Mittwoch, 24. Februar 2010

Zeuge im Mordfall Digna Ochoa schwer verletzt

Mexikanische Ökobauern unter Beschuss von Paramilitärs und Militärs

Philipp Gerber, medico international schweiz, 17.02.10.

Eine Militärkolonne überfiel gestern die Gemeinde La Morena, in welcher sich zu dieser Zeit vor allem Frauen und Kinder aufhielten, und eröffnete das Feuer auf die BewohnerInnen. Angeführt wurde der Militärkonvoi von einer Person in Zivil, welche die Dorfbevölkerung als Paramilitär identifizierte, der im Dienst des Lokalfürsten Rogaciano Alba Álvarez steht. In dramatischen Telefongesprächen informierte der Ökobauer Javier Torres Cruz die Menschenrechtsorganisationen: „Mein Onkel, Isaias Torres Quiróz wurde durch Schüsse in den Nacken, in ein Bein sowie einen Durchschuss am Oberkörper schwer verletzt", er sei dringend auf medizinische Hilfe angewiesen. Zudem hätten sich die Militärs in zwei nahe gelegenen Gemeinden stationiert, woher ebenfalls sporadisch Schüsse zu hören seien.

Der Überfall des mexikanischen Militärs ereignet sich zu einem speziellen Zeitpunkt und ganz gezielt gegen La Morena: Am 11. Februar wurde Rogaciano Alba Álvarez in Guadalajara verhaftet. Der ehemalige PRI-Bürgermeister von Petatlán bekannte sich im ersten Verhör sofort zu seiner langen kriminellen Laufbahn, die er mit Marihuana-Lieferungen in den 70er-Jahren begann. Sein Bürgermeisteramt in den Neunziger Jahren nutzte er für die massive Abholzung der Sierra im Auftrag einer US-Firma, was die lokale Bevölkerung auf den Plan brachte, sich gegen die Vernichtung ihrer Lebensgrundlage zu organisieren.

Die als „Ecologistas de la Sierra de Petatlán" bekannten Gemeinden waren denn auch die erklärten Feinde Rogacianos, über 30 Morde an widerständigen Bauern und BäuerInnen sollen auf sein Konto gehen. Als dann unter Präsident Calderón die Auseinandersetzungen zwischen den Drogenmafias eskalierten, musste er im Mai 2008 untertauchen: Gegnerische Mörderbanden hatten eine Sitzung der Viehzüchtervereinigung unter Beschuss genommen (Rogaciano Alba war deren Präsident) und tags darauf seine Familie überfallen, Resultat 17 Tote. Seinen Einfluss in der Region bewahrte er als Statthalter des mächtigen Kartells von Sinaloa dennoch. Im Volksmund war bekannt, dass Rogaciano Alba weiter mit der lokalen Militärführung gute Geschäfte machte. Die Militärs überfallen die Gemeinden regelmässig
(http://www.medicointernational.ch/content/view/183/84/) mit Hurrarufen auf Rogaciano und in Begleitung von Mördern der Drogenmafia.

Die Attacke auf La Morena hat besondere Brisanz, weil sich dort die Leute gesagt haben, sie liessen sich von Rogaciano nicht mehr einschüchtern. So entschlossen sich die mutigen Dorfbewohner Javier Torres Cruz und dessen Onkel Isaias Torres Quiróz zu einer Aussage gegen Rogaciano (http://www.divshare.com/download/10498029-86b). Dieser soll gemäss ihnen der Auftraggeber des Mordes an Digna Ochoa sein. Digna, eine anerkannte Menschenrechtsanwältin, wurde 2001 in ihrem Büro in Mexiko Stadt durch zwei Schüsse ermordet, kurz nachdem sie die Ökobauern von Petatlán besucht hatte und sich in ihrer Verteidigung engagierte. Der Fall wurde von den Behörden von Mexiko Stadt ad acta gelegt mit dem skandalösen Untersuchungsresultat, sie habe Selbstmord begangen. Erst die neuen Zeugenaussagen aus La Morena führen zu einer zögerlichen Wiederaufnahme der Untersuchungen.

Wenig später wurde Javier Torres Cruz im Dezember 2009 von Militärs verhaftet und den Paramilitärs zur Folter übergeben. Er galt 10 Tage lang verschwunden, schaffte es aber auf abenteuerliche Weise, seinen Häschern zu entfliehen. Unsere lokale Partnerorganisation CCTI (Colectivo contra la Tortura y la Impunidad, http://www.medicointernational.ch/content/view/139/83/) hat die Entführung sofort öffentlich gemacht und die Folter dokumentiert. Seither fanden in La Morena mehrere Besuche und Kurse statt, um die Bevölkerung im Umgang mit Repression und Folter möglichst gut zu wappnen.

In den frühen Morgenstunden nach dem Überfall machte sich heute eine ad-hoc gebildete Beobachtungsmission auf den mehrstündigen Weg in die abgelegene Region der Sierra, darunter auch der Arzt und Koordinator des CCTI, Raymundo Díaz Taboada. Sie hoffen, dass die Menschenrechtsmission wie in vergangenen Fällen eine abschreckende Wirkung hat und sich das Militär zurückzieht. Zudem fordern sie vom mexikanischen Staat, dass der Überfall auf La Morena strafrechtliche Konsequenzen hat, sich das Militär aus den Gemeinden Guerreros in die Kasernen zurückzieht und „die vom Interamerikanischen Menschenrechtshof angeordneten Schutzmassnahmen für die Familie Torres endlich effektiv umgesetzt werden."

Notwendig wäre allerdings vor allem ein Ende der Kollaboration von politischen und wirtschaftlichen Interessen mit der organisierten Kriminalität. Dafür scheint jedoch der politische Wille gänzlich zu fehlen. Einzelne, spektakulär inszenierte Verhaftungsaktionen wie diejenige von Rogaciano Alba sollen darüber hinwegtäuschen. Kommt hinzu, dass Rogaciano Alba erst mal „wegen fehlender Beweise" nur in Untersuchungshaft ist, und von Untersuchungen bezüglich der Morde in Guerrero und der Ermordung von Digna Ochoa bisher nicht die Rede ist. Wie wenig sich somit an den mafiösen Regierungsstrukturen Mexikos ändert, zeigt der Überfall auf La Morena.

Weitere Infos unter: www.medicointernational.ch

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