Freitag, 13. Juli 2012

Heiner Karuscheit Kampf für einen germanischen Massenstaat

Modernisierung, Reagrarisierung oder Herrschaft des Monopolkapitals - Zur Auseinandersetzung um den Nationalsozialismus Vorbemerkung: Die Debatte um den Faschismusbegriff Nach dem 1. Weltkrieg und der Oktoberrevolution war weit über die Reihen der Kommunisten hinaus die Überzeugung verbreitet, dass das Zeitalter des liberalen Kapitalismus zu Ende sei. Die Konkurrenz schien vor dem Monopol zu kapitulieren und die liberale, bürgerliche Gesellschaft von Kommunismus oder Faschismus abgelöst zu werden. Russland und Italien, sodann Deutschland schienen der übrigen Welt auf dem Marsch in eine nichtbürgerliche Zukunft nur voranzugehen. In der Tat offenbarte der 1. Weltkrieg in Europa das Zu-Ende-Gehen einer Epoche. Aber die Frage war, ob die Gesellschaft, die da in Krieg und Nachkriegswirren versank und erst nach einem weiteren Weltkrieg zu einem neuen Gleichgewicht fand, tatsächlich die bürgerliche des industriellen Kapitals war. Auf der anderen Seite des Atlantik, auf dem nordamerikanischen Halbkontinent, hatte sich das Kapital, nicht eingezwängt in überkommene Verhältnisse, von Anfang an in ganz anderem Maße entwickeln können. Von hier aus wirkte das alte Europa schon lange wie eine urtümliche Welt, trotz Einzugs der Industrie und der demokratischen Regierungsformen, die Länder wie Frankreich oder Großbritannien hatten. Nach dem 2. Weltkrieg konnten kommunistische Parteien, abgeschirmt durch die sowjetische Armee, zwar im Osten Europas die Macht übernehmen, nicht hingegen in den entwickelteren Staaten des Westens. Die "Zwei-Lager-Theorie" formulierte daraus die Gegenüberstellung eines sozialistischen Ostens und eines kapitalistischen Westens. Indem sie zur Grundlage ihres strategischen Denkens und Handelns wurde, zementierten die Kommunisten selber den Graben zwischen den Blöcken - und den Zusammenhalt der bürgerlichen Mächte. An die Stelle einer Politik der Ausnutzung der Widersprüche zwischen den westlichen Ländern trat der Rüstungswettlauf der Sowjetunion zur Erreichung der militärischen Parität. Währenddessen begann der Marxismus seinen Siegeszug in der 3. Welt. Nicht nur in den Agrargesellschaften Asiens mit China an der Spitze, sondern auch in anderen Teilen der Welt sprengten antiimperialistische Umwälzungen unter Berufung auf den Marxismus den kolonialen oder halbkolonialen Status der abhängigen Länder auf und ging man in den verschiedensten Staaten daran, einen "arabischen" oder "afrikanischen" Sozialismus aufzubauen. Und auch dort, wo kein grundlegender Wandel stattfand, bedrohten linksrevolutionäre Bewegungen die alten Mächte. Der Siegeszug der bürgerlichen Demokratie Im Westen des europäischen Kontinents dagegen bedeutete die Niederlage des Faschismus den Siegeszug der parlamentarischen Demokratie. Zuletzt fiel der Faschismus in den 70er Jahren im Süden des Kontinents, in Spanien und Portugal, und wiederum war sein Erbe nicht der Sozialismus, sondern die bürgerlich-demokratische Ordnung. Zwar stürzte in Portugal eine "Nelkenrevolution" sozialrevolutionär gesinnter Offiziere das Salazar-Regime, das im Kolonialkrieg um die Erhaltung der restlichen portugiesischen Afrikakolonien zugrunde ging, aber die revolutionäre Bewegung trug nicht weit. Es musste auch auffallen, welche Rolle die Agrarfrage spielte, die die Landarbeiterschaft des Alentejo gegen die vorzeitlich wirtschaftenden Großgrundbesitzer aufbegehren ließ. In den westeuropäischen Kernstaaten des Kapitals führte die Jugend- und Studentenbewegung der ausgehenden 60er Jahre zur Wiedererstehung oder -erstarkung auch der kommunistischen Bewegung. Die Gesellschaft blieb aber weiterhin erstaunlich stabil, nicht zuletzt gestützt durch die Produzenten des gesellschaftlichen Reichtums, die Arbeiterklasse, die sich gegenüber allen revolutionären Parolen als resistent erwies. Dieser Widerspruch brachte zwei Flügelpositionen hervor. Die eine nahm unter der Parole "Die Dörfer kreisen die Städte ein" Abschied vom Proletariat. Erst nach dem Sieg der Revolution in den "Weltdörfern", sprich in den Kontinenten Afrika, Asien und Lateinamerika, würde die Revolution auch in den Metropolen des Kapitals anstehen. In der Tradition dieser Trikontstrategie stehen heute in Deutschland die "Antiimperialisten". Der andere Flügel versuchte, durch die Strategie einer "antimonopolistischen Demokratie" im Bündnis mit bürgerlichen Schichten auf friedlichem Weg zum Sozialismus zu gelangen. Beiden Flügeln und den meisten der dazwischen stehenden Linken, die ml-Bewegung eingeschlossen, gemeinsam war die Auffassung von einer steten "Rechtsentwicklung" der bürgerlichen Gesellschaft. Nur im Ausnahmefall wurde daraus eine formelle Theorie der "Faschisierung" gemacht, aber im Kern lief die Auffassung von der "Rechtsentwicklung" genau darauf hinaus, denn was konnte am logischen Ende einer Rechtsentwicklung anderes stehen als der Faschismus? Der Satz der kritischen Theorie "Kapitalismus führt zum Faschismus" beherrschte, von wenigen Organisationen abgesehen, das Denken der Linken; er tut es bis heute. Gepaart waren diese Strategien meist mit Vorstellungen von einer "allgemeinen Krise" des Kapitals. Danach war die Stabilität der westlichen Gesellschaften nicht mehr als ein dünner Firnis, hinter dem die Krise von einer Stufe zur nächsten eilte, bis es zum Kladderadatsch kam, der das ganze Kartenhaus zusammenbrechen ließ und dem Kommunismus die Macht übertragen würde, es sei denn, faschistische oder kryptofaschistische Lösungen kämen dazwischen. In welcher Variante auch immer - die Überzeugung von Faschismus oder Sozialismus als den unausweichlichen Nachfolgern einer niedergehenden bürgerlichen Ordnung war das Credo der Mehrheit der Kommunisten und der Linken insgesamt. Die Jahre 1979 und 1989 bedeuteten den Zusammenbruch der bestehenden Weltordnung, nicht aber der Weltanschauung der Linken. Wenige Jahre nach dem Triumph des vietnamesischen Befreiungskampfes siegte 1979 im Iran eine Revolution unter ganz anderem Kriegszeichen, dem des islamischen Fundamentalismus. Bis dahin hatten in den Agrarstaaten der 3. Welt bäuerliche Massen unter Führung kommunistischer Parteien die Hauptlast des Kampfes gegen den Imperialismus getragen und so die Strategie des Bündnisses von Arbeiterklasse und Bauernschaft in der revolutionären Praxis bestätigt. 1979 aber machten keine Bauern, sondern die mustafizim der iranischen Vorstädte, die "Armen und Entrechteten" der vom Land entwurzelten Millionenmassen, die Revolution; ihre Führer waren keine Marxisten, sondern islamische Mullahs, und sie folgten nicht den Symbolen von Hammer und Sichel, sondern der grünen Fahne des Propheten. Diese Massen wenden sich nicht mehr nur gegen den westlichen Imperialismus und seine Statthalter, sondern auch gegen den "Sozialismus" arabischer und anderer Prägung, der sich als unfähig erwiesen hat, ihnen Arbeit, Brot und ein menschenwürdiges Dasein zu verschaffen. Heute steht insbesondere Algerien vor der Herausforderung durch eine islamisch-revolutionäre Bewegung, die das korrupte Regime des arabischen Sozialismus erschüttert. Ihr Sieg droht eine Flutwelle auszulösen, die die umliegenden Staaten und am Ende auch den "Damm der Versöhnung" hinweg reißen könnte, den Israel und die zur palästinensischen Honoratiorenvertretung gewordene PLO gegen die gemeinsame Bedrohung durch die islamische Revolution zu errichten versuchen. Zehn Jahre nach dem Sturz des Schahs in Teheran machte eine unblutige Revolution in der DDR Schluss mit der Blockteilung Europas. Als die Arbeiterklasse der DDR 1989 die demokratischen Parolen der "Bürgerbewegung" übernahm, aber mit der Parole "Wir sind ein Volk" im Unterschied zu den Pfarrern, Künstlern und Intellektuellen auch für die dazugehörige bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik auf die Straße und dann an die Wahlurnen ging, brach zuerst der vorgeschobene Eckpfeiler des staatssozialistischen Lagers und anschließend die Zentralmacht zusammen. Heute haben weder Faschismus noch Kommunismus eine staatliche Verkörperung mehr. Die bürgerliche Gesellschaft, zu Beginn des Jahrhunderts bereits totgesagt, steht an seinem Ausgang auf dem alten Kontinent als unangefochtene Siegerin da. Der Kampf gegen den Faschismus, für die Kommunisten jahrzehntelang Leitbild und identitätsstiftend, hat seinen Sinn verloren. Die neuerliche Faschismuskontroverse Im Angesicht dieser Entwicklung erweist sich die deutsche Linke noch im Untergang von einer denkwürdigen Zeitlosigkeit. Immer noch ist man sich über alle Lager hinweg einig im antifaschistischen Kampf "gegen rechts". Nur an den Rändern ist eine Diskussion über die Neubewertung des Faschismus in Gang gekommen. Unter Berufung auf eine bürgerliche Forschungsrichtung um Rainer Zitelmann, die den Nationalsozialismus als totalitäre Modernisierungsdiktatur im Reifungsprozess der gegenwärtigen Gesellschaft deutet, betrachtet die um die Zeitschrift "Krisis" gruppierte Strömung den deutschen Faschismus nicht länger als Zerfallsprodukt eines niedergehenden Kapitalismus, sondern als "Moment im Herausbildungsprozess der modernen Marktwirtschaftsdemokratie, als eines ihrer Vor- und Durchsetzungsstadien". Nach dem wilhelminischen Kaiserreich soll der Nationalsozialismus die historisch "nächste Stufe des marktwirtschaftsdemokratischen Systemprozesses" gebildet haben [1]. Nach dieser Auffassung war das Dritte Reich ein "Modernisierungsregime" auf dem Weg des sich entwickelnden Kapitalismus, nicht anders als die untergegangene Sowjetunion, die gleichermaßen als Stufe in der Herausbildung des "warenproduzierenden Weltsystems" begriffen wird. Die historische Rückdatierung des Nationalsozialismus hält die "Krisis" nicht davon ab, mindestens ebenso entschieden wie die restliche Linke gegen die heutige "Rechtsentwicklung" zu sein, mit der folgenden Begründung: Früher war die "Marktwirtschaftsdemokratie" eine fortschrittliche Alternative zum barbarischen Nationalsozialismus. Diese Zeiten sind vorbei, weil der Faschismus geschichtlich überholt und die "Marktwirtschaftsdemokratie" zur alleinigen Herrschaftsform des Kapitals geworden ist. Aber nunmehr wird diese Demokratie als solche barbarisch. "Mord, Terror, Wahnsinn, Rassismus und zähnefletschende Irrationalität" [2] werden Wesensmerkmale der bürgerlichen Ordnung. Es gibt keinen Ausweg aus der Barbarei mehr, es sei denn, die "Herrschaft des Werts" wird gestürzt. Auf diese Weise wird die frühere Alternative "Sozialismus oder Barbarei", die als "Kommunismus oder Faschismus" für ihre Zeit kritisiert wird, für die Gegenwart als wurzelhafte Neuerkenntnis aus dem Grab geholt. Nur ist nicht länger das Proletariat Trägerin des gesellschaftlichen Umsturzes. Es hat "seine Chance gehabt" - und verspielt. Die Arbeiterklasse wird heute im Gegenteil dem Lager der offenen Reaktion zugerechnet, weil sie einem "altproletarischen Rechtsradikalismus" huldigt - gemeint ist die Ablehnung von offenen Grenzen für alle Zuwanderer sowie die Stimmabgabe für die Partei der Republikaner. Statt dessen propagiert man die "neue Klasse" aus Jobbern, alternativen Kleinunternehmern, Arbeitslosengeld-Beziehern und Bafög-Empfängern, die den Kampf gegen die "Wertherrschaft" aufnehmen und den sonst drohenden Verfall in Rassismus und Mordbrennerei verhindern sollen. Von diesen Bezügen abgesehen, die die "Krisis" zu einem unverkennbaren Bestandteil der Linken machen, handelt es sich bei der Auffassung vom Faschismus als einem historisch vergangenen und nicht wiederholbaren Stadium um eine - für die Linke - neue Interpretation. Die Gegenposition zum "modernisierenden" Nationalsozialismus wurde in den Aufsätzen zur Diskussion (AzD) bereits einige Jahre zuvor vertreten: Anknüpfend u. a. an die Historiker H. A. Winkler und H. A. Turner sah Frank Grabow die "Grundelemente nationalsozialistischer Politik und Programmatik (...) von den agrarischen Dogmen und Wünschen der Bauern diktiert", fasste die SS als "Prätorianergarde der Bauernklasse" auf [3] und erklärte die Reagrarisierung der deutschen Gesellschaft zum eigentlichen Ziel des Nationalsozialismus [4]. Diese Positionen verschieben die Schlachtordnung in der Faschismusfrage vollständig. Bislang begriff die kommunistische wie die nichtkommunistische Linke den Faschismus über alle Differenzen hinweg als Produkt des niedergehenden Kapitalismus und folgerichtig als Herrschaftsform, die in jeder Krise wieder aktuell werden kann, wenngleich nicht unbedingt in derselben Art wie in der ersten Hälfte des Jahrhunderts. Jetzt treten sich zwei Positionen gegenüber, die den Faschismus in Deutschland gemeinsam der Zeit des aufstrebenden Kapitalismus zuordnen. Auf dieser Basis wird er das eine Mal als vorwärtsgerichtete Modernisierungsdiktatur und das andere Mal als Versuch einer Rückkehr in die agrarische Vergangenheit bewertet. Beide Male hält man ihn aber für historisch abgeschlossen. In den AzD wurde die Diskussion seinerzeit nicht fortgesetzt, u. a. weil der Urheber der Reagrarisierungsthese sich aus dem Trägerkreis der AzD verabschiedete und bald gänzlich aufhörte zu publizieren. Erst vor einigen Monaten ist Klaus Lehmann in den AzD 58 und 59 auf die zugrundeliegende Fragestellung zurückgekommen. Er hält es für absurd, dem Nationalsozialismus ein bäuerlich-rückwärtsgewandtes Wesen zu unterstellen, und ordnet ihn im Gegenteil einer Modernisierungspolitik zu. Seiner Auffassung nach war das maßgebliche Ziel des NS-Regimes "der mit 'totalitären' und terroristischen Mitteln vorangetriebene Aufbruch des in der Geschichte 'zu spät gekommenen Deutschland' in die Modernisierung" [5]. Mit dieser Einschätzung als "Modernisierungsdiktatur" gesellt er sich an die Seite von Kurz (den er nicht zitiert, vielleicht auch nicht kennt) und Zitelmann (den er seitenweise zitiert). Die These vom "modernen" Nationalsozialismus versucht Lehmann, klassenmäßig zu untermauern. Bisher verwiesen nicht nur die Zeitgenossen des Nationalsozialismus, sondern auch spätere Forschungen regelmäßig auf dessen Verbindung mit den alten Mittelklassen, d. h. mit den selbständigen, über einige Produktionsmittel verfügenden Kleinbürgern in Stadt und Land (Handwerker, Kleinhändler, Bauern). Demgegenüber hat Lehmann als entscheidende Träger des NS die modernen städtischen Mittelschichten ausgemacht, also die mit der Industrialisierung emporgestiegenen, nichtproletarischen Teile der Gesellschaft, die über keine eigenen Produktionsmittel verfügen. Für ihn steht "der durch die Mittelschichten geprägte soziale Charakter des nationalsozialistischen Staates, seiner Kriegs- und Großraumplanungen" außer Frage. Der Nationalsozialismus stelle "im Kern (...) die spezifisch 'deutsch' (völkisch/rassistisch) geprägte soziale und nationale Aufstiegsbewegung" der modernen Mittelklassen dar. Ihr Vertreter sei Hitler gewesen, "dessen Politik aber die aufstrebenden Mittelklassen nicht nur in die Armee- und Staatsführung integrierte, sondern sie ans Ruder des Staates brachte." Waren also die neuen Mittelschichten die herrschende Klasse im Dritten Reich? An anderer Stelle schreibt er, dass der Nationalsozialismus seit der Niederschlagung der SA im Jahr 1934 "ein gut funktionierendes Interessenbündnis zwischen Bourgeoisie und neuen städtischen Mittelklassen" verkörperte. Das hört sich so an, als ob die Mittelschichten ab 1934 die Macht mit der Bourgeoisie teilten. Mit diesen Widersprüchen wollen wir uns indes nicht länger aufhalten. Als wichtigsten empirischen Beleg für seine Theorie führt Lehmann die soziale Zusammensetzung der NS-Führung und insbesondere des SS-Führerkorps an. Weil nicht die Bauern, sondern die "städtischen Mittelschichtler (...) den tonangebenden, sozialen Kern der SS" bildeten, könne es sich bei der SS nicht um die "Prätorianergarde der Bauernklasse" gehandelt haben, sondern um die Herrschaftsorganisation der modernen Mittelschichten [6]. Aus der sozialen Herkunft des Führungspersonals auf das Klassenwesen einer Massenbewegung zu schließen, ist sicherlich kühn. Mit dieser Beweisführung lässt sich seit bald zweihundert Jahren die Herrschaft der gebildeten Mittelschichten behaupten. Davon abgesehen ist die aufgestellte Theorie in sich selber logisch. Das alte Kleinbürgertum ist schwerlich als sozialer Träger der Modernisierung vorstellbar, die von Zitel- wie Lehmann und Kurz als das Hauptmerkmal des Nationalsozialismus angesehen wird. Von seinem Ausgangspunkt aus bewertet K. Lehmann auch den 2. Weltkrieg seit dem Überfall auf die Sowjetunion prinzipiell anders als F. Grabow, nämlich nicht als völkischen Vernichtungskrieg zwecks Ansiedlung germanischer Wehrbauern im Osten, sondern als einen normalen Krieg mit dem Ziel, ein "agrarisches Anhängsel", eine "Rohstoffquelle" und einen "Absatzmarkt" für Deutschland zu erobern [7]. Darum meint er im Anschluss an Zitelmann: "Der Griff nach dem agrarischen Hinterland ist kein Ausdruck rückwärtsgewandter Bauernromantik, sondern des vorwärtsgewandten Bestrebens, das wirtschaftliche Entwicklungsniveau der USA zu erlangen bzw. zu überholen." [8] Wieso ein hohes wirtschaftliches Entwicklungsniveau ein ausgedehntes "agrarisches Hinterland" voraussetzt und der Griff danach "vorwärtsgewandt" sein soll - auch dieses Geheimnis wollen wir hier ungelüftet sein lassen und uns statt dessen weiteren Gemeinsamkeiten zwischen Lehmann, Kurz und Zitelmann zuwenden. Die Ausrottung des europäischen Judentums erwähnt Lehmann nicht. Da ihm nicht zu unterstellen ist, dass er sie der "Modernisierung" zuordnet, kann sie vom Boden seiner Theorie aus nur als irrational erklärt werden. Ähnlich verfahren auch Zitelmann und Kurz. Sie haben keine Erklärung für den systematischen Völkermord und speisen den Leser mit allgemeinen Redensarten über "Barbarei" und "verbrecherische Komponenten" der NS-Herrschaft ab. Das ist natürlich unbefriedigend. Zur Widersprüchlichkeit des Nationalsozialismus In Widerspruch zu seiner "modernistischen" Interpretation sieht Lehmann lediglich die von der NS-Führung propagierte "germanische Demokratie". Er betrachtet den bürgerlichen Parlamentarismus als die der kapitalistischen Moderne adäquate Herrschaftsform, weil sich darin die formale Gleichheit aller Warenbesitzer - der von Produktionsmitteln wie von Arbeitskraft - widerspiegelt. Darum kann er die nationalsozialistischen Versuche, "das Verhältnis von Kapitalist und Arbeiter als Warenbesitzer in ein Gefolgschaftsverhältnis nach vorkapitalistischen Vorbildern einzuzwängen", im Unterschied zu anderen Seiten des Dritten Reichs nicht als fortschrittlich ansehen. Hier walte vielmehr "der grundsätzliche innere Widerspruch des Nationalsozialismus in Hinblick auf die 'Moderne', der bislang weder in der marxistischen noch in der bürgerlichen Faschismusforschung deutlich genug herausgearbeitet worden ist". [9] Damit sind wir um nichts klüger als vorher, denn jedes einigermaßen komplexe Ding hat widersprüchliche Seiten. Darauf hinzuweisen, heißt daher nichts anderes, als die Oberfläche der Dinge - ihre Erscheinung - zu benennen. Daran ändert sich auch nichts, indem man das Ganze einen "inneren" Widerspruch nennt und so den Anschein von Dialektik erweckt. Wenn Lehmann davon ausgeht, dass der Nationalsozialismus dem Wesen nach "modernisierend" war, muss er erläutern, wie sich das germanische Gefolgschaftsverhältnis damit vermittelt. Schließlich geht es um nichts weniger als um die angestrebte Gesellschaftsform. Wenn er diese für "vorkapitalistisch" hält (genauer gesagt, war das Gesellschaftsideal sogar vormittelalterlich, nämlich germanisch-vorfeudal) - worin bestand dann das modernisierende Wesen des Nationalsozialismus? In der Befürwortung der Technik? So wenig Lehmann die Gesellschaftsvorstellungen des Nationalsozialismus der behaupteten "Modernisierung" zuordnen kann, so überfordert ist auch sein Vorbild mit dieser Aufgabe und bemüht statt dessen die Dialektik. Zitelmann schreibt über Hitlers Weltanschauung: "Dabei ist die Verbindung von antidemokratischen und modernen Elementen sowie von elitären und egalitären Komponenten charakteristisch für Hitlers Vorstellungswelt. Die antidemokratischen und die modernen Elemente, die verbrecherischen und die progressiven Komponenten seiner Weltanschauung sind nicht im Sinne von unversöhnlichen Antagonismen zu begreifen, sondern bestenfalls als dialektische Gegensätze, die in einem konsistenten weltanschaulichen System aufgehoben sind." [10] Das ist die Art Dialektik, die Nilpferd und Zahnbürste zur Einheit erklärt, weil beide Borsten haben, und die aus den vier Beinen des Nilpferdes im Unterschied zur Zahnbürste einen "inneren Widerspruch" macht. Ein "konsistentes weltanschauliches System" hat der Nationalsozialismus in der Tat gehabt, aber eines, das keineswegs aus unvermittelten Gegensätzen bestand. Im Gegenteil verfügte er über eine in sich geschlossene Weltanschauung und Programmatik, deren verschiedene Seiten (Rassen-, Außen- und Innenpolitik, Wirtschafts- und Sozialpolitik) logisch miteinander zusammenhingen und deren Verwirklichung er Schritt für Schritt anstrebte. Darin waren der Antisemitismus und das persönliche Gefolgschaftswesen keine irrationalen Bestandteile oder wesensfremde Aufpfropfungen, sondern tragende Pfeiler. Diese Geschlossenheit wird leicht durch das Vorhandensein einer Vielzahl unterschiedlicher Strömungen verdeckt, die vor wie nach der Machtergreifung Einfluss ausübten. Ideologisch wie politisch entscheidend war aber die um Adolf Hitler gruppierte Führung der NS-Bewegung, die künftig als "der Nationalsozialismus" gemeint ist. Deren gemeinsame Grundüberzeugung fußte auf Mein Kampf, geschrieben in der Festungshaft 1924. [11] Eine Ergänzung dazu ist das sogenannte Zweite Buch Hitlers. [12] 1928 verfasst, aber seinerzeit nicht veröffentlicht, sollte