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Mittwoch, 9. September 2009

Der Bauerntrainer

Hab hier noch was interessantes gefunden:
1.) 1. e2 - e4 e7 - e5 2. d2 - d4 e5 x d4
Mittelgambit
Die Ausgangsstellung. Am gebräuchlichsten ist nun 3. D:d4. Interessant sind aber auch Versuche von Weiss, um den Preis des Damenbauern Entwicklungsvorteil zu erhalten: 3.c3 und 3. Sf3. Das Mittelgambit führt in vielen Fällen zu verwickelten, wenig erforschten Stellungen. Um ein vollwertiges Spiel zu erhalten, sollte sich Schwarz am besten an die typische Gegengambitmethode halten, durch die rechtzeitige Rückgabe des Bauern seine Entwicklung abzuschliessen.

2.) 1. e2 - e4 e7 - e5 2. f2 - f4 e5 x f4 3. Sg1 - f3
Königsspringergambit
Das Königsgambit ist eine der ältesten Eröffnungen. Eine mögliche Form der Fortsetzung ist das Kieseritzky-Gambit: 3. ... g5 4. h4 g4 5. Se5 Entsprechende Analysen veröffentlichte Lionel Kieseritzky (1806 - 1853) in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts. Die wichtigste Fortsetzung besteht in 5. ... Sf6 6. d4 d6 7. Sd3 S:e4 8. L:f4 De7 (oder auch 8. ... Lg7 9. c3 De7 10. De2 Lf5 11. Sd2) 9. De2 Lg7 10. c3 Lf5 mit annäherndem Ausgleich.
Partiebeispiel: Pillsbury-Tschigorin, 1903:
1. e4 e5 2. f4 ef4: 3. Sf3 g5 4. h4 g4 5. Se5 Sf6 6. Lc4 d5 7. ed Ld6 8. d4 00 9. L:f4 Sh5 10. g3 f6 11. Sd3 S:g3 12. L:g3 L:g3+ 13. Kf1 De8 14. Sc3 De3 15. De2 D:d4 16. De4 Db6 17. Kg2 f5 18. De7 Ld6 19. Dg5+ Kh8 20. Thf1 Dd4 21. Sf4 Tg8 22. Dh6 Sd7 23. Ld3 Lf8 24. Dh5 Sf6 25. Df7 Ld7 26. Sh5 S:h5 27. D:h5 De3 28. L:f5 Dh3+ 29. Kf2 L:f5 30. D:f5 Lc5+ 31.Ke1 Tae8+ 32. Se2 Tgf8 Weiss gab auf.

3.) 1. e2 - e4 e7 - e5 2. f2 - f4 d7 - d5
Falkbeer - Gegengambit
Der österreichische Schachmeister und -theoretiker Ernst Falkbeer (1819 - 1885) gründete im Jahre 1855 die "Wiener Schachzeitung". Sein Gegengambit entstand um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Nach 3. ed e4 bestehen die wichtigsten Fortsetzungen in 4. Sc3 und 4. d3.
Partiebeispiel:
Bronstein - Waismann, 1976
4. d3 Sf6 5. de S:e4 6. Sf3 Lc5 7. De2 Lf5 8. Sc3
In der Partie Spielmann-Tarrasch, 1923, spielte Weiss 8. g4 und geriet nach 8. ... 00! unter einen starken Angriff: 9. gf Te8 10. Lg2 Sf2 11. Se5 S:h1 12. L:h1 Sd7 13. Sc3 f6 14. Se4 fe 15. S:c5 S:c5 16. fe Dh4+ 17. Kf1 Tf8 18. Kg1 Dd4+ 19. Le3 D:e5 20. Te1 Sd7 21. Dc4 Kh8 22. Le4 Tae8 23. Ld4 Df4 24. Te2 Sf6 25. L:f6 gf 26. h3 Tg8+, und Weiss gab auf.
8. ... De7 9. Le3 L:e3 10. D:e3 S:c3 11. D:e7+ K:e7 12. bc L:c2 13. Kd2 La4 14. Te1+ Kd6 15. Sg5 K:d5 16. Te4 Le8 17. Td4+ Kc6 18. Le2 Sd7 19. Lf3+ Kb6 20. Tb1+ Ka5 21. T:b7 h6 22. T:c7 Tb8 23. S:f7 L:f7 24. Tc:d7. Schwarz gab auf.

