Mittwoch, 13. Juli 2011

Zwei Texte zum Umbau der Bundeswehr

IMI-Standpunkt 2011/033
Realsatire Bundeswehr-Umbau: Sparzwang entpuppt sich als Erhöhung des
Militärhaushalts
http://www.imi-online.de/2011.php?id=2320
7.7.2011, Jürgen Wagner

Angeblich erfolge der gegenwärtig in der Feinausplanung befindliche
Generealumbau der Bundeswehr vor allem aus einem Grund: um Kosten
einzusparen und den Rüstungshaushalt dauerhaft massiv abzusenken – so
hieß es jedenfalls von offizieller Seite stets. Tatsächlich geht es bei
der ganzen Übung vor allem darum, die Bundeswehr effizienter, also
kriegsfähiger zu machen, weshalb man von Kosteneinsparungen immer
weniger wissen will (siehe auch IMI-Analyse 2011/027). Schon kurz nach
Veröffentlichung der „Eckpunkten für die Neuausrichtung der Bundeswehr“
sickerte durch, Verteidigungsminister Thomas de Maiziere und
Finanzminister Wolfgang Schäuble hätten sich bezüglich der Sparvorgaben
auf eine aus Sicht der Bundeswehr akzeptable Lösung verständigt. Am 6.
Juli veröffentlichte der Tagesspiegel nähere Details, die zeigen, dass
von Sparen nun wirklich keine Rede mehr sein kann.

Zur Erinnerung: zu den 81,6 Milliarden Euro, die die Bundesregierung bis
2014 einsparen will, sollte die Bundeswehr laut Beschluss vom Juni 2010
eigentlich 8,3 Milliarden beitragen. Ein erstes Präsent wurde der Truppe
noch unter Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg
überreicht, indem ihr eine „Fristverlängerung“ bis 2015 genehmigt wurde.
„Das klingt nach wenig, führt aber dazu, dass der Verteidigungshaushalt
von heute nominal 31,5 Milliarden Euro bis 2015 nur auf 30,4 Milliarden
sinkt – die alte Zielmarke 2014 hätte zu nominal 27,6 Milliarden Euro
geführt“, so der Tagesspiegel. Damit wird der Etat jedoch um 2,6
Milliarden über dem Haushalt von 2006 liegen. Hier von drastischen
Einsparungen zu reden, ist, vorsichtig formuliert, gewagt.

Doch es kommt noch besser: Kostenreduzierungen sollen vor allem im
Personalbereich erzielt werden, denn die Ausgaben für die Beschaffung
neuer Rüstungsgüter will man auf keinen Fall reduzieren. Da man diese
Mitarbeiter aber nicht einfach feuern kann, entstehen hier weiter
Kosten, die aber nun nicht dem Militärbudget, sondern dem Bundeshaushalt
angelastet werden sollen, wie der Tagesspiegel weiter berichtet:
„[Schäuble] überweist de Maizière bis 2015 jährlich eine Milliarde. Die
Summe schrumpft mit jedem Zivilen, der einen Job im öffentlichen Dienst
außerhalb der Bundeswehr findet. Schäuble hat deshalb im Kabinett eine
Regelung durchgesetzt, nach der jedes Bundesressort, das eine neue
Stelle schafft, erst einmal im Bundeswehr-"Überhang" nach einem
geeigneten Kandidaten suchen muss.“

