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Mittwoch, 18. August 2010

„WEGEN EXISTENZ DER FARC HAT KOLUMBIEN BISHER VENEZUELA NICHT ANGEGRIFFEN“

James Petras im Interview mit CX36 Radio Centenario / Uruguay 9.8.2010


übersetzt von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel

„Vor zwei Wochen veröffentlichte ein sehr seriöser kolumbianischer Wissenschaftler ein Buch mit dem Titel „Der Krieg gegen die FARC und der Krieg der FARC“. Er weist darin nach, dass die FARC-Guerrillakämpfer ihren Einfluss in einem Drittel der Gesamtfläche Kolumbiens gefestigt haben. Das Regime von Uribe und Santos kontrolliert demzufolge lediglich noch das halbe Territorium Kolumbiens... Bei all dem ist völlig richtig, dass die FARC-Guerrilla 2008 ein paar herbe Rückschläge erlitten hat. Richtig ist jedoch auch, dass ab 2009 bis August 2010 mehr als 3.000 kolumbianische Militärangehörige bei Gefechten mit der FARC getötet worden sind. Die FARC ist in letzter Zeit weiter gewachsen. Und genau aus diesem Grund ist derzeit Santos geschwächt und kann nicht mal eben einen Krieg gegen Venezuela lostreten, denn die FARC hat sich ganz enorm erholt, ebenso wie die ELN. Und diese Guerilla-Organisationen werden immer stärker derzeit.

Das macht es für Santos unmöglich, an eine Aggression gegen Venezuela jetzt zu denken.“

Chury: Wir haben gerade James Petras aus den USA am Telefon. Wie geht es Dir, James?

Petras: Uns geht es gut. Es ist ziemlich heiß hier, viel Sonne. Wir haben eine gute Ernte aus unserem Garten, viele Tomaten. Das macht uns zumindest in der Selbstversorgung zufrieden.

Chury: Schön. Ich will die einleitenden Worte hier mal dazu nutzen, um Dir mitzuteilen, dass wir letztens vor unseren Mikrofonen einen Führungsmann der revolutionären Bewegung aus El Salvador hatten. Konkret handelte es sich um Wladimir, der auch Programme wie unseres mithört und mitliest und sehr schätzt, was Du so machst.

Er sprach sehr gut von Dir. Und genau darum will ich ihm eine große Umarmung schicken, von hier aus bis hin nach El Salvador. Und diese große Umarmung geht an alle Menschen dort, die hier mithören und mitlesen...

Petras: Für mich ist diese Unterstützung ganz wichtig. Ich schätze sie sehr. Denn sie kommt von aktiven Menschen, die sich in den Kampf einbringen. Mein Beitrag in diesem Kampf ist die Fortsetzung des Kampfes mit den Mitteln der Studien, der Informationen und der Konferenzen.

Chury: Schön. Wir sind auch immer ganz zufrieden zu erfahren, wie das gehört und gelesen wird, was jemand schlicht von sich gibt. Ich danke Dir recht vielmals für Deinen Beitrag dazu. Und ich frage Dich mal, was ich immer frage, wenn wir unser Gespräch miteinander beginnen: Woran arbeitest Du derzeit gerade?

Petras: Es gibt drei Schwerpunkte:

Erstens die Ereignisse in Pakistan, Russland, China, Indien, die angeblichen Überschwemmungen, die Großbrände und alles, was die Massenmedien da als Naturkatastrophen bezeichnen.

Zweitens die Beziehungen zwischen Venezuela und Kolumbien.

Drittens die Enthüllungen von Wikileaks anhand der Veröffentlichung von Dokumenten, die Bedeutung dieser Enthüllungen für die Weltpolitik und vor allem für die Informationsweitergabe an die Weltöffentlichkeit über all das, was da tatsächlich in Afghanistan und den anderen Regionen des Kriegsgeschehens vor sich geht.

In Pakistan sprechen alle Medien von den Überschwemmungen, von den Millionen und Abermillionen ihrer Dächer über dem Kopf beraubten Menschen. Und auch gibt es viele Berichte über die Vermissten und die Toten.

Aber: Es fehlt eine wesentliche Erwähnung, ob es wirklich richtig ist, dass es da riesige Mengen an Regengüssen gibt, dass es da Überschwemmungen dieses Ausmaßes gibt.

Sie erklären nicht, warum es keinen Schutz gibt, kein Kontrollsystem an den Flüssen. Es gibt keine Diskussion über vorbeugende Maßnahmen wie beispielsweise die Bewässerungssysteme, die das Wasser auffangen. Es gibt keine Maßnahmen hinsichtlich geeigneter Bauplätze für Wohnhäuser, für Städte. Und weniger als gar nicht wird von der Politik geredet, welche stets eng mit dem Geschehen der Naturgewalten verknüpft ist.