4.) 1. d2 - d4 Sg8 - f6 2. c2 - c4 c7 - c5 3. d4 - d5 b7 - b5
Wolga - Gambit
Dieses Gambit wurde Ende der 40er Jahre des 20. Jahrhunderts von Schachspielern aus Kuibyschew (einer Stadt an der Wolga) aus der Taufe gehoben. Der Nachziehende will auf dem Damenflügel und der Diagonalen a6 - f1 ein Druckspiel einleiten. Danach sollen die erzwungenen Schwächen in der weissen Stellung angegriffen werden. Das Wolga-Gambit gehört gegenwärtig zu den beliebtesten Gambit-Eröffnungen. 5. ba L:a6 6. Sc3 d6 Weiss verfügt nun über eine grosse Auswahl an Fortsetzungen. Hier wollen wir uns auf zwei wichtige konzentrieren:
1.) 7.e4 L.f1 8. K:f1 g6 9. Se2 Lg7 10.h3 00 11. Kg1 Db6 12. Tb1 Sa6. Weiss muss sich aufmerksam verteidigen.
2.) 7. g3 g6 8. Lg2 Lg7 9. Sf3 00 10. 00 Sbd7 11. Dc2 Da5 12. Tb1 Tfb8 13. Ld2 Sb6 Eine für das Wolga-Gambit typische Stellung. Schwarz besitzt ein lang währendes Druckspiel.
Partiebeispiel:
F.Portisch - J.Polgar, Ungarn 1986
1. d4 Sf6 2. c4 c5 3. d5 b5 4. cb a6 5. ba g6 In dieser Variante beeilt sich Schwarz gewöhnlich nicht mit dem Schlagen auf a6. 6. Sc3 Auf 6. b3 ist 6. ... Lg7 7. lb2 S:a6! gut. 6. ... L:a6 7. e4 L:f1 8. K:f1 d6 9. Sf3 Lg7 10. h3 Besser ist 10. g3. 10. ... 00 11. Ke2?! Eine erfolglose Neuerung. Folgerichtiger ist 11. Kg1. 11. ... Sa6! 12. Te1 Db6 13. Kf1 Sb4 14. Te2 Der Versuch, mit 14. e5?! de 15. S:e5 im Zentrum aktiv zu werden, stösst auf die Widerlegung 15. ... Tfd8! mit ausgezeichnetem Spiel für Schwarz. 14. ... Da6 15. Se1 Sd7 Verhindert nicht nur den Zug e4-e5, sondern bereitet auch das gelegentliche Manöver Sd7- e5- d3 vor. 16. Lf4 Aufmerksamkeit verdient 16. Lg5. 16. ... c4! 17. Le3 Auf 17. a3 ist 17. ... Tfb8 nebst Sd3 am einfachsten. 17. ... Sd3! Schlechter ist 17. ... Se5 wegen 18.Ld4.
18. Dc2 Zum Vorteil von Schwarz führt 18. S:d3 cd 19. Td2 Se5 nebst 20. ... Sc4! Ganz schlecht wäre 18. Sf3? wegen 18. ... S:b2! Vielleicht sollte 18. Dd2!? versucht werden. 18. ... Tfb8 19. Tb1 Wiederum taugte der Sprengungsversuch nichts: 19. b3? ab 20. D:d3 D:d3 21. S:d3 L:c3, und die weisse Stellung ist aussichtslos. 19. ... Tb7! 20. Td2 Weiss ist zu passiver Verteidigung verurteilt. Im Falle von 20. b3 S:e1 21. Tb:e1 cb 22. ab Tc7! wird seine Stellung hoffnungslos. 20. ... S7e5 21. Kg1 Tab8 22. b3 cb 23. ab S:e1 24. T:e1 T:b3 Weiss ist völlig überspielt. Schwarz hat den geopferten Bauern zurückgewonnen, und alle Vorteile blieben erhalten. Weiss ist geschwächt und kann mit keinerlei Aktivitäten aufwarten. Der schwarze Druck am Damenflügel erweist sich als sehr stark. All das spricht dafür, dass das Experiment von Weiss im 11. Zug (11. Ke2?) nicht erfolgreich war. Die Partie zeigt, wie Weiss in eine hoffnungslose Lage geraten kann, selbst wenn er keine direkten Fehler begeht, jedoch nicht den richtigen aktiven Spielplan findet. Jetzt droht 25. ... T:c3! 25. Ld4 Auf 25. Se2 wäre 25. ... Sc4 gefolgt. 25. ... Sc4 26. Tdd1Unzureichend ist 26. Td3 Sa3 27. Dd2 Tb2 mit der Drohung 28. ... L:d4 29. T:d4 Sc2 26. ... Sa3 27. De2 Es gibt keine Rettung, z.B. 27. Dd3 D:d3 28. T:d3 L:d4 29. T:d4 T:c3; 27. Dd2 L:d4 28. D:d4 Sc2 oder 27. Dc1 Tc8! In allen Varianten gewinnt Schwarz schnell. 27. ... Da5! Weiss gab auf.

Verwandte Quellen:
A. Mazukewitsch: Seltene Gambits, Sportverlag Berlin 1987
Aleksei Suetin: Angreifen mit Wolga-Gambit, Sportverlag GmbH 1991
A. Kostjew: Schach lehren - leicht gemacht, Sportverlag Berlin 1987


Bauernschwächen


- Der isolierte Bauer
Isolierte Bauern treten häufiger auf. Als isolierten Bauern (Einzelbauer, Isolani) bezeichnen wir einen Bauern, der auf den benachbarten Linien keine gleichfarbigen Bauern mehr besitzt. Eigene Bauern sind daher nicht in der Lage, das Feld vor dem isolierten Bauern zu kontrollieren, und kein Bauer kann den isolierten Bauern decken. Oftmals wird unter dem isolierten Bauern noch zusätzlich verstanden, dass kein feindlicher Bauer auf der gleichen Linie gegenübersteht. Also kann vom Gegner auf den isolierten Bauern vertikal Druck ausgeübt werden.

Gesichtspunkte zur Einschätzung des isolierten Bauern
1. Das Feld vor dem isolierten Bauern kann nicht durch eigene Bauern geschützt werden.
2. Daher eignet sich das Feld vor dem isolierten Bauern für die Besetzung durch gegnerische Figuren (Blockade).
3. Der isolierte Bauer kann nicht durch eigene Bauern gedeckt werden, zur Verteidigung des Bauern werden Figuren gebunden.
4. Der isolierte Bauer schafft Stützpunkte für die eigenen Figuren (z.B. die Felder c5 und e5 bei dem isolierten Bauern d4).
5. Mit dem Vorstoss des isolierten Bauern kann das Spiel geöffnet werden. Den Zeitpunkt der Öffnung bestimmt die Partei, die den isolierten Bauern besitzt.
6. Im Endspiel ist der isolierte Bauer immer eine Schwäche, vor allem aufgrund der Tatsache, dass er durch eigene Figuren geschützt werden muss.