es vor allem die nationalsozialistische Stellung zum Südtirolproblem erläutern und vertieft Mein Kampf insbesondere in außenpolitischen Fragen. * * * Jede Beschäftigung mit dem Thema stößt auf zwei große Schwierigkeiten: erstens die ungeheure Flexibilität, mit der Adolf Hitler als der Führer von Bewegung und Staat Kompromisse schloss, Umwege ging und Rückzüge antrat, wenn das seiner Sache nutzte. Darum kann es so scheinen, als ob der Nationalsozialismus keine wesensmäßig eigene Zielsetzung gehabt habe, sondern ausschließlich "von Fall zu Fall" vorgegangen sei; zweitens existierte das Dritte Reich nur zwölf Jahre und lag die Hälfte davon im Krieg. Dieser Krieg war einesteils das Mittel zur Erreichung des Hauptziels; darum spiegelt sich in ihm das Wesen des Nationalsozialismus deutlicher wieder als anderswo. Andernteils konnten alle Pläne zu einer tiefer greifenden Umgestaltung der Gesellschaft so lange nur beschränkt verwirklicht werden und mussten sich ansonsten auf die Zeit nach einem gewonnenen Krieg verschieben lassen. Trotz dieser Einschränkungen muss ein Vergleich zwischen Programmatik und tatsächlicher Politik des Dritten Reiches zu dem Schluss führen, dass die programmatischen Ziele keineswegs bloß propagandistischen Charakter hatten. Ein solcher Vergleich wird hier nur ansatzweise vorgenommen. Im Mittelpunkt steht die Programmatik des Nationalsozialismus. Die Klassenpolitik vor und nach der Machtergreifung, die Innen-, Wirtschafts- und Sozialpolitik sowie die Außenpolitik des Dritten Reichs werden nur an einzelnen Punkten beleuchtet, um nachzuweisen, dass die nationalsozialistischen Aussagen ernst gemeint waren. Der Artikel knüpft an die jetzt von Lehmann wiederaufgenommene geschichtliche Diskussion in den AzD an, deren Zwischenbilanz in den Thesen der AzD-Redaktion "Über die Zielrichtung einer revolutionären Programmdiskussion" enthalten ist [13] und in deren Verlauf auch der Verfasser dieser Zeilen andere Auffassungen über das Verhältnis von Bourgeoisie und Nationalsozialismus hatte als heute. Von "Nationalsozialismus" statt von "Faschismus" wird bewusst gesprochen, weil der Begriff des Faschismus eine wesensmäßige Identität der verschiedenen "faschistischen" Bewegungen und Staaten voraussetzt, die erst noch untersucht werden muss. Programmatik und Politik des Nationalsozialismus Die nationalsozialistische "Programmatik" ist nicht identisch mit dem Parteiprogramm der NSDAP, das zugleich mit der Umbenennung aus DAP (Deutsche Arbeiterpartei) in NSDAP als "25-Punkte-Programm" im Februar 1920 verkündet und im Mai 1926 für unabänderlich erklärt wurde [14]. Über das Parteiprogramm hinaus wird in Mein Kampf die Grundlage der nationalsozialistischen Weltanschauung, das Verhältnis zu den Klassen der Gesellschaft und die für das Verständnis des 3. Reichs besonders wichtige außenpolitische Orientierung entwickelt. Außerdem gibt es einige Differenzen, über die noch zu sprechen sein wird. 1. Die Weltgeschichte als Rassenkampf Der Nationalsozialismus wurde von einem entschiedenen Fortschritts- und Entwicklungsdenken beherrscht, das sich auf sozialdarwinistische Überzeugungen gründete. Die Natur "setzt die Lebewesen zunächst auf diesen Erdball und sieht dem freien Spiel der Kräfte zu", schrieb Adolf Hitler in Mein Kampf. "Der Stärkste an Mut und Fleiß erhält dann als ihr liebstes Kind das Herrenrecht des Daseins zugesprochen." [15] 1859 hatte der englische Naturforscher und Biologe Charles Darwin sein Werk über die Pflanzen- und Tierwelt "Vom Ursprung der Arten durch natürliche Zuchtauswahl" (1859) veröffentlicht. Damit war zum erstenmal auf dem Gebiet der Biologie das bis dahin vorherrschende Denken vom Kreislauf der Natur und der dauernden Wiederkehr des Gleichen durch den Gedanken der Entwicklung durchbrochen worden. Die "natürliche" Herkunft des Menschen, aber auch eine von Darwin selber vorgenommene Vereinseitigung seiner Lehre auf den "Kampf ums Dasein" legte es nahe, den Grundsatz vom "survival of the fittest" auf die menschliche Gesellschaft zu übertragen [16]. Denn wenn in der Natur das Gesetz der Auslese der Besten im Kampf um den "Platz an der Sonne" galt, warum sollte dasselbe Gesetz nicht auch für die Menschheit gelten? Mithilfe der Biologie und speziell der Vererbungslehre konnte die Verbreitung und Vererbung bestimmter Merkmale wie der Haut- und Augenfarbe erklärt werden. Musste sich dann nicht die ganze Unterschiedlichkeit der Individuen wie der Völker aus rassischen Eigenschaften begründen? Mit dem Fortschritt der Wissenschaften im 19. Jahrhundert entwickelte sich die Rassenkunde bzw. Rassentheorie in den verschiedensten Spielarten. Der Analogieschluss, der den Darwinschen Lehren volle Gültigkeit auch für die gesellschaftliche Entwicklung zusprach, war weit verbreitet. "Die Übertragung der Darwinschen Prinzipien auf die Gesellschaft machte den Sozialdarwinismus zu einer mächtigen geistig-politischen Grundströmung in Europa und Nordamerika. (...) Bei dem rapide steigenden Prestige, das den Naturwissenschaften in der Industrialisierung zufiel und sie geradezu zur modernen Ersatzreligion stilisierte, gewann die naturwissenschaftliche Begründung des Rassismus durch die Biologie zusätzliches Gewicht." [17] Hand in Hand damit gingen Degenerationsängste und Züchtungsutopien. Durch die ungehinderte Vermehrung von erbkranken, womöglich geistesschwachen Menschen wurde einerseits eine biologische Katastrophe befürchtet, aber andererseits bot die Biologie auch Chancen. Denn warum sollten die Erfolge der Pflanzen- und Tierzüchtung sich beim Menschen nicht wiederholen lassen? Konnte so nicht der "neue Mensch" geschaffen werden? Der Nationalsozialismus verlangte daher: "Der völkischen Weltanschauung muss es im völkischen Staat endlich gelingen, jenes edlere Zeitalter herbeizuführen, in dem die Menschen ihre Sorge nicht mehr in der Höherzüchtung von Hunden, Pferden und Katzen erblicken, sondern im Emporheben des Menschen selbst". [18] Führende Nationalsozialisten wie Himmler und Darré gehörten als studierte Agronomen (Himmler war Hühnerzüchter) zu den begeistertsten Anhängern des Züchtungsgedankens. Wie selbstverständlich die biologische Erklärung sozialer Phänomene war, zeigt sich nicht zuletzt in der Arbeiterbewegung. Das asoziale Verhalten des Lumpenproletariats und der Gewohnheitsverbrecher wurde weithin auf angeborene Eigenschaften, d. h. minderwertiges Erbgut zurückgeführt [19]. Darum war es kein einmaliger Ausrutscher, sondern die Konsequenz weitverbreiteter, scheinbar durch die biologische Wissenschaft gestützter Überzeugungen, als die sozialdemokratische Fraktion im Februar 1931 in einem Antrag im Reichstag forderte, die freiwillige Sterilisierung von gefährlichen Gewohnheitsverbrechern wegen deren schlechter Erbanlagen einzuführen. Das Denken in Klassenkategorien blieb in der Arbeiterbewegung diesem sozialen Biologismus gegenüber allerdings nach wie vor übergeordnet. Umgekehrt war es beim Nationalsozialismus. Er begriff die Weltgeschichte als Jahrtausende alten Kampf der Rassen. "Alles weltgeschichtliche Geschehen ist aber nur die Äußerung des Selbsterhaltungstriebes der Rassen im guten oder schlechten Sinne." [20] Auf der Basis des Sozialdarwinismus schien die Einteilung der Menschheit in Rassen ein neues Deutungsmuster von scheinbar großer Erklärungskraft zu liefern. Die "farbigen" Völker zeigten sich auf der ganzen Welt den "Weißen" unterlegen, waren kolonisiert oder abhängig und technisch hoffnungslos zurückgeblieben. Bei den Weißen wiederum standen die "nordischen" Völker an der Spitze. Großbritannien war die weltumspannende Seemacht, Deutschland führend in Wissenschaft und Kultur und die Vereinigten Staaten von Amerika in der Entwicklung der Technik. Fügte man hinzu, dass England von germanischen Angeln und Sachsen besiedelt war, die USA ebenfalls eine angelsächsische Nation mit einem starken deutschen Einwanderungsanteil waren, die Zwischenstellung Frankreichs mit dem Einfluss der germanischen Franken im Norden einerseits, den rassisch minderwertigen Südfranzosen andererseits erklärt werden konnte, so lag der Schluss nahe, dass die "nordischen" Menschen die führende Rasse waren. Dafür gab es historische Gründe, die in der Tat mit der germanischen Vergangenheit zu tun hatten. Aus dem siegreichen Zusammenprall der barbarischen Germanen mit dem römischen Weltreich vor anderthalb Jahrtausenden war die spezifische Gesellschaftsformation des (west-)europäischen Feudalismus hervorgegangen, die ihrerseits die Voraussetzung für die Entstehung und Durchsetzung des Kapitalismus bildete. Die germanischen Völker waren also die ersten, die den ewigen Geschichtskreislauf der früheren Gesellschaftsformationen durchbrachen und eine Dynamik in der Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte entfesselten, die das Antlitz der Erde im Lauf weniger Jahrhunderte von Grund auf umgestaltete. Darum lag es nahe, nicht in den historischen Bedingungen ihrer Existenz, sondern in ihren rassischen Eigenschaften die Ursache für die Überlegenheit der "nordischen" Völker zu sehen. Die Abstufung der Rassen Die überragenden Gegner im Rassenkampf waren der Jude und der Arier, der vom Nationalsozialismus mehr oder weniger gleichgesetzt wurde mit dem "nordischen" Menschen bzw. dem "Germanen"; dazwischen standen die anderen Rassen. Der Arier war der Schöpfer der Kultur, und "Kultur" meinte den menschlichen Fortschritt insgesamt. Andere Rassen wie z. B. die Japaner konnten die vom Arier geschaffene Wissenschaft und Technik zwar anwenden, aber nicht schöpferisch weiterentwickeln. Wenn die arische Einwirkung aus Europa und Amerika aufhörte, würde das asiatische Inselreich nach wenigen Jahrzehnten wieder erstarren. Die Arier dagegen waren die einzige schöpferisch begabte Rasse. "Menschliche Kultur und Zivilisation sind auf diesem Erdteil unzertrennlich gebunden an das Vorhandensein des Ariers. Sein Aussterben oder Untergehen wird auf diesen Erdball wieder die dunklen Schleier einer kulturlosen Zeit senken." [21] Nicht die Intelligenz als solche, sondern Intelligenz in Verbindung mit Opferwillen für die Gemeinschaft machte den Arier zum Kulturschöpfer. "Der Arier ist nicht in seinen geistigen Eigenschaften an sich am größten, sondern im Ausmaße der Bereitwilligkeit, alle Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Der Selbsterhaltungstrieb hat bei ihm die edelste Form erreicht, indem er das eigene Ich dem Leben der Gesamtheit willig unterordnet und, wenn die Stunde es erfordert, auch zum Opfer bringt." [22] Der "Persönlichkeitswert" des Einzelnen war von hervorragender Bedeutung, hatte sich aber im Dienst an der Gemeinschaft zu bewähren. Damit ergab sich aus den rassischen Eigenschaften eine Verhaltensweise, die im Nationalsozialismus eine zentrale Rolle spielte: "Gemeinnutz geht vor Eigennutz". Das richtete sich gegen Liberalismus und bürgerliche Individualität und war gleichzeitig etwas anderes als die klassenbedingte Solidarität des Proletariats. Die arische Rasse war zwar Schöpferin der Kultur, nahm dazu aber die Dienste minderwertiger Rassen in Anspruch, denn ohne die "Möglichkeit der Verwendung niederer Menschen hätte der Arier niemals die ersten Schritte zu seiner späteren Kultur zu machen vermocht". Damit "war der Weg, den der Arier zu gehen hatte, klar vorgezeichnet. Als Eroberer unterwarf er sich die niederen Menschen und regelte dann deren praktische Betätigung unter seinem Befehl, nach seinem Wollen und für seine Ziele." Diese Rassenordnung beizubehalten, war Grundbedingung für die Fortentwicklung. "Solange er den Herrenstandpunkt rücksichtslos aufrechterhielt, blieb er nicht nur wirklich der Herr, sondern auch der Erhalter und Vermehrer der Kultur." [23] Auf diese Weise war den Unterworfenen sogar ein besseres Los als in der sogenannten Freiheit beschieden, weil sie von der höheren Kultur der Arier nur profitieren konnten. Leider hatte das Herrenvolk die Rassentrennung in der Vergangenheit immer nur wenige Generationen lang praktiziert, dann war es zur Rassenvermischung, dadurch zur Blutsverschlechterung und dann zum Abstieg der höheren Rasse gekommen. Um so wichtiger war es, dass der bislang nur mehr oder weniger unbewusst geführte Rassenkampf bewusst und gezielt geführt wurde. Aufgabe einer "völkischen" Politik war es, dieser Erkenntnis gemäß zu handeln. "Demgegenüber erkennt die völkische Weltanschauung die Bedeutung der Menschheit in deren rassischen Urelementen. Sie sieht im Staat prinzipiell nur ein Mittel zum Zweck und fasst als seinen Zweck die Erhaltung des rassischen Daseins der Menschen auf. Sie glaubt somit keineswegs an eine Gleichheit der Rassen, sondern erkennt mit ihrer Verschiedenheit auch ihren höheren und minderen Wert und fühlt sich durch diese Erkenntnis verpflichtet, gemäß dem ewigen Wollen, das dieses Universum beherrscht, den Sieg des Besseren, Stärkeren zu fördern, die Unterordnung des Schlechteren und Schwächeren zu verlangen." [24] Auf der gegenüberliegenden Seite der Rassenskala stand das Weltjudentum. "Den gewaltigsten Gegensatz zum Arier bildet der Jude. Bei kaum einem Volke der Welt ist der Selbsterhaltungstrieb stärker entwickelt als beim sogenannten auserwählten." [25] Zwar könne man dem Juden intellektuelle Fähigkeiten nicht absprechen, aber die allerwesentlichste Voraussetzung der Kultur fehlte: die "idealistische Gesinnung". Die Angehörigen niederer Völker waren zur Zurückstellung rein persönlicher Interessen nicht fähig und daher über die Bildung der Familie nicht hinaus gekommen; die Schaffung großer Gemeinwesen war ihnen unmöglich. Weil die höheren Instinkte wie die Opferbereitschaft für die Gemeinschaft bei ihm fehlten und die niederen Instinkte wie der tierische Selbsterhaltungstrieb bei ihm um so ausgeprägter waren, rief der Satz "Gemeinnutz geht vor Eigennutz" im Judentum nur Spott hervor. Unfähig zur Staatsbildung und Kulturschöpfung, nährte der Jude sich von der Kultur anderer und nistete sich vorzugsweise in den von Ariern gegründeten Staaten ein. Gemäß den Gesetzen des Kampfes ums Dasein strebte er wie der Arier zur Weltherrschaft und steckte im wesentlichen hinter dem internationalen Börsen- und Finanzkapital, mit dessen Hilfe er sich die Arbeit anderer Völker aneignete und diese sich unterwarf. Ein weiteres Instrument zur Erreichung der Weltherrschaft war der Marxismus. Er stellte sich Hitler als "der in Reinkultur gebrachte Versuch des Juden dar, auf allen Gebieten des menschlichen Lebens die überragende Rolle der Persönlichkeit auszuschalten". [26] Besonders gefährlich war der Bolschewismus, der meist nur als "jüdischer" Bolschewismus bezeichnet wurde. "Im russischen Bolschewismus haben wir den im zwanzigsten Jahrhundert unternommenen Versuch des Judentums zu erblicken, sich die Weltherrschaft anzueignen". [27] Finanzkapital und Marxismus standen nur scheinbar im Gegensatz zueinander. In Wirklichkeit waren beides sich ergänzende "internationalistische" Instrumente des Judentums zur Zerstörung des Nationalstaats. Die überdurchschnittlich hohe Zahl von Juden sowohl im großen Bankgeschäft (Rothschild, Herstatt etc.) als auch unter den Führern der Arbeiterbewegung (Marx, Lasalle, Kautsky, Bernstein, Trotzki, Luxemburg) gab derartigen Auffassungen Nahrung. Weil der Jude ein "Parasit am Körper anderer Nationen und Staaten" war [28] und dabei seine Wirtsvölker vergiftete, war er im Unterschied zu anderen Völkern nicht für Hilfsdienste zu verwenden, sondern ab- und auszusondern. Noch am Tag vor seiner Selbsttötung, am 29. April 1945, gab Hitler in seinem "politischen Testament" als sein Vermächtnis an die Nachwelt: "Vor allem verpflichte ich die Führung der Nation und die Gefolgschaft zur peinlichen Einhaltung der Rassengesetze und zum unbarmherzigen Widerstand gegen den Weltvergifter aller Völker, das internationale Judentum." Ein vorkapitalistischer Standpunkt Die Darstellung des Werdegangs des Judentums in "Mein Kampf" enthüllt den historisch-ökonomischen Kern des nationalsozialistischen Antisemitismus. Mit dem Entstehen der ersten festen Siedlungen nach der Völkerwanderung lässt Hitler den Juden "plötzlich 'da'" sein, und zwar als Händler, um sodann fortzufahren: "Allmählich beginnt er sich langsam in der Wirtschaft zu betätigen, nicht als Produzent, sondern ausschließlich als Zwischenglied. In seiner tausendjährigen händlerischen Gewandtheit ist er den noch unbeholfenen, besonders aber grenzenlos ehrlichen Ariern weit überlegen, so dass schon in kurzer Zeit der Handel sein Monopol zu werden droht." [29] Neben dem Handel wird das Geldgeschäft zum jüdischen Betätigungsfeld. Nachdem der Jude sich über Jahrhunderte hinweg immer tiefer eingenistet hat, ist er mit der Beherrschung des Waren- und Geldhandels unter den hergebrachten Verhältnissen nicht mehr zufrieden; er "wird auf einmal auch liberal und fängt an, vom notwendigen Fortschritt der Menschheit zu schwärmen. Langsam macht er sich so zum Wortführer einer neuen Zeit. Freilich zerstört er auch immer gründlicher die Grundlagen einer wahrhaft volksnützlichen Wirtschaft. Über den Umweg der Aktie schiebt er sich in den Kreislauf der nationalen Produktion ein, macht diese zum käuflichen, besser handelbaren Schacherobjekt und raubt damit den Betrieben die Grundlagen einer persönlichen Besitzerschaft. Damit erst tritt zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer jene innere Entfremdung ein, die zur späteren politischen Klassenspaltung hinüber leitet. Endlich aber wächst die jüdische Einflussnahme auf wirtschaftliche Belange über die Börse nun unheimlich schnell an. Er wird zum Besitzer oder doch zum Kontrolleur der nationalen Arbeitskraft." [30] Hitler setzt sich mit der Stellung der Juden vom Standpunkt vorkapitalistischer Produktionsverhältnisse auseinander. Auf dem Boden der Beschränktheit der einfachen Warenproduktion stellten sich die Angehörigen des jüdischen Handelsvolks, denen der Zugang zu Ackerbau und Handwerk durch Herkunft und Glauben verschlossen war, als etwas Fremdes dar. Durch die nichtkörperliche Tätigkeit, ihren nichtchristlichen Glauben und als Angehörige eines Volkes, das für den Tod Christi verantwortlich war, dazu meistens auch Geldverleiher und damit Wucherer, waren sie - und hielten sie sich - von der Masse der Bevölkerung getrennt und wurden in Krisenzeiten regelmäßig Opfer von Pogromen. Von diesem Standpunkt aus zeichnet er sie und macht sie zugleich verantwortlich für die Auflösung dieser Verhältnisse durch Entwicklung des Kapitals, für die Unterwerfung aller Beziehungen unter die Herrschaft des anonymen Werts und für die Herausbildung der modernen Klassen. Sein Gegenbild ist ökonomisch die "wahrhaft volksnützliche" Wirtschaft der einfachen Warenproduktion und eine nicht in Klassen gespaltene Gesellschaft. Entgegen den scheinbar unausrottbaren Vorurteilen der Marxisten war Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts noch keineswegs ein vollständig entwickelter bürgerlicher Staat, in dem der Klassenkampf auf den Gegensatz von Bourgeoisie und Proletariat reduziert war. Die kapitalistische Produktionsweise hatte sich etabliert und bestimmte die große Produktion, aber neben ihr existierten weiterhin die überkommenen Produktionsverhältnisse der alten Agrargesellschaft, die sich in verschiedenen Stadien der Umwandlung und Zersetzung befand. Von den 32 Millionen Erwerbstätigen des Jahres 1925 waren zwischen 8 und 9 Millionen Industriearbeiter und ca. 9 Millionen Bauern; der Rest verteilte sich auf Landarbeiter, das Handwerk, den Handel, Bahn, Post etc. Die Bevölkerungsverteilung spiegelte die Übergangssituation wider. Einem Drittel der deutschen Bevölkerung, das in Großstädten wohnte, stand ein Drittel aus Dörfern und ländlichen Kleinstädten gegenüber, das restliche Drittel wohnte in Städten mittlerer Größenordnung. Aus insgesamt fünf Klassen bzw. Schichten setzte sich die Gesellschaft zusammen: neben Bourgeoisie und Proletariat die städtischen Kleinbürger mit eigenen Produktionsmitteln, außerdem auf dem Land Bauern und Großgrundbesitzer. Dabei sind die Landarbeiter, deren Interessen (Wunsch nach eigenem Land) sich erheblich von denen des Industrieproletariats unterschieden, noch ebensowenig gezählt wie die neuen, lohnabhängigen Mittelschichten. Diese sozialen Kräfte kämpften gegen- und miteinander um Hegemonie und Macht. Umbruch in Europa und Deutschland Ganz Europa befand sich vom Ausgang des 18. bis weit in das 20. Jahrhundert hinein in einer Zeit des Übergangs, der von Land zu Land unterschiedliche Formen annahm. Großbritannien, wo seit dem Ausgang des Mittelalters der selbständige Kleinbauer durch den kapitalistischen Pächter verdrängt worden war, blieb in dieser Zeit von bäuerlich-kleinbürgerlichen Massenbewegungen verschont. Anders war es in Kontinentaleuropa, wo entgegen der Marxschen Vorhersage über die Vorbildrolle Englands die alten Formen des Grundbesitzes (der selbstwirtschaftende Einzelbauer im Westen, patriarchalischer Großgrundbesitz und Gemeindebauern mit dörflichem Gesamteigentum an Boden im Osten) beim Vormarsch des Kapitals überdauerten. Hier waren in den bürgerlichen Revolutionen (Frankreich 1789, Deutschland 1848) Bauern und städtische Kleinbürger mit der Bourgeoisie gegen den Feudalismus gegangen und hatten zu den Kernschichten der Demokratie gehört. Im dem Maße, wie die bürgerliche Produktionsweise voranschritt und die hergebrachten Verhältnisse der kleinen Warenproduktion bedrohte, wandten sie sich von der Bourgeoisie ab. Auf dem Boden der Massendemokratie im Gefolge der französischen Revolution wurde hier seit Ende des 19. Jahrhunderts in einer Vielzahl von Ländern der Antisemitismus zum Panier von nichtproletarischen Massenbewegungen. Insbesondere auf dem Land war die Abneigung gegen Juden verbreitet. "In ganz Europa wurden