wurde in einer Resolution des Zentralkomitees angegriffen, zwei oder drei Schriftsteller wurden aus der Partei ausgeschlossen, doch das waren eher Nadelstiche, keinesfalls aber durchgreifende Maßnahmen. Der Hort der Konterrevolution bestand weiter, und wenig später wurden auch die Angegriffenen fast alle wieder rehabilitiert. Der gestürzte Imre Nagy thronte wie ein Pascha bei sich zu Hause und empfing seine Anhänger in Audienz. Unter diesen Anhängern waren Mitglieder des Zentralkomitees der Ungarischen Partei der Werktätigen. Die ungarischen Führer reisten verstört in Moskau an und ab, während ihre vorgeblichen Genossen im Zentralkomitee im Haus von Imre Nagy vorsprachen, um ihm zum Geburtstag zu gratulieren, anstatt Maßnahmen gegen die sich erhebende Reaktion zu ergreifen. Rakosis Hofleute wurden zu Höflingen Nagys und zu Wegbereitern seiner Machtergreifung. Der Beschluss, Rakosi zu stürzen, wurde in Moskau und in Belgrad gefasst. Rakosi gab auf, wehrte sich nicht gegen den Druck der Chruschtschowianer und der Titoisten sowie die Intrigen ihrer Agenten in der ungarischen Führung. Er wurde gezwungen, seinen Rücktritt einzureichen, angeblich „aus gesundheitlichen Gründen“ (weil er an Bluthochdruck litt!), und gleichzeitig „gesetzesverletzende Fehler“ zuzugeben. Anfänglich sprach man noch über die Verdienste des „Genossen Matyas Rakosi“ ( sie „begruben“ ihn also in Ehren), später sprach man von seinen Fehlern, um schließlich bei „Rakosis Verbrecherbande“ zu landen. Wichtigen Anteil an der Vorbereitung der Intrigen, die Rakosis Absetzung vorausgingen, hatte Suslow, der genau zu dieser Zeit auf Urlaub nach Ungarn fuhr (!). Offensichtlich war Rakosi der letzte Bremsklotz gewesen, der den revisionistischen Karren noch daran gehindert hatte, volle Fahrt aufzunehmen. Zwar wurde nicht Kadar zum Ersten Sekretär gewählt, wie die Sowjets und die Jugoslawen wollten, sondern Gerö, doch auch dessen Tage waren gezählt. Kadar jedoch, der im Gefängnis gesessen hatte und erst kurz zuvor rehabilitiert worden war, wurde zunächst einmal ins Politbüro gewählt und spielte als Mann Chruschtschows und Titos in Wirklichkeit die „erste Geige“. Nach dem Plenum vom Juli 1956 (auf dem Gerö an Rakosis Stelle trat und Kadar ins Politbüro kam) bekam die Reaktion Oberwasser; die Partei und die Regierung genossen fast keine Autorität. Die konterrevolutionären Elemente forderten hartnäckig Nagys Rehabilitierung und die Absetzung der wenigen zuverlässigen Leute in der Führung. Gerö, Hegedüs und andere klapperten Stadt um Stadt und Fabrik um Fabrik ab, um die Gemüter zu beschwichtigen, sie versprachen „Demokratie“, „sozialistische Gesetzlichkewit“ und Lohnerhöhungen. Selbstverständlich geschah das alles nicht auf korrekte marxistisch-leninistische Weise, vielmehr gab man der starken Woge des Kleinbürgertums und der Reaktion nach. Wir betrachteten Rakosis Entfernung aus der Führung der ungarischen Partei als Fehler, der die Situation in Ungarn noch erheblich kritischer und labiler machte, und diese unsere Meinung teilten wir den sowjetischen Führern mit, als wir im Dezember nach Moskau fuhren. Die Ereignisse selbst bewiesen, wie recht wir hatten. Es begann die „glückliche“ Periode der Liberalisierung, die Periode, in der die von der Diktatur des Proletariats zu Recht Bestraften aus dem Gefängnis und aus dem Grab hervorgeholt wurden. Der Verräter Rajk wurde samt seinen Kumpanen nach einer pompösen Zeremonie, an der Tausende von Menschen allen voran die ungarischen Führer, teilnahmen, und die mit der Internationale beschlossen wurde, in ein neues Grab umgebettet. So wurde aus dem Verräter Rajk der „Genosse Rajk“ und ein Nationalheld Ungarns, fast wie Kossuth. Nach einem formalen Brief an das Zentralkomitee wurde Nagy wieder in die Partei aufgenommen und sah den Ereignissen, die ihn an die Macht bringen würden, gelassen entgegen. Und diese ließen nicht lange auf sich warten. Nach Rajk wurden noch eine Menge anderer aus der Versenkung hervorgeholt, die einst verurteilt worden waren – Offiziere und Priester, politische Verbrecher und Diebe. Sie erhielten moralische und materielle Satisfaktion. Rajks Witwe wurde für den Verrat ihres Mannes mit 200 000 Forint belohnt, und die Budapester Zeitungen konnten die Großherzigkeit von „Frau Rajk“ melden, die diese Summe den Volkskollegien schenkte. Die gerichtlich Verurteilten wurden zu Opfern Rakosis, Gabor Peters und Mihaly Farkas erklärt. Letzterer wurde damals verhaftet. Die hohen Funktionäre rechtfertigten sich vor der Reaktion für ihre „Verbrechen“. „Was sollten wir denn machen“, sagte der Justizminister, „wenn Genosse Rajk doch selbst zugab, wessen man ihn beschuldigte?