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Mittwoch, 9. September 2009

CDU Sachsen: 2nd Briefkastentomate...

So treibt es einen auch bei merkwürdigsten Wetterbedingungen wenigstens einmal am Tage die Treppe rauf und runter. Denn unten, vor der Eingangstür, ist diese Sammlung von Klappen mit dem Schildchen mit dem Nachnamen drauf. Und hinter den Klappen finden sich immer neue Tote Bäume, in verschiedensten Darreichungsformen: LIDL preist sein Schmorbraten-Sonderangebot an, unseriöse Vermittler suchen Putzfrauen und "-boys", Handynummer verspricht sofort Bargeld für meinen Gebrauchtwagen. Nun ist es aber angeblich Super-Wahljahr geworden, und eine Partei ist besonders rührig. So fand sich denn schon die zweite Ausgabe des "Sachsen: Brief" der CDU-Landtagsfraktion Sachsen vor, und mal im Ernst: die wollen gewählt werden. Sogar von mir. Ein Umstand, der seine einzige Erklärung darin findet, das die nicht vermuten, welch guten Freund sie bei dieser Briefkastenklappe vorfinden...

Eine kleine Welt findet sich in diesen Seiten im hässlichen Oberförster-Grünton, die Welt der CDU Sachsen: eine Welt voll von Polizei, Feuerwehr, Sportvereinen und ausgeglichenen Haushalten ("Mit diesem Haushalt können wir auch noch unseren Kindeskindern in die Augen schauen, ohne rot zu werden." Steffen Flath. Nee, (pseudo-)rot ist nur der Koalitionspartner.) "Nadine will zur Polizei" heißt es da - "zur Stärkung der inneren Sicherheit bildet Sachsen künftig deutlich mehr Polizisten aus: Seite 4". Und der Wirtschaftsminister Jurg freut sich schon so sehr drauf, zum Steigbügelhalter der nächsten CDU-Alleinregierung zu werden, dass er dann endlich seiner eigentlichen Bestimmung nachkommen kann: endlich immer eine "Polizei-Stopp"-Kelle dabei haben zu können und vorwitzige Motorradfahrer verwarnen zu können.

Weitere Großzügigkeiten des auch zukünftig wundervoll ausgeglichenen Haushalts finden sich unter "Aktuelle Meldungen": "Sportverein für Grundschüler im ersten Jahr kostenlos"... eine herrliche Idee, die staatliche Sportförderung in ein solches Bonbon verpackt zu präsentieren. Nix mit kostenloser Schulspeisung für Hartz4-Kinder, den Begriff "Hartz4" streichen wir für 2009 mal, 2010 heißts dann "ZAK"... Und die Sportvereine mit ihrem wundervollen Erziehungscharakter im Sinne der CDU-Moral: arme Kinder. Man will Euch zu Vereinsmeiern und CDU-Wählern erziehen...

Über diese Partei und ihre anlassbezogene Briefkastenfüllung den Kopf schütteln ist das eine; tragisch aber, von dort aus regiert und manipuliert zu werden - letzteres über die CDU-Mehrheit im Rundfunkrat, beispielsweise. Und die Realsatiren finden kein Ende. Wie peinlich war in NRW der Herr Rüttgers mit seiner Parole "Kinder statt Inder"? Gewählt wurde er trotzdem. Oder ein Vorsitzender der CDU Brandenburg, der ausgerechnet der neorechten "Jungen Freiheit" ein Interview gab, um hinterher zu behaupten, er hätte nicht gewußt, um was für eine Zeitung es sich da gehandelt habe? Für einen Innenminister ein Gipfelpunkt intellektueller Glaubwürdigkeit. Oder ein Landrat der Sächsischen Schweiz, der im Landratblättle einen Nachruf auf den tödlich verunglückten Uwe Leichsenring veröffentlichen ließ... immerhin nicht nur Fahrlehrer, sondern hochkarätiger NPD-Funktionär... Fritz Schramma, CDU-Oberbürgermeister von Köln, gelingt der merkwürdige Spagat, sich sowohl gegen den Bau einer Moschee in Köln-Ehrenfeld, als auch gegen die Gegner des Moscheebaus von "Pro Köln" auszusprechen - sich gegen die Kundgebung gegen die Moschee auszusprechen und platziert in Szene zu setzen, aber auch die Teilnehmer von Protestkundgebungen verhaften zu lassen...