die Juden in der landwirtschaftlichen Krise der Jahrhundertwende zur Verkörperung für die verhasste Stadt, für die Entwurzelung und für die Modernität. In vielen ländlichen Gegenden waren die Juden als Viehhändler auch die Bankiers und standen so für Hypotheken und gerichtliche Enteignung." [31] Friedrich Engels bezeichnete den Antisemitismus in einem Brief von Anfang 1890 als "Merkzeichen einer zurückgebliebenen Kultur". Nur dort, "wo noch keine starke Kapitalistenklasse existiert, also auch noch keine starke Lohnarbeiterklasse, wo das Kapital noch zu schwach ist, sich der gesamten nationalen Produktion zu bemächtigen und daher die Effektenbörse zum Hauptschauplatz seiner Tätigkeit hat, wo also die Produktion noch in den Händen von Bauern, Gutsherren, Handwerkern und ähnlichen aus dem Mittelalter überkommenen Klassen sich befindet - nur da ist das Kapital vorzugsweise jüdisch, und nur da gibt's Antisemitismus. (...) Der Antisemitismus ist also nichts anderes als eine Reaktion mittelalterlicher untergehender Gesellschaftsschichten gegen die moderne Gesellschaft, die wesentlich aus Kapitalisten und Lohnarbeitern besteht, und dient daher nur reaktionären Zwecken unter scheinbar sozialistischem Deckmantel". [32] Den agrarischen Kern seiner Judenfeindschaft benannte auch Hitler, indem er schrieb, dass die "Grundlage des arischen Lebenskampfes (...) der Boden (ist), der von ihm bebaut wird", [33] und dem das nicht an die Scholle gebundene Judentum entgegensetzte. Dabei war die aus dem Mittelalter tradierte Judenfeindschaft, die Engels anspricht, ursprünglich nicht rassisch begründet. Rassendenken war dem Mittelalter fremd. Die Juden waren als Händler und Nichtchristen, aber nicht als Angehörige einer bestimmten Rasse Pogromen ausgesetzt. Die kirchliche wie weltliche Judengesetzgebung bezog sich regelmäßig auf die Angehörigen des mosaischen Glaubens, nicht auf die Rassenherkunft. Wenn ein Jude zum christlichen Glauben übertrat, wurde er assimiliert, d. h. in die christliche Gesellschaft aufgenommen. Das begann sich mit dem Voranschreiten des Jahrhunderts zu ändern, als das Jude-Sein nicht länger auf den Glauben, sondern auf die Rasse bezogen wurde. "Mit den sozialen, wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Umwälzungen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich der Rassismus - zumindest in Teilbereichen - zu einer Oppositionsideologie, in der sich das Unbehagen an dem säkularen Modernisierungsprozess, der industriellen Revolution, dem demographischen Übergang, der Herausbildung marktbedingter Klassen, des modernen Interventionsstaats, der Verstädterung, der gesteigerten Mobilität, der Technisierung des Alltags usw. gegen Außenseiter wandte." [34] Diese Volksbewegungen entwickelten sich in Abgrenzung zu der teils bereits organisierten, teils sich unter dem Banner des Marxismus soeben formierenden Arbeiterbewegung. Sie nahmen im Unterschied zur "internationalistischen" Arbeiterbewegung einen ausgeprägt "nationalen" Charakter an und traten für einen diffusen "Sozialismus" ein, der in letzter Instanz die Egalität der kleinen Warenproduzenten widerspiegelte. "Diese verschiedenen nationalen sozialistischen Bewegungen wussten nichts voneinander. Jede war eine Reaktion auf eine besondere Situation. Der Umstand, dass diese Reaktionen sich so ähnlich waren, ist von Bedeutung, weil er Teil jenes in ganz Europa stattfindenden Suchens nach einer egalitären Gemeinschaft im Geiste der Nation war." [35] Historisch war Frankreich der Vorreiter, wo die Dreyfus-Affaire nur die Spitze eines Eisbergs zeigte. In Algerien, wohin der Landhunger französische Bauernsiedler aus dem "überfüllten" Frankreich trieb, wurde kurz vor der Jahrhundertwende ein Mann zum Bürgermeister von Algier gewählt, der die Franzosen dazu aufrief, "den Baum der Freiheit mit jüdischem Blut zu gießen". Er stand an der Spitze einer rassistischen Massenbewegung. "Der Rassismus wurde mit der Demokratie verknüpft, und gerade diese Verbindung sollte die Zukunft des europäischen Rassismus im Wesentlichen bestimmen. Der nationale Sozialismus blieb nicht lediglich auf Frankreich beschränkt, wenn er auch in dieser Nation zuerst seine tiefsten Wurzeln schlug". [36] In Deutschland gehörte der Antisemitismus zum verbindenden ideologischen Rüstzeug im 1893 gegründeten Bund der Landwirte, der Massenorganisation der (protestantischen) Bauern unter Führung der preußischen Rittergutsbesitzer. Eine Organisation wie der von 1885 bis 1894 bestehende "Hessische Bauernbund" unter Otto Böckel wollte dem Missbrauch des Kapitals ein Ende bereiten, ohne das Privateigentum abzuschaffen, versuchte, 'judenfreie' Viehmärkte zu unterhalten, die Juden als Geldverleiher auszuschalten und eigene Banken zu gründen, die Geld ohne Zinsen verleihen sollten. Seine Propagandaredner zogen "mahnend, erklärend und Juden und Kapital verdammend von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt". [37] Immerhin 11 Reichstagsabgeordnete kontrollierte dieser Bund zeitweise. Aber auch in zurückgebliebenen Teilen der Arbeiterklasse gab es Antisemitismus. In Böhmen gründete sich 1904 eine deutsche Arbeiterpartei, die sich 1918 in Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei umbenannte und für starke Gewerkschaftsorganisationen sowie die Freiheit der Presse und der Versammlung eintrat - während sie gleichzeitig den Kampf gegen das "jüdische" Kapital und die "jüdische" Sozialdemokratie führte. [38] Die Klassenkräfte, die zwischen den Weltkriegen agierten, hatten einen besonders weiten Spielraum. Die Novemberrevolution hatte die junkerliche Monarchie zu Fall gebracht, aber keine stabile bürgerliche Ordnung an ihre Stelle gesetzt. Sie war keine soziale und nur eine halbe politische Revolution gewesen. Die Eigentumsverhältnisse waren vollständig und der politische Überbau zur Hälfte unberührt geblieben. Weder war der adelige Großgrundbesitz enteignet noch die monopolistische Schwerindustrie verstaatlicht worden. Beides wäre noch innerhalb der Grenzen einer bürgerlichen Revolution möglich - und notwendig gewesen, um die sozialen Grundlagen der Hauptkräfte der Reaktion zu zerschlagen und die Republik auf feste Füße zu stellen. Statt dessen hatte die SPD die Republik mit den Junkern und der Schwerindustrie gemeinsam aus der Taufe gehoben. Zwar gab es nunmehr einen verantwortlichen Reichstag, aber die Reichswehr blieb als "Staat im Staat" in den Händen der Junkerkaste, und im Beamtenapparat änderte sich nichts Entscheidendes. Das Kleinbürgertum und die Bauern standen der Weimarer Republik daher von Anfang an ebenso fremd gegenüber wie der linke Flügel der Arbeiterklasse. Nur vorübergehend täuschten die ersten Reichstagswahlen darüber hinweg. Noch vor Einsetzen der Agrarkrise und der anschließenden Weltwirtschaftskrise zeigte die Wahl des junkerlichen Monarchisten Hindenburg zum Reichspräsidenten, wie schwach die bürgerliche Demokratie war. Seit dem Ausgang der 20er Jahre war die Republik parlamentarisch nicht mehr regierbar. Die revolutionäre Partei der Arbeiterklasse (Spartakus/KPD) hatte schon in der Novemberrevolution kein Programm gehabt, das die Arbeiterklasse als Hegemon einer Volksbewegung zur Führerin der anstehenden bürgerlichen Revolution machen konnte, um diese zur gegebenen Zeit in eine sozialistische Revolution hinüber zu führen. Daran änderte sich trotz aller zwischenzeitlichen Auseinandersetzungen nichts. Die kommunistische Arbeiterbewegung hatte keinen Weg zur Macht. Im Widerspruch zum Kapital gefangen, führte der Kampf "Klasse gegen Klasse", den die KPD zu Beginn der 30er Jahre auf ihre Fahnen schrieb, im Gegenteil in die vollständige gesellschaftliche Isolation. [39] Im Unterschied dazu entwickelte der Nationalsozialismus ein Hegemoniekonzept, das ihm ermöglichte, durch die Eroberung der Massen zuerst an die Macht zu gelangen und sodann die Errichtung eines bäuerlich-kleinbürgerlichen germanischen Großstaats in Angriff zu nehmen. 2. Die Volksgemeinschaft als Massenstaat Rasse und Staat Aus dem rassischen Ausgangspunkt resultierte ein eigenes Staatsverständnis. Der Nationalsozialismus wandte sich strikt gegen die Anschauung, dass der Staat "ein Produkt wirtschaftlicher Notwendigkeiten, bestenfalls aber das natürliche Ergebnis politischen Machtdranges sei." Im Gegenteil war der "Trieb der Arterhaltung (...) die erste Ursache zur Bildung menschlicher Gemeinschaften. Damit aber ist der Staat ein völkischer Organismus und nicht eine wirtschaftliche Organisation." Gegen jede preußisch begründete Staatsüberhöhung war der Staat für Hitler nicht mehr als "ein Mittel zum Zweck. Sein Zweck liegt in der Erhaltung und Förderung einer Gemeinschaft physisch und seelisch gleichartiger Lebewesen. Diese Erhaltung selber umfasst erstlich den rassemäßigen Bestand und gestattet dadurch die freie Entwicklung aller in dieser Rasse schlummernden Kräfte." [40] War auch die Staatsbildung als solche ein großer, den Ariern geschuldeter Fortschritt, so galten die gegebenen Staaten dem Nationalsozialismus doch als künstliche politische Gebilde, weil eine völkisch-reinrassige Gemeinschaft, die "natürliche" Daseinsform des Menschen, nirgendwo (mehr) vorhanden war. Überall umschlossen die Staatsgrenzen unterschiedliche Völkerschaften und war der arisch-germanische Rassekern nicht länger blutrein. Obwohl die Deutschen rassisch höher als andere standen, war auch ihr Stamm vermischt mit anderem Blut. "Unser deutsches Volkstum beruht leider nicht mehr auf einem einheitlichen rassischen Kern." Deshalb zielte der Auftrag der Vorsehung über Deutschland und die Deutschen hinaus. "Wer von einer Mission des deutschen Volkes auf der Erde redet, muss wissen, dass sie nur in der Bildung eines Staates bestehen kann, der seine höchste Aufgabe in der Erhaltung und Förderung der unverletzt gebliebenen edelsten Bestandteile unseres Volkstums, ja der ganzen Menschheit sieht." [41] Dieser Umwandlung die Bahn zu bereiten, oblag der nationalsozialistischen Bewegung. Ihre Aufgabe war es, "das granitene Fundament zu schaffen, auf dem dereinst der Staat bestehen kann, der nicht einen volksfremden Mechanismus wirtschaftlicher Belange und Interessen, sondern einen völkischen Organismus darstellt: Einen germanischen Staat deutscher Nation." [42] Das neue Reich würde nicht nur andere Grenzen als das Bismarckreich haben, sondern vor allem ein Staat anderer Art sein, mit keinem der bisherigen Nationalstaaten vergleichbar. Der neue Staat war ein "völkischer" Staat, der neben den reinrassigen Deutschen auch die anderen Germanen umfasste und dem rassischen Lebensgesetz der Geschichte bewusst Rechnung trug. Die erste Aufgabe dieses völkischen Staates war der Kampf gegen die Juden. Schon im September 1919 schrieb Hitler in seiner ersten überlieferten Äußerung zu dieser Frage: "Der Antisemitismus aus rein gefühlsmäßigen Gründen wird seinen letzten Ausdruck finden in der Form von Progromen. Der Antisemitismus der Vernunft jedoch muss führen zur planmäßigen gesetzlichen Bekämpfung und Beseitigung der Vorrechte des Juden, die er zum Unterschied der anderen zwischen uns lebenden Fremden besitzt. (...) Sein letztes Ziel aber muss unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt sein." Das war - zunächst als Forderung - der Schritt von der spontanen Judenfeindschaft des Mittelalters zum staatlich organisierten, auf der Rassentheorie beruhenden Antisemitismus der Neuzeit. Als bewusste Rassengemeinschaft würde der kommende germanische Staat ungeahnte Kräfte entfalten und in nicht allzu ferner Zukunft, so prophezeite das Schlusswort von Mein Kampf, unvermeidlich auch die Weltherrschaft übernehmen. "Ein Staat, der im Zeitalter der Rassenvergiftung sich der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muss eines Tages zum Herrn der Erde werden." [43] Dieser Kampf musste gegen die Zeit geführt werden, denn mit jedem Tag schritt die Rassenvergiftung voran und unterminierte die Blutskraft des Volkes. Darum musste schnell gehandelt werden, um zuerst das eigene Volk auf neue rassische und territoriale Grundlagen zu stellen und sodann in den endgültigen Kampf um die Weltherrschaft einzutreten. Der Bauer als Fundament der Gesellschaft Die völkische Gesellschaftsordnung, die den neuen Staat tragen sollte, basierte auf dem Bauern. Im Lebenskampf eines Volkes stand der Kampf um das tägliche Brot "an der Spitze aller Lebensnotwendigkeiten". [44] Der Bauer gab dem Volk mit der Nahrung das Leben. Er zeichnete sich durch natürliche Kraft, Gesundheit und Zähigkeit aus. Das Ringen mit der unberechenbaren Natur forderte Tag für Tag neue Entscheidungen von ihm, die er persönlich zu verantworten hatten. Darum war sein "Persönlichkeitswert" sehr hoch. Gleichzeitig repräsentierte er den rassisch artreinsten Teil des Volkes und war der Garant für soziale Stabilität. Für Hitler stand außer Frage, dass die "Erhaltung eines gesunden Bauernstandes als Fundament der gesamten Nation (...) niemals hoch genug eingeschätzt werden (kann). Viele unserer heutigen Leiden sind nur die Folge des ungesunden Verhältnisses zwischen Stadt- und Landvolk. Ein fester Stock kleiner und mittlerer Bauern war noch zu allen Zeiten der beste Schutz gegen soziale Erkrankungen, wie wir sie heute besitzen." [45] In ihrem elementaren Lebenskampf um das Brot stand die Nation am Abgrund, denn in Deutschland lebte ein Volk ohne Raum. Jedes Jahr, so führte Hitler aus, betrug die Bevölkerungszunahme 900.000 Menschen. Das hatte schon vor dem ersten Weltkrieg die Politik beeinflusst. "Durch die rasende Vermehrung der deutschen Volkszahl vor dem Kriege trat die Schaffung des nötigen täglichen Brotes in immer schärfer werdender Art und Weise in den Vordergrund alles politischen und wirtschaftlichen Denkens und Handelns." (MK 255) Nach den Gebietsverlusten aufgrund des Versailler Vertrags stellte sich die Ernährungsfrage noch dringender. Zwar wäre es vorübergehend möglich, die Lebensmittelerzeugung zu steigern. Die Mehrproduktion würde aber zum Teil durch gestiegene Bedürfnisse aufgefangen werden und vor allem rasch an eine absolute Grenze stoßen, weil die Fruchtbarkeit des Bodens nicht uferlos gesteigert werden konnte. "Es wird bei allem Fleiße nicht mehr gelingen, mehr aus ihm herauszuwirtschaften, und dann tritt (...) das Verhängnis abermals in Erscheinung. Der Hunger wird zunächst von Zeit zu Zeit, wenn Missernten usw. kommen, sich wieder einstellen. Er wird dies mit steigender Volkszahl immer öfter tun". [46] Diese Worte spiegeln eine ernst zu nehmende Überzeugung wider. Der Hunger war im Krieg und in der Nachkriegszeit eine tägliche Erfahrung für breite Massen des Volkes. Das Problem der westeuropäischen Moderne der zweiten Jahrhunderthälfte, auf dem Boden einer Bauernschutzpolitik mit den Folgen einer rapide steigenden Agrarproduktivität fertig zu werden, existierte in der ersten Jahrhunderthälfte nicht. Gleichzeitig priesen unzählige Familienmagazine und Heimatromane, von Hermann Löns bis Peter Rosegger, die Idylle des reinen Landlebens gegen die Sittenverderbnis der Großstädte und spiegelten wider, in welchem Ausmaß die Entscheidung zwischen "Agrar-" und "Industriestaat" im Bewusstsein breiter Massen noch offen war. Andere, hunderttausendfach verbreitete Bücher wie "Das Bauerntum als Lebensquell der nordischen Rasse" (1929) oder "Neuadel aus Blut und Boden" (1930) von Darré, dem nationalsozialistischen Bauernführer, spitzten dieses Denken auf die Rassenfrage zu. So konnte Hitler in Mein Kampf einen von ihm "politisches Testament der deutschen Nation" genannten Aufruf von sich geben, der am Ausgang des 20. Jahrhunderts lächerlich wirkt, aber in den ersten Jahrzehnten das Denken von Millionen traf: "Haltet das Reich nie für gesichert, wenn es nicht auf Jahrhunderte jedem Sprossen unseres Volkes sein eigenes Stück Grund und Boden zu geben vermag. Vergesst nie, dass das heiligste Recht auf dieser Welt das Recht auf Erde ist, die man selbst bebauen will, und das heiligste Opfer das Blut, das man für diese Erde vergießt." [47] Alle "blutreinen" Volkszugehörigen wurden hiermit als potenzielle Bauern angesprochen - was nicht heißt, dass sie dies auch in Wirklichkeit werden sollten. Das Parteiprogramm enthielt als bäuerliche Forderungen die "Brechung der Zinsknechtschaft", die Verhinderung von Bodenspekulation und eine Bodenreform. Das städtische Kleinbürgertum mit Handwerk und Handel als Kern wurde in Mein Kampf nur gestreift. Zum kleinen Handel schwieg sich das Buch ganz aus, und über das Handwerk hieß es in Hitlers Buch: "Erst die Verwelschung unseres Lebens, die aber in Wahrheit eine Verjudung war, wandelte die einstige Achtung vor dem Handwerk in eine gewisse Verachtung jeder körperlichen Arbeit überhaupt." Außerdem beklagte er die zurückgehenden Aufstiegsmöglichkeiten für Arbeiter, weil "das kleine Handwerk langsam abstirbt und damit die Möglichkeit der Gewinnung einer selbständigen Existenz für den Arbeiter immer seltener wird". [48] Das Parteiprogramm verlangte in den Punkten 16 und 25 die Schaffung eines gesunden Mittelstands und die Kommunalisierung der großen Warenhäuser, die als zumeist "jüdische" Kaufhäuser in der Kritik standen. Darüber hinaus wurde ein Monopol des Kleingewerbes auf Staatsaufträge gefordert. Die "soziale Frage" Die Stellung zur Arbeiterklasse nahm in Mein Kampf breiten Raum ein. Der neue Staat war nicht ohne die deutsche Arbeiterklasse aufzubauen, geschweige denn ein neuer Krieg zu führen. Schon der Parteiname zielte auf die Arbeiter, die allerdings in mehrfachem Sinn angesprochen waren: als "Arbeiter der Faust" galt sowohl der Handwerker als auch der Proletarier, und als "Arbeiter der Stirn" der Angestellte. Man müsse "verlangen, dass jeder Volksgenosse sich dieses Namens nicht schämt, sondern stolz darauf ist, sich Arbeiter nennen zu dürfen", forderte Hitler. "Und unser Ziel ist es, gerade die Arbeiter, die man bisher als Arbeiter bezeichnete, für unsere Gedanken zu gewinnen. Jede Volksbewegung, die nicht Millionen hinter sich hat, ist wertlos, ist zwecklos." [49] Das hieß, die soziale Frage anzugehen, in Hitlers Worten: "die Bedeutung des sozialen Problems gerade für eine neue, ihrem Wesen nach revolutionäre Partei" zu begreifen. [50] Nur wenn die Bewegung eine Politik für die Massen betrieb, waren die Massen für die Bewegung und den neuen Staat zu gewinnen. Mit der "Schaffung gesunder sozialer Verhältnisse" war es dem Nationalsozialismus genau so ernst wie mit der Eroberung von Lebensraum. Hitler geißelte die Profitgier des Bürgertums, die zu unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen geführt hatte. Er trat für die "Kürzung der unmenschlich langen Arbeitszeit", "Hebung der gesundheitlichen Verhältnisse in Werkstätten und Wohnungen", die "Beendigung von Kinderarbeit", für "Sicherung und Schutz der Frau" ein, [51] um nur einige der in "Mein Kampf" erhobenen Arbeiterschutzforderungen zu nennen. Gleichzeitig verlangte er die kontinuierliche Steigerung des Konsums der Massen. Mit Blick auf die USA schrieb er in seinem Zweiten Buch: "So wie die Lebensbedürfnisse des flachen Landes sich steigern durch langsame Kenntnisnahme und den Einfluss der Großstädte, so steigert sich aber auch das Lebensbedürfnis ganzer Völker unter der Einwirkung des Lebens bessergestellter reicherer Nationen. (...) Die Meinung, man könne einem Volke von einer bestimmten Kulturfähigkeit und auch tatsächlicher kultureller Bedeutung auf die Dauer durch einen Appell an Erkenntnisse oder auch Ideale unter einem sonst allgemein gültigen Lebensstandard halten, ist falsch. Insbesondere die breite Masse wird dafür selten ein Verständnis aufbringen." [52] In einigen Jahren sollte zumindest jeder Facharbeiter sein eigenes Auto fahren. Auch die Haushaltsführung müsse gründlich umgestülpt werden. In einem seiner Monologe im Führerhauptquartier malte er das Bild eines modernen Haushalts: "Nicht nur, dass die Wohnblöcke den Kindergarten in unmittelbarer Nähe haben, die Hausfrau soll auch nicht mehr nötig haben, das junge Volk selbst dahin zu bringen (...) Die Hausfrau soll weiter nicht mehr nötig haben, Kehricht und Küchenabfall die Treppen herunterzuschleppen oder das Heizmaterial herauszubringen, das alles muss durch Gerätschaften sich in der Wohnung selbst erledigen lassen." [53] Um die sozialen Interessen der Arbeiterklasse durchzusetzen, hielt er es für "selbstverständlich", dass der "konzentrierten Kraft des Unternehmers allein die zur Einzelperson zusammengefasste Zahl der Arbeitnehmer gegenübertreten kann, um nicht von Anbeginn schon auf die Möglichkeit des Sieges verzichten zu müssen." [54] Die Befürwortung von Gewerkschaften hatte allerdings zwei Schranken. Zum einen sollten sich die Gewerkschaften auf den ökonomischen Kampf beschränken; die Hinwendung zu politischen Fragen erklärte er für einen jüdisch-marxistischen Irrweg. Zum andern waren die Gewerkschaften nur deswegen für den Arbeiter erforderlich, weil "die organisierte Volksgemeinschaft, der Staat, sich um ihn so gut wie gar nicht kümmert" [55]. In dem Moment, wo der Staat ein anderer wurde und sich der Arbeiterinteressen annahm, wurden die Gewerkschaften überflüssig. Historisches Vorbild für die Stellung zum Proletariat war für Hitler der Umgang Preußens mit seinen Staatsdienern - nach seinen Worten die ersten, die noch vor der Arbeiterklasse als neuer, besitzloser Stand ohne eigene Produktionsmittel aus Bauern und Handwerkern hervorgegangen waren. Insbesondere durch die Regelung der Altersversorgung "wurde ein ganzer Stand, der eigentumslos blieb, in kluger Weise dem sozialen Elend entrissen und dem Volksganzen eingegliedert." [56] Die Bourgeoisie, die Hitler als Besitz- und Bildungsbürgertum fasste, hatte in ihrer Raffgier die Klassenspaltung verursacht, die Arbeiter dem Staat entfremdet und sie in die