Wer sich jetzt noch nicht vom Spareifer der Bundeswehr veräppelt fühlt,
für den gibt es abschließend noch ein besonderes Schmankerl. Die
„Eckpunkte“ legen eine Bundeswehr-Zielgröße der von 170.000 Zeit- und
Berufssoldaten plus – je nach Erfolg der Rekrutierungsanstrengungen –
5.000 bis 15.000 Freiwillige. Nach Angaben des Tagesspiegel soll der
Bundeshaushalt augenscheinlich sogar für die Gehälter aller angeworbenen
Freiwilligen aufkommen, die über der Untergrenze liegen: „Diesen
Überfluss zahlt ebenfalls Schäuble aus dem allgemeinen Haushalt – rund
2500 Euro im Monat pro Mann oder Frau.“ Eine kurze Nebenrechnung
(10.000*2500*12) ergibt für dieses Geschenk jährliche Kosten von noch
einmal 300 Mio. Euro, sollte es der Bundeswehr gelingen, die Maximalzahl
an Freiwilligen zu werben. Je erfolgreicher die Bundeswehr demzufolge
rekrutiert und dabei größer wird, desto stärker entlastet sie ihren
Haushalt, absurder geht es wohl kaum mehr.

Abschließend das Spardrama in Zahlen: Der Etat der Bundeswehr, der
angeblich ein finanzieller Kahlschlag ungeahnten Ausmaßes verordnet
wurde, wird sich im Jahr 2015 im Extremfall real auf 31,7 Milliarden
Euro belaufen, mehr als heute und fast vier Milliarden über dem Haushalt
des Jahres 2006!



IMI-Analyse 2011/027
Die Bundeswehrreform in der Feinplanung
Die nächsten Schritte zur Steigerung der deutschen Kriegsfähigkeit
http://www.imi-online.de/2011.php?id=2319
7.7.2011, Christian Stache

Bundesverteidigungsminister und Clausewitz-Anhänger Thomas de Maizière
treibt die Neuausrichtung der Bundeswehr voran. Nachdem am 18. Mai 2011
mit den Verteidigungspolitischen Richtlinien die politisch-militärische
Richtung und mit den „Eckpunkten für die Neuausrichtung der Bundeswehr“
der administrative Rahmen vorgegeben worden ist, forcieren die
Chefplaner der Hardthöhe jetzt die Ausplanung der Reformen in elf
Einzelprojekten. Die Imagekampagne und Rekrutierungsbemühungen der
Bundeswehr gehen unvermindert weiter. Das Nachwuchsproblem der Truppe
ist trotz verbesserter Rekrutierungszahlen jedoch noch nicht gelöst. Die
Europäische Verteidigungsagentur (EDA) stimmt unterdessen in den Chor
der Reformunterstützer ein und fordert von der Bundesregierung „mehr
Effizienz“ und mehr Soldaten für den Kriegseinsatz – und bestätigt damit
das primäre Ziel der Umbaupläne.

Am 1. Juli 2011 wurde die Wehrpflicht nach 55 Jahren zwar nicht
abgeschafft, aber vorübergehend ausgesetzt. Eine wesentliche Maßnahme
der sogenannten Neuausrichtung der Bundeswehr ist damit bereits
umgesetzt worden. Die nächsten Schritte folgen auf dem Fuße. Am 10. Juni
hat der Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière in der Berliner
Julius-Leber-Kaserne in einer feierlichen Zeremonie die zuvor
entworfenen Aufträge für die anstehenden elf Projekte zur Feinausplanung
der „Eckpunkte“ bekannt gegeben.[1] Den Projektleitern – und
wahrscheinlich späteren Leitern der von 17 auf neun reduzierten
Abteilungen im Bundesverteidigungsministerium (BMVg) – wurden
Steckbriefe überreicht, mit denen die Ausgangslage, Zielsetzung,
Schnittstellen, der Zeitplan, die Aufwandsabschätzung, ein möglicher
externer Beratungsbedarf sowie die Verantwortlichen und Teammitglieder
der jeweiligen Projekte definiert worden sind. Wie die konkreten
Aufgaben erledigt werden, entscheidet der Projektleiter weitgehend
unabhängig und nur in Abstimmung mit den anderen Abteilungschefs, dem
Arbeitsstab Strukturreform (ASR) und dem sogenannten Lenkungsausschuss.