“ Als Hegedüs noch Ministerpräsident war, erklärte er unter Chruschtschows Druck: „Wir bedauern sehr, dass unsere Partei und unsere Regierung die Jugoslawn verleumdet haben“. Und Gerö sagte in seiner ersten Rede nach seiner Wahl an die Parteispitze: „Unsere Partei muss ihre offenen Schulden beim Bund der Kommunisten Jugoslawiens und den Führern Jugoslawiens noch begleichen und die Verleumdungen, die wir über die Föderative Republik Jugoslawien ausgestreut haben, klarstellen“. Gerö, einer der ältesten Führer der Partei, entpuppte sich bei all dem, was damals geschah, als Opportunist und Feigling, der von hier nach dort pendelte und wie eine Marionette an den Fäden der wahren Akteure der ungarischen Tragödie tanzte. Als Tito zum „Urlaub“ auf der Krim weilte, ging Gerö hin und unterhielt sich in Chruschtschows Villa mit ihm, und alle drei „spazierten“ zusammen mit ihrem Gefolge „am stran entlang, unterhielten sich und ließen sich zusammen fotografieren.“ Eine „historische“ Fotografie, falls einmal die Geschichte der Intrigen und Ränkespiele auf Kosten der Völker geschrieben wird! Hier, in Jalta, in Chruschtschows Villa, fand die erste Versöhnung statt, und ein paar Tage später fuhr Gerö mit Hegedüs und Kadar nach Belgrad, wo sie mit Ranković Gespräche führten. Es dauerte nicht lange, bis der Aufruhr begann, Gerö auf den Müll gefegt wurde, und Kadar – mit Chruschtschows Segen und mit Hilfe der Manöver Mikojans und des revisionistischen Ideologen Suslow – zum Ersten Sekretär aufgeputzt wurde. Inzwischen ergriff Imre Nagy, aus seinem Loch gekrochen, die Macht, stieß ein Triumphgeheul aus, verkündete die „Demokratie“, und Tito hatte den höchsten Gipfel seines Sieges erreicht. Die Reaktion trat die Macht an, von außen wucherte das Banditentum herein. Die Parteien der Bourgeoisie – die faschistische, die Horthy-Partei die klerikale – wurden neu gebildet. Der Imperialismus überschwemmte das Land mit Spionen und schmuggelte aus Österreich massenweise Waffen ein. Radio „Freies Europa“ schürte Tag und Nacht die Konterrevolution, rief zum Sturz und zur totalen Beseitigung der sozialistischen Ordnung auf. Ungarn hatte schon zuvor den als Touristen getarnten Spionen freien Zugang gewährt. Als wir im Oktober 1956 auf der Rückreise von China in Budapest Halt einlegten, erklärten uns die Mitglieder des Büros der Ungarischen Partei der Werktätigen höchstpersönlich, in der letzten Zeit hätten 20 000 Touristen Ungarn besucht. Als ich darauf hinwies, dies sei gefährlich, entgegneten sie: „Sie bringen uns aber Devisen ins Land.“ Nach Rakosis Sturz, besonders in den berüchtigten Oktobertagen, wurden den Horthy-Leuten, den Baronen und Grafen, den Exherren und einstigen Unterdrückern Ungarns, die Tore geöffnet. Esterhazy ließ sich mitten in Budapest nieder, telefonierte mit den Botschaften und informierte sie von seiner Absicht, die Regierung zu übernehmen. Mindszenty, schon früher aus dem Gefängnis entlassen, zog eskortiert von der „Nationalgarde“ in seinen Palast ein und segnete das Volk. Wie Maden in einer faulenden Wunde lebten die alten Parteien wieder auf, die Grundbesitzerpartei, die Partei der Kleinlandwirte, die Sozialdemokraten, die Katholiken. Sie ließen sich in ihren alten Gebäuden nieder, brachten Zeitungen heraus und Nagy und Kadar kamen an die Regierung. Die Konterrevolution erfasste die gesamte Hauptstadt und verbreitete sich über ganz Ungarn. Wie uns unser Botschafter in Ungarn später berichtete, hatte es der blindwütige Mob von Konterrevolutionären gleich am Anfang auf ein Bronzedenkmal Stalins abgesehen, das auf einem Platz in Budapest noch stehen geblieben war. So wie sich einst Hitlers SA auf alles Fortschrittliche gestürzt hatte, so fielen auch die Horthy-Leute und der andere Abschaum Ungarns wütend über das Stalindenkmal her und versuchten es zu stürzen. Nachdem sie es auch mit Stahlseilen und einem schweren Bulldozer nicht geschafft hatten, machten sich die Banditen mit Schweißgeräten ans Werk. Ihr erster Akt war symbolisch: mit der Zerstörung des Stalindenkmals wollten sie zum Ausdruck bringen, dass sie alles, was in Ungarn noch vom Sozialismus, von der Diktatur des Proletariats, vom Marxismus-Leninismus geblieben war, nieder zu reißen entschlossen waren. Zerstörung, Mord, Aufruhr überzogen die ganze Stadt. Chruschtschow und Suslow glitt auch der räudige Vogel Imre Nagy aus der Hand. Dieser Verräter, auf den Moskau seine Hoffnung gesetzt hatte wie ein Ertrinkender, der sich selbst am Schopf packt, um sich vor dem tödlichen Untergehen zu bewahren, zeigte in den Wogen der konterrevolutionären Wut sein wahres Gesicht, verkündete sein reaktionäres Programm und erklärte öffentlich Ungarns Austritt aus dem Warschauer Vertrag. Sowjetischer Botschafter in Ungarn war ein gewisser