Das heißt, wenn denn niemand diese Regenwassermassen verhindern kann, wonach die Flüsse ansteigen und über die Ufer treten, wir aber zugleich wissen, dass es Schutzsysteme und Kontrollsysteme für die Fließkräfte der Flüsse gibt, die Opfer wiederum arme Bauern in heiklen gefährdeten Gebieten sind, weil sie aus gesicherteren Orten von den großen Landhaien und Immobilienspekulanten vertrieben worden sind, - warum kann die Regierung von Pakistan nicht Dämme und Kontrollsysteme errichten?

Weil Pakistan von der US-amerikanischen Regierung geführt wird. Weil all seine Mittel an die Militärs geleitet werden, die wiederum dafür verantwortlich sind, dass Menschen aus den Konfliktgebieten vertrieben werden und ihnen nur die heikelsten und gefährlichsten Lebensräume verbleiben. Wenn Pakistan all dieses Geld, all diese Millionen von Dollars nicht in den Krieg im Dienste der USA stecken würde, sondern diese großen Geldmittel und seine Truppen für den Schutz der Bevölkerung einsetzen würde, dann könnten solche menschlichen Katastrophen nicht geschehen oder würden sich zumindest viel weniger folgenschwer auswirken.

Dasselbe in China. China hatte ein System zur Kontrolle der Flüsse in seiner kommunistischen Zeit. China hatte Millionen von Bauern in den Dörfern und in den genossenschaftlichen Landgütern, die stets das Bewässerungssystem pflegten und auf die Bauten zum Schutz vor den Gewalten der Flüsse achteten.

Jetzt arbeitet dort jedermann nur noch für sich selbst. Es gibt keine kollektive Arbeit mehr, die Schutzeinrichtungen für alle bauen könnte. Jeder Ort, jedes Dorf, hängt von einer zentralistischen Staatsmacht ab. Und diese Staatsmacht interessiert nur noch das Profitscheffeln, die Steigerung der Produktion. Aber was ist das für eine Steigerung der Produktion, wenn es jedes Jahr zu Überschwemmungen kommt und hunderte Bauernfamilien vertrieben werden, Millionen Menschen ihre Ernten einbüßen?

Dasselbe in Indien. Seit 20 Jahren richtet sich die gesamte Politik auf das Wohl des Privatkapitals. Die Politik zieht sich völlig zurück aus den Bereichen, in denen die große Mehrheit immer noch in sehr prekären Lebenslagen lebt.

Obwohl Indien und China hohe Wachstumsraten haben, ist die Rate des Schutzes der Bevölkerung vor den Naturgewalten immer geringer geworden. Aus diesem Grunde sehen wir diese Erscheinungen, welche Naturkatastrophen genannt werden, die wir jedoch in ein Verhältnis zur Wirtschaftspolitik setzen müssen.

Wenn es schon so starke Regenfälle gibt, warum haben sie dann diese Folgen?

Das liegt an der Politik, am Neoliberalismus, am Kapitalismus in diesen Ländern. Der Kapitalismus misst der Infrastruktur zum Schutz der Völker vor Überschwemmungen und Regenwassermassen zuwenig Bedeutung bei. Und konkret dies müssen wir im politischen Zusammenhang sehen.

Es gibt keine große Mobilmachung für die Zivilverteidigung. Es gibt nur noch Soldaten und Polizeikräfte, um die Bevölkerungen zu unterdrücken. Sie haben dort keine Schutzsysteme mehr wie einst in der kommunistischen Zeit, als es eine funktionierende Zivilverteidigung gab.

In Russland haben sie die Ausgaben für den Schutz der Wälder gekürzt. Darum gibt es derartig riesige Flächenbrände.

Das ist eine völlige Inkompetenz dort. Das Problem liegt doch darin, wie die großen Holzverarbeitungskonzerne dazu stimuliert werden können, nicht nur die Bäume zu fällen und das Holz für sich zu verarbeiten. Das Problem kann doch nicht sein, wie wir Arbeitskräfte und Fachleute zur Kontrolle von Waldbränden mobilisieren. Jetzt brennen dort die Wälder und gerät der Flächenbrand vielerorts völlig außer Kontrolle. Sogar ein Militärstützpunkt brannte dort ab. 300 Flugzeuge und Hubschrauber brannten ab, weil die Militärs nicht wissen, wie sie gegen den Flächenbrand angehen sollen. Sie wissen nur noch, wie sich Geld ausgeben lässt.