Nun, auch der neue "Sachsen: Brief" der CDU-Landtagsfraktion Sachsen hält staunenswertes parat: "Der Mann fürs Geld - Wir haben dem CDU-Finanzexperten Matthias Rößler in den Einkaufswagen geschaut: Seite 2"... ja, man ahnt schon übles...

"In diesem Einkaufswagen regiert ganz klar Qualität: Beim Einkauf zum Wochenende mit dem finanzpolitischen Sprecher treffen Sachsen-Milch, Honig der Imkerei Meissen und Wein von Schloss Wackerbarth aufeinander - die Auswahl ist erlesen, aber durchaus sparsam." "Sachsen: Brief" Nr. 2, Seite 2, CDU Sachsen

Man ist versucht, einen gemeinsamen Besuch von Merkel und Merz in einer sächsischen Sauna einzufordern...

"Wenn der Haushaltsexperte Dr.-Ing. Matthias Rößler seinen Einkaufswagen fürs Wochenende füllt, hat das mehr mit Politik zu tun, als man im ersten Moment denkt. "Ich kann nur so viel Geld ausgeben, wie ich einnehme. So verhält sich jede normale Familie. Bei der Haushalts- und Finanzpolitik des Freistaates Sachsen ist das nicht anders, nur dass die Zahlen deutlich größer sind", sagt er, legt ein paar Äpfel in den Wagen und schiebt los Richtung Kühltheke." "Sachsen: Brief" Nr.2, Seite 2, Landtagsfraktion CDU Sachsen

Wenn man sich also an jedem nur denkbaren militärischen Abenteuer beteiligt, von der Küste Somalias bis zur Unterstützung der sogenannten "gemäßigten Taliban", ist klar, das für die "normale Familie" (?!) nur noch ein paar Äpfel bleiben. Dank sogenannter mutiger Sozialreformen...

"Rößler bahnt sich seinen Weg durch den Supermarkt, schiebt den Einkaufswagen vorbei an den ganzen Verlockungen in den Regalen." (...) Die nächsten Jahre in Deutschland werden sicherlich nicht leichter. Aber was nützt einem die panische Angst vor der Finanzkrise. Ich kann nur einen Tipp geben: Man sollte das Geld zwar zusammenhalten, aber auch ganz normal weiterleben", sagt Rößler. (...) "Wir sind bei den Investitionen Nummer eins in Deutschland. Nach Bayern haben wir die wenigsten Schulden." Die Wackerbarth-Flasche Grauburgunder, die ihren Weg in den Einkaufswagen findet, scheint redlich verdient. "Sachsen: Brief" Nr.2, Seite 2, Landtagsfraktion CDU Sachsen

"Der Hauptstock deutscher Moral und Ehrlichkeit, nicht nur der Individuen, sondern auch der Klassen, bildet vielmehr jener bescheidene Egoismus, welcher seine Beschränktheit geltend macht und gegen sich geltend machen läßt." (...) Sogar das moralische Selbstgefühl der deutschen Mittelklasse beruht nur auf dem Bewußtsein, die allgemeine Repräsentantin von der philisterhaften Mittelmäßigkeit aller übrigen Klassen zu sein." (...) " In Deutschland darf einer nichts sein, wenn er nicht auf alles verzichten soll." (...) Karl Marx: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie

"Privat will Rößler in diesem Jahr weiter an seinem Haus in Cossebaude werkeln, das Dach neu decken und dämmen lassen. Für die Arbeit muss es ein sächsischer Handwerksmeister sein - darauf legt der waschechte Sachse viel wert. "Wenn man Arbeitsplätze in Sachsen erhalten will, sollte man als Verbraucher darauf achten, dass man sächsische Produkte kauft." Zielstrebig greift er nach dem Honig der Imkerei Meissen. "Der ist nicht nur von hier, sondern schmeckt auch am besten!" "Sachsen: Brief" Nr.2, Seite 2, Wahlwerbung der Landtagsfraktion der CDU Sachsen

Sieht man also den "original sächsischen Kartoffelsalat" für 1 € 80 und den "Otto Normalverbraucher- Kartoffelsalat" für 1 € 20, welchen hat man dann also als sächsischer CDU-Wähler zu kaufen?