Andropow, ein KGB-Mann, der später zu Rang und Namen kam und auch uns gegenüber eine üble Rolle spielte. Dieser Geheimagent im Botschaftergewand wurde vom Ausbruch der Konterrevolution überrollt. Selbst als sich die konterrevolutionären Ereignisse schon offen abspielten, als Nagy die Regierung übernahm, fuhren die Sowjets noch fort, ihn zu unterstützen, anscheinend in der Hoffnung, ihn unter Kontrolle halten zu können. In den Tagen nach der ersten halbherzigen Intervention der sowjetischen Truppen sagte Andropow zu unserem Botschafter in Budapest: „Man kann die Aufständischen nicht als Konterrevolutionäre bezeichnen, schließlich gibt es unter ihnen auch ehrliche Leute. Die neue Regierung ist gut und muss beibehalten werden, damit sich die Lage stabilisieren kann.“ „Was halten Sie von Nagys Reden?“ fragte ihn unser Botschafter. „Die sind nicht schlecht“, erwiderte Andropow, und als unser Genosse meinte, was darin über die Sowjetunion gesagt werde, erscheine ihm nicht richtig, antwortete er: „Es gibt Anti-Sowjetismus, doch Nagys letzte Rede war nicht schlecht und auch nicht anti-sowjetisch. Er will Kontakt zu den Massen halten. Das Politbüro ist gut und genießt Kredit.“ Die Konterrevolutionäre gingen so arrogant vor, dass sie Andropow selbst und mit ihm das ganze Personal auf die Straße jagten und dort stundenlang sitzen ließen. Wir gaben unserem Botschafter in Budapest Anweisung, Maßnahmen zum Schutz der Botschaft und des Botschaftspersonals zu treffen, auf dem oberen Treppenabsatz ein Maschinengewehr aufzustellen und, falls die Konterrevolutionäre Übergriffe gegen die Botschaft wagen sollten, ohne Zögern zu feuern. Doch als unser Botschafter von Andropow Waffen zum Schutz der Botschaft verlangte, wehrte dieser ab: „Wir genießen diplomatische Immunität, niemand wird euch belästigen.“ „was ist das denn für eine diplomatische Immunität?!“ fragte unser Botschafter. „Euch haben sie auf die Straße hinaus gejagt!“ „Nein, nein“, sagte Anmdropow. „Wenn wir euch Waffen geben, kommt es womöglich zu einem Zwischenfall.“ „Also gut“, sagte unser Vertreter. „Dann richte ich hiermit im Namen der albanischen Regierung die offizielle Forderung an Sie.“ „Ich werde in Moskau nachfragen“, sagte Andropow, und als unsere Forderung abgelehnt wurde, erklärte unser Botschafter. „Einverstanden, aber lasst euch gesagt sein, dass wir uns mit dem Revolver und den Doppelflinten, die wir haben, verteidigen werden.“ Der sowjetische Botschafter hatte sich in der Botschaft eingeschlossen und wagte den Kopf nicht heraus zu strecken. Ein verantwortlicher Funktionär des ungarischen Außenministeriums, der von den Banditen verfolgt wurde, suchte in unserer Botschaft Zuflucht, und wir gewährten sie ihm. Er erzählte unseren Genossen, er sei auch in der sowjetischen Botschaft gewesen, dort habe man ihn aber nicht aufgenommen. Die in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen griffen anfänglich ein, zogen sich dann aber unter dem Druck von Nagy und Kadar zurück, und die sowjetische Regierung erklärte, sie sei zu Verhandlungen über ihren Abzug aus Ungarn bereit. Und während die Konterrevolutionäre ein Blutbad anrichteten, war Moskau vor Schreck erstarrt. Chruschtschow bebte, zögerte einzugreifen. Tito war Herr der Lage und unterstützte Imre Nagy, hatte sogar seine Armee aufmarschieren lassen und machte sich bereit zur Intervention. Daraufhin schickte Moskau den geeigneten Mann nach Budapest, den Schieber Mikojan, zusammen mit dem Hähnchen Suslow. Wir hier in Tirana sahen nicht wortlos zu. Ich rief den Sowjetbotschafter und erklärte ihm ärgerlich: „Wir haben keinerlei Informationen darüber, was gegenwärtig in einigen sozialistischen Ländern geschieht. Tito und Konsorten haben bei der Organisierung der Konterrevolution in Ungarn ihre Finger im Spiel. Ihr überlassr Ungarn dem Imperialismus und Tito. Ihr müsst bewaffnet intervenieren und reinen Tisch machen, solange es noch nicht zu spät ist.“ Ich wies ihn auf Titos Absichten hin, verurteilte Chruschtschows Vertrauen auf Imre Nagys „Selbstkritik“. „Da habt ihr euren Imre Nagy“, sagte ich zu ihm. „Nun wird in Ungarn Blut vergossen, und die Schuldigen müssen festgestellt werden.“ Er antwortete mir: „Die Lage ist schwierig, doch wir liefern Ungarn nicht dem Feind aus. Ich werde Ihre Meinung nach Moskau weitergeben.