Arme des jüdischen Marxismus getrieben. Ohne eigene Ideale und ohne Weltanschauung außer der der "Futterkrippe", war das Bürgertum "für jede erhabene Aufgabe der Menschheit bereits wertlos geworden" und "eine vom Schicksal zum Untergang bestimmte Klasse, die nur leider ein ganzes Volk mit sich in den Abgrund reißt." [57] Angehörige des Bürgertums durften nur in begrenzter Anzahl in die Bewegung aufgenommen werden, denn "mit der Aufnahme überaus zahlreicher gemäßigt-bürgerlicher Elemente wird sich die innere Einstellung der Bewegung immer nach diesen richten und so jede weitere Aussicht zum Gewinnen nennenswerter Kräfte aus dem breiten Volke einbüßen." [58] Die bürgerlichen "Parteikadaver" waren restlos zu vernichten, denn nur dann konnte der Kampf gegen den Marxismus zur Gewinnung der Arbeiterschaft erfolgreich geführt werden. Der Adel kam nicht besser, aber kürzer weg als das Bürgertum. In früheren Zeiten hatte er als "Schwertadel" den Gemeinnutz vertreten. Seit geraumer Zeit war er jedoch durch die Hinwendung zum Finanzkapital hinter den "Geldadel" zurückgetreten und rassisch verkommen, so dass er keinen Führungsanspruch mehr erheben konnte [59]. Das Klassenwesen der Volksgemeinschaft Der Nationalsozialismus trat für die Beseitigung aller Standesschranken und Klassenvorrechte ein. Bildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten müssten für die gesamte Jugend des Volkes gleich sein, nicht länger gebunden an Herkunft oder Geld des Elternhauses. Der völkische Staat "hat nicht die Aufgabe, einer bestehenden Gesellschaftsklasse den maßgebenden Einfluss zu wahren, sondern die Aufgabe, aus der Summe aller Volksgenossen die fähigsten Köpfe herauszuholen und zu Amt und Würden zu bringen." [60] Das Parteiprogramm forderte den "gründlichen Ausbau unseres gesamten Volksbildungswesen" und "die Ausbildung besonders veranlagter Kinder armer Eltern ohne Rücksicht auf deren Stand oder Beruf auf Staatskosten", um "jedem fähigen und fleißigen Deutschen das Erreichen höherer Bildung und damit das Einrücken in führende Stellung zu ermöglichen" (Pkt. 25). In der Volksgemeinschaft waren zwar nicht die ökonomischen, wohl aber die politisch-gesellschaftlichen Unterschiede zwischen den Mitgliedern der Gesellschaft beseitigt. "Die Volksgemeinschaft sollte die Klassenspaltung aufheben, vor allem, indem die sozialen Belange des Arbeiters eine hervorragende Berücksichtigung finden. Durch einen permanenten Umerziehungsprozess sollten bestehende Traditionen, Standesdünkel und Vorurteile abgebaut werden. Damit verbunden war ein Egalisierungsprozess in sämtlichen Lebensbereichen. Anknüpfen konnte Hitler mit diesen Vorstellungen an die sehr populären 'Ideen von 1914', d. h. die Schützengraben-Gemeinschaft, die nun auf das gesamte staatliche und gesellschaftliche Leben übertragen werden sollte." [61] Zitelmann, der dies schreibt, erklärt den Klasseninhalt dieser Volksgemeinschaft für "modern". Er stellt in seiner Untersuchung über "Hitler als Revolutionär" fest, dass Hitler sich mit Arbeiterschaft und Bürgertum sehr viel ausführlicher als mit Bauern und Kleinbürgern beschäftigte. Da sich die Äußerungen zu den Bauern vor allem in den Jahren 1925 bis 1928 häuften, schließt er daraus, dass sie mit einer vorübergehenden Hinwendung in der Agrarkrise zwecks Stimmengewinn zu tun hatten, ihnen aber keine prinzipielle Orientierung zugrunde lag. Die im Ganzen intensivere Auseinandersetzung mit den modernen Klassen der Gesellschaft ist für ihn im Gegenteil ein Beweis, dass Hitler im Unterschied zu anderen Nazipolitikern eine "modernisierende" Politik vertrat. Dem liegt eine massive Fehldeutung zugrunde, die sich auf den äußeren Umfang statt auf den Inhalt der gemachten Aussagen stützt. In Russland befasste sich Lenin vor und nach der Revolution von 1905 über Jahre hinweg sehr viel ausführlicher und gründlicher mit der Bauernschaft als mit der Arbeiterklasse - nicht, weil er zu einem Bauernpolitiker geworden wäre, sondern weil er im Unterschied zu den anderen russischen Marxisten begriffen hatte, dass die Lösung der Agrarfrage und damit das Bündnis mit der Bauernschaft den Schlüssel zur proletarischen Machteroberung bildeten. Umgekehrt hatte Hitler die soziale Frage als Schlüssel für die Errichtung eines völkischen Massenstaats begriffen. Mit der bäuerlich-rassischen Fundierung, vor allem aber mit dem Herangehen an die soziale Frage als Kernpunkt zur Gewinnung der Massenhegemonie in seinem Werk setzte sich Hitler von dem handwerklich-ständisch gefärbten 25-Punkte-Parteiprogramm ab. Damit ging die NSDAP zugleich über die anderen völkischen Organisationen der 20er Jahre hinaus und konnte schließlich die "Rechte" vollständig dominieren. Die nationalsozialistische Lösung der sozialen Frage war nichtbürgerlich. Nach dem 2. Weltkrieg gelang es der Bourgeoisie unter veränderten Bedingungen in Westdeutschland, das Konzept einer "sozialen Marktwirtschaft" durchzusetzen, das unter grundsätzlicher Anerkennung der Erfordernisse der Kapitalbewegung die Berücksichtigung von Arbeiterinteressen und die Integration der Gewerkschaften formulierte. Auf diesem Boden konnten zuerst die Unionsparteien und sodann die SPD (Godesberger Programm 1956) zu bürgerlichen Volksparteien werden, die unter Führung der Bourgeoisie die Integration auch von anderen Klassenkräften realisieren. In der Weimarer Republik gab es keine solchen Volksparteien. DDP und DVP waren auf das direkte Umfeld bürgerlicher Schichten beschränkt, und das Zentrum war zwar klassenübergreifend, blieb aber konfessionell an den Katholizismus gebunden. Daher konnte Hitler die bürgerlichen Parteien als "politische Klubs" abtun, die nichts anderes "als Interessengemeinschaften bestimmter Berufsgruppen und Standesklassen" sind. [62] Damit war das Dilemma der Bourgeoisie in der Weimarer Republik treffend beschrieben. Das von Hitler formulierte Konzept des Nationalsozialismus hatte mit einer "sozialen Marktwirtschaft" nichts zu tun. Es ging an den Arbeiter einerseits als potentiellen Kleinproduzenten heran (daher die Klage darüber, dass ein absterbendes Handwerk nicht mehr als "Brücke" zu einer selbständigen Existenz für den Arbeiter dienen könne) und stellte ihm andererseits den Staat als Helfer gegen die Bourgeoisie zur Seite. Die Verbindung von Staat und Arbeiterklasse unter Ausschaltung der traditionellen Organisationen der Arbeiterbewegung wurde unmittelbar nach der Machtübernahme in Gang gesetzt. Zeitgleich mit dem Verbot der Gewerkschaften wurde der 1.Mai zum gesetzlichen Feiertag erklärt - eine jahrzehntelang unerfüllte Forderung. Das "Gesetz über Treuhänder der Arbeit" entzog Werktätigen und Unternehmern die Verhandlungsfreiheit über Löhne und Arbeitsbedingungen und übertrug deren Regelung staatlichen "Treuhändern der Arbeit", die nur mit Bestätigung Hitlers ernannt werden konnten. Sie konzentrierten "Befugnisse und Vollmachten in ihren Händen, durch die sie zu einer der wichtigsten wirtschaftlichen Machtpositionen im Dritten Reich aufstiegen." [63] Sie sorgten keineswegs nur für einen Lohnstop im Interesse der Bourgeoisie, sondern stellten sich in Arbeitskonflikten häufig auf die Seite der Lohnabhängigen. Wenn man darüber hinaus die mit Hitlers Billigung erfolgten Nachkriegsplanungen der Deutschen Arbeitsfront (DAF) zur Kenntnis nimmt, die u. a. eine einheitliche Sozialversicherung (unter Zerschlagung der ständisch gegliederten, ungleichen Renten- und Krankenversicherung), eine Altersrente für alle Volksgenossen sowie ein gewaltiges staatliches Wohnungsbauprogramm vorsahen, dann wird deutlich, dass die sozialen Zielsetzungen des Regimes keineswegs nur kriegsführungsbedingt waren. Nach einigen Jahren an der Macht hatte der Nationalsozialismus die Arbeiterklasse gewonnen - aber weder hauptsächlich durch seine Propaganda noch durch seinen inneren Terror. Beides war nur deswegen dauerhaft wirksam, weil es sich auf eine sozial fundierte Massenpolitik stützen konnte. Das war auch der Hauptgrund, warum die alliierten Bombenteppiche im Krieg die städtischen Massen mit dem Regime zusammenschweißten, statt sie davon abzuspalten. Da die Arbeiterklasse die Novemberrevolution von 1918 noch in praktischer Erinnerung hatte, scheint auf den ersten Blick unerklärlich, warum bis zum letzten Kriegstag keine Massenbewegung gegen das Naziregime entstand. Die kritische Theorie kann das Verhalten der Massen bis heute nur mit "Handeln gegen die eigenen Interessen" erklären, womit sie den eigenen erkenntnistheoretischen Idealismus beweist, aber sonst nichts. Im Unterschied zur Junkerherrschaft des vorangegangenen Kriegs empfanden die Massen die Naziherrschaft trotz aller auch vorhandenen Kritik nicht als arbeiterfeindlich, geschweige denn unerträglich, weil sie positive praktische Erfahrungen damit verbanden. Vor allem die nachwachsende Arbeitergeneration machte derartige Erfahrungen mit der "Volksgemeinschaft". "Den meisten dieser Jungen scheint der Nationalsozialismus im Gegenteil neue Räume erschlossen zu haben, im wörtlichen wie im übertragenen Sinne. Die Schranken der Arbeitermilieus, die mit Einschränkungen noch für ihre Eltern galten, scheinen für sie nicht nur gesprengt, sondern Berührungen zu anderen Klassen, Schichten und Milieus wurden ebenso möglich wie das Kennenlernen neuer Orte und Lande. Vor allem HJ, BDM, Dienstverpflichtungen, Pflichtjahr, Kinderlandverschickung und Fronteinsatz waren die Vehikel in diese bisher weitgehend unbekannten Räume. Neue, milieuübergreifende Erfahrungen wurden gemacht. Auch die Aufstiegsmöglichkeiten wurden vielfältiger sowohl in der Bildung als auch in den NS-Organisationen und im Beruf. Hand in Hand mit dem Aufstiegsbewusstsein wuchs die Hoffnung auf Besserstellung durch persönliche Leistungen." [64] Der SS-Staat und Deutschland In Abgrenzung zu den Kräften der "Reaktion" trat der Nationalsozialismus gegen die Wiedererrichtung der Monarchie und für eine "Republik" ein; nur war diese Republik nicht parlamentarisch. Hitler kritisierte die parlamentarische Demokratie als Zersetzungsinstrument der jüdischen Rasse, weil sie u. a. "jede praktische Verantwortung" wegfallen ließ, die "nur in der Verpflichtung einer einzelnen Person liegen (kann) und nicht in der einer parlamentarischen Schwätzervereinigung." Parlamente sollten vom Gemeinderat bis zum Reichstag erhalten bleiben, jedoch nur als Beratungs- und nicht als Entscheidungsorgane. "Dem steht gegenüber die wahrhaftige germanische Demokratie der freien Wahl des Führers mit dessen Verpflichtung zur vollen Übernahme aller Verantwortung für sein Tun und Lassen. In ihr gibt es keine Abstimmung einer Majorität zu einzelnen Fragen, sondern nur die Bestimmung eines einzelnen, der dann mit Vermögen und Leben für seine Entscheidung einzutreten hat." [65] Die mit diesen Worten umrissene "personale" Herrschaftsform wurde nach einer Übergangszeit von einigen Jahren in Gestalt der SS-Herrschaft verwirklicht. Die SS verkörperte eine neue Konzeption der Staatsmacht, "die dem Anspruch der Führergewalt wirklich adäquat war. Und zwar wurde für die Durchsetzung und Verwirklichung des außernormativen Führerwillens aus Teilen der SS eine neue, von der staatlichen Verwaltung völlig unabhängige, von der Bindung an die staatlichen Normen im Prinzip befreite Exekutive errichtet. Diese Führerexekutive wurde nicht nach dem Prinzip der Gesetzmäßigkeit der Verwaltung tätig, sondern ihre Maxime war allein der Wille des Führers. Ihr wurden die eigentlich politischen Aufgaben übertragen, auf die es Hitler ankam, insbesondere die Sicherung der Macht, Bevölkerungspolitik, Besatzungspolitik, Verfolgung aller tatsächlichen und angeblichen Gegner des Regimes. (...) so wurde im Laufe der Jahre das Prinzip der Führergewalt in reiner Form realisiert und der Prozess der Entstaatlichung des öffentlichen Lebens vorangetrieben. Als Führerexekutive das eigentliche, adäquate Werkzeug der Führergewalt gewesen zu sein, darin besteht die historische Bedeutung der SS." [66] Ausgangspunkt dieser Entwicklung war die gegenseitige Paralyse der Klassen am Ende der Weimarer Republik, die es unmöglich machte, Deutschland auf dem Boden des Parlamentarismus weiter zu regieren. Wegen des Gleichgewichts der Klassen wies die Macht Hitlers Ähnlichkeiten mit dem Bonapartismus auf, worauf Brandler und Thalheimer zu recht hinwiesen. Weder begriffen sie jedoch den eigenen Klassencharakter dieses "Bonapartismus", sondern fassten ihn als (indirekte) Herrschaft des Großkapitals auf, noch erkannten sie, dass das Wesen des Nationalsozialismus nicht darin bestand, den bestehenden deutschen Staat mit terroristischen Mitteln jenseits der vorhandenen Gesetzlichkeit zu sichern und territorial auszudehnen, sondern dass er auf die Errichtung eines neuen germanischen Staats zielte. Dazu war die SS auf militärischem Gebiet in Gestalt der Waffen-SS das entscheidende Instrument. Es besteht "kein Zweifel, dass das Konzept für einen langfristigen, breitangelegten Ausbau der SS auf supranationaler, pangermanischer Grundlage bereits vor Beginn des Kriegs gegen die Sowjetunion festlag. Es ist mithin nicht erst als eine Folge der ungeahnt verlustreichen Schlachten der Ostfront anzusehen." [67] In den Waffen-SS-Divisionen Wiking, Nordland, Nederland, Langemarck und Wallonie dienten Norweger, Dänen, Niederländer, Luxemburger, Flamen. Mit ihnen sollte die SS zur Keimzelle des künftigen germanischen Staats werden, der ihre Völker gleichberechtigt mit den blutreinen Deutschen umfassen sollte und als dessen Schmiede der Lebensraum im Osten gedacht war. "Die SS hatte gute Gründe, sich zum Vorreiter einer konsequenten Germanisierungspolitik aufzuschwingen. Denn für Himmler war die Integration des 'germanischen' Westens die notwendige Ergänzung zur Unterwerfung des slawischen Ostens. Beide Ziele standen in einem geradezu interdependenten Verhältnis zueinander: die Eroberung und Besiedlung Osteuropas war undenkbar ohne eine erhebliche 'Verbreiterung der germanischen Blutsbasis'; diese wiederum konnte ihrerseits nur durch eine imperiale Zukunftsvision Sinn und Ziel gewinnen. Es war darum nur konsequent, dass den am 'Kreuzzug gegen den Bolschewismus' teilnehmenden 'germanischen' Freiwilligen für die Nachkriegszeit z.B. das gleiche Siedlungsrecht in den eroberten Ostgebieten zugestanden wurde wie ihren deutschen Kameraden." [68] So wie Preußen 70 Jahre zuvor im Kampf den deutschen Staat geschaffen hatte, sollte Deutschland jetzt das germanische Europa schaffen - und darin aufgehen. Dazu sollten offenbar neben Deutschland und dem germanischen Osten zumindest Dänemark, Norwegen, die Niederlande, Luxemburg und der flämische Teil Belgiens gehören. Darum ließ die SS das Deutsche Reich mehr und mehr hinter der Fahne Europas zurücktreten. Wie auf anderen Gebieten waren auch hier die Europaparolen keine bloße Propaganda, sondern beruhten auf einem realen Kern. Die oben benannte "Entstaatlichung der öffentlichen Gewalt" bzw. die "Befreiung der Exekutive von staatlichen Normen" hatte insofern einen konkreten staatsrechtlichen Hintergrund: sie bedeutete den Ausbruch aus den Fesseln der deutschen Staatlichkeit mit dem Ziel der Errichtung eines germanischen Imperiums. Die dabei entscheidenden Herrschaftsbereiche, "Sicherung der Macht, Bevölkerungs- und Besatzungspolitik", wie Buchheim zusammenfasst, behielt Hitler sich vor und organisierte sie mithilfe der SS. Auf den anderen Gebieten der Regierungsgewalt ließ er hingegen die Zügel schleifen und verschaffte dadurch Dutzenden von späteren Historikern die Gelegenheit, ganze Lehrstühle mit dem Streit auszufüllen, ob er ein "starker" oder "schwacher" Diktator und die NS-Herrschaft eher eine "Monokratie" oder eine "Polykratie" gewesen war. Der aus dem Gleichgewicht der Klassen in Deutschland resultierende persönliche Handlungsspielraum Hitlers konnte dabei nur eine Übergangserscheinung sein. Ab dem Zeitpunkt, wo durch die Besiedelung des Ostens der germanische Großstaat Realität geworden und die bäuerliche Hegemonie auch zahlenmäßig sichergestellt war, musste die Herrschaftsform sich erneut ändern. 3. Die künftige Wirtschaftsordnung: der völkische Sozialismus Ausgehend von dem Axiom der stagnierenden oder nur geringfügig steigenden Bodenproduktivität stand Deutschland nach Hitlers Auffassung schon im 19. Jahrhundert vor der Alternative, entweder eine Politik der "Erwerbung von neuem Grund und Boden zur Ansiedlung der überlaufenden Volkszahl" zu betreiben [69] oder aber "durch Industrie und Handel für fremden Bedarf zu schaffen, um vom Erlös das Leben zu bestreiten". Letzteres hieß, mehr industrielle Erzeugnisse herzustellen, als für den eigenen Bedarf erforderlich, um auf dem Weltmarkt dafür Lebensmittel einzutauschen. "Der Sinn einer solchen (Industrie-) Wirtschaft liegt darin", schrieb er in seinem Zweiten Buch, "dass ein Volk an gewissen Gütern des Lebens mehr produziert, als es für den eigenen Bedarf nötig hat, diesen Überschuss außerhalb der eigenen Volksgemeinschaft verkauft und vom Erlös sich diejenigen Lebensmittel und auch Rohstoffe anschafft, an denen es Mangel besitzt." [70] Diese Entwicklung hatte sich nach seinen Worten im Bismarckreich vollzogen. Weil die Industrie sich wegen der Bevölkerungszunahme über das sozusagen natürliche Maß des Binnenmarkts hinaus ausgedehnt hatte, war es zu einer "ebenso schrankenlosen wie schädlichen Industrialisierung" gekommen, mit zwei schwerwiegenden Folgen. Zum einen wurde man vom Weltmarkt, d. h. vom Ausland abhängig. Noch schlimmer war die durch die Überindustrialisierung hervorgerufene "Schwächung des Bauernstandes. In dem Maße, in dem dieser zurückging, wuchs die Masse des großstädtischen Proletariats immer mehr an, bis schließlich das Gleichgewicht vollständig verloren wurde." [71] Für einen krisenfesten "Lebensraum" Die einzige Lösung des Problems lag in einer radikalen Vergrößerung des Lebensraums. Solange wegen der unzureichenden Bodenfläche die Einfuhr der notwendigen Lebensmittel durch Ausfuhr von Industrieprodukten finanziert werden musste, stand, so Hitler, "die Frage der Verkaufsmöglichkeiten, also des Absatzes, in überragender Bedeutung vor uns. Der Absatzmarkt der heutigen Welt ist kein unbegrenzter. Die Zahl der industriell tätigen Nationen hat dauernd zugenommen. (...) Damit beginnt von selbst ein Kampf um den begrenzten Absatzmarkt, der umso härter werden wird, je zahlreicher die industriell tätigen Nationen werden und je mehr die Absatzmärkte sich verengen. Denn während einerseits die Zahl der um den Weltmarkt ringenden Völker zunimmt, wird der Absatzmarkt selbst langsam verkleinert, teils infolge einer Selbstindustrialisierung aus eigener Kraft, teils durch ein System von Filialunternehmungen, die aus reinem kapitalistischen Interesse in solchen Ländern mehr und mehr ins Leben gerufen werden. (...) Je mehr nur rein kapitalistische Interessen die heutige Wirtschaft zu bestimmen beginnen, je mehr hier vor allem allgemeine Finanz- und Börsengesichtspunkte entscheidenden Einfluss erringen, umso mehr wird dieses System von Filialgründungen um sich greifen, damit aber die Industrialisierung bisheriger Absatzmärkte künstlich durchführen und besonders den europäischen Mutterländern die Exportmöglichkeiten beschneiden. (...) Je mehr aber die Absatzschwierigkeiten wachsen, um so erbitterter wird der Kampf um die übrigbleibenden geführt werden. Wenn nun auch die ersten Waffen dieses Kampfes in der Preisgestaltung und in der Güte der Waren liegen, mit denen man sich gegenseitig niederzukonkurrieren versucht, so liegt aber die letzte Waffe auch hier beim Schwert." [72] Die hier von Hitler formulierte Theorie der beschränkten Aufnahmemöglichkeit der nichtindustrialisierten Märkte war weit verbreitet. Sie bildete unter anderem die Richtschnur der Weimarer Außenwirtschaftspolitik: die Regierung wandte sich offiziell gegen die Industrialisierung der Agrar- und Rohstoffländer, um diese als Absatzmärkte für die eigenen Industrieerzeugnisse zu erhalten. [73] Auf marxistischer Seite wurden derartige Auffassungen u. a. von Rosa Luxemburg verfochten. In ihrer Schrift über "Die Akkumulation des Kapitals" behauptete sie, dass die kapitalistische Akkumulation eines zusätzlichen Marktes in nichtkapitalistischen Regionen und Klassen bedürfe, weil Kapitalisten und Arbeiter keinen ausreichenden Markt für die störungsfreie Entwicklung des Kapitals darstellten; die Realisierung des für die Akkumulation erforderlichen Mehrwertteils sei nur durch den Austausch mit nichtkapitalistischen Produzenten und Konsumenten möglich. Luxemburg leitete aus dieser - im Gegensatz zu Marx stehenden - Akkumulationstheorie die Ursache der Krisen, den Übergang zum Imperialismus und den schließlichen Untergang des Kapitalismus ab. Hitler teilte die zugrundeliegende Theorie mitsamt ihrer Zuspitzung, den unabänderlich kommenden Kriegen - und zog eine gänzlich andere Schlußfolgerung daraus, nämlich die, dass Deutschland den nächsten Krieg so führen müsse, dass für mehrere Generationen genügend Raum zur Sicherung der Ernährungs- und Rohstoffbasis gewonnen werde. Die Kritik Hitlers an der "ebenso schrankenlosen wie schädlichen Industrialisierung" und an der "Schwächung des Bauernstandes" kann so verstanden werden, als ob die Rückführung der Industrie und des Proletariats gefordert würde. In der Tat traten Teile der nationalsozialistischen Bewegung für eine solche Reagrarisierung Deutschlands ein, nicht jedoch die nationalsozialistische Führung. Die zitierten Bemerkungen aus Mein Kampf richten sich nicht gegen die Industrialisierung im allgemeinen, sondern gegen die Überindustrialisierung. Nicht das Proletariat als solches, sondern dessen übermäßiges Wachstum ging auf Kosten des bäuerlichen "Fundaments der Nation". Darum galt es, durch eine radikale Vergrößerung der Landfläche