Dies ist mir wichtig zu sagen. Und die Massenmedien reden nicht von der Politik, weil sie die Günstlinge des Liberalismus sind, weil sie in Pakistan und Russland und Indien und China die Günstlinge der Kriegspolitik sind.

Chury: Wir bleiben einfach mal beim Thema. Ich weiß nicht, ob wir gleich mal zu den Dokumenten kommen, wenn Du magst...

Petras: Bei den Dokumenten von Wikileaks beschuldigen die USA Wikileaks der Offenlegungen. Die USA beschuldigen die Offenleger, sie würden Probleme für die nationale Sicherheit schaffen.

Aber wie kann es sein, dass die Enthüllungen, welche die Morde durch US-Militärangehörige zeigen, ein Problem für die nationale Sicherheit sein können? Beweisdokumente, die klar zeigen, wie viele Zivilpersonen die USA durch ihre befohlenen militärischen Einsätze dort vor Ort töten, sollen ein Problem für die nationale Sicherheit sein? Belegdokumente, die klar aufzeigen, wie die Massenmedien von CNN bis zu all den anderen US-amerikanischen Sendern herum lügen, sollen ein Problem für die nationale Sicherheit sein?

Sie haben doch gelogen, von wegen die USA kämen dort voran im Krieg, wenn in den internen Mitteilungen auf Kommando-Ebene von Niederlagen und gescheiterten Einsätzen sowie Verlust an Einfluss in den Kriegsgebieten die Rede ist.

Und ich glaube, dass da jetzt eine Strafkampagne gegen einen der patriotischen Militärangehörigen losgetreten worden ist. Gegen einen von denen, die für die Übermittlung der Dokumente verantwortlich sind. In einem Interview sagte jener Sergeant aus, dass er es als Schande empfand, was da in Afghanistan vor sich geht, wo sie Zivilpersonen umbringen und dann sagen, dies seien Talibankämpfer oder Al-Kaidas oder sonstige Banditen gewesen.

Ich glaube, dass Wikileaks sehr wichtig ist. Alle Welt soll da mitlesen. Alle Welt soll den Kontrast zwischen dem sehen, was die Presse- und Fernsehreportagen uns vorsetzen und was wirklich vor Ort dort geschieht.

Und die Anstrengungen, um die Veröffentlichung unter Strafe zu stellen, sind einfach nur das Bestreben zu vermeiden, dass sich die Weltöffentlichkeit mit dem auseinandersetzt, was diese Kriege dort wirklich sind. Es sind nämlich keine Kriege gegen den Terrorismus. Es sind Kriege gegen ganze Völker, ganze Länder.

Und ich denke, dass im Internet alle Hörer mitlesen sollten. Die von Wikileaks veröffentlichen Dokumente sind auf Englisch geschrieben. Aber es ist wichtig, dass jemand sie ins Spanische übersetzt, zumindest die wichtigsten dieser Dokumente.

Wir beenden unser Gespräch mal mit der Diskussion zwischen Kolumbien und Venezuela. Zuerst müssen wir wissen, dass die USA Kolumbien als Trampolin benutzen, um Druck und Spannungen und psychologischen Krieg gegen Venezuela loszutreten. Denn die USA sind verzweifelt an den gescheiterten Versuchen zur Zerschlagung der Regierung von Präsident Chávez. Ihre bisherigen Maßnahmen scheiterten.

Und Kolumbien hat dafür einen gewaltigen wirtschaftlichen Preis gezahlt, denn Chávez schloss die Grenze und Kolumbien verlor dadurch ca. 4 Milliarden Dollar an Handelseinnahmen. Dies schadete vielen Herstellern in der Industrie, den Handelsfirmen und Transportunternehmen in Kolumbien.

Und jetzt kommt der neue Präsident Santos in Kolumbien daher und bietet an, die bisherige Politik zu korrigieren. Er berichtigt sie aber nur im Zusammenhang damit, dass Venezuelas Präsident Chávez die Guerrillakämpfer angreift. Und dies scheint für mich erst mal Teil der Politik Kolumbiens zu sein.

Erst beklagte Uribe Lager der FARC in Venezuela und lieferte Venezuela dafür weder Beweise noch seriöse Anhaltspunkte, was wir vorige Woche noch als üblen Scherz hier miteinander abgetan hatten. Aber jetzt benutzen sie genau dies und wissen dabei schon im Voraus, dass sie damit Chávez unter Druck gesetzt bekommen, damit er seine Kritiken an der FARC steigert. Dabei wussten sie längst, dass Venezuela kein Zufluchtsort für die FARC und die ELN ist. Sie benutzen es ganz einfach, damit du da mal eben sagst, dass du sie nicht unterstützt. Du sollst sagen, dass du sie anklagst und sie mit dem bewaffneten Kampf endlich aufhören sollen. Und sie sollen friedliche Formen suchen, um Politik zu machen.