“ Es ist bekannt, was in Budapest und ganz Ungarn geschah. Tausende Menschen wurden getötet. Die vom Ausland bewaffnete Reaktion wütete, erschoss Kommunisten und Demokraten, Frauen und Kinder auf der Straße, brannte Häuser, Büros und alles nieder, was ihr unter die Hände kam. Tagelang regierte das Banditentum. Der einzige geringe Widerstand, der geleistet wurde, kam von den Budapester Abteilungen der Staatssicherheit, während die ungarische Armee und die Ungarische Partei der Werktätigen neutralisiert und liquidiert wurden. Kadar erließ das Dekret zur Liquidierung der Ungarischen Partei der Werktätigen, womit er sein wahres Gesicht zeigte, und verkündete die Gründung der neuen Partei, der Sozialistischen Arbeiterpartei, die Kadar, Nagy und andere aufbauen wollten. Die sowjetische Botschaft blieb mit Panzern umstellt, und drinnen intrigierten Mikojan, Suslow, Andropow und wer weiß, wer sonst noch. Die Reaktion mit Kadar und Imre Nagy an der Spitze, die sich im Parlament eingeschlossen hatten und palaverten, erließ weiter Aufrufe an die kapitalistischen Staaten des Westens, bewaffnet gegen die Sowjets zu intervenieren. Der eingeschüchterte Nikita Chruschtschow war schließlich gezwungen, den Einsatzbefehl zu geben. Sowjetische Panzertruppen rückten in Budapest ein, und der Straßenkampf begann. Der Intrigant Mikojan sétzte Andropow in einen Panzer und schickte ihn zum Parlamentsgebäude, um Kadar von dort weg zu holen, damit er mit ihm manipulieren konnte. Und so geschah es dann auch. Kadar wechselte erneut den Herren, wechselte erneut das Hemd, warf sich den Sowjets in die Arme und unter dem Schutz ihrer Panzer rief er das Volk auf, die Unruhen zu beenden, und die Konterrevolutionäre, die Waffen abzuliefern und sich zu ergeben. Um die Regierung Nagy war es damit geschehen. Die Konterrevolution wurde niedergeschlagen, und Imre Nagy suchte in Titos Botschaft Zuflucht. Es war klar, dass er ein Agent Titos und der Weltreaktion war. Er hatte auch Chruschtschows Unterstützung gehabt, war aber dessen Griff entschlüpft, weil er noch weiter gehen wollte und auch ging. Monatelang zankte sich Chruschtschow mit Tito, weil er Nagy haben wollte. Doch Tito gab ihn nicht heraus, bis sie dann den Kompromiss erzielten, Nagy solle an die Rumänen ausgeliefert werden. Während mit Tito über dieses Problem verhandelt wurde, erkundigte sich Krylow, der sowjetische Botschafter in Tirana, auch bei uns, ob wir einverstanden seien, wenn Nagy nach Rumänien gehe. „Wir haben bereits erklärt“, antwortete ich Krylow, „dass Imre Nagy ein Verräter ist und dem Faschismus in Ungarn die Tore geöffnet hat. Nun schlägt man vor, dass dieser Verräter, der Kommunisten, fortschrittliche Menschen ermorden ließ, der Sowjetsoldaten töten ließ und die Imperialisten zur Intervention aufrief, von einem befreundeten Land aufgenommen werden soll. Das ist ein großes Zugeständnis, mit dem wir nicht einverstanden sind.“ Nachdem die Gemüter besänftigt und die Opfer der ungarischen Konterrevolution, die vor allem Titos und Chruschtschows Werk gewesen war, beerdigt waren,wurde Nagy hingerichtet. Auch das war nicht richtig. Nicht, dass Nagy es nicht verdient gehabt hätte, hingerichtet zu werden, aber das hätte nicht heimlich, ohne Gericht, ohne öffentliche Entlarvung geschehen dürfen, wie es dann der Fall war. Er hätte öffentlich vor Gericht gestellt und bestraft werden müssen, und zwar nach den Gesetzen des Landes, dessen Staatsbürger er war. Aber an einem Prozess waren natürlich weder Chruschtschow noch Kadar, noch Tito interessiert, hätte doch Nagy womöglich die schmutzige Wäsche der Drahtzieher des konterrevolutionären Komplotts an die Öffentlichkeit gezerrt. Später, als die Konterrevolution in Ungarn unterdrückt worden war, kamen viele Tatsachen ans Licht, die die Mitschuld der sowjetischen Führer an den ungarischen Ereignissen bewiesen. Wir argwöhnten natürlich die Rolle, die die Sowjets gespielt hatten, besonders was Rakosis Absetzung, die Unterstützung Nagys usw. betraf. Doch genau wussten wir damals nicht, wie sich Chruschtschows Zusammenarbeit vollzog, auch wussten wir nichts von Chruschtschows und Malenkows geheimen Zusammenkünften mit Tito in Brioni. Das kam später heraus, und wir distanzierten uns von diesen handlungen der Sowjets. Einige Tage nachdem in Ungarn die Ordnung wieder hergestellt worden war, setzte uns die sowjetische Führung über ihren Briefwechsel mit der jugoslawischen Führung zur Ungarnfrage in Kenntnis. Die Fakten, die in diesen Briefen ans Licht kamen, beunruhigten uns zutiefst, denn die Probleme waren ernst und kritisch. Die Interessen des Sozialismus und der kommunistischen Bewegung verlangten es damals, dass die Sowjetunion gegen die Angriffe des Imperialismus und der Reaktion in Schutz genommen, dass unsere Einheit gewahrt wurde. Andererseits konnte unsere Partei zu diesen anti-marxistischen Handlungen der sowjetischen Führung nicht schweigen. Deshalb musste alles gründlich beurteilt und gut erwogen werden, mit Rücksicht auf die Interessen der Partei unseres Landes, der Revolution und des Sozialismus. So gingen wir an diese Probleme heran. Wir