ein erneutes "Gleichgewicht" zwischen Agrarwirtschaft und Industrie, zwischen Bauernschaft und Proletariat herzustellen. Die zusätzlichen Bauern würden die Lebensmittel, die bislang auf dem Weltmarkt eingekauft werden mussten, im Binnenmarkt herstellen und dort gegen Industrieprodukte, die bislang an agrarische Drittländer gingen, tauschen. Die "zu große" Industrie brauchte also nicht abgebaut zu werden, sondern die "natürlichen" Relationen zwischen Proletariat und Bauernschaft ergaben sich organisch aus der Vergrößerung des Agrarsektors. Da durch eine solche Erweiterung des Lebensraums auch die erforderlichen Rohstoffe auf dem Binnenmarkt zur Verfügung standen, würde der Kreislauf einer "Bedarfs- und Ausgleichswirtschaft" sich schließen und verschwand mit der Abhängigkeit vom Weltmarkt die Gefahr von Krisen. In Hitlers Worten war dieser Weg "die einzige Lösung, die eine Nation das tägliche Brot im inneren Kreislauf einer Wirtschaft finden läßt. Industrie und Handel treten von ihrer ungesunden führenden Stellung zurück und gliedern sich in den allgemeinen Rahmen einer nationalen Bedarfs- und Ausgleichswirtschaft ein. Beide sind damit nicht mehr die Grundlage der Ernährung einer Nation, sondern ein Hilfsmittel derselben." [74] Die Rückkehr zur "Bedarfs- und Ausgleichswirtschaft" richtete sich in diesem Sinn nicht gegen die Industrie. Für die Entwicklung der Industrie Im Gegenteil war Hitler auf dem Boden der bäuerlichen Fundierung der Gesellschaft ein unbedingter Anhänger der industriellen Entwicklung. Für ihn war "die allgemeine Motorisierung der Welt ... eine Angelegenheit von einer gar nicht abzumessenden Zukunftsbedeutung. Denn der Ersatz der menschlichen und animalischen Kraft durch den Motor ist erst am Beginn seiner Entwicklung, das Ende kann heute noch gar nicht abgeschätzt werden. Für die amerikanische Union jedenfalls steht die Automobilindustrie von heute an der Spitze aller Industrien überhaupt." [75] Die Anhänger der sogenannten "konservativen Revolution" (Moeller van den Bruck, Oswald Spengler, als führender Nationalsozialist: Otto Strasser) teilten Hitlers industriellen Fortschrittsglauben nicht: "Ganz im Gegensatz zu Hitler waren viele Anhänger dieser Richtung der Ansicht, dass im 20.Jahrhundert die klassische Zeit epochaler Erfindungen vorüber sei und die Menschheit im wesentlichen die bekannten technischen Lösungsmöglichkeiten nur noch ausschöpfen könne." [76] Hitler dagegen bezeichnete sich selber als "Narr der Technik" und glaubte an eine großartige Zukunft der vom Arier geschaffenen Industrie. Die Überzeugung von den Fortschritten der Technik machte ihn zum Gegner einer Verherrlichung der handwerklichen Kleinproduktion. "Bei uns hat es immer geheißen: deutsche Werkmannsarbeit. Man wollte damit glauben machen, dass es sich um etwas Unerreichtes handelt. Das ist ein Bluff. Eine moderne Riesenpresse stanzt mir das mit einer Genauigkeit aus, wie es bei unserer Handarbeit gar nicht möglich ist. Auch ihre Automobilfabriken machen sie mit einem Minimum an Menschen. Die erste deutsche Fabrik dieser Art wäre das Volkswagenwerk geworden. Wir sind da noch lange nicht dort, wo die Amerikaner sind! (...) Das ganze ist eine reine Automatenarbeit, daher können sie auch jeden Trottel anstellen. Umschulen, das braucht es dort gar nicht." [77] Das Entweder-Oder in der Auseinandersetzung um Agrar- oder Industriestaat durchbrach der Nationalsozialismus mit seiner Entscheidung für einen Agrar-/Industriestaat. Nicht einfach Blut und Boden, sondern Blut, Boden und Technik waren seine Leitsterne. Entwicklung der Industrie hieß wesentlich auch Steigerung der Konsumgüterproduktion. Es gelte "vor allem, die Ideologie der Bedürfnislosigkeit und der systematischen Einschränkung des Bedarfs, also den vom Kommunismus ausgehenden Primitivitätskult zu bekämpfen", führte Hitler in einer Rede am 20. September 1933 vor dem Generalrat der Wirtschaft aus. "Dieses bolschewistische Ideal der allmählichen Rückentwicklung der Zivilisationsansprüche müsse unweigerlich zur Zerstörung der Wirtschaft und des ganzen Lebens führen." [78] Vor allem die Kfz-Produktion sollte als Schlüssel für die ganze industrielle Weiterentwicklung nach amerikanischem Vorbild vorangetrieben werden, zusammen mit dem massenhaften Bau neuer Straßen. Als die deutschen Automobilproduzenten das Projekt eines billigen, in Massenproduktion gefertigten "Volkswagens" hintertrieben, weil sie um den Absatz ihrer teueren Autos fürchteten, wies das Dritte Reich die DAF an, ein "Volkswagenwerk" aufzubauen. Die Autoproduktion und der Autobahnbau waren entgegen landläufiger Meinung keineswegs primär für die Kriegführung gedacht, sondern als Mittel zur Steigerung des Lebensniveaus. [79] Die Reichswehr beklagte sich, dass sie an den Planungen für die Produktion und den Autobahnbau nicht beteiligt war. Die Ordnung der Wirtschaft Über die künftige Ordnung der deutschen Wirtschaft gab es kein ausformuliertes Programm. Vor der Machtergreifung lehnte Hitler die Erstellung eines solchen Programms ab, um, wie er sagte, die "Männer der Wirtschaft" nicht zu verschrecken, ohne deren Einverständnis der Einzug in die "Wilhelmstraße" (den Amtssitz des Reichskanzlers) nicht möglich war. Sodann legte der Krieg und seine Vorbereitung Zurückhaltung auf, weil nicht gleichzeitig Krieg geführt und die Wirtschaft umgestülpt werden konnte. Schließlich war die nationalsozialistische Wirtschaftsordnung bisher ohne Vorbild und sollte ihre endgültige Form in der Praxis finden. Dennoch gibt es auch hier erste praktische Schritte, die beweisen, dass der Nationalsozialismus einen eigenen Weg ging. Die klassenmäßige Orientierung des Nationalsozialismus legitimierte sich ideologisch auch auf dem Gebiet der Wirtschaft durch den Sozialdarwinismus. Weil der Erwerbs- und Besitztrieb als natürlicher Trieb galt, der gesetzlich genauso wenig zu verbieten war wie der Geschlechtstrieb, sondern im Gegenteil wichtige Eigenschaften wie Durchsetzungsvermögen und persönliche Verantwortungsbereitschaft förderte, waren der Besitz von Produktionsmitteln und der wirtschaftliche Konkurrenzkampf als selbstverständlich anerkannt. Die entschiedenen Träger des Wirtschaftskampfes waren die einfachen Warenproduzenten. "Nie zuvor (seit dem Mittelalter) genossen Handwerker und Bauern - weniger die Einzelhändler! - solch hohes gesellschaftliches Ansehen wie in der faschistischen Öffentlichkeit!" [80] Die selbständigen Unternehmen mussten allerdings lebensfähig sein, d. h. nicht am Rande der Existenz dahinvegetieren. "Die mittelstandspolitischen Maßnahmen waren dementsprechend in erster Linie auf den (potentiell) leistungsfähigen Betrieb ausgerichtet." [81] So sollte das Reichserbhofgesetz zur Schaffung von Bauernhöfen in einer Größe jenseits der Subsistenzproduktion beitragen, um die Erwirtschaftung von ausreichenden Überschüssen zu ermöglichen, nicht zuletzt, um einen höheren Grad an Lebensmittel-Selbstversorgung in Deutschland zu erreichen. Im Prinzip vertrugen sich die Gesetze des Lebenskampfs auch nicht mit der Aufrichtung gesetzlicher Schranken zum künstlichen Schutz bestimmter Wirtschaftssektoren. Im Unterschied zu großen Teilen der NS-Bewegung (und zum Parteiprogramm) lehnte Hitler die von den städtischen Kleinbürgern angestrebte Zunftordnung mit Innungen und Meisterbrief ab. Die Einführung des Großen Befähigungsnachweises und andere Maßnahmen des Dritten Reichs waren offenkundig Kompromisse, die nicht der wirtschaftlichen Grundüberzeugung Hitlers entsprachen. Auch die Ablehnung der anonymen Formen des großen Kapitals wurde wirtschaftsdarwinistisch begründet. Ohne selber einen Handschlag zu tun und ohne persönliche Verantwortung zu tragen, würde der Aktienbesitzer von dem Fleiß der Arbeiter und Ingenieure profitieren, die ihrerseits nichts von steigenden Aktienkursen hätten. Darum betrachtete Hitler "das langsame Ausscheiden des persönlichen Besitzrechtes und allmähliche Übergehen der gesamten Wirtschaft in das Eigentum von Aktiengesellschaften" als eine "schwere wirtschaftliche Verfallserscheinung". [82] Kapital musste persönlich geführt werden. Gegen Großunternehmen war nur so lange nichts einzuwenden, wie sie als Familienbetriebe von den Inhabern persönlich geleitet wurden, diese also Eigenverantwortung trugen. Im Gegensatz zu diesem "schaffenden" Kapital galt das Bank- und Börsenkapital als "raffend", weil auf Spekulation beruhend, und wurde regelmäßig als jüdisch und international kritisiert. Hitler verlangte eine "scharfe Scheidung des Börsenkapitals von der nationalen Wirtschaft". [83] Dem Inhalt nach verschob diese Kritik die Ausbeutung aus dem Produktions- in den Zirkulationsprozess. Darum wurde die Forderung nach Abschaffung der Ausbeutung durch Vergesellschaftung der Produktionsmittel auch als jüdisch-marxistisch zurückgewiesen, weil das auf die Zerstörung des (deutschen) schaffenden Kapitals hinauslief, während es in Wirklichkeit auf die Beseitigung des jüdisch-internationalen Börsen- und Leihkapitals ankam. Die zentrale Rolle des Staats So grundlegend der Wirtschaftskampf auch war, konnte er doch nicht dem freien Spiel der Kräfte überlassen werden. Der Privatunternehmer handelte aus Eigennutz, was im Kampf ums (wirtschaftliche) Überleben selbstverständlich und moralisch nicht zu verdammen war. Aber daraus resultierte kein Gemeinnutz. Hitler lehnte den Lehrsatz der klassischen Ökonomie, dass aus der Konkurrenz der Einzelnen die Harmonie des Ganzen hervorgehen würde, der Gemeinnutz also das Resultat des Eigennutzes wäre, strikt ab. Umgekehrt mussten die Anforderungen des völkischen "Gemeinnutzes" vorgegeben werden. Ausgehend davon, dass "Sinn und Zweck eines Staates" in der Forterhaltung der Art bestand, war die Wirtschaft "nur eines der vielen Hilfsmittel, die zur Erreichung dieses Zieles eben erforderlich sind." [84] Nicht der Staat hatte der Wirtschaft zu dienen, sondern umgekehrt: der Staat war das alles entscheidende Organ, das die Wirtschaft beherrschte und zu steuern hatte. Das hieß zum einen die Einführung staatlicher Planung, wie das mit dem ersten Vierjahrplan 1936 aus Anlass der Kriegsvorbereitung in breiter Form geschah. In seiner Denkschrift dazu schrieb Hitler: "Das Wirtschaftsministerium hat nur die nationalwirtschaftlichen Aufgaben zu stellen, und die Privatwirtschaft hat sie zu erfüllen. Wenn aber die Privatwirtschaft glaubt, dazu nicht fähig zu sein, dann wird der nationalsozialistische Staat aus sich heraus diese Aufgabe zu lösen wissen. (...) Die deutsche Wirtschaft aber wird die neuen Wirtschaftsaufgaben begreifen oder sie wird sich eben unfähig erweisen in dieser modernen Zeit, in der ein Sowjetstaat einen Riesenplan aufrichtet, noch weiter zu bestehen. Aber dann wird nicht Deutschland zugrundegehen, sondern es werden dies höchstens einige Wirtschaftler." Mit dem Vierjahrplan schränkte der NS-Staat den Handlungsspielraum der Betriebe rigoros ein, indem er ihnen die Entscheidungen über Investitionen und Produktion vorschrieb. "Nicht um die Vollstreckung der Interessen des Kapitals ging es Hitler, sondern um die Durchsetzung seiner Weltanschauung und Politik gegen alle Widerstände, auch wenn diese aus den Reihen der Industriellen kamen, die er (...) lediglich als Beauftragte des nationalsozialistischen Staates sah und denen er, offen oder versteckt, mit der Sozialisierung drohte, falls sie nicht bereit waren, diese Rolle zu spielen." [85] Zum andern bedeutete dies den Aufbau einer eigenen Staatswirtschaft. Die staatlichen Eisen- und Stahlwerke "Hermann Göring" in Salzgitter wurden zum größten Werk in Europa. Mit dem Krieg breitete sich zugleich die SS in der Wirtschaft immer weiter aus. "Es ist kaum zu bezweifeln, dass bei längerer Fortdauer der nationalsozialistischen Herrschaft auch der Ausdehnungsprozeß der SS-Wirtschaftsunternehmungen weitergegangen wäre. Zahlreiche Projekte, die nach dem Krieg in Angriff genommen werden sollten, sind in den Akten enthalten. Durch eine solche Entwicklung wäre aber das Gefüge der Privatwirtschaft, deren Formen und Rechtsnormen sich die SS opportunistisch bediente, je länger desto mehr ausgehöhlt worden. Mit der zunehmenden Akkumulation der SS-Wirtschaft war schon der Weg zur funktionellen und strukturellen Veränderungen wichtiger Bereiche der deutschen Wirtschaft beschritten. In einem Aktenvermerk vom 21.Oktober 1942 betonte Himmler gegenüber dem wirtschaftspolitischen Reformeifer SS-Brigadeführer Ohlendorfs, des Chefs des Inland-SD, dass 'während des Krieges' eine 'grundsätzliche Änderung unserer total kapitalistischen Wirtschaft nicht möglich' sei. Jeder, der dagegen 'anrenne', würde ein 'Kesseltreiben' gegen sich heraufbeschwören. Diese Äußerung läßt aber zugleich erkennen, dass auch Himmler prinzipiell eine - wie immer geartete - Neuordnung der Wirtschaftsordnung nach einem für Deutschland siegreichen Kriege befürwortete und sie dann auch für eher durchführbar hielt." [86] Mit dem Voranschreiten des Kriegs und der Erkenntnis der zunehmenden bolschewistischen Rüstungsproduktion trat Hitler für die Ausweitung der Planwirtschaft nach bolschewistischem Vorbild ein, wie Zitelmann nachgewiesen hat. Er plante auf Dauer die Verstaatlichung der großen Aktiengesellschaften (wegen der nicht persönlichen Inhaberschaft), der Energiewirtschaft (weil dort keine Konkurrenz stattfand) sowie aller Wirtschaftszweige, die lebensentscheidende Rohstoffe produzierten, wie Erdöl, Kohle und Eisenindustrie. [87] Sein Vorbild für die Organisierung der Produktion waren Post und Bahn. Das Problem war nur, dass das zur Verwaltung der riesigen Konzerne erforderliche "pflichteifrige Beamtentum" erst im Verlauf von Jahrzehnten herangebildet werden konnte. Allerdings blieb er bis zuletzt Gegner eine "Vollsozialisierung", aus Angst vor Bürokratisierung, Überzentralisierung und Erstickung der Privatinitiative. [88] Ideologiegeschichtlich sind die nationalsozialistischen Wirtschaftsvorstellungen vor dem Hintergrund der in Deutschland jahrzehntelang vorherrschenden "historischen Schule" der Nationalökonomie zu sehen, der u. a. der Verein für Socialpolitik, die Kathedersozialisten und die Richtung des "Deutschen Sozialismus" zugehörten. Sie stand in erklärtem Gegensatz zur klassischen, von Ricardo und Smith begründeten "modernen" Nationalökonomie. [89] Avraham Barkai faßt fünf "Hauptthesen" zusammen, die jenseits der Unterschiede ihrer einzelnen Vertreter diese Richtung kennzeichneten: "wurde als erstes Ziel aller wirtschaftlichen Betätigung nicht die individuelle Bedarfsdeckung, sondern die Machtstärkung des Staates oder des Volkes und die Förderung ihrer gesellschaftlichen und politischen Aufgaben postuliert; ergaben sich hieraus Recht und Pflicht des Staates, den Wirtschaftsablauf zu dirigieren und die freie Wirtschaftsinitiative zugunsten eines vom Staat allein zu definierenden 'Gemeinnutzes' einzuschränken; (...); eine deutliche Neigung zu autarker Selbstversorgung innerhalb eines kontinentalen Großwirtschaftsraumes (...); eine romantisch verklärte Vorrangstellung der Landwirtschaft und Idyllisierung des Dorflebens neben einer deutlichen Ambivalenz gegenüber der Industrialisierung und der damit verbundenen 'Verstädterung'." [90] Der führende Kopf dieser Schule in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, Werner Sombart, spitzte diese Auffassungen in seinem 1934 erschienenen Werk "Deutscher Sozialismus", einer Huldigung an das soeben entstandene Dritte Reich, noch zu, indem er schrieb: "Wenn man also als den Hauptnachteil einer Beseitigung des Kapitalismus, Verlangsamung des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts, bezeichnet, so antworten wir, dass wir gerade darin einen Segen erblicken würden." [91] Die Erwiderung im "Völkischen Beobachter" zeigte, in welchem Punkt der Nationalsozialismus sich von der ansonsten geschätzten "historischen Schule" abhob. Die nationalsozialistische Einstellung zur technischen Entwicklung, schrieb der Rezensent, würde sich "nicht im mindesten mit der Sombarts" decken. "Für uns ist die moderne Technik Geburt des nordischen Geistes. Sie drückt die Gewalt unseres Menschentums aus". [92] Eine staatskapitalistische Produktionsweise? Die Ausdehnung der wirtschaftlichen Staatstätigkeit hat Lehmann dazu veranlasst, die nationalsozialistische Wirtschaftsordnung als "staatskapitalistisch" zu charakterisieren. Eine Begründung dafür hat er nicht gegeben, offenbar in der Überzeugung, dass "staatlich" bei Vorhandensein kapitalistischer Produktion nur "staatskapitalistisch" bedeuten kann. Das wirft einige Fragen auf, zumindest wenn man nicht die Produktionsverhältnisse zugrundelegt, die die Nazis vorfanden und im Ganzen beibehielten, sondern die Verhältnisse, auf die sie hinsteuerten. Der Bereich der kleinen Warenproduktion in Land und Stadt, vom Nationalsozialismus besonders geschützt und gefördert, gibt für die Frage nach dem Staatskapitalismus nichts her, weil die Produktion weder staatlich noch kapitalistisch ist. Lohnarbeit wird gar nicht oder nur in geringem Umfang angewendet; das Unternehmen wird nicht zwecks Verwertung des Werts betrieben, sondern um die größeren oder kleineren persönlichen Bedürfnisse des Betriebsinhabers zu befriedigen. Bei den mittleren und großen Familienbetrieben ist von kapitalistischer Produktionsweise auszugehen, wenngleich unter Ausschaltung von Formen, die das Kapital in seiner Bewegung hervorbringt und benötigt (Börse, Aktie). Gleichzeitig behielt sich der Staat das Recht vor, über die Entscheidungen der Produktionsmittelbesitzer zu bestimmen. Der juristische Besitztitel blieb formal ebenso erhalten wie die weiterhin private Aneignung der gemachten Profite. Aber der Inhaber konnte nicht mehr frei über Gegenstand und Höhe der Investitionen entscheiden. Auch der Kern des Kapitalverhältnisses, die Lohnarbeit, war durch die "Treuhänder der Arbeit" staatlicher Entscheidung unterworfen. Die auf dem Höhepunkt der deutschen Siege von der DAF vorgenommenen Nachkriegsplanungen sahen vor, dass auf Dauer gesehen das Volk "nicht arbeiten (könne), was, wann und wo es will", sondern in der Reihenfolge und an den Orten, die durch die allgemeinen Lebensnotwendigkeiten der Gemeinschaft bestimmt sind. [93] Hinzu kommen noch die Folgen, die die Unterwerfung fremder, nichtarischer Völker mit der Einführung millionenfacher Sklavenarbeit für die Entwicklung der Produktionsweise haben musste. Zusammengefaßt ergibt sich daher folgendes Bild: auf der einen Seite steht ein übermächtiger, die Schlüsselindustrien besitzender Staat, auf der anderen Seite die kleine, von diesem Staat besonders geschützte Warenproduktion. Dazwischen befindet sich die eigentlich kapitalistische Produktion (von Kapital in persönlicher Inhaberschaft). Dieses Kapital kann sich nur beschränkt seinen eigenen Gesetzen gemäß bewegen; es ist eingepfercht und kontrolliert in einem abgegrenzten "Reservat", dessen Schicksal der Staat in der Hand hält, der sich gesellschaftlich hauptsächlich auf die Bauern stützt. Historisch drückt sich darin aus, dass die Millionenmassen der kleinen Warenproduzenten ihren Niedergang endgültig nur aufhalten können, indem sie den Staat übernehmen und für ihre Zwecke dienstbar machen. In der Theorie des "staatsmonopolistischen Kapitalismus" ist der deutsche Faschismus ein bestimmendes Beispiel für das Hinüberwachsen des Monopolkapitalismus in den Staatsmonopolkapitalismus. An diesem Punkt hat die SMK-Theorie nicht zu unrecht auf die Formen gesellschaftlicher Steuerung der Produktion durch den Staat hingewiesen, sie allerdings fälschlich als Weiterentwicklung des Kapitalismus interpretiert. Einige bürgerliche Wirtschaftshistoriker formulieren dies so, dass das nationalsozialistische Wirtschaftssystem "eine Alternative zu Kapitalismus und Kommunismus sein sollte und weder freie Marktwirtschaft noch totale Planung bedeutete". [94] Wie auch immer man an das Problem herantritt: der Begriff des "Staatskapitalismus" ist zur Charakterisierung der nationalsozialistischen Wirtschaftsordnung untauglich. Damit wird gerade das Entscheidende verdeckt, nämlich dass der alles beherrschende Staat des Nationalsozialismus keinen bürgerlichen, der Entwicklung des Kapitals verpflichteten Charakter trug, sondern von letztlich bäuerlichen Zielsetzungen beherrscht war. Eine andere Frage ist, ob der "Dritte Weg", den der Nationalsozialismus mit seinem "völkischen Sozialismus" auch in der Wirtschaft jenseits von Kapitalismus und Sozialismus gehen wollte, dauerhaft tragfähig war. Damit löst sich auch das Rätsel der neuen Mittelschichten, die Lehmann am Staatsruder stehen sieht. Die Ausdehnung der Staatstätigkeit verlangte naturgemäß die Ausdehnung des für die Organisierung und Leitung erforderlichen Personals. Diese betrieben jedoch keine von den Hauptklassen der Gesellschaft unabhängige, klassenlose "Modernisierung", sondern dienten im Staatsapparat den vorgegebenen Klasseninteressen. 