Lenkungsausschuss, ASR und die elf Projektgruppen

Der Lenkungsausschuss ist das höchste verantwortliche Gremium für die
Bundeswehrreform und trägt die Verantwortung für die Gesamtstrategie,
entscheidet über Zwischenschritte und bereitet Entscheidungen des
Ministers vor. Unter der Leitung des Bundesverteidigungsministers trifft
er die zentralen Entscheidungen bei der Umsetzung der Reform. Ihm
gehören Thomas de Maizères enger Vertrauter, Staatssekretär Stéphane
Beemelmans, der zweite Staatssekretär Rüdiger Wolf und der oberste
Soldat im deutschen Staate und baldige Oberkommandierende der
Bundeswehr, Generalinspekteur Volker Wieker, an.

Der Arbeitsstab Strukturreform untersteht dem Lenkungsausschuss und wird
von Vizeadmiral Manfred Nielson und Ministerialdirigent Christoph
Reifferscheid (Stellvertreter) geleitet. Er soll die bisherigen
Planungen zu den wesentlichen Aspekten der Strukturreform in einem
integrativen bundeswehrgemeinsamen Gesamtkonzept zusammenführen.[2]

Beide Kommissionen haben den Zweck, den Reformprozess zu koordinieren
und die Projektleiter bzw. -gruppen in ihrer Arbeit zu unterstützen.
Dazu werden dem ASR und dem Lenkungsausschuss regelmäßig Berichte über
den Fortgang der Projekte vorgelegt.

Die elf Projektgruppen befassen sich mit folgenden Themen: Neuordnung
der Streitkräfte, Stationierungskonzept, Organisation des BMVg,
Personalmanagement/Nachwuchsgewinnung, Reformbegleitprogramm, Bildungs-
und Qualifizierungslandschaft, Rüstung Nutzung IT, Infrastruktur und
Dienstleistungen, Überprüfung Rüstungs- und Beschaffungsvorhaben,
Reservistenkonzeption sowie Steuerung und Controlling. Eine hausinterne
Klausurbesprechung am 31. August soll die Umsetzung der Projekte zum
Herbst sicherstellen.


Planungsprioritäten: Bundeswehrkonzeption, Neuorganisation des BMVg und
Stationierungskonzept

Bei einer Personalversammlung im BMVg Ende Juni wiederholte Thomas de
Maizière seine Position, dass die Feinausplanung der Konzeption der
Bundeswehr, die Struktur des Verteidigungsministeriums und das
Stationierungskonzept jetzt oberste Priorität besäßen. Erst dann könne
über konkrete Personalmaßnahmen gesprochen werden.

Die Neuordnung der Bundeswehr sieht eine Reduktion des Gesamtumfangs der
Bundeswehr auf maximal 185.000 Mann (von derzeit 220.000), weiterhin
fünf Teilstreitkräfte mit jeweils einem Führungskommando unter Wegfall
einer Führungsebene, Einsparungen von Hierarchieebenen inklusive
Reduzierung von Generals-/Admiralsdienstposten sowie deutliche Kürzungen
des Zivilpersonals von derzeit 76.000 auf 55.000 vor. Zudem sollen die
neuen Aufgaben und Verantwortlichkeiten der Befehlshaber (ehemals
Inspekteure) neu definiert und die Einsatzführung und nationale
Operationsführung für alle Einsatzarten sowie die dazugehörigen
Kommandobehörden verbessert werden.

Laut SPIEGEL hat Generalinspekteur Wieker in seinem jüngsten Entwurf,
der „Weisung zur Ausplanung der Streitkräfte“, für das Heer 55.850
(derzeit 79.300), für die Luftwaffe 21.800 (derzeit 37.660), für die
Marine 12.500 (derzeit 16.600), für die Streitkräftebasis 37.300
(derzeit 69.639) und für den Sanitätsdienst 13.750 (derzeit 23.465)
eingeplant. Zudem verstärken noch 2.500 Reservisten die Bundeswehr, die
de Maizière ursprünglich in die Gesamtstärke der Truppe von 170.000 Mann
(plus 5-15.000 Freiwilligendienstleistende) einrechnen ließ.[3]