Aber warum gibt es soviel Besorgnis wegen der FARC?

Vor zwei Wochen veröffentlichte ein sehr seriöser kolumbianischer Wissenschaftler ein Buch mit dem Titel „Der Krieg gegen die FARC und der Krieg der FARC“. Er weist darin nach, dass die FARC-Guerillakämpfer ihren Einfluss in einem Drittel der Gesamtfläche Kolumbiens gefestigt haben. Das Regime von Uribe und Santos kontrolliert demzufolge lediglich noch das halbe Territorium Kolumbiens...

Bei all dem ist völlig richtig, dass die FARC-Guerrilla 2008 ein paar herbe Rückschläge erlitten hat. Richtig ist jedoch auch, dass ab 2009 bis August 2010 mehr als 3.000 kolumbianische Militärangehörige bei Gefechten mit der FARC getötet worden sind. Die FARC ist in letzter Zeit weiter gewachsen.

Und genau aus diesem Grund ist derzeit Santos geschwächt und kann nicht mal eben einen Krieg gegen Venezuela lostreten, denn die FARC hat sich ganz enorm erholt, ebenso wie die ELN. Und diese Guerilla-Organisationen werden immer stärker derzeit.

Das macht es für Santos unmöglich, an eine Aggression gegen Venezuela jetzt zu denken, denn dafür müsste er die Truppen verlegen und würde verhindern, das Vorankommen der Guerrillakämpfer unter Kontrolle zu halten. Sie würden noch mehr Niederlagen einstecken, als sie derzeit in großem Maßstab schon seitens der Regierungstruppen erleiden.

Und das scheint mir ganz wichtig zu sein: Die Tatsache, dass die FARC existiert, ist ein Faktor, weshalb Kolumbien derzeit Venezuela nicht angreift.

Und es ist absurd, dass Präsident Chávez sagt, die Guerrillakämpfer müssten mit dem bewaffneten Kampf aufhören. Wenn jemand mal untersucht, was mit der FARC geschehen ist, als sie mal den bewaffneten Kampf ruhen ließ und sich ihre Kämpfer rein friedfertig politisch zu engagieren bemühten, - sie sollten dadurch so viele Tote zu beklagen haben, so viele Guerrillakämpfer wurden eingekerkert, so viele Menschen wurden bedroht und belästigt und eingeschüchtert.

Bevor er von Kolumbien und Außenpolitik spricht, muss Chávez mal die Internationale Arbeitsorganisation (IAO) konsultieren, wo gesagt wird, dass Kolumbien der gefährlichste Platz auf diesem Planeten für öffentlich aktive Gewerkschafter ist. Wo diskutiert wird, dass die Menschenrechtsgruppen Kolumbien als weltweit gefährlichsten Platz zum Leben erklärt haben.

Wenn insofern die Bedingungen für die von Chávez da geforderte friedliche politische Integration nicht gegeben sind, warum fordert er dann von den Guerrillakämpfer, dass sie Harakiri begehen sollen, dass sie sich selbst morden sollen?

Chávez müsste erst einmal fordern, dass der Herr Santos Verhandlungen mit der FARC aufnehmen soll. Herr Santos soll Bedingungen gewährleisten, die der FARC ermöglichen, in der Politik ihren Platz zu finden.

Herr Santos soll mal von den 4,5 Millionen Bauern und Arbeitern Kolumbiens sprechen, die in den 8 Jahren des Uribe-Regimes vertrieben worden sind, um Bedingungen für deren Eingliederung in die Produktionssysteme zu schaffen.

Anstatt sich selbst in das Gesicht zu schießen und bei Santos Punkte zu sammeln, indem er, Chávez, die FARC dermaßen angreift. In dieser Form, was mir Chávez sehr verleidet.

Das ist konkret ein Ausdruck des Schwankens von Chávez. An einem Tage bricht er die Beziehungen mit Kolumbien ab. Am nächsten Tag nach zwei Wochen mal eben auf Besuch bei Santos kritisiert er die FARC.

Das ist einfach nur Instabilität der Außenpolitik von Chávez, wo wir Unabhängigen uns unsere Unabhängigkeit erhalten müssen gegenüber den großen Führungspersonen, die ihren eigenen diplomatischen Interessen dienen und dies sogar auf Kosten von Volksbewegungen in anderen Ländern in diesem konkreten Fall tun.

Chury: Verschleißen sich nicht auch Haltungen dieser Art mit der Zeit massiv? (...)