sagten den sowjetischen Führern in kameradschaftlichem Ton unsere Meinung, und zwar so, dass alles unter uns blieb und unter uns korrigiert werden konnte. Ich rief damals, als wir die Briefe erhalten hatten, Krylow zu mir. „Ich habe Sie gerufen“, sagte ich zu ihm, „um einige Fragen zu klären, die sich aus diesen Briefen ergeben. Zunächst möchte ich Ihnen sagen, dass wir Titos Anspielungen auf ´einige üble Leute`, womit ganz eindeutig die Führung unserer Partei gemeint ist, für unannehmbar halten. Was ihn betrifft, so überrascht uns das nicht, schließlich sind wir Titos Angriffe gewöhnt. Was uns aber außerordentlich befremdet, ist, dass in der Antwort des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion diese Anwürfe Titos nicht entschieden zurück gewiesen werden. Können Sie uns etwas dazu sagen?“ „Ich habe dazu nichts zu sagen!“ antwortete Krylow, der wie üblich den Taubstummen spielte. Ich fuhr daraufhin fort „Man hätte Tito klipp und klar erklären müssen, dass nicht wir üble Leute und Feinde des Sozialismus sind, wie er behauptet. Wir sind Marxisten-Leninisten, entschlossene Menschen, die bis zum Letzten für die Sache des Sozialismus kämpfen werden. Tito selbst ist ein Feind der Revolution, des Sozialismus. Dafür gibt es viele Tatsachen.“ Krylow schwieg, und ich brachte dann das Gespräch hauptsächlich auf ein anderes Problem, das uns in diesen Briefen aufgefallen war. „Sie“, schrieb Chruschtschow an Tito, „waren durchaus damit einverstanden, dass sich das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion schon im Sommer dieses Jahres im Zusammenhang mit Rakosis Entfernung darum bemühte, dass Kadar Erster Sekretär wurde.“ Überdies zeigte dieser Brief klar ihre Zusammenarbeit nicht nur vor, sondern auch während der Oktoberereignisse. Diese Zusammenarbeit nahm in dem Plan, der bei den Geheimgesprächen in Brioni ausgeheckt wurde, konkrete Gestalt an. Für uns war diese Handlungsweise der sowjetischen Führer unannehmbar.Unserer Meinung nach hatten die Titoisten ihre Agenten- und Spaltertätigkeit nicht eingestellt, was sich ganz besonders in Ungarn deutlich zeigte. Von dieser Überzeugung hatten wir die Führung der Sowjetunion in Kenntnis gesetzt. Ich befragte zu dieser Sache auch Krylow. „Uns ist nicht ganz klar, wo das Zentralkomitee der Ungarischen Partei der Werktätigen gebildet worden ist, in Budapest oder auf der Krim.“ Diese Frage gefiel Krylow natürlich nicht, und umständlich rückte er mit der Antwort heraus: „Die Sache wird so sein: die ungarischen Genossen fuhren auf die Krim und unterhielten sich mit unseren Genossen. Dort ging es dann darum, wer in die Führung kommen sollte. Und das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei der Sowjetunion hat gesagt: ´Es wäre gut, wenn Kadar gewählt werden würde`““Das heißt also, die Führung der Kommunistischen Partei der Sowjetunion war nicht für Gerö, sondern für Kadar?“ fuhr ich fort. „Das ist diesem Brief zu entnehmen“, erwiderte Krylow. „Außerdem ist auch Kadars Regierung in enger Zusammenarbeit eurer Führung mit Tito gebildet worden“, sagte ich, „oder nicht?“ „Ja“, musste Krylow zugeben, „so scheint es.“ Ich teilte dem sowjetischen Botschafter dann mit, welche Besorgnis die Ereignisse in Ungarn in unserer Partei hervorgerufen hatten, und betonte daraufhin: „Es ist die einhellige Meinung unseres Politbüros, dass die Genossen des Präsidiums des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion nicht richtig handeln, wenn sie sich mit Tito über die Zusammensetzung der ungarischen Partei- und Staatsführung unterhalten. Die sowjetische Führung kennt unsere Meinung zu all diesen Fragen genau, denn wir haben sie ihr mitgeteilt. So ist es doch?“ „Ja“, sagte Krylow, „so ist es.“ „Haben Sie alle unsere Auffassungen nach Moskau berichtet?“ „Ja“, erwiderte er, „das habe ich getan.“ weiteres Zitat aus: „Die Chruschtschowianer“ von Seite 344 – 348 Die Ereignisse in Ungarn und Polen lösten bei unserer Partei und ihrer Führung berechtigte Besorgnis aus, denn sie schadeten der Sache der Revolution und schwächten die Stellung des Sozialismus in Europa und auf der Welt. Nachdem diese Ereignisse vorbei waren oder, genauer gesagt, sich nicht mehr offen und scharf, sondern im Verborgenen entwickelten, kam die Zeit der Analysen und der sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen. Analysen stellten sowohl Chruschtschow als auch Tito an, entsprechend ihren eigenen Interessen und ihrer jeweiligen Kalkulation, ausgehend von ihren anti-marxistischen Anschauungen. Im Kern stimmten die „Analysen“ der Titoisten und der Chruschtschowianer miteinander überein. Die Schuld wurde auf die Fehler der ungarischen Führung, besonders Rakosis, geschoben. Auch Kadar, der Diener beider Herren, stimmte ein und erklärte: „Die Revolte der Massen war auf Grund der Fehler der verbrecherischen Clique Rakosis und Gerös gerechtfertigt.