Das Stationierungskonzept, das aufgrund eingeplanter Schließungen von 60
Standorten in der Koalition besonders sensibel gehandhabt wird, soll
nach einer Leitungsklausur im BMVg in der letzten Septemberwoche bekannt
gegeben werden. Bislang hat das Ministerium verlautbaren lassen, dass
nicht nur militärisch-operative und ökonomische Kriterien über Erhalt
oder Schließung entscheiden sollen, sondern auch die Attraktivität der
Bundeswehr als Arbeitgeber und ihre Präsenz in der Fläche. Bereits in
die Standortauswahl fließen offensichtlich Überlegungen zur
Nachwuchsgewinnung und Attraktivitätssteigerung ein, wie auch
Generalinspekteur Volker Wieker im Interview mit dem Deutschlandradio
bestätigte.[4]

Außerdem setze de Maizière bei der Umsetzung des Stationierungskonzepts
laut SPIEGEL auf Ausgleichslösungen für die betroffenen Gemeinden, etwa
auf gemeinsame Forschungsprojekte mit der Luft- und Raumfahrtindustrie.
Besonders gebeutelte Kommunen sollten auf diese Weise geschont
werden.[5] Die „Kommunikation“ des neuen Stationierungskonzepts – d.h.
die öffentlichkeitswirksame Vermittlung von Entlassungen und
Standortschließungen – zählt daher neben dessen Erarbeitung und
Billigung zu den zentralen Aufgaben der Projektgruppe
„Stationierungskonzept“, die von Generalleutnant Norbert Finster ebenso
geleitet wird wie das Projekt „Neuordnung der Bundeswehr“.

Die Neuorganisation des BMVg wird federführend von Ministerialdirigent
Christoph Reifferscheid ausgeplant. Neben der Überarbeitung und neuen
Definition überwiegend administrativer Zuständigkeiten werden von den
derzeit 3.200 Dienstposten beim BMVg 1.200 gekürzt. Bis zum 1. Oktober
dieses Jahres sollen die organisatorischen Grundlagen für die zukünftige
Struktur des Ministeriums vorliegen. Die Durchführung ist dann bis März
2012 geplant. Dabei sollen Parallelstrukturen von alt und neu vermieden
werden.


Nachwuchsgewinnung, Attraktivitätssteigerung und Imagekampagnen

Mit der Aussetzung der Wehrpflicht entfällt das bis dato zentrale
Rekrutierungsinstrument der Bundeswehr. Aus diesem und einigen anderen
Gründen, wie der zunehmenden Konkurrenz der Bundeswehr mit „normalen“
Unternehmen um junge Arbeitskräfte oder dem demographischen Wandel,
werden die Gewinnung neuer sowie die Bindung bereits dienender Soldaten
ein Schwerpunkt der Bundeswehrreform.

Deshalb befassen sich zwei der weiteren acht Projektgruppen unter der
Leitung von Generalleutnant Wolfgang Born mit verschiedenen Aspekten der
Nachwuchsgewinnung, des „Personalmanagements“ und der
Attraktivitätssteigerung der Bundeswehr für Bundeswehrangehörige und
potentielle Rekruten.

Mit dem Projekt Personalmanagement/Nachwuchsgewinnung soll ein eigener
Organisationsbereich „Personal“ kreiert werden. Ziel sei die „Schaffung
einer den Erfordernissen der Bundeswehr angepassten
bundeswehrgemeinsamen Personalgewinnungsorganisation.“[6] Dabei geht es
um die Bündelung von fachlicher und organisatorischer Verantwortung, die
konsequente Verschränkung des militärischen und zivilen
Personalmanagements, die Einrichtung eines bundeswehrgemeinsamen
Personalamts sowie die Integration und Konzentration der
Abrechnungsarten in Servicezentren (Besoldung, Entgelt, Beihilfe,
unentgeltliche truppenärztliche Versorgung, Beschädigtenversorgung,
Dienstzeitversorgung, Familienkasse, einigungsbedingte Sonderaufgaben).
Bislang wird die Nachwuchsgewinnung von den vier Zentren für
Nachwuchsgewinnung in Berlin (Ost), Hannover (Nord), München (Süd) und
Düsseldorf (West) sowie dem Zentrum für Nachwuchsgewinnung für die
Marine in Wilhelmshaven organisiert, die alle dem Personalamt der
Bundeswehr unterstehen. Die Personalverwaltung wird derzeit z.T.
ebenfalls vom Personalamt geleistet, ist aber zusätzlich auf
verschiedene andere Teilorganisationen der Bundeswehr und
Bundeswehrverwaltung verteilt.