Petras: Okay, da kann der Eine sagen, dass es so ist. Jawohl, da kann jemand etwas an Misstrauen erzeugen. Aber es gibt auch eine Lehre hier, an die sich jemand aus den früheren Jahren erinnern muss.

Wir erinnern uns, dass die UdSSR und China und sogar Kuba manchmal den Internationalismus aufrecht hielten. Aber es geschah andersrum auch, dass sie ihren Einfluss auf Bewegungen im Ausland und insbesondere in Ländern mit viel Kampf der Volksbewegungen dazu nutzten, um Vorteile für ihre Staatspolitik herauszuholen.

Und dazu gibt es keinen großen Unterschied, wenn es richtig sein soll, dass Chávez das Recht hat, die Beziehungen mit Kolumbien zu verbessern, die Benutzung Kolumbiens durch die USA abzuschwächen. Aber andererseits muss er sich nicht in das einmischen, was die Volksaufstandsbewegungen in Kolumbien gegenwärtig machen, oder was Bewegungen in Ekuador tun, oder in jedem anderen Land, um so seine politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen zu verbessern.

Aber das ist beinahe unvermeidlich. Die Regierungskanzleien der Staaten sind nicht konkret Zentrum der internationalen Solidarität. Viele Funktionsträger dort sind aus dem alten Staatswesen. Sie denken weiterhin an das, was sie Realismus nennen. Was einfach die Suche nach kurzfristig mehr Vorteil anstelle von langfristigem Herangehen an die internationalen Belange darstellt.

Chury: Sehr schön, Petras. Wie immer danke ich Dir für diese Einschätzung. Ich schicke Dir eine Umarmung aus Montevideo, Uruguay.

Petras: Vielen Dank. Eine Umarmung an Dich und alle Hörer.

www.radio36.com.uy

Quelle: http://anncol.eu/noticias-del-

Sonntag, 15. August 2010

SOLIDARISCH MIT DER FARC

von Miguel Urbano Rodrigues, FARC (Kolumbien)

übersetzt von Jens-Torsten Bohlke, Brüssel

Caracas, 13. August 2010, Tribuna Popular TP. - Auf ein Mal ergoss sich ein Regen voller Lobhudeleien aus Washington, London und Paris über Kolumbien. In den Schlagzeilen der bürgerlich-westlichen Einheitspresse und aus dem Munde imperialistischer Politiker der USA und Europas wurde dieser nur dürftigst bürgerlich-demokratisch verbrämte faschistische Terror- und Polizeistaat namens Kolumbien zum Modell für ganz Lateinamerika verklärt.

Kolumbiens politischer Interessenvertreter der dortigen Drogenmafiabosse Alvaro Uribe beendete seine zweite Amtszeit als Präsident und wurde zum Co-Präsidenten der von der UNO geschaffenen Internationalen Kommission ernannt, welche die Untersuchung über den verbrecherischen israelischen Überfall auf die Flottille der Freiheit durchführen soll. Zur gleichen Zeit lud die renommierte Georgetown University in Washington den getreuen US-Gefolgsmann Uribe dazu ein, dort einen Lehrgang für die Ausbildung von politischen Führungsleuten als Lehrkraft zu leiten.

Bei der Amtseinführung von Uribes Nachfolger Juan Manuel Santos als neuem Präsident Kolumbiens waren 16 Staatschefs zugegen. Sie kamen mehrheitlich aus Lateinamerika. Aber auch der spanische Kronprinz fehlte nicht. Tagelang wurde der neue Präsident Kolumbiens von der bürgerlichen Einheitspresse der westlichen Welt als talentierter demokratischer Politiker mit einem angeblichen Erneuerungsprojekt angepriesen. Er sei dazu entschlossen, Kolumbien anders als unter Uribe durch tiefgreifende Reformen eine Umorientierung zu geben. Angeblich. Denn sie alle wussten genau, dass sie da logen.

Die Tonart von Santos ist anders als jene von Uribe. Aber die Politik des Staatsterrorismus wird unter dem Beifall der reaktionärsten Kreise der Oligarchien Lateinamerikas, der USA und Europas weitergehen. Das Weiße Haus gibt sich geradezu euphorisch und sieht im derzeitigen Kolumbien eine beinahe schon beispielgebende Demokratie. Mit ganz besonderer Begeisterung feierte auch der enge Verbündete Israel den neuen Präsidenten von Kolumbien. Unverhüllt beklatschen die Kapitalmagnaten den Erben von Uribe. Und mal eben ganz plötzlich tun sie so, als sei der Lebenslauf von Juan Manuel Santos längst vergessen.