Wenn's denn mal so einfach und harmlos wäre. Wenn man nicht die aggressiveren Varianten dieser Form (Lokal-)Patriotismus nicht übersehen könnte, deren Parole "Deutsche, kauft deutsche Bananen" dann zum Abbrennen vietnamesischer Läden geführt hat... Aber selbst wenn's so einfach und harmlos wäre ("Was macht Milbradts Leber hart? Weinprobe auf Schloss Wackerbarth" - Demoparole auf einer Dresdner Montagsdemo, damals noch vor sächsischem Landesbankskandal und schnellem Abtauchen Milbraths...), ist's denn tatsächlich so, in einer globalisierten Welt, mal eben zärtlich die heimische Scholle streicheln? Und: handelt die CDU dann auch praktisch so, wie das, was sie hier ihren Wählern verkaufen möchte? Nee... nicht unbedingt. Kapitalinteressen haben in der freiheitlich-demokratischen Grundordnung Vorrang vor Heimatgefühlen. Aber: wäre das auch wirklich anders besser? Also etwa: in den USA könnte BMW keine Autos mehr verkaufen... Das liegt nun nicht an heimatseligen Stammtischparolen der US-Republikaner, dass das nun schon teilweise Wirklichkeit wurde, sondern an faulen Krediten der Immobilienbranche. Aber: die Mentalität des sächsischen Gartenzwergs ist sehr identitätsstiftend in einer globalisierten Welt - voller Gefahren, vor der uns dann auch die auf Seite 4 erwähnte Nadine schützen will. (Angst und Isolation/Vereinzelung/Atomisierung sind wohl die wichtigsten psychologischen Herrschaftsmechanismen des Imperialismus) Wenn sie dann denn zur Polizei gefunden hat, die Nadine aus dem Werbeblättchen der CDU-Landtagsfraktion Sachsen. Was sächsische CDU und ihre Wahlergebnisse geben mögen... Tatsächlich findet es der MDR-Sachsenspiegel durchaus negativ erwähnenswert, wenn die Stadtverwaltung Leipzig japanische Kraftfahrzeuge anschafft. Und das in Zeiten der Krise!

"Wenn sie mit Fleischermessern durch Eure Schlafzimmer gehn, werdet Ihr die Wahrheit wissen..." Heiner Müller: Die Hamletmaschine

Keine Experimente!

Hat man keinen Aufkleber "Werbung unerwünscht!" an seinem Briefkasten, sammelt sich schnell allerhand Schund an. Etwa "rechte Parteien". Wie die Hochglanzwerbung "Die Wahrheit über Mügeln" von der NPD... Und das neueste nun: "Sachsen: Brief Ausgabe 1 - Die politische Zeitung für Sachsen". Von der CDU- Landtagsfraktion Sachsen... Holladrio, der Wahlkampf hat begonnen! Was genau soll mich da denn nun veranlassen, mein Kreuzchen ganz oben zu machen? Soweit oben, dass Oma keine Brille mehr braucht, um ihr geliebtes Christenkreuz auf den Stimmzettel zu drücken?

Nun, da begeistert zunächst mal der Artikel " Flath: Kinder brauchen Werte / Wo Eltern als Erzieher ausfallen, müssen Lehrer einspringen". Nun waren Sachsens Schulen zu Ferienende im allgemeinen beidseitig eingerahmt von aussagelosen, aber hübsch bunten CDU-Plakaten. Und da das ja sicher was gekostet hat, soll es dann auch Stimmen regnen lassen, im demnächst bevorstehenden Wahljahr... Und was hat Flath (ein Schelm, wem nun der Begriff "Unflath" einfällt...) den Eltern wichtiges zu verkünden? "Wo früher die dörfliche Gemeinschaft und Großfamilie war, herrscht heute der Individualismus. Unsere Gesellschaft zerfällt. Es fehlt an einem Werte-Kitt, der unsere Gemeinschaft zusammenhält." Pfui Teifi, böser Individualismus! Das ist ein Luxus, den sich der deutsche Arbeitsmarkt nun aber wirklich nicht mehr leisten kann! Es wird Zeit für Kinder mit viereckigen Köpfen, denn die kann man besser stapeln.