“ Unsere Partei hatte die Ereignisse – soweit sie ihren Verlauf kannte und gestützt auf die aus der Dunkelheit, die das Komplott umgab, hervor dringenden Tatsachen – analysiert und ihre eigenen Schlussfolgerungen gezogen. Unserer Meinung nach war die Konterrevolution vom Weltkapitalismus und von seinem titoistischen Agentenring im schwächsten Kettenglied des sozialistischen Lagers provoziert und organisiert worden, als die Chruschtschow-Clique ihre Stellungen noch nicht konsolidiert hatte. Die Ungarische Partei der Werktätigen und die Diktatur des Proletariats in Ungarn schmolzen schon bei der ersten harten Konfrontation mit der Reaktion hinweg wie Schnee im Regen. Von allem, was geschehen war, ließen uns vor allem folgende Fakten aufhorchen: In erster Linie brachten die Ereignisse die schwache und oberflächliche Arbeit der ungarischen Partei bei der Erziehung und Führung der Arbeiterklasse ans Licht. Trotz ihrer revolutionären Traditionen verstand es die ungarische Arbeiterklasse während der Konterrevolution nicht, ihre Macht zu verteidigen. Ein Teil von ihr wurde im Gegenteil sogar zur Reserve der Reaktion. Die Partei selbst reagierte nicht wie ein bewusster und organisierter Vortrupp der Klasse, sie wurde innerhalb weniger Tage zerschlagen, was dem Konterrevolutionär Kadar die Möglichkeit gab, sie endgültig zu begraben. Die Ereignisse im Oktober/November 1956 machten noch einmal den schwankenden Charakter der ungarischen Intellektuellen und der ungarischen Studentenjugend deutlich. Sie wurden zum willfährigen Werkzeug der Reaktion, zum Sturmtrupp der Bourgeoisie. Eine besondere Rolle spielten dabei die konterrevolutionären Schriftsteller, allen voran der Reaktionär und Antikommunist Lukacz, der auch Mitglied der Nagy-Regierung wurde. Der Fall Ungarn bewies, dass die Bourgeoisie ihre Hoffnungen auf eine Restauration nicht aufgegeben hatte, sondern vielmehr in der Illegalität ihre Vorbereitungen getroffen hatte. Dabei behielt sie sogar die alten Organisationsformen bei, was sich u.a. an der umgehenden Gründung der bürgerlichen, klerikalen und faschistischen Parteien zeigte. Was in Ungarn geschehen war, bestärkte unsere Partei erneut in der Überzeugung, dass unsere Haltung gegenüber den jugoslawischen Revisionisten richtig war. Die Titoisten waren die wichtigsten Inspiratoren und die Hauptunterstützer der ungarischen Konterrevolution. Die offiziellen Persönlichkeiten und die Presse Jugoslawiens begrüßten die Ereignisse begeistert. Das Geschwätz aus dem Petöfi-Klub wurde in Belgrad veröffentlicht, und die „Theorien“ Titos und Kardeljs waren zusammen mit den Thesen des 20. Parteitags das Banner dieser Schwätzereien. Doch das war weder neu noch unerwartet für uns. Was uns mehr beunruhigte, war die Rolle der sowjetischen Führung bei diesen Ereignissen, die Abstimmung der Pläne mit Tito, die Intrigen, hinter dem Rücken des ungarischen Volks, die nachhaltige, bittere Rückwirkungen für dieses hatten. Die Konterrevolution in Ungarn wurde von den sowjetischen Panzern niedergeschlagen, weil Chruschtschow gar nicht anders konnte, als einzugreifen ( sonst hätte er sich endgültig entlarvt). In diesem Punkt hatten Tito und die Imperialisten nicht richtig kalkuliert. Doch dann stellte sich heraus, dass diese Konterrevolution von Konterrevolutionären unterdrückt worden war, die den Kapitalismus restaurierten, allerdings mehr im Verborgenen, unter Wahrung der Farbe und der Masken, wie es die sowjetischen Chruschtschowianer in ihrem Land taten. Die Fakten im Zusammenhang mit Ungarn verstärkten unsere Zweifel an der Führung der KPdSU, sie beunruhigten und betrübten uns. Wir hatten stets großes Vertrauen zur Bolschewistischen Partei Lenins und Stalins gehabt, und dieses Vertrauen hatten wir wie unsere aufrichtige Liebe für sie und das Sowjetland auch bekundet. Ein weiteres Zitat aus „Die Chruschtschowianer“ Seite 356 – 358: „Suslow“ (…) gab seinerseits eine Darstellung der Ereignisse in Ungarn. Suslow kritisierte Rakosi und Gerö, die durch ihre Fehler „große Unzufriedenheit unter dem Volk hervorgerufen“, Nagy aber der Kontrolle entgleiten lassen hätten. „Nagy und die Jugoslawen“, fuhr er fort, „haben den Sozialismus bekämpft.“ „Warum ist dann Nagy wieder in die Partei aufgenommen worden?“ fragte ich ihn. „Man hatte ihn zu Unrecht ausgeschlossen, seine Verfehlungen rechtfertigten eine solche Strafe nicht. Kadar dagegen geht jetzt einen richtigen Weg. In eurer Presse hat es einige kritische Bemerkungen über Kadar gegeben. Ihr solltet allerdings bedenken, dass er unterstützt werden muss, weil die Jugoslawen ihn bekämpfen.