Montag, 17. November 2014
Materielle und intellektuelle Unabhängigkeit
Materielle und intellektuelle Unabhängigkeit hängen miteinander zusammen. Wenn man überleben will, steht man vor der Wahl, etwas Eigenes zu schaffen, im Schatten anderer zu arbeiten oder sich aushalten zu lassen. Wer keine eigenen Ziele hat, macht einen Job, bezahlt seine Rechnungen und sichert so sein Überleben - in Abhängigkeit von anderen. Ist die Firma erfolgreich, ist der Arbeitsplatz sicher, geht sie in Konkurs, ist der eigene Wohlstand mitbetroffen.
"Almosen genommen, Um Freiheit gekommen." (Sprichwort)
Eine unabhängige Person wird produktiv tätig, um sich selbst zu ernähren. Sie erschafft Werte, mit denen sie Handel treibt - Werte, die andere anerkennen und bereit sind, dafür etwas zu geben. Es ist ein Win-Win Handel, bei dem alle Beteiligten gewinnen. Das schließt natürlich nicht aus, dass man als Mitarbeiter in einem Unternehmen angestellt ist.
Aber man wird nicht nur einen "Job runterreißen" oder wie mancher Beamter seine "Zeit absitzen". Unabhängige Menschen werden in ihrem Beruf eine Berufung sehen oder ihn als Mittel gebrauchen, die eigenen Ideale zu verwirklichen. Insofern kann für einen Chirurgen ein Krankenhaus durchaus der passende Rahmen sein, um seine Mission zu leben.
Unabhängigkeit ist nichts, was wir in die Wiege gelegt bekommen. Wir müssen selbst aktiv dafür sorgen, dass wir uns diesem Ideal annähern. Mit jeder eigenen tatkräftigen Entscheidung, für die wir selber die Verantwortung übernehmen, mit jedem Glaubenssatz, den wir in Wissen verwandeln, werden wir ein Stückchen unabhängiger.
Eigene Stimmungen und Emotionen gestalten
Abhängigkeit von Gefühlen verhindert eigenständiges Denken und Handeln. Deshalb kennt und prüft eine unabhängige Person ihre Gefühle. Gefühle sind nichts Schlechtes, dennoch müssen sie zu den eigenen Zielen passen, diese unterstützen und ihnen nicht entgegenwirken. Etwas für das eigene Ziel Notwendiges nicht zu tun, weil man keinen Bock darauf hat, läuft der Unabhängigkeit entgegen. Man wird zum Sklaven der eigenen Gefühle.
"Ein Mann will ein Bild aufhängen. Den Nagel hat er, nicht aber den Hammer. Der Nachbar hat einen. Also beschließt unser Mann, hinüberzugehen und ihn auszuborgen. Doch da kommt ihm ein Zweifel: Was, wenn der Nachbar mir den Hammer nicht leihen will? Gestern schon grüßte er mich nur so flüchtig. Vielleicht war er in Eile. Vielleicht hat er die Eile nur vorgeschützt und er hat was gegen mich. Und was? Ich habe ihm nichts getan; der bildet sich da etwas ein. Wenn jemand von mir ein Werkzeug borgen wollte, ich gäbe es ihm sofort. Und warum er nicht? Wie kann man einem Mitmenschen einen so einfachen Gefallen abschlagen? Leute wie dieser Kerl vergiften einem das Leben. Und dann bildet er sich noch ein, ich sei auf ihn angewiesen. Bloß weil er einen Hammer hat. Jetzt reicht´s mir wirklich. - Und so stürmt er hinüber, läutet, der Nachbar öffnet, doch bevor er "Guten Tag" sagen kann, schreit ihn unser Mann an: "Behalten Sie Ihren Hammer."" (P. Watzlawick, Anleitung zum Unglücklichsein.)