Das zweite Projekt, das für neue Rekruten und eine gesteigerte
Attraktivität der Bundeswehr von Bedeutung ist, trägt den Titel
„Bildungs-und Qualifizierungslandschaft“. „Vom Hauptschüler bis zum
Uniabsolventen“ soll das (Aus)Bildungs- und Weiterbildungsangebot
kompakt und einheitlich Menschen mit allen Qualifikationen ansprechen
und fortbilden können. Welche Rolle z.B. die Bundeswehrhochschulen für
die Bundeswehrwerbung und die Anziehungskraft der Bundeswehr auf junge
Menschen als „Spitzensegment der Bildung und der
Nachwuchswerbung/-gewinnung“ spielt, erörterte der
Bundesverteidigungsminister kurz in einer Rede an der Universität der
Bundeswehr in Hamburg am 30. Juni: „Die Qualität unserer Universitäten
strahlt weit über die Bundeswehr hinaus. Die Helmut-Schmidt-Universität,
hier in Hamburg ebenso wie die Schwester-Universität in München, bieten
Rahmenbedingungen, um die Sie viele Studenten in unserem Land beneiden.
Unsere Bundeswehr-Universitäten sind attraktiv. So attraktiv, dass
manche hier studieren wollen, obwohl sie vorerst nicht das Ziel haben,
Soldat zu werden.“[7] Außerdem, so schlussfolgerte de Maizière, stärke
akademische Bildung den militärischen Führer.

Allerdings dient die Bildungsreform der Bundeswehr nicht nur
Werbezwecken. Die Schwerpunkte des Projekts – bundeswehrgemeinsame
Führungskräfteentwicklung, Potenzialausschöpfung in einem ungeteilten
Personalkörper, Verbesserung der Wiedereingliederung von Zeitsoldaten
(u.a. durch allgemein anerkannte Qualifikationen), erweiterte
Durchlässigkeit der Laufbahnen – sollen auch der Ausbildung und der
schnellen flexiblen sowie zuverlässigen Versorgung mit eigenen
Arbeitskräften sicherstellen, die die Bundeswehr in Konkurrenz mit
Unternehmen nicht für sich gewinnen kann.


Unklare Rekrutierungslage

Die Personalsituation der Bundeswehr ist momentan umstritten. Während
Generalinspekteur Volker Wieker im Deutschlandradio mit der
Bewerberentwicklung sowohl bei den Freiwilligendienstleistenden als auch
bei den Zeit- und Berufssoldaten nach „entmutigenden“ Zahlen im ersten
Halbjahr 2011 jetzt „sehr zufrieden“ ist[8], äußerte sich z.B. der
Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP), im
Cicero besorgt über die Personalentwicklung: „Fakt ist: Die Zahlen sind
bisher bei weitem nicht ausreichend. Und ich sehe auch nicht, wie diese
Situation in nächster Zeit geändert werden könnte.“[9]