- Der rückständige Bauer

Der rückständige Bauer ist ebenfalls eine häufig auftretende Form der Bauernschwäche. Als rückständigen Bauern bezeichnen wir einen Bauern, der von keinem Nachbarbauern mehr gedeckt werden kann. Er steht neben oder hinter seinen Nachbarbauern. Der rückständige Bauer besitzt auf seiner Linie keinen Gegenbauern, daher kann er frontal von feindlichen Schwerfiguren angegriffen werden. Er befindet sich meist auf der 6. (3.) Reihe.

- Der Doppelbauer

Befinden sich zwei Bauern einer Partie auf einer Linie, so nennt man diese Bauern Doppelbauern. Doppelbauern entstehen beim Schlagen von Bauern oder Figuren. Der Besitz von Doppelbauern ist im allgemeinen nachteilig. Ihre Schwäche wird durch das Fehlen der Nachbarbauern verursacht. Mit dem Entstehen des Doppelbauern ist durch Schlagen zumindest einer der Nachbarbauern entfernt. Deshalb sind Doppelbauern schwer zu verteidigen und schwer vorwärts zu bewegen. Für isolierte Doppelbauern treffen diese Nachteile besonders zu. Wie bei allen anderen Bauernschwächen ist auch die Schwäche des Doppelbauern im Endspiel besonders nachteilig.
Ableitung von Plänen für den Besitzer des Doppelbauern:
1. Kontrolle des Blockadefeldes;
2. Vorstoss des vorderen Doppelbauern und eventuell Abtausch dieses Bauern;
3. Vermeiden von Figurentausch und Anstreben eines aktiven Figurenspiels.
Ableitung von Plänen für den Kampf gegen den Doppelbauern:
1. Blockierung des isolierten Doppelbauern;
2. Abtausch von Figuren;
3. Anstreben des Endspiels, um die Anfälligkeit und die Unbeweglichkeit des Doppelbauern ausnutzen können;
4. Verhinderung der Auflösung des Doppelbauern.

(frei nach Uhlmann/ Schmidt: Bauernschwächen; Sportverlag 1984 DDR)



Bauernstrategie


Der Bauer - Seine Stärken und Schwächen

Der Bauer ist der schwächste aller auf dem Brett vorhandenen Steine. Gleichzeitig verfügt er jedoch über so mannigfaltige Qualitäten, über so viel Gift und Vitalität, daß seine Rolle gewaltig ist. Nicht ohne Grund bezeichnete der erste inoffizielle Weltmeister, Francois Andre Philidor, den Bauern als die "Seele des Schachspiels". Wodurch unterscheidet sich dieser kleine Stein von den anderen?
* Zunächst einmal ist der Bauer der "billigste"aller am Kampf teilnehmenden Akteure. Wir betrachten ihn denn auch als Maßeinheit, wobei Springer und Läufer mit je drei, der Turm mit fünf und die Dame mit acht Bauern veranschlagt werden.
* Die Schwäche des Bauern spielt in der Schachpartie eine enorme Rolle. Greift ein Bauer irgendeine Figur an, muß diese, da ein Tausch nachteilig wäre, in der Regel wegziehen. Der geringe Wert eines Bauern verleiht diesem besondere Bedeutung beim Angriff: Mit Hilfe eines Bauern lassen sich die gefährlichsten und stärksten Figuren des Gegners aus günstigen Positionen vertreiben.
* Der Bauer ist wenig beweglich. Die meisten Bauern bleiben während der gesamten Partie auf ein und derselben Linie. Nur selten wechseln sie auf eine Nachbarlinie über. Die kurzen, auf ein Feld bemessenen Schritte des Bauern stempeln ihn zu einem scheinbar wenig aktiven Kämpfer. Diese geringe Aktivität hat indes auch ihre guten Seiten - sie macht den Bauern standhaft und unerschütterlich. Der Bauer gehört zu jenen Kämpfern, die, ohne sich von der Stelle zu rühren, unablässig auf Posten stehen müssen. Ist ihm einmal eine bestimmte Aufgabe zugewiesen, wird er sie auch mit aller Konsequenz verwirklichen. Es sei daran erinnert, mit welcher Selbstaufopferung Bauern ihren König verteidigen und dem Ansturm selbst der stärksten feindlichen Figuren widerstehen.
* Bauern sind in großer Zahl vorhanden - jede Partei besitzt acht. Diese Vielzahl macht sie ungewöhnlich stark. Schon wenn zwei verbundene Bauern vorrücken, können sie in den Reihen des Gegners Panik auslösen. Handelt es sich gar um eine ganze Armada von Bauern, sind auch die mächtigsten Figuren des Verteidigers nicht in der Lage, sie im Zaum zu halten. Diese wichtige Eigenschaft macht den Bauern zu einem bedeutsamen Angreifer.
* Der Bauer ist der einzige Akteur auf dem Brett, der seinen Wert jäh erheblich zu steigern vermag: Erreicht er die letzte Reihe, verwandelt er sich in eine Figur, gewöhnlich die Dame. Aus einem Stein mit der kleinsten Maßeinheit entsteht eine Figur von achtfacher Stärke. Dieser Umstand verleiht dem Bauern besondere Originalität. Schon während des Vordringens ändern sich sein Wert und seine Bedeutung. Auf der fünften Reihe ist ein Bauer bereits stark, auf der sechsten Reihe ist er noch mächtiger, und ein Bauer, der auf der vorletzten Reihe steht, kommt oft schon fast einer Dame gleich. Es ist sehr wesentlich, in seiner Armee einen Kämpfer zu haben, dessen Wert sich mit der Annäherung an das gegnerische Verteidigungsbollwerk erhöht. Diese Vielfalt der Funktionen und Eigenschaften macht den Bauern zum wichtigsten Teilnehmer jeder Schachpartie, weshalb wir uns jetzt bemühen wollen, alle seine Besonderheiten aufmerksam zu studieren.
* Einige Worte über Bauerngruppen. Bekanntlich können in geschlossener Formation auftretende Bauern jeder Auseinandersetzung auf dem Schachbrett ihr Gepräge geben und sie in eine Bahn lenken, die unmittelbar von der Bauernstellung abhängig ist. Schon zwei Bauern, die nebeneinander im Zentrum stehen, spalten die Kräfte des Gegners in zwei isolierte, nicht miteinander verbundene Abteilungen. Großen Einfluß auf das Zusammenwirken der gegnerischen Kräfte kann auch ein Doppelbauer im Zentrum haben.
* In Reih und Glied vorgehende Bauern drücken dem Charakter einer Stellung ebenfalls ihren Stempel auf. Wenn sie sich mit entsprechenden Bauernformationen des Gegners verschachteln, spricht man von Bauernketten. Es kann zu einem langwierigen Ringen um die Zerstörung dieser Ketten kommen. Nimzowitsch stellte sogar eine Regel zur Bekämpfung gegnerischer Bauernketten auf, indem er empfahl, sie an ihrer Basis, d.h. bei dem am weitesten hinten stehenden Bauern zu sprengen.
* Es kommt vor, daß sich Bauernformationen nicht mit Bauern des Gegners berühren und frei bleiben. Auch in einem solchen Fall ist die Bauernstruktur spielbestimmend. Wenn unsere Bauern z.B. auf weißen Feldern stehen, verzichten sie freiwillig darauf, die schwarzen Felder zu kontrollieren. Die Folge davon ist, daß sich in unserem Lager klaffende Lücken auftun. Die Schwäche der Peripherie ist ein schwerwiegender Stellungsmangel.
* Wenn die Bauern zersplittert und statt geschlossener Reihen nur Bruchstücke vorhanden sind, sprechen wir von Bauerninseln. Eine so ernsthafte Schwächung der Bauern wird heutzutage von Großmeistern mit Sicherheit bestraft. Soweit zur Bedeutung der Bauern im allgemeinen. Wir wollen nunmehr untersuchen, welche Rolle den Bauern zukommt, wenn eine konkrete Situation einer Schachpartie eingeschätzt werden soll.