"Schule muss ein Ort sein, an dem Werte wie Disziplin, Fleiß, Ordnung und Respekt vor Mitmenschen gelehrt und gelobt werden." Kennt jemand die Band "Erste Allgemeine Verunsicherung"? Spontan fällt mir die Textpassage ein: "Wir marschiern, wir marschiern, es vertrocknet unser Hirn. Vorwärts Marsch Delirium, um den Kaiser rum!" Aber die Band stammt ja aus Österreich, und da gibt's keine CDU... Wenn man sich Sachsens Schulen genauer anschaut, sieht man den "Werte-Kitt" nur allzu deutlich, die Durchschnittshaarlänge macht jeder Musterung Ehre. Was man dann demnächst noch mit Schuluniformen anschaulicher werden lässt. Und Sitzenbleiber? Die kommen in Ferienlager zur Nachhilfe... Vielleicht nach Afghanistan? Aber bitte erst wieder in 14 Monaten drüber diskutieren, nicht in der angespannten Wahlzeit...

Noch besser wird unser CDU-Provinzblättchen dann unter der Überschrift "Der sächsische Akzent behindert bei der Karriere." Da schreibt Tom Vörös: "Stimmt für überregionale Jobs, stimmt nicht für regional verwurzelte Unternehmen. Laut der diesjährigen Allensbach Studie finden über 50 Prozent der Deutschen den sächsischen Akzent eher abstoßend - im Gegensatz zu Bayerisch oder Berlinerisch. Deshalb können sächsische Bewerber vor allem bei überregionalen Jobangeboten schnell in die Karrierefalle tappen. Einige Ratgeber und Jobbörsen empfehlen zwar, sich sprachlich nicht zu verstellen. Aber gerade bei Telefoninterviews, im Bewerbungsgespräch und später im Job in der neuen Stadt kann starker sächsischer Dialekt den Weg nach oben verbauen. Anders in Unternehmen, in denen selbst Vorgesetzte Dialekt sprechen. Zu sächseln kann also zumindest in Sachsen ein Standortvorteil sein."

Nun, was will uns die Landtagsfraktion der CDU Sachsen hiermit denn nun sagen?? "Sachsen bleibt in Sachsen" und "Auswärtige, bleibt in Auswärtigland" - stimmt allerdings nicht für Kurt Biedenkopf. Auch nicht für Tillich, der als Sorbe auch aus Brandenburg stammen könnte. Aber: Werbung wie "Sachsen kauft beim Sachsen" zierte 1993 noch Dresdner Strassenbahnen - eine Parole wie "Einer von uns" reicht - als einzige Aussage - auf dem Wahlplakat eines CDU-Kandidaten schon völlig aus, um in den Bundestag gewählt zu werden. Es ist letztlich doch auch nichts anderes als jener ranzige Regionalismus, der in Fußballstadien jedes Wochenende zu blutigen Schlachten führt. Nur ein bißchen mehr auf die Interessen der heimischen Wirtschaft zugeschnitten, als bei der NPD: Ausländer als Touristen jederzeit willkommen... im Klartext: nur der Geldbeutel ist willkommen.

What the fuck ist an sächsischem Akzent denn schlimmer als an kölschem, schwäbischem oder bayrischem? Das es diesen Regionalismus auch in Westdeutschland gibt (mit ekligen Ossiwitzen u.ä.), macht ihn in Ostdeutschland mitnichten intelligenter... Die Zugehörigkeit zu einer Region ist ja nun sicherlich nur das "kleinste gemeinsame Vielfache", soll dann etwa den, der von Hartz 4 betroffen ist, genauso ins "Gemeinsame Boot" holen wie den, der davon profitiert... Und alle sind stolz auf ihr "gemeinsames Bruttosozialprodukt"?? **kopfschütteln** Allerdings, wenn das kleinste Gemeinsame sich auf solcherart Banalität reduzieren lässt, dann ist wohl klar, dass da "Individualismus" einen Störfaktor darstellt...

Genauso kopfschüttelnd kann man das CDU-Blättchen nur seinem wohlverdienten Ehrenplatz im Altpapier zuführen... Nun ist diese überaus christliche Partei zwar überall mehr oder weniger an der Regierung, aber wohl nur dank einer SPD, die das mit ihrer geilen "Agenda 2010" zugelassen hat. Die Mehrheit der Bevölkerung hat das bei der letzten Bundestagswahl NICHT gewählt... Sollte man nicht vergessen. Immerhin.