Ein Unternehmer, der auf Kunden "angewiesen" ist, kann dennoch unabhängig bleiben. Denn das Motto "der Kunde ist König" hat auch seine Grenzen - beim eigenen Urteil. Was Kunden fordern, muss genauso geprüft werden, wie alles andere. Nur wenn die Fakten dafür sprechen, wird ein unabhängiger Unternehmer die Kundenwünsche erfüllen.
Manche verwechseln "unabhängig" mit einem "anders sein wollen als der Rest der Menschheit". Wer "nur" anders sein will, macht sich damit wieder von der Meinung der anderen abhängig, weil er damit die anderen zum Maßstab für das eigene Selbstbild macht.
Andere Menschen sind nicht Antrieb, nicht Verstärker, nicht Versorger, nicht Ziel.
Ein unabhängiger Mensch will sich selbst gestalten. Er nutzt andere Menschen nicht als Antrieb, nicht als Versorger und deren Weltbild nicht als Ziel oder Maßstab.
Das heißt nicht, dass man gleichgültig oder feindlich gegenüber anderen ist. Unabhängige Menschen können von anderen profitieren und das Zusammensein mit ihnen genießen. Wohltuende Beziehungen sollte man jedoch nicht mit abhängigen Beziehungen verwechseln. Nur der Unabhängige kann entscheiden, ob eine andere Person für ihn wertvoll ist, denn er ist nicht auf das Urteil anderer angewiesen.
Mit der Liebe verhält es sich wie mit dem Schenken. Nur eine abhängige Person fordert Liebe, erwartet Liebe, weil sie den anderen braucht. Ihr emotionales Gleichgewicht hängt davon ab, dass ein anderer sie mag. Eine unabhängige Person entscheidet, wie wertvoll ein anderer Mensch für sie ist. Abhängigkeit drückt sich darin aus, dem anderen "Zeit zu stehlen", weil der andere für das eigene Wohlergehen verantwortlich gemacht wird.
Unabhängige Liebende stehlen sich nicht gegenseitig die Zeit, sondern beide erhalten einen Mehrwert.
Das Gegenteil - Secondhandness
Otto-Normal, brave Bürger, Diebe, Schmarotzer, Diktatoren, Altruisten, Schleimer ...
Der Durchschnittsmensch hat einen Job, bezahlt seine Rechnungen, lebt auf die Rente hin, hat aber seine Seele aufgegeben. Er begründet sein Handeln auf Projektionen der Erwartungen anderer. Er handelt gesellschaftskonform, um beispielsweise nicht als asozial gebrandmarkt zu werden. Er ist ein Secondhander, abhängig von der Meinung anderer.
Ein abhängiger Mensch übernimmt Werte und Meinungen von anderen Menschen oder Autoritäten. "Sein Geist ist ein leerer Raum, den andere zu füllen haben". Er will groß sein in Andererleuts Augen, er lebt von guten Beziehungen. Er setzt "seinen Nachbarn als seinen Hirnbesitzer ein", er ist "eine Hülle, die mit den Vorschriften anderer gefüllt ist".
Andere sind der Maßstab - die Gründe können unterschiedlich sein:
man will besser sein als andere,
man will einen höheren Status als andere haben,
man will nicht unangenehm auffallen und passt sich an andere an
man ist "anti" und tut gerade das nicht, was andere tun, etc.
In all diesen Fällen sind und bleiben die anderen Maßstab. Daher macht man sich von ihnen abhängig. Der Secondhander hat sich selbst aufgegeben und treibt seiner Selbstzerstörung entgegen.
Gewalt als Medium, Abhängigkeit zu erzwingen
Die krasseste und deutlichste Form der Abhängigkeit ist Gewalt - die Pistole auf der Brust. Wem die Pistole auf die Brust gesetzt wurde, dem bleibt nur die Wahl zwischen Tod und Abhängigkeit.
Notwehr ist deshalb für einen unabhängigen Menschen, der bedroht wird nicht verhandelbar und auf jeden Fall gerechtfertigt. Jede andere Alternative würde seine Selbstaufgabe bedeuten.