Der Nachfolger von Uribe ist ein politischer Abenteurer und Schwerverbrecher, dessen wohl tönende Worte eine finstere Vergangenheit bemänteln.

Juan Manuel Santos war als Verteidigungsminister der politische Hauptverantwortliche für den Piratenüberfall der Luft- und Landstreitkräfte Kolumbiens auf das Lager bei Sucumbios in Ekuador. Komplizen dieses Verbrechens vom 1. März 2008 waren der US-Imperialismus in Gestalt von CIA und Pentagon sowie Israel in Gestalt des Mossad. Bei jenem Bombardement kamen der Comandante Raúl Reyes, verantwortlich für die Außenbeziehungen der FARC, sowie Dutzende Kämpfer dieser revolutionären Guerilla-Organisation und vier vor Ort gewesene jungen Mexikaner ums Leben. Der Präsident von Ekuador Rafael Correa brach als Antwort auf dieses barbarische Kriegsverbrechen die Beziehungen zur Regierung in Bogotá ab. Die ekuadorianische Justiz forderte die Auslieferung von Juan Manuel Santos, damit er als Hauptverantwortlicher für dieses Verbrechen vor Gericht gestellt wird. Dazu kam es dann jedoch nicht, denn Uribe erklärte das ekuadorianische Gericht für unzuständig, um über seinen Minister zu richten.

Es verging ein Jahr. Ich hatte die Gelegenheit, in Caracas mit einem jungen Mexikaner zu sprechen, der in Ekuador bei jenem Bombardement und der anschließenden Landung von Fallschirmspringern und Lufttransport-Truppenangehörigen aus Kolumbien dabei gewesen war. Ich vergesse nicht die Schilderung, welche er vom Gemetzel an den schwerverletzten Guerrilleros machte, die das Bombardement überlebt hatten. Entgegen dem, was die bürgerliche Einheitspresse vorlog, starben sie im Kampf und wehrten sich bis zuletzt.

Der Ermittlungsprozess wurde jetzt zu den Akten gelegt, denn als Staatschef Kolumbiens genießt Juan Manuel Santos Immunität. Aber ich erinnere daran, dass er sich mit Stolz äußerte, geistiger Urheber des Massakers von Sucumbios gewesen zu sein. Das Ziel jenes Kriegsverbrechens war die FARC-Guerrilla.

Erwartet wurden bei der Amtseinführung von Juan Manuel Santos Lobgesänge seitens der reaktionären Präsidenten von Mexiko, Peru und Chile. Merkwürdigerweise jedoch reihten sich gemäßigte bürgerlich-demokratische Präsidenten wie Lula, Cristina Kirchner, Mauricio Funes und Fernando Lugo nicht nur in den Chor der Lobeshymnen auf Juan Manuel Santos ein. Sie äußerten auch noch ihre Unterstützung für die von Uribe einst begonnene sogenannte „Politik der demokratischen Sicherheit“, deren Fortsetzung der neue Präsident Santos verteidigte. Und darüber hinaus noch nutzten sie die Gelegenheit, um die Aufstandsorganisationen zu kritisieren. Sie ergingen sich in Vorschlägen, dass die FARC und ELN mit dem Kampf aufhören sollten, sich in das System integrieren sollten und mit Santos unter dessen Bedingungen sprechen sollten.

Besonders unerwartet fiel die von Hugo Chávez vertretende Position aus. Der Präsident Venezuelas begab sich nach Santa Marta an der Kolumbianischen Karibikküste. Und in jenem Haus, wo Bolívar starb, tauschte Hugo Chávez Umarmungen mit Santos aus. Er unterzeichnete Vereinbarungen und ging Verpflichtungen ein, die von Form und Inhalt her schockierend sind.

Begreifbar ist, dass Hugo Chávez beabsichtigt, die Beziehungen mit Kolumbien nach dem aus der letzten Provokation von Uribe herrührenden Abbruch wieder zu normalisieren. Aber Hugo Chávez benutzte eine sehr unglückliche Sprache, insbesondere als er sich auf die revolutionären Organisationen in Kolumbien bezog, die den faschistischen Terrorstaat bekämpfen. Hugo Chávez schlug faktisch vor, dass sie sich den Forderungen von Juan Manuel Santos beugen sollten. Er stellte die FARC und die ELN mit den Verbrecherbanden der Paramilitärs und den Drogenkartellen auf dieselbe Stufe.

Die FARC hat wiederholt ihre Bereitschaft bekräftigt, mit der Regierung über die Notwendigkeit von Frieden im Land zu sprechen.

Aber welches Konzept für einen Dialog mit der FARC hat Juan Manuel Santos in seinem Wahlkampf und bei seiner Antrittsrede als neuer Präsident Kolumbiens vorgestellt?