I. Die Bauernstruktur im Zentrum

Das Schachspiel wird oft mit einer Schlacht verglichen. Tatsächlich lassen sich zwischen Auseinandersetzungen hölzerner Armeen und einer echten Schlacht gewisse Analogien feststellen. In beiden Fällen kann die Beschaffenheit des Geländes eine entscheidende Rolle spielen. Wenn eine Armee einen dichten Wald zu durchqueren hat, kommt sie nur langsam voran, da jeder Geländeabschnitt erkundet werden muß. Auf offenem Feld kann sie sich sprungartig fortbewegen. All das trifft zum größten Teil auch für eine Schachpartie zu. Ist das Brett durch Bauern verstellt, gibt es für Türme oder Läufer wenig Bewegungsfreiheit. Die Figurenmanöver erfolgen schwerfällig, ein Angriff kann nur mit sparsamen Mitteln geführt werden. Reserven sind nur schwer heranzuholen. Ist das Zenrum hingegen frei von Bauern, spielen die weitreichenden Läufer und Türme die entscheidende Rolle, und ein Angriff kann die Form eines blitzschnellen Überfalls annehmen.
* Der Charakter der Bauernstruktur im Zentrum bestimmt daher weitgehend die Richtung des Kampfes und die Wahl der Pläne.
Bei Entscheidungen über strategische Aufgaben muß man zunächst feststellen, welcherart die Bauernstruktur im Zentrum ist, und erst danach kann man den Plan für das bevorstehende Spiel entwerfen. Die "Beschaffenheit des Schachgeländes" ist ein hochwichtiger Faktor, den es sorgfältig zu berücksichtigen gilt, um die eigenen Pläne mit etwaigen Veränderungen dieses Geländes in Einklang zu bringen.
* Wir werden zwischen folgenden Bauernstrukturen im Zentrum unterscheiden:
Geschlossenes Zentrum
Offenes Zentrum
Bewegliches Zentrum
Festgelegtes Zentrum
Spannung im Zentrum.