Religionen: Wenn Glaubenssätze unser Weltbild bestimmen
Die Forderung, eine Religion als unbezweifelbare Wahrheit zu akzeptieren, wird von vielen großen Religionen an die Anhänger gestellt. Ein Beispiel für eine mögliche Folge solcher Lehren ist die christliche Opfermentalität: Der Mensch ist abhängig von der Gnade eines Gottes. Gott entscheidet, ob wir in den Himmel oder die Hölle kommen. Ganz egal, was wir in unserem Leben geleistet haben, er ist der Diktator, der die entscheidende Bewertung fällt.
Das Problem dabei ist, dass das Christentum uns keine Fakten liefert, auf die wir uns verlassen könnten. Das Christentum transzendiert die letzte Entscheidungsinstanz auf ein angenommenes Wesen, das nach unserem Tod unser Urteil spricht. Die Deutungshoheit wird dem Papst zugesprochen, der für den Gläubigen die Auslegung der Bibel zu entscheiden hat, wodurch das Recht, sich selbst eine Meinung zu bilden, faktisch aufgehoben wird.
Almosen versus Schenken
Etwas ohne Gegenleistung zu fordern und nehmen, ist "schmarotzen". Einem Bedürftigen etwas zu geben, heißt, ihm ein Almosen zu geben. Etwas anzunehmen, dessen man bedarf, ohne dass man eine Gegenleistung dafür geben könnte, bedeutet ein Almosen anzunehmen.
Schenken kann man nur aus dem Überfluss heraus und nur jemandem, der nicht bedürftig ist. Geschenke können nur zwischen unabhängigen Menschen gegeben werden, die für ihr eigenes Leben sorgen können.
Nächstenliebe (Altruismus)
Ein gesellschaftlicher Machtmechanismus, Menschen in Abhängigkeit zu halten, ist der Altruismus. Hier wird gefordert, die eigenen Interessen dem "Wohl der Allgemeinheit" unterzuordnen. Doch zu bestimmen, was man unter dem "Wohl der Allgemeinheit" zu verstehen hat, liegt in der Hand weniger Entscheidungsträger. In der Religion kann das ein Guru oder Papst sein. Auf gesellschaftlicher Ebene können es Politiker, Gewerkschaftler, Arbeitgeber oder Vereinsvorstände sein.
So ist beispielsweise die Forderung nach selbstloser Nächstenliebe ein unerreichbares Ideal, welches das Recht in Anspruch nimmt, von anderen jederzeit Opfer einzufordern. Hier soll dem Menschen von vornherein die Wahl - sich für eigene Ziele zu entscheiden - genommen werden. Zudem lässt sich das Argument, "dem Allgemeinwohl zu dienen" jederzeit missbrauchen, um die Rechte von Einzelnen oder des ganzen Volkes beliebig einzuschränken.
Entweder nimmt man als Altruist das Opfer auf sich, um Bedürftige an den eigenen Leistungen profitieren zu lassen oder "man verhält sich egoistisch und schadet so der Gemeinschaft". Mit derart verzerrten Argumenten wird Selbstlosigkeit eingefordert und als soziales Machtinstrument missbraucht.
Ein unabhängiger Mensch hat es nicht nötig, von anderen Opfer zu verlangen. Es geht ihm nicht darum, anderen zu dienen oder von ihnen bedient zu werden, sondern darum, seine eigenen Ziele zu verwirklichen. Da langfristiger Egoismus nur funktioniert, wenn man konstruktiv und produktiv mit anderen Menschen kooperiert, entsteht so eine Win-Win-Situation, die alle Beteiligten fördert und fordert. Aus dieser Perspektive ergibt sich ein neuer Egoismusbegriff: Ein Egoist ist ein Mensch, der Unabhängigkeit als Handlungsprinzip lebt.
Warum ist Unabhängigkeit wichtig?
