Montag, 17. November 2014
Karl Marx – die Partei und die theoretische Arbeit
von Iwan Bortnik
Regelmäßig wiederholen die Gegner in verschiedenen Tonlagen das Mantra, dass ihre „Praxis“, die aus Kundgebungen, Beratungen und allen möglichen Protestveranstaltungen besteht, viel wichtiger sei, als die Herausgabe einer theoretischen Zeitschrift – nach dem Motto „Internetbeiträge gibt es viele, Kommunisten aber nur wenige“ –, in der Annahme, wir müssten doch vor Kummer darüber, dass wir so wenige sind, nicht in den Schlaf finden. Aber Karl Marx verhielt sich in dieser Frage beispielsweise viel einfacher, und er litt auch – angesichts der im Sprechchor rufenden Menge – nicht an Vereinsamung.
Es geht darum, dass der „Bund der Kommunisten“ bis zum Ende seiner Existenz eine Versammlung der unterschiedlichsten Leute war – von wirklichen Kommunisten, die sich um die strategische Entwicklung sorgten, bis hin zu Gaunern und Abenteurern, sowie katastrophal ungebildeten Weitlingianern, Proudhonisten, Saint-Simonisten und anderen, welche die trübe Welle der bürgerlichen Revolution auf die Seite des Kommunismus verschlagen hatte. Mit einem Wort, ungefähr ein ebensolches buntes Gemüse, das wir jetzt in jeder der mit seinen Losungen laut klappernden Organisationen haben.
Marx musste sich tatsächlich in seiner gesamten Tätigkeit im „Bund der Kommunisten“ mit der Abwehr gegen Angriffe dieser oder jener „Genossen“ herumschlagen, worüber er sich später sehr ungehalten äußerte, und keineswegs begeistert war. Bis 1851 hatte sich bei ihm die feste Meinung herausgebildet, dass sich mit solchen Aktivisten kein Bündnis schmieden ließe, um so mehr, als ihn das Schreiben von Briefen, die das Aktionskomitee betrafen, von der Arbeit am „Kapital“ abhielt, und für ihn Kinderspiele waren, im Vergleich zu seiner wissenschaftlichen Arbeit. Man beachte nur die Wortwahl „dass die Partei … für mich … zu existieren aufgehört hat“. Ferner motiviert er, dass er „der festen Überzeugung sei, meine theoretischen Arbeiten nützten der Arbeiterklasse mehr als Einlassen in Verbindungen, deren Zeit auf dem Kontinent vorüber“ ist.
Interessant ist auch die Erwähnung von Levy, der Marx einlud, Führer der Düsseldorfer Arbeiter zu werden. Marx verzichtete darauf, da er dies als ein bürgerliches Abenteuer betrachtete. Die Praxis hat später gezeigt, dass es dies auch war, und nicht etwa, weil er Jude war, sondern weil Levy ein Gauner war. Nach dem Besuch von Levy schrieb er an Freiligrath einen langen Brief, in dem er auch diese Episode erwähnt.
Es ist klar, dass Marx die wissenschaftlichen Interessen immer höher einordnete, viel höher als alle lokalen Aufstände und hungernden Arbeiter, weil er ganz klar erkannt hatte, dass es unmöglich ist, irgendetwas aufzubauen, was nicht auf wissenschaftlicher Grundlage beruht, selbst wenn sich breite proletarische Massen damit beschäftigen.
Das gilt insbesondere auch in der Frage des Donbass, wohin uns empfohlen wird, zu fahren.
Hier nun ein Ausschnitt aus dem Brief:
Ich bemerke d’abord[1], dass, nachdem der „Bund“ [47] auf meinen Antrag im November 1852 aufgelöst wurde. ich nie mehr irgendeiner geheimen oder öffentlichen Gesellschaft angehört habe oder angehöre; dass also die Partei in diesem ganz ephemeren[2] Sinne für mich seit 8 Jahren zu existieren aufgehört hat. Die Vorlesungen über politische Ökonomie, die ich seit dem Erscheinen meiner Schrift[3] (seit Herbst 1859) einigen auserwählten Arbeitern, worunter auch ehemalige Bundesmitglieder, hielt, hatten nichts gemein mit Geschlossner Gesellschaft, weniger sogar als etwa Herrn Gerstenbergs Vorträge im Schillerkomitee.
Du wirst Dich erinnern. dass von den Vorstehern des New-Yorker ziemlich ramifizierten[4] Kommunistenvereins [595] (unter denen Albrecht, Komp. manager der General Bank, 44, Exchange Place, New York), ein Brief an mich kam, der durch Deine Hände ging. und worin ich gewissermaßen um Reorganisation des alten Bundes angegangen ward. Ein ganzes Jahr ging vorüber, bevor ich antwortete, und dann antwortete ich, dass ich seit 1852 mit keiner Verbindung mehr in Verbindung stehe und der festen Überzeugung sei, meine theoretischen Arbeiten nützten der Arbeiterklasse mehr als Einlassen in Verbindungen, deren Zeit auf dem Kontinent vorüber. In der Londoner „Neuen Zeit“ des Herrn Scherzer ward ich dann noch wiederholt. wenn nicht namentlich, so doch verständlich, bitter angegriffen wegen dieser „Tatlosigkeit“.
Als Levy (das erste Mal) von Düsseldorf kam. der auch Dich damals frequentiert[5] hat. bot er mir sogar auf dem Präsentierteller eine Fabrikarbeiterterinsurrektion in Iserlohn, Solingen usw. an. Ich sprach mich derb gegen solche nutzlose und gefährliche Narrheit aus. Ich erklärte ihm ferner, dass ich keinem „Bund“ mehr angehöre; auch der Gefahren wegen, die [durch] solche Verbindung den Leuten in Deutschland drohe, mich unbedingt nicht auf sie einlassen könne. Levy kehrte nach Düsseldorf) zurück, sprach sich, wie mir bald darauf geschrieben ward, sehr lobend über Dich aus, während er meine „doktrinäre“ Indifferenz denunzierte. [506]
Also von „Partei“ in dem Sinn Deines Briefs weiß ich nichts seit 1852. Wenn Du Poet bist. so bin ich Kritiker und hatte wahrhaftig genug an den 1849-52 gemachten Erfahrungen. Der „Bund“, wie die société des saisons [507] zu Paris, wie hundert andre Gesellschaften, war nur eine Episode in der Geschichte der Partei, die aus dem Boden der modernen Gesellschaft überall naturwüchsig sich bildet.
Quelle:
Karl Marx/Friedrich Engels: Marx an Ferdinand Freiligrath. In: Marx/Engels, Dietz Verlag Berlin Werke, 1974, Bd.30, S.489f.
[1] vorweg
[2] vorübergehenden
[3] „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“
[4] verzweigten
[5] häufig besucht
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