Santos nannte drei Bedingungen für den Dialog mit der FARC:

- Niederlegen der Waffen;

- sofortige Freilassung aller Gefangenen;

- „Absage an den Drogenhandel“.

Was bedeuten diese Forderungen?

Sie bedeuten, dass Santos gar nicht reden will. Ohne es ausdrücklich zu sagen, forderte er die bedingungslose Kapitulation von der FARC. Denn gäbe die Guerilla-Organisation ihre Waffen vor Aufnahme des Dialogs ab, dann stünde sie in der Gewalt des Oligarchenregimes.

Es reicht, an den politischen Völkermord aus den 80er Jahren zu erinnern.

Im März 1984 akzeptierte die FARC den Vorschlag des Präsidenten Belisario Betancourt, im Rahmen der Institutionen zu kämpfen, die sich demokratisch nennen, und zugleich auf den bewaffneten Kampf zu verzichten.

Und was geschah?

Es wurde eine fortschrittliche Partei namens Patriotische Union (UP) gegründet, die an den Wahlen teilnahm. Die UP erhielt viele Mandate für Senatoren, Abgeordnete, Bürgermeister.

Die Antwort der Machthaber in Kolumbien bestand in einer barbarischen politischen Unterdrückung. Innerhalb von nur drei Jahren wurden über 3.000 Parlamentsmitglieder, Richter, Bürgermeister, Gewerkschaftsführer ermordet. Angeblich waren sie mit der FARC verknüpft. Jener Völkermord war schlimmer als alle vorhergehenden in der Geschichte Kolumbiens.

Die FARC nahm den bewaffneten Kampf wieder auf, um lediglich zu überleben.

Bis hin zur Frage der politischen Gefangenen ist alles seitens Santos mit Fallstricken ausgestattet. Er fordert alles und bietet gar nichts.

Ich persönlich lehne Entführungen ab. Aber ich kann nicht die Augen davor verschließen, dass das faschistische Staatsterror-Regime von Kolumbien in seinen üblen Haftanstalten unter menschenunwürdigsten Bedingungen etliche tausende Guerrillakämpfer eingekerkert hat. Und jeder humanitäre Gefangenenaustausch seitens des Regimes wird abgelehnt. Dadurch kommt es nicht einmal zur Freilassung eines Teils jener politischen Gefangenen gegen sogenannte „Geiseln“, die in ihrer Mehrzahl im Feuergefecht von der FARC gefangengenommene Militärangehörige sind.

Erst vor sehr kurzer Zeit wurden die Massengräber von La Macarena im Amazonasgebiet entdeckt. Dort haben internationale Ermittler die Überreste von über tausend Leichen gefunden. Sie stammen aus der Zeit, als die Armee der Oligarchie Kolumbiens gegen alle der Verbindung mit der UP verdächtigten Menschen vorging.

Wie soll dem Wort eines Juan Manuel Santos Vertrauen geschenkt werden? Des Verantwortlichen für das Massaker von Sucumbios.

Ich bin mir sicher, dass Hugo Chávez sehr bald bereuen wird, an das Versprechen einer „transparenten, demokratischen und respektvollen“ Beziehung geglaubt zu haben, welches von einem korrupten und verbrecherischen Politiker gegeben worden ist. Dieser Schwerverbrecher und jetzige Präsident Kolumbiens wird unvermeidlich die aggressive und ultrareaktionäre Strategie fortsetzen, die von einer Oligarchie vorgegeben ist, deren Interessen er stets vertreten hat.

Es überrascht auch, dass Hugo Chávez als Pionier und in seiner Person fast schon Motor des Widerstandes gegen den Imperialismus (wofür er die Unterstützung und Bewunderung der fortschrittlichen Kräfte Lateinamerikas verdient,) in Santa Marta nicht das Thema der Einrichtung der 7 neuen US-Militärstützpunkte in Kolumbien angesprochen hat. Er hat vergessen, dass er in der UNASUR erklärte, dass jene US-Militärstützpunkte eine unzulässige Bedrohung für die Unabhängigkeit der Völker Lateinamerikas darstellen. Er erklärte in Santa Marta, dass jedes Land das souveräne Recht hat, über Probleme wie dieses selbst zu entscheiden.

Die Helden Lateinamerikas

Ich lehne ganz entschieden und grundsätzlich die von Regierung und Militärs in Kolumbien für die FARC verwendeten Begriffe ab, welche darüber hinaus von der UNO, der EU und den bürgerlichen Einheitsmedien in den USA und in Europa übernommen worden sind.