Zahlen zur aktuellen Personalentwicklung schießen derzeit wie Unkraut
aus dem Boden ebenso wie die daran anknüpfenden Problemdiagnosen und
Maßnahmenkataloge. Der Stern berichtete z.B., dass sich zum 1. Juli
bereits über 10.000 Jugendliche freiwillig verpflichtet hätten, darunter
allerdings mehr als 4.000 ehemalige Wehrdienstleistende.[10] Hellmut
Königshaus will BMVg-Informationen zufolge von lediglich 1.800
Freiwilligendienstleistenden wissen.[11] Die Bundeswehr publizierte
hingegen am 4. Juli auf ihrer Internetseite eine Gesamtzahl von 3.419
Freiwilligen, die zum 1. Juli ihren Dienst angetreten hätten[12], und
beziffert die Gesamtzahl aller Freiwilligendienstleistenden auf 13.916,
darunter 5.700 ehemalige Wehrdienstleistende.[13] „Die Personalgewinnung
der Zeitsoldaten ist auch im Jahr 2011 zufriedenstellend“, so die
Bundeswehr weiter.[14] Die Militärs gehen laut Oberst Ulrich Hirsch, dem
Bundesvorsitzenden des Deutschen Bundeswehrverbands, von jährlich 60.000
benötigten Bewerbern bei zwischen 15.000 und 20.000 benötigten neuen
Soldaten (Regenerationsbedarf ohne zivile Mitarbeiter) –
Freiwilligendienstleistende plus Zeit- und Berufssoldaten – aus.[15]

Insgesamt scheint sich die Personalsituation im Vergleich zum Frühjahr,
als politische und militärische Vertreter der Aussetzung der Wehrpflicht
und der unsicheren Personalsituation mit Schrecken begegneten, ein wenig
entspannt zu haben. Dies geht nicht nur auf den von Thomas de Maizière
im Vergleich zu Karl-Theodor zu Guttenbergs Planungen reduzierten Bedarf
und auf die mittlerweile festgelegten aufgebesserten Konditionen für die
Freiwilligendienstleistenden bei der Bundeswehr zurück. Vielmehr dürften
auch die Millionen schwere Werbe- und Imageoffensive sowie die Maßnahmen
zur Steigerung der Attraktivität des Dienstes bei der Bundeswehr zu
Beginn des Jahres eine wesentliche Rolle gespielt haben.[16] Sowohl der
neue[17] als auch der alte Wehrbeauftragte Reinhold Robbe (SPD), fordern
dennoch mehr Geld für Werbung und „lukrative Angebote“[18] für
Jugendliche. Armin Trost, Experte für Employer Branding und Professor
für Human Ressource Management an der Hochschule Furtwangen,
bescheinigte der Bundeswehr im Handelsblatt außerdem, dass sie „Probleme
bekommen werde“[19], weil der Aufbau des Images als Arbeitgeber bislang
nicht ausreiche angesichts des großen Umbruchs bei der Armee. Ob das
Anfang Juli veröffentlichte neue Selbstverständnis der Bundeswehr
„Wir.Dienen.Deutschland.“[20] ausreicht, um das Image der Militärs
aufzupolieren und Jugendliche zu gewinnen, wollte Trost gar nicht erst
beurteilen. Den Militärs ist aber offensichtlich an einer ideologischen
Ergänzung der materiellen Angebote durch einen modernen Patriotismus
gelegen, um Akzeptanz und Rückhalt für die Truppe an der Heimatfront zu
schaffen.


Schützenhilfe durch die Europäische Verteidigungsagentur

Die Bundeswehrreformer bekamen am 3. Juli unerwartet ideologischen
Flankenschutz von der Europäischen Verteidigungsagentur. Wie die
Wirtschaftswoche berichtete, sei die Bundeswehr im innereuropäischen
Vergleich, z.B. mit Frankreich oder Großbritannien, ineffizient und
teuer.[21] Der Studie zufolge sind in der Bundesrepublik 7.000 Soldaten
gleichzeitig einsatzfähig, während es in Großbritannien 22.000 und in
Frankreich 30.000 Soldaten sind. Zudem sei für einen Bundeswehrsoldat im
Krieg die Arbeit von 35 weiteren Soldaten und 15 zivilen Mitarbeitern
erforderlich. In Frankreich seien es nur acht und zwei, in
Großbritannien neun und vier. Dabei gäbe die Bundesregierung derzeit nur
1,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für den Unterhalt der Armee
aus, während Frankreich 2 und Großbritannien 2,5 Prozent des BIP in den
bewaffneten Arm ihrer Politik investierten.