4. Für ein germanisches Reich deutscher Nation Das Lebensraumprinzip machte die bloße Revision des 1. Weltkriegs für den Nationalsozialismus absolut unzureichend. "Die Forderung nach Wiederherstellung der Grenzen des Jahres 1914 ist ein politischer Unsinn von Ausmaßen und Folgen, die ihn als Verbrechen erscheinen lassen." [95] In den Grenzen von 1914 unterlag das deutsche Volk denselben verhängnisvollen Zwängen wie vorher: durch den Mangel an Raum und daher an Brot hätten die erforderlichen Lebensmittel und Rohstoffe nach wie vor gegen deutsche Industrieprodukte eingetauscht werden müssen. Überindustrialisierung, Rückgang der Bauernschaft und Abhängigkeit vom Weltmarkt hätten sich also fortgesetzt. Darum galt es, mit den bisherigen Traditionen der deutschen Außenpolitik prinzipiell zu brechen und einen Weg einzuschlagen, der dem arischen Volkskörper mit dem erforderlichen Ackerland auf Generationen hinaus die Zukunft sicherte. Der notwendige Raum war nicht in neuen Kolonien zu suchen, nicht in "Kamerun" - für Hitler ein Synonym für den Erwerb von Bodenkolonien. "Allerdings, eine solche Bodenpolitik kann nicht etwa in Kamerun ihre Erfüllung finden, sondern heute fast ausschließlich nur mehr in Europa." [96] Kolonien waren allenfalls für den Anbau exotischer Früchte von Interesse, außerdem konnte die Forderung nach Rückgabe der deutschen Kolonien als Verhandlungsgegenstand für einen Interessenausgleich mit Großbritannien dienen. Ernsthaft waren sie aber kein Zielpunkt der nationalsozialistischen Außenpolitik. Kein antiimperialistisches Bündnis mit Russland Im Prinzip legte der Verzicht auf die Wiederaufnahme deutscher Kolonialpolitik ein Bündnis mit den erwachenden Kolonialvölkern und mit Russland nahe, um Deutschland von den Fesseln des Versailler "Raubfriedens" - wie Lenin das von Frankreich und Großbritannien auferlegte Friedensdiktat nannte - zu befreien. Zugleich war auf diesem Weg ein partielles Zusammengehen auch mit den USA möglich, da der kapitalistisch entwickeltste Staat unter der Leitlinie der "open door" eine Politik der Auflösung der Kolonialreiche zugunsten des freien Welthandels betrieb. Von der sowjetischen Politik durch den Vertrag von Rapallo im Ansatz versucht, wäre eine solche antikoloniale und antiimperialistische Ausrichtung die fortschrittlichste Variante der deutschen Außenpolitik gewesen, gleich von welchen gesellschaftlichen Kräften getragen. Hitler war strikt gegen diese Linie. Er erwähnte, dass die junge NSDAP schon in den Jahren 1920/21 aufgefordert worden war, "zwischen ihr und den Freiheitsbewegungen anderer Länder eine gewisse Verbindung herzustellen. Es lag dies auf der Linie des von vielen propagierten 'Bundes der unterdrückten Nationen'." Hauptsächlich, so fuhr er fort, kamen die Aufforderungen von Vertretern einzelner Balkanstaaten sowie Ägyptens und Indiens, die er als "schwatzhafte Wichtigtuer" ohne machtpolitischen Rückhalt abtat. "Es gab aber nicht wenig Deutsche, besonders im nationalen Lager, die sich von solchen aufgeblasenen Orientalen blenden ließen". [97] Schon aus rassischen Erwägungen war er gegen derartige Überlegungen, denn als "völkischer Mann, der den Wert des Menschentums nach rassischen Grundlagen abschätzt, darf ich schon aus der Erkenntnis der rassischen Minderwertigkeit dieser sogenannten 'unterdrückten Nationen' nicht das Schicksal des eigenen Volkes mit dem ihren verketten." Machtpolitisch würde das bedeuten, die eigene Stärke an die Schwäche untauglicher Bundesgenossen zu binden und sich somit selber zu schwächen. Am Beispiel Indiens verdeutlichte er seine Ablehnung. England würde Indien nur verlieren, wenn sich entweder seine Kolonialverwaltung rassisch zersetzen oder ein Aufstand der Inder erfolgreich sein würde. Beides wäre aber gleichermaßen undenkbar; die minderwertigen Inder seien völlig außerstande, die britische Herrschaft zu stürzen. Die Anhänger einer solchen Bündnispolitik würden also einem Phantom hinterherlaufen - "ganz abgesehen davon, dass ich als Germane Indien trotz allem immer noch lieber unter englischer Herrschaft sehe als unter einer anderen." [98] Vor allem hätte eine antiimperialistische Politik des "Bundes der unterdrückten Nationen" aus nationalsozialistischer Sicht eine vollständige Verkehrung der Fronten bewirkt. Sie lief nicht nur auf das Bündnis mit Russland, sondern auch auf die Gegnerschaft der weltbeherrschenden See- und Kolonialmacht Großbritannien hinaus. Großbritannien aber galt nach den Erfahrungen des ersten Weltkriegs als kaum besiegbar und war außenpolitisch der "germanische" Wunschpartner des Nationalsozialismus. Umgekehrt schätzte Hitler die Sowjetunion nicht nur als Bündnispartner für ähnlich untauglich ein wie eine indische Freiheitsbewegung, sondern war Russland vor allem das Objekt der geforderten Bodenpolitik. Denn für den Nationalsozialismus stand unumstößlich fest, dass das "Volk ohne Raum" sein territoriales Lebensrecht im Osten durchsetzen musste. "Das Recht auf Grund und Boden kann zur Pflicht werden, wenn ohne Bodenerweiterung ein großes Volk dem Untergang geweiht erscheint. Noch ganz besonders dann, wenn es sich dabei nicht um ein x-beliebiges Negervölkchen handelt, sondern um die germanische Mutter all des Lebens, das der heutigen Welt ihr kulturelles Bild gegeben hat. Deutschland wird entweder Weltmacht oder überhaupt nicht sein. (...) Damit ziehen wir Nationalsozialisten bewußt einen Strich unter die außenpolitische Richtung unserer Vorkriegszeit. Wir setzen dort an, wo man vor sechs Jahrhunderten endete. Wir stoppen den ewigen Germanenzug nach dem Süden und Westen Europas und weisen den Blick nach dem Osten. Wir schließen endlich ab die Kolonial- und Handelspolitik der Vorkriegszeit und gehen über zur Bodenpolitik der Zukunft. Wenn wir aber heute in Europa von neuem Grund und Boden reden, können wir in erster Linie nur an Russland und die ihm untertanen Randstaaten denken." [99] Die Schlüsselrolle Großbritanniens Von diesem Standpunkt aus analysierte Hitler den vorangegangen Weltkrieg und zog Schlußfolgerungen für das kommende Kriegsgeschehen. Zugunsten der Territorialpolitik gegen Russland hätte der Friede mit Großbritannien um jeden Preis gewahrt werden müssen. "Wenn europäische Bodenpolitik nur zu treiben war gegen Russland mit England im Bunde, dann war aber umgekehrt Kolonial- und Welthandelspolitik nur denkbar gegen England mit Russland." Bei dieser Alternative war ihm, so die Aussage von Mein Kampf, schon vor dem Weltkrieg klar gewesen: "Englands Geneigtheit zu gewinnen, durfte dann aber kein Opfer zu groß sein. Es war auf Kolonien und Seegeltung zu verzichten, der britischen Industrie aber die Konkurrenz zu ersparen." [100] Diese einzig richtige Alternative eines Bündnisses oder wenigstens Stillhalteabkommens mit Großbritannien war nicht zustandegekommen, weil die deutsche Hinwendung zum Weltmarkt die Konkurrenz mit den Engländern geschürt hatte. Anstatt aber dann nicht nur eine halbe Schlachtschiffflotte zu bauen, sondern sich ganz auf diesen Kampf zu konzentrieren und Russland ruhigzuhalten, hatte die alte Reichsführung sich durch ihre Taktiererei Alle zu Feinden gemacht. Der einzige Bündnispartner bis zuletzt, der österreichische Vielvölkerstaat, war eine "staatliche Mumie" gewesen, dessen einziger Wert im deutschen Bevölkerungsteil bestanden hatte. Die verluderte Habsburgermonarchie aber hatte sich vor allem damit beschäftigt, die fremden Völkerschaften zu hofieren, und dadurch das Deutsche Reich wie ein Mühlstein ins Verderben gezogen. Das Verhältnis zu Großbritannien musste bei dieser Analyse zum Dreh- und Angelpunkt der künftigen Außenpolitik werden. Von den artverwandten Germanenstämmen der Angeln und Sachsen bewohnt, stand England Deutschland in Europa rassisch am nächsten, musste sich allerdings noch von jüdischem Einfluss befreien, denn das "Finanzjudentum wünscht, entgegen den Interessen des britischen Staatswohls, nicht nur die restlose wirtschaftliche Vernichtung Deutschlands, sondern auch die vollkommene politische Versklavung." [101] Großbritannien war aus dem Weltkrieg, obzwar Siegermacht, geschwächt hervorgegangen, während die Gegner das britischen Empire stärker geworden waren. Die britischen Positionen in Asien wurden von den USA und Japan gleichermaßen bedroht. Im Washingtoner Flottenabkommen von 1922 hatte England auf den Grundsatz des "Zwei-Mächte-Standards" in der Seerüstung (die britische Flotte sollte mindestens so stark sein wie die der beiden nächsten Mächte zusammengenommen) verzichten müssen. Die Flottenstärke zwischen Großbritannien, den USA, Japan, Frankreich und Italien wurde auf das Verhältnis 5 : 5 : 3 : 1,75 : 1,75 festgelegt. Gleichzeitig nahm die Antikolonialbewegung einen großen Aufschwung, nicht zuletzt dank der Unterstützung der Sowjetunion, die eine Politik des Bündnisses der Arbeiterklasse mit den unterdrückten Völkern praktizierte. Würde auch Deutschland in offene Gegnerschaft zu England treten, würde dies nach Hitlers Analyse den Zusammenbruch des britischen Weltreichs bedeuten. Aber es gab keine prinzipiellen Interessengegensätze. Deutschland konnte sich auf den Kontinent beschränken, auf Handels- und Flottenkonkurrenz ebenso wie auf neue Kolonien verzichten, ja den Engländern sogar Hilfe bei der Verteidigung des Empire anbieten und damit die Positionen der weißen Rasse in der Welt stärken. Umgekehrt müßte Großbritannien auf seine bisherige "balance of power"-Politik auf dem europäischen Kontinent verzichten, sprich Deutschland freie Hand auf dem Kontinent geben. Beide Mächte würden in ihren angestammten Sphären bleiben: England als Seemacht und Deutschland als Kontinentalmacht; Deutschland würde keine Weltpolitik und Großbritannien keine Kontinentalpolitik betreiben. Das schloß nicht aus, eine eigene Flotte aufzubauen und Kolonialambitionen anzumelden, aber im wesentlichen als Mittel zum Zweck, um die Engländer unter Druck zu setzen, und nicht als eigentliches Ziel. Indem die Außenpolitik unter völkischen Gesichtspunkten durchdacht und völlig neu ausgerichtet wurde, löste sich also das alte machtpolitische Dilemma des Reiches (Mittellage auf dem Kontinent mit England als außerkontinentalem Gegner) in Nichts auf. Denn wie der Weltkrieg wenige Jahre zuvor gezeigt hatte, war Deutschland in der Lage, es mit Frankreich und Russland gleichzeitig aufzunehmen und hatte nur das britische Engagement der gegnerischen Koalition das Übergewicht verschafft. Als eine Konsequenz daraus bestimmte nicht länger das "perfide Albion" aus dem vorangegangen Krieg das NS-Schrifttum. Der nächste Gegner auf dem Kontinent war Frankreich, aber nur deswegen, weil dieses "immer mehr der Vernegerung anheimfallende Volk" [102] sich jedem Ausbau der deutschen Stellung widersetzen würde: "So sehr wir heute auch alle die Notwendigkeiten einer Auseinandersetzung mit Frankreich erkennen, so wirkungslos bliebe sie in der großen Linie, wenn sich in ihr unser außenpolitisches Ziel erschöpfen würde. Sie kann und wird nur Sinn erhalten, wenn sie die Rückendeckung bietet für eine Vergrößerung des Lebensraumes unseres Volkes in Europa." [103] Im Gegensatz zur Schwerindustrie, die vor allem den Gewinn der lothringischen Eisenerze anstrebte, war Elsaß-Lothringen, d. h. ein "Germanenzug nach Westen", kein entscheidendes Kriegsziel der Nazis. Ebensowenig war ein erneuter Germanenzug nach Süden das Ziel. Deutschland hatte in Europa nur zwei mögliche Verbündete: England und Italien. [104] Italien war als Gegner Frankreichs der nächste Partner für die Auseinandersetzung mit dem Feind im Westen. Um es für ein Zusammengehen zu gewinnen, war allerdings auf die Rückgewinnung des von Deutschen bewohnten Südtirols zu verzichten, [105] das nach dem Weltkrieg entgegen dem Selbstbestimmungsrecht der Nationen von Italien einverleibt worden war. Auf Basis seiner germanisch-ostwärtigen Orientierung konnte der Nationalsozialismus diesen Verzicht begründen, war allerdings vehementer Kritik von deutsch-nationaler Seite ausgesetzt. Aus diesem Grund sah sich Hitler zeitweise veranlasst, ein eigenes Buch zur Außenpolitik zu schreiben, das "Zweite Buch" von 1928, das dann jedoch nicht veröffentlicht wurde. Zwei Stufen zur Weltherrschaft Die Vereinigten Staaten von Amerika waren in verschiedener Hinsicht Hitlers Vorbild. Ihre kapitalistische Produktionsweise und demokratische Regierungsform lehnte er ab, bewunderte sie jedoch wegen des gewaltigen Lebensraums und ihres technischen Fortschritts. Das Territorium hatten die amerikanischen Farmer sich durch die Ausrottung der indianischen Urbevölkerung angeeignet, so wie der germanische Lebensraum im Osten durch die Vernichtung der Slawen erobert werden musste. Den amerikanischen Aufstieg führte Hitler auf rassische Ursachen zurück. Die Einwanderung von Engländern, Deutschen und Skandinaviern hatte eine Auslese der Tüchtigsten ins Land gebracht. Die amerikanischen Einwanderungsgesetze reservierten den nordischen Völkern weiterhin die größten Kontingente, Romanen und Slawen sehr geringe und Japanern und Chinesen fast gar keine. Dadurch gelangten nach wie vor nur die rassisch wertvollsten Menschen in die USA. Außerdem gab es keine Standesschranken wie in Europa, so dass die Besten ungehindert aufsteigen konnten. Eine Folge waren die gewaltigen technischen Leistungen. Wenn Europa nicht bald aufwachte und seinerseits zu einer gezielten Rassenpolitik überging, würde es hoffnungslos zurückfallen. [106] Aber auch die neue Welt war umgarnt vom Weltjudentum. "Juden sind die Regenten der Börsenkräfte der amerikanischen Union. Jedes Jahr läßt sie mehr zum Kontrollherrn der Arbeitskraft eines Einhundertzwanzig-Millionen-Volkes aufsteigen; nur ganz wenige stehen auch heute noch, zu ihrem Zorne, ganz unabhängig da." [107] Obwohl die Vereinigten Staaten noch wenige Jahre zuvor dem Weltkrieg gegen Deutschland die letzte Wende gegeben hatten, schwieg sich Mein Kampf zur außenpolitischen Stellung der USA vollständig aus. Dasselbe geschah mit Japan, das Hitler als Beispiel für eine passiv "kulturtragende" (also nicht kulturschöpferische) Nation anführte. Dieses Schweigen über zwei weltpolitisch entscheidende Mächte liegt in der auf Europa beschränkten Sichtweise von Mein Kampf begründet. Der Aufstieg des Reichs sollte sich nach der Vorstellung Hitlers in zwei Stufen vollziehen. In der ersten Stufe sollte Deutschland aus seiner jetzigen niedergedrückten Stellung zur führenden Macht auf dem europäischen Festland werden. Der dazu in Mein Kampf entwickelte Plan trug rein kontinentalen Charakter. Mithilfe Italiens sollte Frankreich in Schach gehalten werden, das Bündnis mit England den Territorialgewinn im Osten sicherstellen. Die weltpolitische Zurückhaltung in der ersten Stufe war geradezu die Bedingung für den Wiederaufstieg. Erst wenn die erste Stufe erreicht war, kam die Stunde der Weltpolitik. Durch seine kontinentaleuropäische Stellung würde das neue Reich automatisch in den Kreis der Weltmächte treten, neben ihm Großbritannien und die USA sowie darüber hinaus Japan, Italien und gegebenenfalls Frankreich. Dann stand die zweite Stufe auf der Tagesordnung. Deren Inhalt war der Kampf um die Weltherrschaft, wobei aus dem künftigen Ringen der Giganten die rassisch wertvollste Macht als Sieger hervorgehen würde. Zuerst die Herrschaft in Europa, dann die Herrschaft in der Welt - so läßt sich dieser "Stufenplan" umreißen. Als seine eigene Aufgabe betrachtete der Hitler von Mein Kampf das Erreichen der ersten Stufe, d. h. die Schaffung eines germanischen Großreiches durch die rassische Umformung und kontinentaleuropäische Ausdehnung Deutschlands. Die zweite Stufe lag in weiter Ferne und stellte sich wahrscheinlich erst seinen Nachfolgern. Daraus erklärt sich die weltpolitische Zurückhaltung von Mein Kampf. Das unabänderliche Ziel der ersten Stufe war die Eroberung von Lebensraum im Osten. "Wollte man in Europa Grund und Boden, so konnte dies im großen und ganzen nur auf Kosten Russlands geschehen. Dann musste sich das neue Reich wieder auf der Straße der einstigen Ordensritter in Marsch setzen, um mit dem deutschen Schwert dem deutschen Pflug die Scholle, der Nation aber das tägliche Brot zu geben." [108] In einer Grundsatzrede vor den Spitzen der Reichswehr im November 1937 gab Hitler die damit identischen Kriegsziele des Dritten Reichs bekannt: "Wenn die Sicherheit unserer Ernährungslage im Vordergrund stände, so könne der hierfür notwendige Raum nur in Europa gesucht werden, nicht aber ausgehend von liberalistisch-kapitalistischen Auffassungen in der Ausbeutung von Kolonien. Es handele sich nicht um die Gewinnung von Menschen, sondern von landwirtschaftlich nutzbarem Raum. Auch die Rohstoffgebiete seien zweckmäßigerweise in unmittelbarem Anschluß an das Reich in Europa und nicht in Übersee zu suchen. [109] Russland als unverrückbares Siedlungsziel Das vorgesehene Hauptkriegsobjekt wurde von Hitler als schwach eingeschätzt, weil Russland als ursprünglich germanische Staatsgründung durch die Oktoberrevolution von jüdisch-bolschewistischen Kräften übernommen worden war. "Seit Jahrhunderten zehrte Russland von diesem germanischen Kern seiner oberen leitenden Schichten. Er kann heute als fast restlos ausgerottet und ausgelöscht gelten. So unmöglich es dem Russen an sich ist, aus eigener Kraft das Joch des Juden abzuschütteln, so unmöglich ist es dem Juden, das mächtige Reich auf die Dauer zu erhalten. Er selbst ist kein Element der Organisation, sondern ein Ferment der Dekomposition. Das Riesenreich im Osten ist reif zum Zusammenbruch. Und das Ende der Judenherrschaft in Russland wird auch das Ende Russlands als Staat sein. Wir sind vom Schicksal ausersehen, Zeugen einer Katastrophe zu werden, die die gewaltigste Bestätigung für die Richtigkeit der völkischen Rassentheorie sein wird." [110] Seit diesen 1924 niedergeschriebenen Sätzen hatte sich an der getroffenen Einschätzung nichts Entscheidendes geändert. Im Gegenteil hatte der im finnischen Winterkrieg 1939/40 nur mühsam gegen einen winzigen Gegner errungene Sieg anscheinend demonstriert, dass die Rote Armee nach den Säuberungen im Offizierkorps kein ernstzunehmender Gegner war. Ihre Kampfkraft wurde äußerst gering bewertet. Als die Wehrmacht am 20. Juni 1941 nach Russland einbrach, erwarteten nicht nur Hitler und der deutsche Generalstab einen Sieg noch im selben Jahr; auch die führenden britischen und amerikanischen Militärs gingen vom baldigen Zusammenbruch des sowjetischen Widerstands aus. Der Lebensraum im Osten erfüllte alle Erfordernisse einer völkischen Politik. Neben deutschen Bauernsöhnen sollten auch die bisher nach Amerika auswandernden Norweger, Schweden, Dänen und Niederländer hier einen Bauernhof erhalten. Hitler erwartete einen "Strom von Menschen", weil der Bauer dort seine Heimat finden würde, wo er fruchtbaren Boden bekäme. [111] Mit der millionenfachen Vergrößerung der Bauernschaft in dem neuen germanischen Reich war der Ausgleich gegenüber dem industrialisierten deutschen "Altreich" und der auch zahlenmäßige Vorrang des Landes gegenüber der Stadt sichergestellt. Die auf Generationen gesicherten Lebensmittel und Rohstoffe ließen den neuen Staat unabhängig vom Weltmarkt werden und damit konnte die "Bedarfs- und Ausgleichswirtschaft" rundum Realität werden. Die slawische Restbevölkerung schließlich stand als Arbeitskräftereservoir für das "Herrenvolk" zur Verfügung. Seit sich im Winter 1942/43 die endgültige Kriegswende abzeichnete, bemühte sich Stalin um einen Separatfrieden mit Deutschland, weil er den Westmächten mißtraute. Der zögerliche Aufbau einer "zweiten Front" im Westen (erst im Juni 1944 fand die alliierte Landung in der Normandie statt) ließ die sowjetische Führung befürchten, dass die Westmächte Russland und Deutschland sich zerfleischen lassen würden, um selber als lachende Dritte aus dem Völkergemetzel hervorzugehen. "Wenn Briten und Amerikaner wie bisher auf einen vollen Einsatz ihrer Kräfte im Westen des Kontinents, mit welchen Begründungen auch immer, verzichteten, dann musste der Vormarsch der Roten Armee von Stalingrad bis Berlin mit hohen Opfern erkauft werden und die Sowjetunion wäre bei Kriegsende so erschöpft, dass die nun erst ihr volles Potential in die Waagschale werfenden USA als stärkste 'imperialistische' Macht den Frieden diktieren könnten. So lag es für Stalin nahe, auf dem Höhepunkt des Krieges den Versuch zu unternehmen, die Situation von 1939/41 wiederherzustellen. Dies war die 'Ratio' der viel erörterten Friedensfühler, die Stalin von Ende 1942 bis zum Sommer 1944 mit abnehmenden Erfolgserwartungen nach Berlin hinüber ausstreckte." [112] Alle Friedensbemühungen scheiterten an dem bedingungslosen Willen der Nationalsozialisten, den Lebensraumkampf bis zu Ende zu führen. "Es war Hitler, der jede Diskussion darüber ausschloß, weil für ihn der Ostkrieg sein eigentliches großes Ziel (...) war, in dem es, wie er immer wieder betonte, nur einen 'klaren Sieg' oder 'eine restlose Vernichtung' geben könne." [113] Noch am 3. August 1944, neun Monate vor der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, sagte der Reichsführer SS Himmler in einer Rede vor den Reichs- und Gauleitern der NSDAP aus Anlass des Aufstandsversuchs vom 20. Juli: "Das ist unverrückbar, dass wir die Volkstumsgrenze um 500 km herausschieben, dass wir hier siedeln. Es ist unverrückbar, dass wir ein germanisches Reich gründen werden. Es ist unverrückbar, dass zu den 90 Millionen die 30 Millionen übrigen Germanen dazukommen werden, so dass wir unsere Blutsbasis auf 120 Millionen Germanen vermehren. (...) Es ist unverrückbar, dass wir diesen Siedlungsraum erfüllen, dass wir hier den Pflanzgarten germanischen Bluts im Osten errichten". [114] Und Hitler selber notierte im Postskriptum zu seinem "politischen Testament" vom 29. April 1945: "Es muss weiterhin das Ziel sein, dem deutschen Volke Lebensraum im Osten zu gewinnen." Unter diesem Lebengesetz hatte der Kampf im Osten von Beginn an prinzipiell anderen Charakter als im Westen. Der Unterschied lag nicht darin - wie Kommunisten bis heute meinen -, dass im Westen eine bloß machtpolitische Auseinandersetzung zwischen imperialistischen Mächten stattfand, während im Osten der "Systemgegensatz" zwischen Kapitalismus und Kommunismus ausgetragen wurde. Der entscheidende Unterschied war, dass der Krieg im Osten als völkischer Vernichtungskrieg mit dem Ziel geführt wurde (in das jetzt auch das eroberte Polen einbezogen wurde), Platz für germanische Siedlerbauern zu schaffen. Die Landnahme setzte die Enthauptung der Ostvölker durch physische Liquidierung ihrer führenden Schichten, der Intelligenz und - im Falle der Sowjetunion - der kommunistischen Funktionäre voraus, um die restliche Bevölkerung teils zu vertreiben, teils zu versklaven und das Land von germanischen Wehrbauern besiedeln zu lassen (Generalplan Ost). "Im Osten ist Härte mild für die Zukunft" war der Leitsatz, nach dem SS und Wehrmacht handelten, um die geplante "Volkskatastrophe" (Hitler) der Slawen herbeizuführen. Die Vernichtung des europäischen Judentums Bis dahin hatten die Nationalsozialisten die Nürnberger Rassengesetze erlassen und eine rigorose Vertreibungspolitik gegen die Juden betrieben; erörtert worden war auch, sie konzentriert in Madagaskar anzusiedeln. Jetzt gingen Spezialeinheiten der SS im Schutze der weiträumig vorrückenden Wehrmacht daran, die jüdische Ostbevölkerung systematisch zu ermorden, und wurden die ersten Vernichtungslager eingerichtet. In diesem Zusammenhang wird regelmäßig die Reichstagsrede Hitlers vom 30. Januar 1939 zitiert. Darin führte er aus: "In der Zeit meines Kampfes um die Macht war es in erster Linie das jüdische Volk, das nur mit Gelächter meine Prophezeiungen hinnahm, ich würde einmal in Deutschland die Führung des Staates und damit auch des ganzen Volkes übernehmen und dann unter vielen anderen auch das jüdische Problem zur Lösung bringen. Ich glaube, dass dieses damalige schallende Gelächter dem Judentum in Deutschland unterdes wohl schon in der Kehle erstickt ist. Ich will heute wieder ein Prophet sein. Wenn es dem internationalen Finanzjudentum innerhalb und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa!" [115] Auf diese Prophezeiung kam er im Laufe des Weltkriegs bei den verschiedensten Gelegenheiten, sowohl in öffentlichen Reden als auch in internen Äußerungen, immer wieder zu sprechen. Er habe die Juden ausdrücklich gewarnt; niemand könne ihm jetzt einen Vorwurf wegen der Umsetzung dieser Warnung machen. Darum wird in der Rede die verschlüsselte Ankündigung der kommenden Massenmorde gesehen, sobald der Krieg Gelegenheit dazu geben würde. Bei genauerer Analyse des Wortlauts hat die Redepassage jedoch einen etwas konkreteren Inhalt, insofern die Vernichtung des europäischen Judentums nur unter einer Bedingung angedroht wird: nämlich wenn es zu einem erneuten Weltkrieg kommt. Das war aber zum Zeitpunkt der Rede noch offen. Würde es gelingen, den Stoß gegen die Sowjetunion zu führen, ohne dass Frankreich und die angelsächsischen Seemächte eingriffen, blieb der Krieg ein reiner Kontinentalkrieg, wie in Mein Kampf entwickelt. Ausschlaggebend dafür war das am Ende des ersten Weltkriegs von Frankreich und Großbritannien mit amerikanischer Unterstützung aus der Taufe gehobene Polen, von dem in Mein Kampf keine Rede war. [116] Da Deutschland keine gemeinsame Grenze mit Russland hatte, musste zuerst der Nachbar im Osten gewonnen werden, sei es als besiegtes Land, sei es als Verbündeter, um gegen Russland vorzugehen. An der Polenfrage entschied sich zugleich die Haltung der Westmächte. Zum Erstaunen der Weltöffentlichkeit (und zum Missfallen der junkerlichen "Konservativen" in Diplomatie und Reichswehr) hatte Hitler im Januar 1934 eine gegenseitige Nichtangriffserklärung mit Polen vereinbart und weiterhin versucht, engere Beziehungen herzustellen. Bei der Verwirklichung des Münchener Abkommens vom Sommer 1938, das die sudetendeutschen Gebiete dem Reich und die Resttschechoslowakei seiner Gnade übergab, sicherte sich Polen das "Teschener Gebiet", indem es - vermutlich in Absprache mit Deutschland - seine Truppen dort einmarschieren ließ. Anschließend unternahm die Reichsführung den für den Charakter des künftigen Kriegs entscheidenden Schritt. Im Oktober 1938 unterbreitete sie der polnischen Regierung das Angebot einer "Globallösung" aller offenen deutsch-polnischen Fragen. Darin wurde zum einen die Forderung nach Anschluss Danzigs ans Reich sowie einer exterritorialen Autobahn- und Eisenbahnverbindung nach Ostpreußen erhoben. Viel wichtiger (und weitaus weniger bekannt) war jedoch die Tatsache, dass diese Forderungen eingebettet waren in die Aufforderung zum gemeinsamen Vorgehen gegen Russland. Für diesen Fall wurde eine Ausdehnung Polens in die sowjetische Ukraine hinein in Aussicht gestellt. Das Angebot lief im Kern darauf hinaus, Polen aus einem britisch-französisch-amerikanischen Schützling zu einem Vasallenstaat Deutschlands zu machen. Der polnische Staat blieb formal unabhängig und würde sich als Belohnung für den Frontenwechsel und die Kriegsteilnahme territorial vergrößern, wurde aber vollständig von Deutschland abhängig. Ein solches Herantreten an die polnische Frage war mit der nationalsozialistischen Ostorientierung vereinbar, weil für die vorgesehene Lebensraumerweiterung Polen selber zu klein war und nur Russland in Betracht kam. Stimmte Polen zu, musste Deutschland keinen Vorkrieg mit Frankreich führen und hatten die angelsächsischen Mächte keinen Anlass zum Eingreifen. Anders ausgedrückt: ein polnisches Ja zu dem deutschen Angebot machte eine europäische Begrenzung des Territorialkriegs gegen Russland möglich, ein polnisches Nein ließ einen erneuten Weltkrieg näher rücken. Polen stimmte dem Angebot nicht sofort zu, wie Hitler offenbar erwartet hatte, sondern äußerte sich zurückhaltend. Seine endgültige Entscheidung hing vom Verhalten der Siegermächte des ersten Weltkriegs ab, darunter den USA. Die isolationistische Mehrheit in der us-amerikanischen Bevölkerung und im Kongress wollte auf keinen Fall wieder eine Verwicklung in europäische Angelegenheiten wie im Weltkrieg zuvor, sondern sah die vitalen Interessen der USA beschränkt auf den amerikanischen Doppelkontinent. Eine Minderheit von "Internationalisten" mit Präsident Roosevelt an der Spitze bemühte sich dagegen mit aller Kraft, die Vereinigen Staaten in den künftigen europäischen Krieg hineinzuführen, um die Festsetzung in Europa zu erreichen, die im vorangegangenen Weltkrieg nicht geglückt war. Zu diesem Zweck stärkte Roosevelt nicht nur Frankreich und England den Rücken, sondern ließ auch Polen versichern, dass die USA in einem europäischen Krieg zwar nicht sogleich eingreifen könnten, diesen aber schließlich entscheiden würden. [117] Die Nationalsozialisten konnten das seit Jahren zögerliche Verhalten des artverwandten Großbritanniens, mit Deutschland zusammenzugehen, nur mit dem Einfluss des Finanzjudentums erklären - warum sonst sollten die Engländer in einem erneuten Krieg mit Deutschland das Empire riskieren? Dasselbe betraf die Politik Roosevelts, der sich ungeachtet der Bevölkerungsstimmung in Europa engagierte. Damit geriet Hitlers strategische Grundannahme einer kontinentalen Beschränkung der "ersten Stufe" in Gefahr. In dieser Situation richtete er darum seine Warnung an das "internationale Finanzjudentum innerhalb und außerhalb Europas", sprich in Frankreich, Großbritannien und den USA, dass das europäische Judentum vernichtet würde, wenn der kommende Krieg als Weltkrieg geführt werden müsste. Weltkrieg statt Kontinentalkrieg Die polnische Regierung ließ sich auf das deutsche Angebot nicht ein, weil Polen sich selber als dritte Macht zwischen Deutschland und Russland sah. Darüber hinaus gab es im großpolnischen Nationalismus Strömungen, die auf eine Ausdehnung Polens nach Westen mindestens bis zur Oder und Neiße hinarbeiteten. In hoffnungsloser Überschätzung der eigenen militärischen Stärke und der Kriegsbereitschaft der Verbündeten ging man davon aus, dass ein Krieg gegen Deutschland mit einem baldigen gemeinsamen Sieg Polens und der Westmächte enden würde und Polen dann die deutsche Grenze im Osten diktieren könne. Als die polnische Weigerung sich definitiv abzeichnete - offiziell wurde die Ablehnung am 26. März 1939 bekannt gegeben -, besetzten deutsche Truppen am 15. März die Resttschechoslowakei und nahmen durch das Vorschieben der südlichen Flanke die militärische Ausgangsposition für einen Umfassungsangriff auf Polen ein. Als Antwort darauf gab Großbritannien am 31. März eine förmliche Garantieerklärung für Polen ab. Dadurch verschloss sich der "Königsweg" für die Raumerweiterung im Osten. Im August d. J. vereinbarten die UdSSR und Deutschland den Moskauer Vertrag, der Hitler die Möglichkeit gab, zuerst Polen und sodann Frankreich zu schlagen, um nach diesem Umweg im Juni 1941 die Sowjetunion anzugreifen, sein eigentliches Ziel. An der Jahreswende 1944/45 schlug mit der gegen die amerikanischen Invasionstruppen gerichteten Ardennenoffensive der Versuch fehl, die USA zum Ausscheiden aus dem Krieg zu bewegen (die Offensive spekulierte auf die nach wie vor nicht kriegsgeneigte öffentliche Meinung in den USA, die bei hohen amerikanischen Verlusten Roosevelt zum Rückzug zwingen würde) und so das Kriegsglück doch noch zu wenden. Anschließend diktierte Hitler in den ersten Monaten des Jahres 1945 dem Sekretär der Reichskanzlei Martin Bormann in unregelmäßigen Abständen Reflexionen über seine eigene Politik und die Vergangenheit und Zukunft Europas, die insgesamt als sein "Politisches Testament" bezeichnet werden. Als entscheidenden Fehler seinerseits benannte er dabei, das Ausmaß des jüdischen Einflusses in England, speziell auf den "Whiskysäufer" Churchill, unterschätzt zu haben. Den Krieg mit Amerika bezeichnete er als "tragische Verstrickung. Ebenso vernunftwidrig wie unsinnig". Die Ursache für diese Verstrickung sah er darin, dass Roosevelt als der "Auserwählte des Weltjudentums" ausgerechnet zum selben Zeitpunkt wie er selber an der Macht war. Das bestätigt im Nachhinein, dass aus nationalsozialistischer Sicht das internationale Judentum für den Weltkrieg verantwortlich war. Dafür musste es, wie angekündigt, zur Rechenschaft gezogen werden. Es war also nicht der Antisemitismus im allgemeinen, der die Nazis zum Rassenmord schreiten ließ. Das Wesen des Nationalsozialismus war die Siedlungspolitik. Dagegen war der Antisemitismus als solcher zwar ein untrennbarer Bestandteil der NS-Ideologie, musste aber nicht zwingend in Form des Völkermords umgesetzt werden, sondern konnte auch weiterhin als Vertreibungspolitik praktiziert werden. Darum spricht vieles dafür, dass es tatsächlich das Zustandekommen der "internationalen" Kriegskonstellation war, das die Naziführung dazu brachte, das "internationalistische Verschwörervolk" dafür büßen zu lassen. Darum wurden die europäischen Juden jetzt in den Vernichtungsprozess einbezogen, der die Volkskatastrophe der slawischen Völker herbeiführen sollte. Nach dem Anfang in Russland wurde auf der Wannsee-Konferenz am 20. Januar 1942 die Ausrottung der Juden auch im mittleren und westlichen Teil des nationalsozialistischen Herrschaftsbereichs in Gang gesetzt. Und da sie rein zahlenmäßig in dem Geschehen dominierten, wurde es umso schwerer, hinter den Ziffern der gemeinsam ermordeten Juden und Slawen die agrarisch-bäuerliche Triebkraft der Vernichtungspolitik zu entdecken. Durch den Kriegsverlauf (Niederwerfung Polens und Frankreichs) befand sich der Nationalsozialismus 1941 nicht nur in der Ausgangslage, um seinen eigentlichen Krieg gegen Russland zu führen; dieser Krieg musste jetzt auch gewonnen werden, um den Weltkrieg zu bestehen, der sich entgegen Hitlers Plänen entwickelt hatte. Die Blitzkriegsführung der Wehrmacht war nicht zuletzt ökonomisch bedingt, weil Deutschland keinen länger währenden Abnutzungskrieg durchstehen konnte. Daran änderte sich trotz der Herrschaft über Mitteleuropa von Frankreich bis Polen nichts Prinzipielles. Diese Stellung war nicht blockadefest. Das Verbleiben der Engländer im Krieg und das zunehmende Engagement der Amerikaner machte das Reich, je länger der Krieg dauern würde, umso abhängiger von russischen Lebensmittel- und Rohstofflieferungen. In einer ungeahnten Verkürzung der Zeitspannen, in gewissem Sinn sogar einer Umkehr der Stufenplanung, führte das Reich bereits einen Weltkrieg, ohne zuvor das angestrebte Kontinentalimperium erobert und gesichert zu haben. Darum war der Barbarossa-Feldzug des Jahres 1941 zugleich eine Flucht nach vorn. Russland musste jetzt nicht mehr nur als Siedlungsobjekt unterworfen werden, sondern auch, um den Ermattungskrieg gegen die angelsächsischen Seemächte zu bestehen. In der festen Annahme, dass der Russlandkrieg in längstens vier Monaten siegreich beendet sei, gab die Reichsführung den sog. "Z-Plan" in Auftrag, der den Bau einer riesigen Überwasserflotte vorsah, und ließ Pläne für einen "Weltblitzkrieg" ausarbeiten. Sie sahen die Eroberung der britischen Nahoststellung, die Festsetzung in Afghanistan mit Zielrichtung Indien, um "Druck auf Großbritannien auszuüben und es gleichsam in letzter Minute zum 'Ausgleich' mit Hitler zu veranlassen", [118] sowie den Aufbau einer strategischen Operationsbasis gegen die USA in Nordwestafrika und auf den vorgelagerten atlantischen Inselgruppen vor. Daraus resultiert einmal mehr die Schwierigkeit, den roten Faden in der Entwicklung des Kriegstheaters zu erkennen. Ohne Begriff von den Triebkräften des Nationalsozialismus musste es scheinen, als ob Hitler völlig prinzipienlos teils jede sich bietende Gelegenheit zur Machterweiterung wahrnahm, teils zur Flucht nach vorn gezwungen wurde und auf diesem Weg auch den Griff nach der Weltherrschaft unternahm. Getrieben von reiner Machtgier (die Marxisten fügten hinzu: im Interesse des Kapitals) schreckte er auch vor verbrecherischen Formen der Kriegführung wie in Russland und vor der irrationalen Judenvernichtung nicht zurück. Erklären konnte man damit letzten Endes nichts. Das Scheitern des Siedlungskriegs In der ganzen Zeit machte sich die ungeliebte Notwendigkeit, gegen die Engländer Krieg zu führen, anstatt gemeinsam mit ihnen den arischen Lebenskampf zu bestehen, immer wieder bemerkbar. Zunächst hoffte Hitler nach den Siegen über Polen und Frankreich, Großbritannien zu einer anderen Politik zu bewegen. Aber selbst die großzügige Geste am Ende des deutsch-französischen Kriegs, die deutschen Panzerspitzen vor Dünkirchen anzuhalten, um dem britischen Expeditionskorps die Gelegenheit zur Rückkehr nach England zu geben, wurde nicht honoriert. Dennoch ging er weiterhin von einem kurzen Schlagabtausch zwischen "Gentlemen" aus, in der Erwartung, die beiden Gegner würden sich bei ihrem Duell so schätzen lernen, dass die Engländer nach einem Ko-Schlag an die Seite Deutschlands gegen die USA treten würden, um dort den Einfluss des Judentums zu brechen. Die zum Aufstand gegen ihre Kolonialherren bereiten Araber und Inder wurden hingehalten, weil Hitler nach wie vor gegen die Zerschlagung des Empire war. Alles, was die Arier jetzt verloren, müssten sie später wieder erobern. Nachdem das Zusammengehen mit Japan aus einem Mittel, um Großbritannien und die USA unter Druck zu setzen, zu einem realen Kriegsbündnis geworden war, sinnierte Hitler darüber, dass mit seiner Hilfe wichtige Positionen der Arier in Ostasien verloren gingen und dass unweigerlich der Zeitpunkt des Kampfes gegen die gelbe Rasse herannahen würde. Von den Juden befreit, die ihre "Wirtsvölker" gegeneinander hetzten, würde es am Ende des großen Kriegs eine gemeinsame Weltherrschaft der arischen Kernvölker in Europa und den USA unter germanischer Führung geben. [119] Zwei grundlegende Fehleinschätzungen brachten die nationalsozialistische Strategie zu Fall. Grundsätzlich hatte Hitler mit seiner Annahme völlig recht, dass eine erneute britisch-deutsche Auseinandersetzung das Ende der britischen Weltmachtstellung bedeuten würde. In der Tat sank Großbritannien durch den Weltkrieg zu einem Juniorpartner der USA herab, der zuerst seine Handlungsfreiheit und sodann das Empire verlor. Hitlers Schlussfolgerung, dass England darum an die Seite Deutschlands treten müsse, war trotzdem falsch. Den Engländern war klar, dass jeder erneute größere Krieg sie das Empire kosten könne. Darum betrieben sie in den 30er Jahren eine europäische Friedenspolitik um fast jeden Preis. Der kritische Punkt war erreicht, als sich zeigte, dass die weitere Erhaltung des Friedens nur um den Preis Hitlers zu haben war: die Entstehung eines kontinentaleuropäischen Großreichs, auf dessen Wohlwollen Großbritannien künftig angewiesen war. Solcherart vor die Wahl gestellt zwischen dem Erhalt der Empire und dem Erhalt ihrer Unabhängigkeit, entschlossen sie sich, lieber das Empire zu riskieren und den Kampf aufzunehmen. Die andere und letztlich tödliche Fehleinschätzung betraf die Sowjetunion. Bei einem Sieg im Osten hätte der nationalsozialistische Staat den Krieg mit den angelsächsischen Mächten auf unabsehbare Zeit weiterführen und zumindest auf ein "Patt" hoffen können. Aber die Sowjetunion war nicht die erwartete leichte Beute. Durch die Kollektivierung und Industrialisierung seit Ausgang der 20er Jahre hatte sie die für die Führung eines modernen Kriegs unabdingbare große Industrie geschaffen. Im Unterschied zu den Westmächten nahm die sowjetische Führung Mein Kampf auch ernst. "Die These von der zu geringen und zu späten Beachtung von Hitlers Buch scheint nach allem, was wir feststellen konnten, soweit die Westmächte, einschließlich der USA, in Frage kommen, im wesentlichen zutreffend." Dagegen hatten Stalin und wahrscheinlich die ganze sowjetische Führung Hitlers Buch in russischer Übersetzung vollständig gelesen. [120] Seit Mitte der 30er Jahre bereitete sich der Sowjetstaat politisch und militärisch auf den herannahenden Krieg vor. Die Nazis begriffen nicht, dass die Säuberungen im Offizierskorps Ende der 30er Jahre die Rote Armee zwar vorübergehend schwächten, dauerhaft aber die Voraussetzung dafür waren, durch Einbeziehung der Millionenmassen der Kolchosbauern die bis dahin bestehende Kaderarmee in ein Massenheer umzuwandeln. Nur einem Zweifrontenkrieg wäre die Sowjetunion möglicherweise nicht gewachsen gewesen. Es muss offen bleiben, welche Auswirkungen ein japanischer Angriff im Fernen Osten in der Kriegslage des Spätsommers 1941 gehabt hätte, als der Sowjetstaat am Rande der Niederlage stand. Es gab kein "historisches Gesetz", das die Niederlage des Nationalsozialismus und das Überleben des Arbeiter- und Bauernstaats garantierte. Aber der "Antikomintern-Pakt" zwischen Deutschland, Japan und Italien war das Papier kaum wert, auf dem er stand. So konnte die UdSSR nach den gewaltigen Verlusten der ersten Monate ihre Streitkräfte reorganisieren. Sie überflügelte das Reich letztlich in der Rüstung wie in der Kampfkraft der Armee und hätte auch ohne die Hilfslieferungen aus dem Westen und ohne dessen militärisches Eingreifen den Sieg errungen. Die unerwartete Versteifung des Widerstands, der sich u. a. im Aufflammen des Partisanenkriegs zeigte, war nicht zuletzt eine Folge der deutschen Besatzungspolitik, die gezielt auf die geplante Volkskatastrophe hinarbeitete, um das Land siedlungsreif zu machen. Darum wurde auch der Aufbau einer Armee aus kriegsgefangenen Sowjetsoldaten immer wieder verzögert, bis es zu spät war, als dass die schließlich ab Oktober 1944 aufgestellte "Wlassow-Armee" noch kriegswirksam werden konnte. Die Naziführung wollte keinerlei Bedingungen in Kauf nehmen, die eine an der Seite Deutschlands siegreiche russische Exilarmee stellen würde. Sie wollte schrankenlose Handlungsfreiheit für das Herrenvolk beim Aufbau des germanischen Ostimperiums. Die bäuerlich-rassische Antriebskraft des Siedlungskriegs verhinderte zugleich seinen Erfolg. 