Geschlossenes Zentrum

* In der Regel bildet sich ein derartiges Zentrum schon in der Eröffnung heraus.
In vielen Varianten der Spanischen Parie, der Königsindischen und der Nimzowitsch-Indischen Verteidigung stoßen die Mittelbauern bei ihrem Vorrücken mit denen des Gegners zusammen und kommen zum Stehen. Sind es mehrere Bauern, ergeben sich lange Ketten, die das Zentrum hermetisch abriegeln. Die Figuren können nicht mehr über das Zentrum ins feindliche Lager eindringen. Offene Linien sind nicht vorhanden, die Diagonalen durch Bauern verstopft.
Wie soll man in einem solchen Fall spielen, welchen Plan wählen?
Da es nicht möglich ist, in der Brettmitte aktiv zu werden, verlagert sich der Kampf auf die Flügel. Beide Seiten schmieden ihren Plan für Aktionen auf einem dieser Brettabschnitte, wobei sie sich das Ziel stellen, Linien und Diagonalen zu öffnen, um so das Zentrum zu umgehen. Auch in dieser Situation schaffen viele positionelle Faktoren, vor allem ein räumliches Übergewicht, unterschiedliche Bedingungen. Einer der Spieler greift an, der andere muss sich verteidigen. Davon ausgehend wollen wir nun die Massnahmen untersuchen, die beide Seiten in Partien mit geschlossenem Zentrum zu treffen haben.

Der aktive Plan

Ein Spieler, der im Vorteil ist, wird bestrebt sein anzugreifen, und zwar auf einem Brettabschnitt, an dem seine Figuren über mehr Raum verfügen, aktiver stehen, oder wo im gegnerischen Lager Schwächen vorhanden sind. Als Methode eines solchen Angriffs wählt er in der Regel einen Bauernsturm, manchmal sogar ohne Rücksicht darauf, daß sich dort der eigene König befindet, dessen Stellung durch den Vorstoss der Bauern geöffnet wird. Er hat ja nichts zu befürchten: Das Zentrum ist geschlossen, und die Figuren des Gegners können dem entblössten König nichts anhaben. Ein Gegenschlag im Zentrum, der am gefährlichsten wäre, ist so gut wie ausgeschlossen. Selbstverständlich kommt der Angriff in diesem Fall nur langsam voran, da die gegnerische Abwehr nicht leicht zu durchbrechen ist und auch die nötigen Reserven schwer heranzuholen sind. Andererseits braucht sich der Angreifer überhaupt nicht zu beeilen, denn auch der Gegner hat keine Gelegenheit zu einer zügigen Konterattacke. So können alle Angriffsoperationen ruhig und methodisch vorbereitet werden, wobei man nur aufmerksam darüber wachen muss, dass der Gegner nicht doch durch ein verstecktes und überraschendes Figurenopfer das Zentrum zerstört.

Der Verteidigungsplan

Ist man gezwungen, sich bei geschlossenem Zentrum zu verteidigen, müssen alle Abwehrmassnahmen exakt mit den Besonderheiten der Stellung im Einklang stehen. Die ideale Lösung wäre ein überraschender Gegenschlag im Zentrum. Selbst wenn dieser mit einem Opfer verbunden ist, kann er schnell Erfolg oder sogar den Sieg bringen. Es gilt deshalb, jeder Gelegenheit zu einem solchen Gegenschlag sorgfältig nachzuspüren. Fürs erste kommt es jedoch darauf an, den angreifenden Figuren des Gegners soviel Hindernisse wie möglich in den Weg zu legen. Die Schaffung von Verteidigungspunkten ist ein Hauptbestandteil des Verteidigungsplanes. Hier kann schon die Prophylaxe gute Dienste leisten: Ein Grossmeister wird einen wichtigen Punkt beizeiten überdecken, noch ehe sich ihm die gegnerischen Kräfte genähert haben. Dies ist nicht nur von praktischer, sondern auch von psychologischer Bedeutung. Dem Gegner bleibt keine Wahl, er muss den Angriff an einem Flügel fortsetzen. Stösst er auf einen im voraus gesicherten Punkt, kann er natürlich den Mut verlieren, und er wird seinen Angriffseifer mässigen.


Sind alle erforderlichen Angriffsmassnahmen getroffen, lässt sich ein aktives Spiel am anderen Flügel ins Auge fassen. Wenn wir einen Gegenangriff am entgegengesetzten Ende des Brettes einleiten, wird der Gegner selbstverständlich gezwungen sein, einen Teil seiner Kräfte dorthin abzuziehen und dadurch den eigenen Angriff abzuschwächen bzw. zu verlangsamen. Es erhebt sich dann die meist partieentscheidende Frage: Wer ist schneller, wer kommt wem zuvor? Bei diesem Kampf auf Biegen und Brechen müssen beide Spieler sorgsam auf mögliche Sprengungszüge des Gegners in der Brettmitte achten, denn auch bei beiderseitigen Flügelangriffen kann eine Zerstörung des Zentrums die Stellung im Nu zugunsten desjenigen Spielers verändern, der diese Sprengungsoperation ausführte.
Schon am Anfang seiner Ausbildung lernt ein Schachspieler den Leitsatz kennen:
Ein Gegenschlag im Zentrum ist die beste Erwiderung auf einen Flankenangriff.
Es ist daher die vordringlichste Pflicht eines Angreifers, darauf zu achten, dass der Gegner nicht durch ein Opfer das Zentrum zerstört. Und noch etwas: Bei geschlossenem Zentrum verläuft das Spiel in der Regel ausserordentlich langsam. Statt scharfer Zusammenstösse im Zentrum werden hier Operationen zur Unterminierung der gegnerischen Stellung verwirklicht, die viel Zeit erfordern. Man muss sich deshalb auf einen stundenlangen ermüdenden Kampf einstellen.

* In der nachstehenden Partie war das Zentrum geschlossen, und beide Seiten griffen an den Flügeln an. Schwarz öffnete eine Linie am Damenflügel, kam aber nicht dazu, sie auszunutzen - eine Fehlentscheidung bei der Errichtung der Verteidigungslinie führte geradewegs in die Katastrophe, wobei Weiss es fertigbrachte, seinerseits den am Damenflügel geschaffenen Raum zu nutzen und dort mit der Dame entscheidend ins Lager des Gegners einzudringen.