Nicht nur als Terroristen, auch als Drogenhändler wird die FARC abgestempelt.

Das Etikett von der „Guerilla des Drogenhandels“ ist ein vom ehemaligen US-Botschafter in Kolumbien Louis Stamb forcierter Totschlagsbegriff. Stamb ist eng verknüpft mit dem Pentagon und der CIA. Derartige Verleumdungen sollen die FARC diskreditieren.

Jetzt gehen die Folgen dieser massiven Verteufelungskampagne gegen die FARC schon so weit, dass sogar einige kommunistische Intellektuelle darauf reinfallen. Routinemäßig käuen die bürgerlichen Einheitsmedien dieser Welt das Konstrukt von „Kokainfabriken“ wieder, welche ausgerechnet die FARC im amazonischen Urwald eingerichtet haben soll.

Hätte die FARC Millionen Dollars mit Drogengeschäften angehäuft, dann würde die FARC über Raketenwerfer verfügen, wie die Widerstandsorganisationen in Afghanistan und Irak sie haben. Aber selbst das scheinheilige und verlogene Regime in Bogotá muss anerkennen, dass die FARC-Einheiten nicht über Waffen jener Art verfügen.

Nicht nur jene wie ich, die die ärmlichen Lebensbedingungen der im Untergrund agierenden FARC-Angehörigen einschließlich ihrer Vertreter im Ausland kennen, wissen, dass die Schauermärchen von der „Guerilla des Drogenhandels“ eine perverse Erfindung des Imperialismus ist.

Das Leben gab mir die Gelegenheit, viele Wochen in einem Lager der FARC zu verbringen. Das war im Amazonasgebiet von Meta. In jenen Tagen lernte ich großartige kommunistische Kämpfer kennen. Darunter auch Simón Trinidad. Er wurde von Uribe an die USA ausgeliefert. Er ist derzeit dort eingekerkert. Zwei Gerichtsverfahren in den USA gegen ihn erwiesen sich als Farce und scheiterten kläglich. Dann verurteilten sie ihn wegen Anschuldigungen des Drogenschmuggels. Ihn, einen einstigen Bankier, Mitglied einer reichen aristokratischen Familie in Kolumbien.

Damals entwickelte ich auch eine von Hochachtung und Bewunderung gekennzeichnete sehr freundschaftliche Beziehung mit dem FARC-Comandante Raúl Reyes. Wir hielten unseren Kontakt stets aufrecht, bis sie ihn in Sucumbios ermordeten, südlich des Putumayo, beim verbrecherischen Bombenangriff nach dem Konzept von Juan Manuel Santos.

Mit Manuel Marulanda, dem Gründer der FARC, sprach ich einige Male und jeweils nur wenige Minuten. Aber ich bewahre eine unvergessliche Erinnerung an diesen Revolutionär, diesen beispielhaften Kommunisten und militärischen Strategen, welchen es möglicherweise nur ein einziges Mal in der Geschichte Lateinamerikas gibt.

Angesichts der üblen Verleumdungen gegen die Kämpfer der FARC erinnere ich besonders an Rodrigo Granda alias Ricardo González, meinen brüderlichen Freund und einen der wahrhaftigsten und reinsten Revolutionäre, die mein Leben mir gestattete kennenzulernen.

Wenn ich mich an die Kämpfer der FARC erinnere, an ihre Märtyrer, an die eingekerkerten FARC-Guerrrilleros, an die in den Bergen und Urwäldern ihres Landes aktiv kämpfenden FARC-Angehörigen, dann überkommt mich ganz natürlich ein Abscheu ohnegleichen angesichts der falschen Lobgesänge auf den Schwerverbrecher Juan Manuel Santos.

Trotz dieses niederträchtigen Wesens von Juan Manuel Santos konzentriert die internationale Bourgeoisie ihre Anstrengungen derzeit darauf, Verleumdungen gegen die Comandantes der FARC zu verbreiten, die lediglich für ein freies und demokratisches Kolumbien kämpfen.

Ganz sicher gehören die Namen von Uribe und Santos und deren Anhängern zu jenen, die von künftigen Generationen vergessen sein werden.

Unvergesslich aber bleiben die Namen von Manuel Marulanda, Jacobo Arenas, Raúl Reyes.

Mit der Zeit werden die Verleumdungen niemanden mehr überzeugen können. Unsere Helden und Märtyrer trugen zur tief verwurzelten Geschichte bei. Sie standen in Treue zu den ewigen Werten der Menschlichkeit. Sie vertraten die Ideale, für die sie lebten. Sie kämpften heldenhaft für Lateinamerika wie Bolívar, Artigas, Martí.

Quelle: http://www.tribuna-popular.org/