Zwar zweifelte vor allem der Verteidigungsexperte der
SPD-Bundestagsfraktion, Rainer Arnold, die Ergebnisse einer komparativen
EDA-Studie an.[22] Allerdings stützen die zeitlich geschickt
publizierten Resultate das Vorgehen und die Argumentation der
Bundesregierung. Auch Generalleutnant a.D. Hans-Heinrich Dieter, ehemals
u.a. Kommandeur des Kommando Spezialkräfte (KSK), nahm die EDA-Studie
zum Anlass, in die Vollen zu gehen: „Die Freiwilligenstreitkräfte
Bundeswehr sollen durch diese Reform nun wirklich effizienter und
einsatztauglicher werden. Jammern über die Zahlen hilft jetzt genauso
wenig wie das Rechten über die Parameter der EU-Studie. Gefragt ist eine
große politische und militärische Kraftanstrengung, die auch Geld
kostet.“[23] Mindestens drei grundlegenden Zielen der Bundeswehrreform
wird mit den Zahlen der EDA somit Nachdruck verliehen: der Steigerung
der Zahl einsatzfähiger Soldaten (auf 10.000), der Konzentration der
Fähigkeiten in wenigen Händen und der gesteigerten Effizienz im Einsatz
der finanziellen und personellen Mittel. Von den Einsparungen im
Militäretat, die ursprünglich einmal als Anlass für die Reform angeführt
wurde, spricht mittlerweile niemand mehr.


Anmerkungen

[1] http://tinyurl.com/3sdcd75

[2] http://tinyurl.com/3aoqks2

[3] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-78832417.html

[4] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/idw_dlf/1495657/

[5] http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-78954498.html

[6] http://tinyurl.com/3rvxe6x

[7] http://tinyurl.com/449cafr

[8] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/idw_dlf/1495657/

[9]
http://www.cicero.de/%E2%80%9Edie-armee-ist-eine-chance-f%C3%BCr-migranten%E2%80%9C/42195?item=6310


[10]
http://www.stern.de/politik/deutschland/de-maiziere-zur-aussetzung-der-wehrpflicht-notwending-aber-nicht-frohstimmend-1701958.html


[11]
http://www.cicero.de/%E2%80%9Edie-armee-ist-eine-chance-f%C3%BCr-migranten%E2%80%9C/42195?item=6310


[12] http://tinyurl.com/3oh4lzq

[13] http://tinyurl.com/3ohj8xa

[14] a.a.O.

[15] http://www.dradio.de/dlf/sendungen/interview_dlf/1496301/

[16] Vgl. http://imi-online.de/2011.php?id=2257 und
http://www.imi-online.de/2011.php?id=2259

[17]
http://www.cicero.de/%E2%80%9Edie-armee-ist-eine-chance-f%C3%BCr-migranten%E2%80%9C/42195?item=6310


[18] http://www.tagesschau.de/inland/robbebundeswehr100.html

[19]
http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/die-bundeswehr-wird-probleme-bekommen/4338560.html


[20] http://tinyurl.com/3hc9cdf

[21]
http://www.wiwo.de/politik-weltwirtschaft/bundeswehr-ist-ineffizienteste-nato-armee-471756/


[22]
http://www.google.com/hostednews/afp/article/ALeqM5gKJsKQ5DgHvFLvyKvoH61yo2zXHA?docId=CNG.447e6dd19aca24c22cd9979a8116ba55.381


[23] http://www.hansheinrichdieter.de/html/teurebundeswehr.html

--
Informationsstelle Militarisierung (IMI) e. V.
Hechingerstrasse 203
72072 Tübingen
Telefon: +49 7071 49154
Telefax: +49 7071 49159
E-Mail: imi@imi-online.de
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