Englische Eröffnung
Reti - Carls
Baden-Baden 1925
1. c4 Sf6 2. Sc3 c5 3. g3 g6 4. Lg2 Lg7 5.d3 Sc6 6. Ld2
Diese Partie wurde vor achtzig Jahren gespielt. Es ist interessant, wie lebensfähig Systeme sind, denen eine richtige strategische Idee zugrundeliegt - auch heutzutage beginnen viele Turnierpartien mit diesen Zügen.
6. d7 - d6
7. Dd1 - c1 Sc6 - d4
8. Ta1 - b1 Ta8 - b8
9. Ld2 - h6 0 - 0
Es ist schwer zu sagen, ob Schwarz hier oder nach einem Abtausch auf h6 mit dem Springer auf c2 Schach geben musste. Dem Verlust dieser Rochade würde der Verlust zweier Tempi gegenüberstehen.
10. Lh6 x g7 Kg8 x g7
11. e2 - e3 Sd4 - c6
12. Sg1 - e2 Sc6 - e5
13. Dc1 - d2 Lc8 - f5
14. e3 - e4 Lf5 - h3
15. 0 - 0 Dd8 - d7
Schwarz musste sofort den Läufer g2 schlagen, da er jetzt dem Springer f6 die Deckung durch die Dame entzieht und durch zwei Königszüge Zeit einbüsst.
16. Sc3 - d5 Lh3 x g2
17. Kg1 x g2 Se5 - c6
18. Dd2 - c3 e7 - e5
19. Sd5 x f6 Kg7 x f6
20. f2 - f4 Kf6 - g7
21. f4 - f5 f7 - f6
22. Dc3 - d2
Das Zentrum ist abgeriegelt. Zwar können die Springer noch nach d4 bzw. d5 ziehen, aber dies ist für den weiteren Verlauf des Kampfes unerheblich - das Spiel trägt trotzdem einen geschlossenen Charakter.
Die beiderseitigen Pläne sind klar. Schwarz wird b7 - b5 ziehen und nach b5 x c4 versuchen, die offene b-Linie auszunutzen.
Weiss wird durch Verstärkung des Drucks in der f-Linie den Gegner zu g6-g5 zwingen und nach entspechender Vorbereitung mit h2 - h4 die h-Linie öffnen, um auf ihr in die schwarze Königsfeste einzubrechen.
22. g6 - g5?
Ein ernster positioneller Fehlgriff. Schwarz möchte den Königsflügel abschliessen, macht sich dabei aber nicht die Mühe, die unmittelbaren Folgen zu berechnen. Weiss kommt dem Gegner mit dem Angriff zuvor und dringt als erster entscheidend auf der offenen h-Linie ein.
23. g3 - g4 b7 - b5
24. h2 - h4! h7 - h6
25. Tf1 - h1 b5 x c4
Dieser übereilte Tausch verliert schon die Partie. Durch die Öffnung der d-Linie legt Schwarz den Bauern d6 bloss und ist nun genötigt, den Springer nach d4 zu führen. Stattdessen konnte dieser Springer über e7 nach g8 galoppieren und eine wichtige Rolle bei der Verteidigung des Königsflügels übernehmen. Richtig war somit 25. ... Se7, um anschliessend auf h4 zu schlagen und mittels Th8 und Sg8 den Punkt h6 zu sichern.
26. d3 x c4 Sc6 - d4
27. Se2 - c3 Tf8 - h8
28. Th1 - h3 Tb8 - g8



Schwarz kann keine Festung mehr aufbauen: Nach 28. ... Th7 29. Tbh1 Tbh8 30. Sd5 Dd8 gewinnt Weiss durch 31. Kf1 und 32. Dh2 schnell.
29. Tb1 - h1 Dd7 - d8
30. Sc3 - d5 g5 x h4
Resignation. Aber auch andere Verteidigungen richten, wenn Weiss alle schweren Figuren auf der h-Linie postiert, nichts aus.
31. Th3 x h4 Kg7 - f7
32. Kg2 - f2 Dd8 - f8
33. Th4 x h6 Th8 x h6
34. Th1 x h6 Df8 - g7
35. Dd2 - a5!
Typisch für ein Spiel bei geschlossenem Zentrum. Weiss führt den abschliessenden Schlag über den Damenflügel, den
Schwarz im Eifer des Gefechts so unvorsichtig geöffnet hat. Schwarz gab auf.


Offenes Zentrum

* Wenn sich keine Bauern im Zentrum befinden, haben Türme, Läufer und Damen grosse Bewegungsfreiheit und können blitzschnell von einem Ende des Brettes an ein anderes geführt werden. Bauern nehmen mitunter überhaupt nicht am Kampfgeschehen teil. Sie erfüllen lediglich die anspruchslose Rolle, den eigenen König zu schützen. Alles ist in die Hände der Figuren gelegt - sie entscheiden die Partie. Hier gibt es keine Sprengungszüge der Bauern. Der Kampf gleicht einem Handgemenge, an dem sich meist alle eigenen Figuren und die des Gegners beteiligen: Die Möglichkeit, Reserven heranzuholen, ist nahezu unbegrenzt, weil sich jede beliebige Kampfeinheit in ein bis zwei Sätzen dem erforderlichen Frontabschnitt nähern und unter das Knäuel der streitenden schwarzen und weissen Figuren mischen kann. Es fällt nicht schwer, die beiderseitigen Pläne bei offenem Zentrum zu umreissen.