Wenn der Mensch überlebensfähig sein will, muss er die Verantwortung auf sich nehmen, eigene Urteile auf der Basis von Fakten zu fällen. Er muss eigene vernünftige Entscheidungen treffen und kann sich dabei nicht auf die Urteile anderer Menschen verlassen. Sie könnten ebenso falsch sein wie seine eigenen. Aber Fehler, die auf eigenem Denken beruhen, lassen sich durch eigenes Denken korrigieren, während ein Mensch, der sich blind auf Urteile anderer Menschen verlässt, seine Fähigkeit zerstört, Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden.
"Es sind nicht alle frei, die ihrer Ketten spotten." (Lessing: Nathan IV, 4)
Der Prüfstein für Erfolg oder Misserfolg ist die Realität selbst. Es zählen nur Fakten. Ein zur falschen Jahreszeit eingepflanztes Getreide wird kein Brot geben. Wer alleine in der Wildnis Bären jagt, wird schnell selber zum Gejagten. Ein Hochhaus ohne korrekte statische Berechnungen stürzt ein.
Diese notwendige Eigenleistung des Denkens ist nur als unabhängiges Denken möglich. Die Bedingungen der Realität zu erkennen und entsprechend geeignete Maßnahmen zu treffen, sind ein Kennzeichen unabhängigen Denkens. Insofern ist unabhängiges Denken eine notwendige Bedingung für vernünftiges, langfristiges Denken.
Unabhängigkeit fördert nicht nur die eigene Lebendigkeit, sondern ist essentiell, um ein eigenes Selbst aufzubauen. Nur unabhängige Menschen sind fähig, eigene Werte zu entwickeln und sich selbst Ziele zu stecken. Wer sich fremde Ziele oder die Meinungen anderer Menschen zum Maßstab nimmt, überlässt das eigene Leben dem Zufall.
Wenn du ein blühendes Leben ernsthaft anstrebst, dann musst du selbst dafür sorgen, dass dich niemand daran hindern kann, dein Leben so zu leben, wie du es willst.
Unabhängigkeit ist kein Selbstzweck, sondern ein Mittel zum blühenden Leben.
Wie trägt Unabhängigkeit zu einem blühenden Leben bei?
Wenn du deinen eigenen Willen oder Lebenstraum realisieren willst, brauchst du bestimmte Handlungs- und Entscheidungsspielräume. Denn Gestalten ist immer auch eine Frage der verfügbaren Ressourcen.
Im Gegensatz zum nackten Überleben beruht ein blühendes Leben nicht nur auf einem "was brauche ich jetzt?" sondern auf der Entscheidung "ich tue was ich will". Wenn ich weiß, was ich will, kommt die Vernunft ins Spiel.
Vernunft bedeutet langfristige Sicherheit des eigenen Lebens - Steigerung der Lebensmöglichkeiten - Glück. Vernunft ist die Kraft, die uns in die Zukunft planen lässt, sie vorherzusehen und zu gestalten.
"Freiheit wird nie geschenkt, immer nur gewonnen." (Heinrich Böll)
Ein blühendes Leben ist ein selbstgestaltetes Leben. Das schließt die eigene Meinung, das eigene Urteil, die eigenen Werte und das eigene Lebensziel mit ein. All dies "eigene" muss gestaltet werden. Würden wir Meinungen, Urteile, Werte und Ziele von anderen übernehmen, wäre unser Leben ein Leben in Abhängigkeit von anderen. Andere würden unser Leben gestalten.
Welchen Gewinn haben wir von Unabhängigkeit?
Unabhängige Menschen sind nicht nur frei von den Meinungen anderer, sondern frei für die Möglichkeit, mit anderen unabhängigen Menschen eine besondere Lebensqualität zu leben. Unabhängige Menschen können sich gegenseitig wertschätzen. Sie sind füreinander nicht nur Mittel zum Zweck. Ihr Miteinander drückt sich aus in Handel, Respekt, Liebe, Glück und echten Freundschaften.
Unabhängige Menschen erreichen eigene Ziele und freuen sich über den eigenen Erfolg. Nur so wird das eigene Leben zur Berufung.
Harald, Petra
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