“ „Wir kennen Kadar nicht sehr gut. Wir wissen nur, dass er im Gefängnis gesessen und zu Imre Nagy gehalten hat.“ Als wir kritisierten, dass wir über die Ereignisse in Ungarn nicht auf dem Laufenden gehalten worden waren,, antwortete Suslow, die Ereignisse seien überraschend gekommen und es habe keine Zeit für Konsultationen gegeben. „Auch mit den anderen Parteien haben keine Konsultationen stattgefunden.. Erst beim zweiten Eingreifen haben wir uns mit den Chinesen beraten, und Chruschtschow, Malenkow und Molotow sind nach Rumänien und in die Tschechoslowakei gefahren.“ „Wie habt ihr denn die Zeit gefunden, euch mit Tito sogar über Kadars Ernennung zu beraten, während ihr uns überhaupt nicht unterrichtet habt?“ fragte ich. „Wir haben uns mit Tito nicht über Kadar beraten“, erwiderte er. „Wir sagten ihm nur, für die Regierung Nagy sei kein Platz mehr.“ „Das sind grundsätzliche Fragen“, betonte ich. „Konsultationen sind unerlässlich, doch sie finden nicht statt. Der Beratende Politische Ausschuss des Warschauer Vertrags zum Beispiel ist seit einem Jahr nicht mehr zusammengetreten“. „Er soll im Januar zusammentreten. Damals jedoch hätte jeder Tag Verzögerung zu einem großen Blutvergießen geführt.“ Ich erklärte ihm unter anderem, uns komme die jetzt verwendete Bezeichnung „Verebrecherbande von Rakosi und Gerö“ befremdlich vor, und wir meinten, dies trage nicht zum Zusammenschluss aller ungarischen Kommunisten bei. „Rakosis Fehler“, erwiderte Suslow, „haben im Volk und unter den Kommunisten eine schwierige Situation und Unzufriedenheit hervorgerufen.“ Wir wollten konkret etwas über Rakosis und Gerös Fehler erfahren, und Suslow zählte eine Reihe allgemeiner Dinge auf, die dazu dienen sollten, den beiden die gesamte Verantwortung für das Geschehene aufzuladen. Wir verlangten ein konkretes Beispiel, und er sagte: „Da ist zum Beispiel die Sache mit Rajk. Man bezeichnete ihn als Spion, ohne über irgendwelches Beweismaterial zu verfügen.“ „Wurde mit Rakosi über diese Dinge gesprochen, hat man ihn beraten?“ fragte ich. „Rakosi nahm keine Ratschläge an“, lautete die Antwort. Letztes Zitat aus „Die Chruschtschowianer“ von Seite 359 – 364: Wir [Suslow und Enver – Anmerkung der Redaktion] gingen auseinander, ohne Übereinstimmung erzielt zu haben. Am selben Tag führten wir auch offizielle Gespräche mit Chruschtschow, Suslow und Ponomarjow. Zunächst ergriff ich das Wort und legte den Standpunkt unserer Partei zu den Ereignissen in Ungarn und Polen sowie zu den Beziehungen mit Jugoslawien dar. Gleich zu Beginn sagte ich: „Unsere Delegation wird die Auffassungen des Zentralkomitees unserer Partrei zu diesen Fragen freimütig vortragen, auch wenn wir in einigen Punkten Differenzen mit der sowjetischen Führung haben. Diese Ansichten, mögen sie nun angenehm sein oder bitter“, fuhr ich fort, „ werden wir als Marxisten-Leninisten offen sagen, und wir sollten kameradschaftlich darüber diskutieren, ob wir recht haben oder nicht. Und wenn wir nicht recht haben, muss man uns davon überzeugen, warum.“ Im Zusammenhang mit Ungarn hob ich noch einmal die fehlende Information und Konsultation über dieses für das sozialistische Lager so neuralgische Problem hervor. „In dieser Situation“, sagte ich, „hätte unserer Meinung nach der Beratende Politische Ausschuss des Warschauer Vertrags einberufen werden müssen. In solchen Augenblicken sind Konsultationen unerlässlich, um unser Vorgehen und unsere Haltung zu koordinieren. Das hätte unsere Stärke und Einheit bewiesen.“ Weiter schilderte ich ihnen zum Ungarnproblem unseren Eindruck von der ungarischen Partei, von Rakosi und Gerö. Vor allem betonte ich, dass uns Kadars Einschätzung der beiden als „Verbrecherbande“ merkwürdig erscheine. Unserer Meinung nach seien Rakosis und Gerös Fehler nicht so schwerwiegend gewesen, dass sie eine solche Wertung verdient hätten. „Was die Fehler bei der wirtschaftlichen Entwicklung Ungarns betrifft“, unterstrich ich, „ hat unseres Wissens keine so ernste Situation geherrscht, dass die `Revolte der Massen´ gerechtfertigt gewesen wäre.