Der aktive Plan

Der Angreifer wird bestrebt sein, durch zügige Figurenmanöver eine sofortige Schwächung der gegnerischen Stellung zu erreichen. Er muss sich damit beeilen, weil der Verteidiger sonst die notwendigen Reserven heranschafft. Die Bauern bleiben gewöhnlich an ihrem Platz. Der eigene König darf nicht entblösst werden, da der Gegner dies unverzüglich bestrafen könnte. Hat er eine Schwäche hervorgerufen, nutzt sie der Angreifer zu Materialgewinn oder vielleicht sogar, um den gegnerischen König matt zu setzen.


Der Verteidigungsplan

Der Verteidiger wird sich bemühen, die gegnerischen Drohungen abzuwehren und eine Schwächung der eigenen Stellung zu vermeiden. Ein wichtiges Hilfsmittel ist in solchen Fällen der Abtausch von Figuren. Natürlich darf niemals eine Gelegenheit verpasst werden, selbst einen empfindlichen Schlag gegen die Stellung des Angreifers, besonders seinen König, auszuteilen. Eine erfolgreiche Verteidigung führt gewöhnlich zu Vereinfachungen und einem besserenEndspiel; manchmal gelingt es auch, den Gegner zu einem inkorrekten Opfer zu verleiten.

* Ein klassisches Beispiel für einen Angriff bei offenem Zentrum bietet die folgende Partie.

Damengambit
Aljechin - Lasker
Zürich 1934

1. d4 d5 2. c4 e6 3. Sc3 Sf6 4. Sf3 Le7 5. Lg5 Sbd7 6. e3 00 7. Tc1 c6 8. Ld3 dc 9. Lc4: Sd5
- Das sogenannte Entlastungssystem Capablancas. Um die Entwicklung seiner Figuren erfolgreich abzuschliessen, beabsichtigt Schwarz, den Mittelbauern vorzurücken und ihn gegen den weissen d-Bauern zu tauschen. So entsteht in vielen Varianten ein offenes Zentrum.
10. Lg5 x e7 Dd8 x e7
11. Sc3 - e4 Sd5 - f6
12. Se4 - g3
- Der schon erwähnte Bauernvorstoss. Obwohl es Lasker danach gelingt, alle seine Figuren aus ihren Ausgangspositionen herauszubringen, bleibt er doch spürbar in der Entwicklung zurück. Sicherer war deshalb, zunächst mit 12. ... Db4+ 13. Dd2 D:d2+ die Damen zu tauschen und nach 14. ... b6 den Läufer auf b7 zu postieren, wobei die Zentrumsstellung vorerst ungeklärt blieb.
13. 0 - 0 e5 x d4
14. Sg3 - f5 De7 - d8
15. Sf3 x d4 Sd7 - e5
16. Lc4 - b3 Lc8 x f5
17. Sd4 x f5 Dd8 - b6?
Ein schwerwiegender Fehler. Schwarz führt seine Dame ins Abseits, wo sie nicht an der Verteidigung des Königsflügels teilnehmen kann. Nach 17. ... g6 hätte Schwarz erfolgreich Widerstand leisten können, während Aljechin nun durch einige energische Züge die Initiative ergreift und im Bereich des schwarzen Königs eine kritische Situation heraufbeschwört. Im Zentrum steht nicht ein einziger Bauer. Nur der weisse Bauer e3 und der schwarze auf c6 nehmen gewissen Einfluss auf die Zentralfelder. Die Hauptsache ist jedoch, dass alle weissen Figuren (und natürlich auch die schwarzen) die Möglichkeit haben, ungehindert von einem Flügel auf den anderen zu gelangen, um zur rechten Zeit an der erforderlichen Stelle eingreifen zu können. Der Leser wird sehen, dass beim folgenden Angriff Aljechins die Bauern keine Rolle spielen - alles bleibt den Figuren überlassen.
18. Dd1 - d6!
Der erste Schlag. Weiss greift nicht nur den Springer e5 an, sondern droht auch mit einem Springerschach auf h6, das die Bauerndeckung des schwarzen Königs empfindlich schwächen würde. Nach 18. ... Sg6 19. Sh6+ gh 20. D:f6 Dd8 21. Dc3 verfügt Weiss über einen bedeutenden Positionsvorteil.
18. ... Se5 - d7!
19. Tf1 - d1 Ta8 - d6
20. Dd6 - g3 g7 - g6
21. Dg3 - g5!
Durch elegante Manöver hält die Dame den Druck auf die gegnerische Königsstellung aufrecht. Es droht nunmehr 22. Td6!, womit Weiss nicht nur den Springer f6 angreifen, sonden auch eine entscheidende Turmverdoppelung in der d-Linie vorbereiten würde.
21. ... Kg8 - h8
22. Sf5 - d6 Kh8 - g7
23. e3 - e4!
Schliesslich macht Weiss doch einen Bauernzug. Dies geschieht aber nicht, um den kleinen Infanteristen in die Schlacht zu schicken, sondern um die 3. Reihe für die Überführung des Turmes d1 nach h3 oder f3 freizulegen.
23. ... Sf6 - g8
24. Td1 - d3 f7 - f6
Weiss wollte die Partie durch 25. Tf3 entscheiden. Die erneute Schwächung der schwarzen Stellung gibt Aljechin jedoch Gelegenheit zu einem effektvollen Damenopfer. Nach 24. ... h6 gewann 25. Sf5+ Kh7 26. S:h6 f6 27. Sf5 fg 28. Th3+ Sh6 29. T:h6 matt
25. Sd6 - f5+ Kg7 - h8
26. Dg5 x g6!!
Schwarz gab auf. Ein hübsches Finale!
Der Leser möge beachten, mit welcher Leichtigkeit die angreifenden Figuren von einem Brettabschnitt auf den anderen beordert wurden. Eine derartige Bewegungsfreiheit ist für Stellungen mit offenem Zentrum typisch!