5. Zur Frage der "Modernisierung" Der Historiker Ernst Nolte stellte schon vor mehr als 20 Jahren über die ideologischen Grundlagen des Nationalsozialismus fest: "Zur Ganzheit zusammengefasst, bilden sie gleichwohl ein Ideengebäude, dessen Folgerichtigkeit und Konsistenz den Atem verschlägt." [121] Er hat recht. Adolf Hitler griff in "Mein Kampf" eine Fülle von Strömungen seiner Zeit auf und arbeitete sie zu einer in sich geschlossenen Weltanschauung und politischen Programmatik um, deren verschiedene Teile sich mit innerer Logik miteinander verschlingen. Er betonte immer wieder die "granitene Grundlage" der nationalsozialistischen Politik. [122] "Jede Gewalt, die nicht einer festen geistigen Grundlage entsprießt, wird schwankend und unsicher sein. Ihr fehlt die Stabilität, die nur in einer fanatischen Weltanschauung zu ruhen vermag." [123] In einer idealtypischen Beschreibung des Verhältnisses zwischen "Programmatiker" und "Politiker" stellte er dem Programmatiker die Aufgabe, die "granitene Grundlage" der Weltanschauung auszuarbeiten, die dann vom Politiker in die Tat umgesetzt werden musste. "Zu einer abstrakt richtigen geistigen Vorstellung, die der Programmatiker zu verkünden hat, muss sich die praktische Erkenntnis des Politikers gesellen." [124] Die Politik barg jedoch Gefahren in sich, da Irrtümer nicht ausgeschlossen waren. Wenn ein Politiker aber einmal in grundlegenden Fragen irrte, konnte das auch ein zweites Mal und öfter geschehen. Darum müsse er schon beim ersten schweren Irrtum die "letzte Folgerung" ziehen und abdanken. Aus dieser Einstellung resultierte eine geradezu "panische Angst" vor Meinungsänderungen. [125] Das machte die Weltanschauung so wichtig, denn je fundierter sie war, desto geringer war die Gefahr von politischen Irrtümern. Dann brauchte der Führer seine Anschauungen nicht mehr zu ändern, sondern nur weiterzuentwickeln. "Sein Lernen wird kein prinzipielles Umlernen mehr sein, sondern ein Hinzulernen, und seine Anhänger werden nicht das beklommene Gefühl hinunterwürgen müssen, von ihm bisher falsch unterrichtet worden zu sein, sondern im Gegenteil: das ersichtliche organische Wachsen des Führers wird ihnen Befriedigung gewähren, da sein Lernen ja nur die Vertiefung ihrer eigenen Lehre bedeutet." Darum verlangte Hitler, dass man Politiker erst mit 30 Jahren werden dürfe, wenn die eigene Anschauung ausgebildet war. [126] Ein besonderer Glücksfall der Geschichte war es, wenn Programmatiker und Politiker sich in einer Person verkörperten. "Innerhalb langer Perioden der Menschheit kann es dann einmal vorkommen, dass sich der Politiker mit dem Programmatiker vermählt". [127] Diese Verschmelzung nahm Hitler für sich selber in Anspruch. Er behauptete, dass seine Wiener Vorkriegsjahre die unerschütterliche Basis seines späteren Handelns gelegt hätten: "Wien aber war und blieb für mich die schwerste, wenn auch gründlichste Schule meines Lebens. (...) Ich erhielt in ihr die Grundlagen für eine Weltanschauung im großen und eine politische Betrachtungsweise im kleinen, die ich später nur noch im einzelnen zu ergänzen brauchte, die mich aber nie mehr verließen." [128] Eine hegemoniale Programmatik Ausgearbeitet während der Festungshaft in einem vorübergehenden Wellental der Klassenkämpfe - nach Beendigung der Nachkriegskrise und vor Einsetzen der Agrar- und Weltwirtschaftskrise - diente das Werk, wie Hitler im Vorwort formulierte, zur "gleichmäßigen und einheitlichen Vertretung" der nationalsozialistischen Lehre. Nach seiner Entlassung aus der Festungshaft musste er zunächst die inzwischen im Zerfall begriffene Partei wieder festigen und neu aufbauen. Auch dazu diente Mein Kampf. Auf die darin niedergelegten "Grundsätze" und "Ziele" der Bewegung war die nationalsozialistische Bewegung und vor allem ihre Führung eingeschworen. Und von dieser in sich geschlossenen Programmatik sollte Hitler später abgeschwenkt sein und freiwillig oder unfreiwillig im Dienste des Kapitals eine ganz andere Politik verfolgt haben? Ernsthaft ist nicht zu behaupten, dass er in den ca. 20 Jahren nach der Niederschrift seines zentralen Werks ein anderes Weltbild entwickelt und umgesetzt hat. Der Nationalsozialismus verknüpfte eine auf agrarisch-rassischen Grundlagen fußende Weltanschauung mit einer außenpolitischen Großstrategie sowie einer sozialen und politischen Programmatik, in deren Mittelpunkt der Staat stand und die ein breites Klassenbündnis ermöglichte: die Bauern erhielten mit der Autarkie Schutz vor der Weltmarktkonkurrenz und damit vor der Agrarkrise; sie wurden ins Zentrum von Gesellschaft und Staat gerückt; ihren Söhnen und den Landarbeitern winkte unbegrenztes Siedlungsland im Osten; dem alten Mittelstand verhieß diese Programmatik gleichfalls Schutz vor der Krise und vor der Konkurrenz der "Großen", der übermächtigen Aktiengesellschaften wie der jüdischen Warenhäuser; die Handwerker rückten neben den Bauern ins Zentrum der Gesellschaft; den Arbeitern wurde durch die Verbindung mit dem Staat staatlicher Schutz vor Unternehmerwillkür, Niederreißung der Standesschranken, gleiche Bildungs- und Aufstiegschancen, Hebung des Lebensstandards geboten; die neuen Mittelschichten konnten auf den Ausbau des Staatsapparats setzen bzw. sahen sich als künftige "Privatbeamte" gesichert; alter wie neuer Mittelstand konnten außerdem direkt von einer Entfernung der Juden profitieren. Ebenso wichtig war eine zweite Funktion dieser Programmatik. Nach dem niedergeschlagenen Münchener Putsch von 1923 hatte Hitler die Schlussfolgerung gezogen, dass eine Machtergreifung nur auf legalem Wege möglich sei. Dafür brauchte er die Zustimmung der herrschenden Klassen, und dies umso mehr, als der Rückgang der Wählerstimmen Ende 1932 signalisierte, dass die NSDAP keine eigene Mehrheit im Parlament gewinnen würde. Die Programmatik ließ auch für ein solches Zusammengehen mit den herrschenden Klassen Raum. Im Prinzip resultierte aus der bäuerlichen Fundierung die Gegnerschaft gegen den Großgrundbesitz. Dem entsprach die Bodenreform-Forderung des Parteiprogramms, über die es regelmäßig zu Auseinandersetzungen kam. Aber schon in "Mein Kampf" hatte Hitler die "innere Kolonisation", die auf die Enteignung von Junkergütern im Osten zugunsten der Ansiedlung von Kleinbauern hinauslief, als zwar gutgemeint, aber gänzlich unzureichend verworfen, weil damit kein "Lebensraum" gewonnen war. [129] Der Nationalsozialismus an der Macht brauchte die Rittergüter darum nicht anzutasten und blieb seinem Hauptziel trotzdem treu. Für die Bourgeoisie war die Befürwortung des Privateigentums an Produktionsmitteln die Grundbedingung für eine Bejahung der Kanzlerschaft Hitlers. Beide Klassen zielten schließlich auf die militärische Wiedererstarkung Deutschlands und die Revision des ersten Weltkriegs, die mithilfe der nationalsozialistischen Massenbewegung näher rückte. Obwohl der Nationalsozialismus ein anderes Klassenwesen mit einer im Kern antibürgerlichen und antijunkerlichen Stoßrichtung trug, konnte er also mit beiden Klassen Kompromisse eingehen. Der Grundirrtum des Marxismus Die Tatsache, dass die ersten Jahre von Hitlers Kanzlerschaft die offenkundige Billigung des großen Kapitals fanden, bildete den Hintergrund, vor dem die Kommunistische Internationale den Faschismus als "offen terroristische Herrschaft der reaktionärsten Kräfte des Finanzkapitals" betrachtete, wie der VII. Weltkongress der Komintern es 1935 formulierte. Damit beendete die Komintern politisch die Strategie des Kampfes "Klasse gegen Klasse" und eröffnete die Möglichkeit antifaschistischer Bündnisse bis hin zu den "fortschrittlichen" Teilen der Bourgoisie. Theoretisch war diese Definition jedoch von Anfang an falsch. Ihren Grundmangel teilte sie mit der vorangegangenen Politik "Klasse gegen Klasse": fixiert auf die Entwicklung des Kapitals, ohne gleichzeitig seine Nichtentwicklung zu sehen, finden weder Bauern noch Handwerker noch junkerliche Großgrundbesitzer in ihr Platz, sondern existieren lediglich Bourgeoisie und Proletariat. Um zu einem richtigen Begriff zu gelangen, musste der Marxismus von der apriorischen Festlegung auf den "bürgerlichen" Charakter des Nationalsozialismus Abschied nehmen. Aber so wenig die deutschen Kommunisten den Nationalsozialismus lange Zeit in der Praxis ernst nahmen, so wenig nimmt die marxistische Geschichtsschreibung ihn bis heute in der Wissenschaft ernst, sondern betrachtet ihn als eine Funktion des Kapitals. Daraus resultiert eine Haltung, die Wolfgang Ruge, ein führender Faschismusforscher der vergangenen DDR, 1983 in die Worte kleidete, dass in bestimmten Situationen "einfältige, ordinäre oder gar lächerliche Personen von einer reaktionären Klasse oder Schicht vorgeschoben, gestützt und in eine Position gebracht werden, von der aus sie historische Wirksamkeit zu erlangen vermögen." Adolf Hitler war seiner Meinung nach durch ein "übersteigertes Geltungsbedürfnis" getrieben und brachte so viele weitere intellektuelle und charakterliche Mängel mit, dass er schließlich für die Bourgeoisie interessant werden musste: "obskurer Schicksalsglaube auf der Basis einer erbärmlichen Halbbildung, mit Labilität gepaarte Besessenheit, Geschwätzigkeit und Schwadroniersucht als Kehrseite einer in Hektik ausartenden Tatenfurcht, mit schlauer Anpassungsfähigkeit gekoppelte maßlose Selbstüberschätzung, Skrupellosigkeit und Missachtung fremden Lebens. Diese Eigenschaften ... ließen Hitler schließlich zur Gallionsfigur einer Klasse werden, die historisch abgewirtschaftet hatte und sich nur noch mit grenzenloser Brutalität und nicht mehr zu überbietender Unmenschlichkeit an der Macht halten konnte." [130] Diese Einschätzung ist an Inhaltsleere und Ignoranz "nicht mehr zu überbieten", aber nichtsdestotrotz charakteristisch für fast die gesamte marxistische Faschismusforschung. Der "historisch abgewirtschafteten Klasse" der deutschen Bourgeoisie wird eine Größe angedichtet, die sie nicht einmal im Verbrechen besessen hat. Umgekehrt wird dem Nationalsozialismus eine eigenständige Zielsetzung abgesprochen und wird speziell Adolf Hitler, dieser "ungewöhnliche programmatische Geist", der "zugleich eine ungewöhnliche politische Kraft" war, [131] mit einer Geringschätzung abgetan, die es nur mit der Selbstgefälligkeit aufnehmen kann, die aus den obigen Sätzen spricht. Wem die aus dem politischen Kampf geborene Definition des VII. Weltkongresses der Komintern allzu vereinfachend vorkam, konnte auf den Faschismusbegriff von Brandler und Thalheimer zurückgreifen, den führenden Köpfen der Kommunistischen Partei/Opposition (KPO). Sie fassten den Nationalsozialismus als "Bonapartismus" auf und kamen damit seiner Selbständigkeit erheblich näher. Da sie das NS-Regime aber ebenfalls als - wenngleich indirekte - Herrschaft des Monopolkapitals betrachteten, führte auch diese Definition in eine Sackgasse. Als die Jugend- und Studentenbewegung zu einem Neuaufschwung auch der kommunistischen Bewegung führte, sorgte die kritische Theorie mit ihrem Satz "Wer vom Kapitalismus nicht reden will, soll vom Faschismus schweigen" dafür, dass es schon aus moralischen Gründen ausgeschlossen blieb, Faschismus und Kapital voneinander zu trennen. In welcher Variante auch immer - jenseits aller sonstigen Differenzen war man gemeinsam der Überzeugung, dass "der Faschismus" eine "Form bürgerlicher Herrschaft" war, wie der Titel eines weitverbreitetes Buch von Reinhard Kühnl lautete, [132] der damit das ideologische Credo der Linken zusammenfasste. Auf diesen Horizont festgelegt, konzentrierte man sich darauf, das Zusammenwirken des Kapitals mit dem Nationalsozialismus zu untersuchen, und hier gab es genug aufzudecken. Die deutsche Bourgeoisie war schon am Ende des ersten Weltkriegs unfähig gewesen, die Republik zu erkämpfen; sie musste ihr von den Arbeitern und Soldaten in den Schoß gelegt werden. Sie war am Ende der Republik unfähig, die bürgerliche Herrschaftsordnung zu verteidigen und überantwortete ihr Schicksal den Nationalsozialisten. Aber sie war an der Seite der Nazis zur Beteiligung an jedem Verbrechen fähig, wenn es einen Gewinn versprach. Weder bei der Verwertung des Vermögens der vertriebenen Juden, noch bei der Ausplünderung der besiegten Länder noch erst recht bei der millionenfachen Sklavenarbeit von Juden und Kriegsgefangenen hatte sie Skrupel, sich an den Opfern zu bereichern. Und während aus den Reihen der Arbeiterklasse Zehntausende ihren Kampf gegen die Nazis mit dem Tod bezahlten und selbst die Junkerschaft im Juli 1944 aufbegehrte, als der Krieg die ostpreußischen Rittergüter in Gefahr brachte, war die Bourgeoisie zu keiner eigenen Widerstandsaktion fähig, sondern bestand ihr Beitrag darin, sich an die Rockschöße der Junker zu hängen. Darum bot sich ein weites Feld der Entlarvung und Kritik des Kapitals, auf dem man von Sieg zu Sieg eilen konnte. Aber dem Wesen des Nationalsozialismus kam man um kein Jota näher und merkte nicht, dass man aus jeder gewonnenen Schlacht schwächer hervorging. Bis zur Auflösung der Sowjetunion konnten die Marxisten mit der alten Faschismustheorie noch einigermaßen auskommen, wenngleich immer bescheidener, weil das rückwärtsgerichtete Wesen des Nationalsozialismus mit dem allgemeinen Niedergang, der "Stagnation und Fäulnis" des Imperialismus erklärt werden konnte. Dagegen stehen die heutigen Marxisten vor dem Problem, nicht den Niedergang des Monopolkapitalismus, sondern den Aufstieg der bürgerlichen Gesellschaft, das Verschwinden des Faschismus und den Untergang des Sozialismus erklären zu müssen. Der Weg der bürgerlichen Forschung Angesichts eines Marxismus, der sich selber zur Ideologie gemacht hatte, mussten die entscheidenden Anstöße zur wissenschaftlichen Ergründung des Nationalsozialismus aus der bürgerlichen Forschung kommen. Hier stand am Beginn die Einschätzung Hitlers als "Opportunist", als skrupelloser, reiner Machtpolitiker ohne Moral und ohne Programm, der allen alles versprach und jede sich bietende Gelegenheit zur Machterweiterung um ihrer selbst willen nutzte. Anders konnte man sich weder die Kompromisspolitik gegenüber den unterschiedlichen Klassen und Schichten erklären, noch erst recht die scheinbar ziellose Sprunghaftigkeit in der Außenpolitik, die von den Angeboten an Großbritannien über den Moskauer Vertrag von 1939 bis zum Krieg mit der ganzen Welt führte. Dann rekonstruierten einige westdeutsche Historiker mit Andreas Hillgruber und Dieter Hildebrand an der Spitze, dass die nationalsozialistische Reichsführung zumindest in der Außenpolitik einem "Programm" gefolgt war, dessen Umsetzung zwar mit größter Flexibilität, ja im Zickzacklauf erfolgte, aber zum unwiderruflichen Ziel die Eroberung von Lebensraum im Osten hatte. [133] Eberhard Jäckel wies nach, dass die Kriegs- und Rassenpolitik einander bedingten und ihre Fundierung in einer geschlossenen Weltanschauung besaßen, die in "Mein Kampf" ausgearbeitet war. Wiederum Andere wie Heinrich August Winkler oder Henry Ashby Turner schlussfolgerten, dass die Reagrarisierung das eigentliche Ziel des Nationalsozialismus gewesen sei. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik dagegen war lange Zeit eine auf der nationalsozialistischen Weltanschauung beruhende Linie nicht sichtbar. Hitler und der Nationalsozialismus galten im Gegenteil als ebenso ahnungs- wie konzeptlos und desinteressiert. Lediglich einzelne Arbeiten am Rande des Hauptstroms der Debatte deuteten darauf hin, dass das anders aussah. In diese Lücke stieß Zitelmann. Andere hatten schon vor ihm auf die "modernisierenden" Wirkungen des Nationalsozialismus hingewiesen, sie jedoch als unbeabsichtigte Kriegsfolgen eingestuft. Nunmehr sichtete Zitelmann - was bis dahin niemand getan hatte - die offiziellen Reden und Schriften Adolf Hitlers, verglich sie mit den inoffiziellen Äußerungen im internen Kreis (Tischgespräche, Monologe im Führerhauptquartier) und maß sie punktuell an vorhandenen Forschungsergebnissen zur inneren Politik des Dritten Reichs. Dadurch konnte er nachweisen, dass der Abbau von Standesschranken, die Befürwortung der technischen Entwicklung und des Konsums ebenso wie die Gegnerschaft gegen das Bürgertum und die Förderung der unteren Klassen keineswegs bloße Propagandaäußerungen oder unwillkommene Nebenfolgen des Kriegs gewesen waren, sondern die erklärte und in Ansätzen verwirklichte Zielsetzung des Regimes, wenn auch die Umgestaltung der Gesellschaft im Großen erst nach dem gewonnenen Krieg stattfinden sollte. Insoweit war ein weiterer Schritt voran in der Geschichtsschreibung über den Nationalsozialismus getan. Klassenbündnisse für und gegen die "Moderne" Aber Zitelmann war nicht in der Lage, die Ergebnisse seiner Untersuchung mit den Forschungsergebnissen in der Rassen- und Außenpolitik in Einklang zu bringen. Um einen Zusammenhang herzustellen, fiel er im Gegenteil hinter den Stand der Wissenschaft zurück, erklärte die agrarischen Züge des Nationalsozialismus für eine vorübergehende Erscheinung, spielte die Bedeutung des Rassismus herunter, nahm eine Umwertung der Kriegspolitik vor, betrachtete den Kampf mit der Sowjetunion wesentlich als Rohstoffkrieg für die Industrie, taufte die weiterhin vorhandenen Unvereinbarkeiten in "dialektische Gegensätze" um und konnte so den Nationalsozialismus als die "totalitäre Möglichkeit der Moderne" fassen. An dieser Stelle hat Lehmann, zu seiner Ehrenrettung sei es gesagt, den Widerspruch wenigstens benannt, der darin liegt, dass der angeblich moderne Nationalsozialismus eine "germanische" Gesellschaftsordnung anstrebte. Das hinderte Lehmann aber nicht daran, ihn als einen "mit totalitären Mitteln vorgenommenen Aufbruch in die Moderne" zu charakterisieren. Darum hat Grabow dem Wesen der Sache nach recht gegen Lehmann, wenn er statt dessen den agrarischen Kern der nationalsozialistischen Ideologie und Politik benennt. Das Dritte Reich verkörperte in der Tat keinen neuen Zugang zur Moderne - weder in ihrer bürgerlichen noch in ihrer proletarischen Form -, sondern stellte den Versuch eines "Dritten Wegs" jenseits davon dar. Aber Grabow hat unrecht, wenn er die angestrebte Reagrarisierung unter der Hand als Rückkehr in die mittelalterliche Vergangenheit auffasst. Die Hinwendung zu den Bauern erfolgte unter den Bedingungen des 20. Jahrhunderts, d. h. der großen Industrie und der Massendemokratie. Daraus folgte ökonomisch die Kombination von agrarischer Fundierung und industrieller Entwicklung der Gesellschaft, klassenmäßig das Bündnis von Bauern und Kleinbürgern mit der Arbeiterschaft in der Programmatik und Politik des Nationalsozialismus. In Russland wie in Deutschland wurde die Antwort auf die Herausforderungen einer Umbruchperiode in der Konzeption eines Bündnisses der entscheidenden Klassen der alten und der neuen Gesellschaft - Bauernschaft und Arbeiterklasse - gegen die herrschenden Mächte gesucht. Aber während dieses Bündnis in dem "zurückgebliebenen" Russland unter Führung des Proletariats um den Durchbruch zum Sozialismus kämpfte, wollten die Nationalsozialisten in dem "fortgeschrittenen" Deutschland einen bäuerlich geführten, völkischen Massenstaat gegen die Moderne errichten. Dieser Versuch ist im Vernichtungskampf mit der UdSSR gescheitert. Die Tragik der Geschichte wollte es, dass der sowjetische Arbeiter- und Bauernstaat durch die dabei gebrachten Opfer auf der Schwelle zur Moderne stehen blieb, während Deutschland durch die Niederlage den Weg in eine stabile bürgerliche Ordnung fand. Literatur und Anmerkungen Literatur Barkai, Avraham: Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Ideologie, Theorie, Politik 1933-1945, Frankfurt 1988 Bracher, Karl Dietrich: Die deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus, Köln 1980 Bracher, K. D./Funke, Manfred/Jacobsen, Hans-Adolf (Hrsg.): Deutschland 1933 - 1945. Neue Studien zur nationalsozialistischen Herrschaft, Bonn (2. Auflage) 1993 Buchheim, Hans/Broszat, Martin/Jacobsen, Hans-Adolf/Krausnick, Helmut: Anatomie des SS-Staates, München (6. Auflage) 1994 Geiss, Immanuel: Geschichte des Rassismus, Frankfurt 1988 Georg, Enno: Die wirtschaftlichen Unternehmungen der SS, Stuttgart 1963 Herbst, Ludolf: Der totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft. Die Kriegswirtschaft im Spannungsfeld von Politik, Ideologie und Propaganda 1939 - 1945, Stuttgart 1982 Hildebrand, Dieter: Deutsche Außenpolitik 1933 - 1945. Kalkül oder Dogma? Kohlhammer, Stuttgart – Berlin – Köln - Mainz (4. Auflage) 1980 Hillgruber, Andreas: Der Zweite Weltkrieg 1939 - 1945: Kriegsziele und Strategie der großen Mächte, Stuttgart - Berlin - Köln - Mainz 1985 Hillgruber, Andreas: Die Zerstörung Europas. Beiträge zur Weltkriegsepoche 1914 - 1945, Frankfurt/M - Berlin 1988 Hillgruber, Andreas: Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940 - 1941, München (2. Auflage) 1982 Hillgruber, Andreas: Zur Entstehung des Zweiten Weltkrieges. Forschungsstand und Literatur, Düsseldorf 1980 Hitler, Adolf: Mein Kampf, München (424 - 428. Auflage) 1939; zitiert als: MK Hitlers Zweites Buch, Ein Dokument aus dem Jahr 1928, eingeleitet und kommentiert von Gerhard L. Weinberg, DVA, Stuttgart 1961; zitiert als: ZB Jäckel, Eberhard: Hitlers Weltanschauung. 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Sozialistische Ursprünge eugenischen Denkens, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 42. Jg., Heft 4, Oldenbourg-Verlag, München 1994 MK, S. 324 MK, S. 421 MK, S. 326 MK, S. 322, 324 MK, S. 420, 421 MK, S. 329 MK, S. 498 MK, S. 751 MK, S. 334 MK, S. 338 MK, S. 344 f Mosse, S. 108 MEW 22, S. 49 f ZB, S. 220 Hans-Walter Schmuhl, Rassismus unter den Bedingungen charismatischer Herrschaft. Zum Übergang von der Verfolgung zur Vernichtung gesellschaftlicher Minderheiten im Dritten Reich. In: Bracher/Funke/Jacobsen 1993, S. 187 f. Mosse, S. 150 Mosse, S. 148 Mosse, S. 152 f Mosse, S. 150 siehe dazu M. Vogt, Die Arbeiterklasse ohne Weg zur Macht, in: AzD 53 MK, S. 419, 165, 433 MK, S. 436 f, 439 MK, S. 362 MK, S. 781 ZB, S. 53 MK, S. 151 MK, S. 146 MK, S. 754 f MK, S. 349, 347 Rede vom 7. August 1920; nach: Zitelmann 1987, S. 146 MK, S. 110 MK, S. 353 ZB, S. 120 f nach: Zitelmann 1987, S. 327 MK, S. 50 MK, S. 353 MK, S. 348 MK, S. 451, 772 MK, S. 111 MK, S. 256 MK, S. 480 Zitelmann 1987, S. 194 MK, S. 451 Barkai, S. 118 Plato, S. 88 f MK, S. 99, 501 Hans Buchheim, Die SS - Das Herrschaftsinstrument; in: Buchheim/Broszat/Jacobsen/Krausnick, S. 28/29 Wegner, S. 311 Wegner, S. 299 MK, S. 151 ZB, S. 59 MK, S. 255 ZB, S. 60 - 61) Krüger, S. 274 MK, S. 151 f ZB, S. 123 Zitelmann, S. 330 Monologe im Führerhauptquartier, nach: Zitelmann, S. 323 nach: Zitelmann, S. 318 Zitelmann, S. 322 f Saldern, S. 243 Saldern, S. 238 MK, S. 256 MK, S. 228, 232 f MK, S. 164 f Zitelmann, S. 221 Georg, S. 146 Zitelmann, S. 261 Zitelmann, S. 250 - 264 dazu auch Kapital - Monopol - Staat (Thesen der AG Politische Ökonomie), in: AzD 59, S. 7/8 Barkai, S. 71 nach: Barkai, S. 92 nach: Zitelmann, S. 330 Von der Kriegs- zur Sozialwirtschaft, Jahrbuch 1940/41 des Arbeitswissenschaftlichen Instituts der DAF; nach: Herbst, S. 152 Karl Hardach, Wirtschaftsgeschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, Göttingen 1976, S. 80 f; nach: Zitelmann 1987, S. 231 MK, S. 736 MK, S. 151 f MK, S. 744 f MK, S. 747 MK, S. 742 MK, S. 157, 154 MK, S. 702 MK, S. 704 MK, S. 741 MK, S. 704 MK, S. 755 ff ZB, S. 125 - 132 MK, S. 723 MK, S. 154 Hoßbach-Niederschrift; nach: Krüger, S. 280 MK 742 f Monologe im Führerhauptquartier, Juli bis September 1941; nach: Zitelmann, S. 302 f Hillgruber 1988, S. 232 Hillgruber 1988, S. 232 nach: Bracher 1980, S. 447 nach: Hillgruber 1988, S. 318 zum folgenden Hillgruber, Deutschland und Polen in der internationalen Politik 1933 - 1939, in: Hillgruber 1988, S. 147 - 168 Hillgruber 1980, S. 43 f Hillgruber 1985, S. 49 Thies, S. 149 - 163 Lange, S. 131 Nolte 1979, S. 55 MK, S. 21, 71 MK, S. 188 MK, S. 418 Jäckel, S. 127 MK, S. 71 MK, S. 231 f MK, S. 137 MK, S. 146 - 150 Ruge 1983, S. 16 Jäckel, S. 135 Reinhard Kühnl, Formen bürgerlicher Herrschaft. Liberalismus - Faschismus, Reinbek b. Hamburg 1971 Hildebrand: Deutsche Außenpolitik 1933 - 1945. Kalkül oder Dogma? sowie Hillgruber: Hitlers Strategie. Politik und Kriegführung 1940 – 1941

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