“ In diesem Punkt akzeptierten die Sowjets unsere Meinung und gaben zu, dass die wirtschaftliche Situation nicht schwierig gewesen war. Des Weiteren sprach ich auch über die Haltung zu Nagy, Kadar usw. Ich brachte das Misstrauen unserer Partei Kadar gegenüber zum Ausdruck, fügte jedoch hinzu, trotzdem hätten wir ihm gegenüber eine sehr sachliche Haltung eingenommen. Ich hob die Rolle hervor, die die jugoslawischen Revisionisten bei den Ereignissen in Ungarn gespielt hatten, und betonte, die Partei der Arbeit Albaniens könne nicht billigen, dass Tito bei diesen Ereignissen eine Schiedsrichterrolle übertragen worden sei. Zu den Beziehungen mit Jugoslawien gab ich zunächst eine historische Darstellung des Problems und erklärte dann, wie wir es im Polibüro beschlossen hatten, im Wesentlichen folgendes: Schon seit langem betreiben die Jugoslawen eine feindselige Tätigkeit gegen unsere Partei und unser Land. Unserer Meinung nach sind die jugoslawischen Führer Anti-marxisten und gehören zusammen mit den Agenturen der amerikanischen Imperialisten zu denen, die die Ereignisse in Ungarn am meisten geschürt haben. Die Beziehungen zu Jugoslawien dürfen nur auf marxistisch-leninistischem Weg normalisiert werden, ohne Zugeständnisse, wie sie gemacht worden sind. Die Partei der Arbeit Albaniens ist der Ansicht, dass die Sowjetunion das durch Gošnjak vorgebrachte Ersuchen Jugoslawiens um Waffenlieferungen nicht erfüllen darf. Wir selbst werden zu Jugoslawien nur staatliche und Handelsbeziehungen unterhalten, keinesfalls jedoch Parteibeziehungen. Ganz besonders betonte ich im Namen des Zentralkomitees unserer Partei noch einmal, dass Chruschtschows Belgradreise 1955 unserer Meinung nach nicht hätte erfolgen dürfen, ohne die Bruderparteien zu konsultieren, ohne das Informationsbüro, das Tito als Anti-marxisten verurteilt hatte, einzuberufen. Als ich fertig war, ergriff Nikita Chruschtschow das Wort. Er fing an zu erzählen, wie er die jugoslawischen Führer wegen ihrer Haltung unserer Partei und unserem Land gegenüber kritisiert hatte. Chruschtschow tat, als billige und unterstütze er unsere Ansichten und Auffassungen, verzichtete aber trotzdem nicht darauf, uns seine Einwände und „Ratschläge“ mitzuteilen. So sagte er über meinen Artikel, der in der Prawda veröffentlicht worden war: „Tito war wütend über diesen Artikel. Wir hatten im Präsidium daran gedacht, einige Teile herauszunehmen, doch ihr hattet gesagt, es solle nichts geändert werden, und so veröffentlichten wir ihn, wie er war. Trotzdem, der Artikel hätte auch in anderer Form geschrieben werden können.“ Was die Ereignisse in Ungarn und Polen anbelangt, kam Chruschtschow wieder mit dem alten Lied an. Unter anderem gab er uns die „Anweisung“, Kadar und Gomulka zu unterstützen. Über letzteren sagte er uns: „Gomulka ist in einer schwierigen Lage, denn die Reaktion macht mobil. Was in der Presse geschrieben wird, sind nicht die Ansichten des Zentralkomitees, sondern die Ansichten einiger weniger, die gegen Gomulka aufbegehren. Die Situation dort stabilisiert sich allmählich. Jetzt sind in Polen die bevorstehenden Wahlen wichtig. Aus diesem Grund müssen wir Gomulka unterstützen. Deshalb wird Tschou En-lai dort hinfahren, was sehr dazu beitragen wird, Gomulkas Stellung zu festigen. Wir hielten es für besser, wenn die Chinesen sprechen und nicht wir, denn gegen uns hat die Reaktion mobil gemacht.“ Und so reiste Tschou En-lai, um Chruschtschow zu helfen, im Einvernehmen mit ihm nach Polen ( im Januar 1957). Dann „riet“ uns Chruschtschow, den Jugoslawen gegenüber eine besonnene Haltung einzunehmen, und machte „große Politik“, indem er uns erzählte, welche Unterschiede angeblich zwischen den jugoslawischen Führern bestanden. Am Ende seiner Rede verströmte Chruschtschow „Weihrauch“ und versprach, sie würden unsere wirtschaftlichen Forderungen studieren und uns helfen. So gingen diese Gespräche zu Ende, bei denen wir unsere Meinung sagten und die sowjetischen Führer versuchten, die Verantwortung für alles. Was geschehen war, von sich abzuwälzen. So wurde auch die Diskussion über dieses tragische Kapitel in der Geschichte des ungarischen und polnischen Volkes abgeschlossen. Die Konterrevolution wurde niedergeschlagen, hier durch sowjetische und dort durch polnische Panzer, doch sie wurde von Feinden der Revolution niedergeschlagen. Aber das Übel und die Tragödie waren noch nicht zu Ende, man ließ nur den Vorhang fallen, und hinter den Kulissen setzten Kadar, Gomulka und Chruschtschow ihre Verbrechen fort, bis ihr Verrat mit der Restauration des Kapitalismus vollendet war. [ENDE des AUSZUGES aus „Die Chruschtschowianer“Kapitel 9] Anmerkung: Hervorhebungen von der Redaktion. Dieses Buch wurde seit 1980 von der KPD/ML als einzige Partei in ganz Deutschland verbreitet. Eine Neuauflage ist uns finanziell und personell nicht mehr möglich. Alle Bücher von Enver Hoxha wurden 1985 vom trotzkistischen Koch-ZK in den Müllcontainer geworfen. Wir haben es leider nicht verhindert. Wir sind seit vielen Jahren dabei, die Werke des Genossen Enver Hoxha mühselig ins Internet zu setzen und bitten alle Genossinnen und Genossen um internationalistische Unterstützung und Hilfe. Wir brauchen Übersetzter/innen und Genossen/innen, die Texte im html-Format für uns tippen würden. Danke.

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