Bewegliches Zentrum

* Mitunter verfügt eine Partei nach der Eröffnung oder nach Veränderungen der Stellung über Bauern, die vorrücken können. Dies ist zum Beispiel in vielen Varianten der Italienischen Partie der Fall. Fast alle bekannten Gambits sind mit der Absicht verbunden, ein bewegliches Zentrum zu schaffen: das Königsgambit, das Evans-Gambit, das Staunton-Gambit. Weiss opfert in diesen scharfen Partieanfängen einen Bauern, um seine Zentralbauern c4 und d4 bzw. e4 und d4 in die Lage zu versetzen, vorzustürmen und dabei alle Verteidigungslinien des Gegners zu überrennen. Andererseits überlässt Schwarz dem Anziehenden in vielen modernen Eröffnungen freiwillig das Zentrum und gestattet ihm, seine beiden Mittelbauern auf die vierte Reihe zu stellen. Die Idee der Grünfeld-Indischen Verteidigung und der Pirc-Ufimzew-Verteidigung z.B. besteht gerade darin, diese vorgeschobenen Bauern mit Figuren zu bekämpfen. Um sie zum Stehen zu bringen und schliesslich zu vernichten, werden verschiedene Methoden angewandt, angefangen von der Errichtung einer speziellen Bremse, eines Hemmnisses auf dem Wege der Bauern, bis hin zu einem beharrlichen Figurendruck auf sie.
* In derartigen Stellungen gilt die volle Aufmerksamkeit der Spieler natürlich diesem beweglichen Zentrum, und die beiderseitigen Pläne sind darauf gerichtet, die gefährlichen und wichtigen Bauern voranzubringen bzw. aufzuhalten.

Der aktive Plan

Die Seite, die über die beweglichen Mittelbauern verfügt, wird stets versuchen, sie so weit wie möglich vorzurücken und einen oder besser gleich zwei Freibauern zu bilden, die den Ausgang des Kampfes unmittelbar entscheiden können. Ein solch idealer Plan ist jedoch selten zu verwirklichen. In der Regel verdrängt die aktive Seite mit Hilfe der Bauern Figuren des Gegners aus guten Positionen und schafft damit die Voraussetzung, den Angriff auf einen Flügel, meist den Königsflügel, zu verlagern. In diesem Fall besteht die Rolle des beweglichen Bauernzentrums darin, die gegnerischen Kräfte einzuengen und die Überführung von Verteidigungsreserven auf den entscheidenden Frontabschnitt zu erschweren.

Der Verteidigungsplan

Vor welche Aufgabe sieht sich ein Schachspieler gestellt, dessen Gegner ein bewegliches Bauernzentrum besitzt? Zunächst muss er natürlich bemüht sein, das weitere Vordringen der Bauern zu unterbinden, und zwar so weit wie möglich vor der eigenen Verteidigungslinie. Dabei gibt es zwei Möglichkeiten:
1. Die Errichtung von Hindernissen in Form einzelner Bauern, die das eine oder andere Feld verteidigen.
2. Die Ausübung eines so intensiven Figurendrucks auf das Zentrum, dass der Gegner nicht einmal davon träumen kann, es auch nur einen Schritt vorzurücken.
Meist werden beide Methoden miteinander kombiniert. Erst wenn die Bauern zuverlässig gebremst sind, kann man nach Wegen suchen, die lästigen Widersacher zu vernichten.
Ein starkes Bauernzentrum vereitelt gewöhnlich alle Versuche des Verteidigers, Gegenspiel auf den Flügeln zu erlangen. Seine ganze Aufmerksamkeit hat den feindlichen Bauern im Zentrum zu gelten, die er nicht einen Augenblick ohne Aufsicht lassen darf. Derartige Stellungen sind deshalb in der Regel durch ein Spiel in der Brettmitte gekennzeichnet. Genauso wie der Verteidiger verpflichtet ist, die Bauern ständig zu beobachten und zu zügeln, muss sich selbstverständlich auch ihr Besitzer voll auf sie konzentrieren. Schon die geringste Unachtsamkeit kann dazu führen, dass der Gegner das Zentrum zerschlägt und damit alle hochgeschraubten Erwartungen durchkreuzt.


Nimzowitsch-Indische Verteidigung
Kotow - Unzicker
Saltsjöbaden 1952

1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 d5 5. a3 L:c3+ 6. bc c5 7. cd ed 8. Ld3 00 9. Se2 b6
- Eine problemreiche Variante der Nimzowitsch-Indischen Verteidigung. Schwarz hat dem Gegner gestattet, sich im Zentrum eine aussichtsreiche Bauernstellung zu verschaffen - nach dem Vorbereitungszug f2 - f3 und entsprechender Figurenunterstützung wird Weiss schon bald den wichtigen Vorstoss e3 - e4 verwirklichen.
- Die Aufgabe des Nachziehenden ist klar: Er muss seine Kräfte so aufbauen, dass sie dem Ansturm der feindlichen Infanterie gerüstet gegenüberstehen. Dies ist nicht leicht und erfordert ein tiefes Eindringen in das Wesen der Stellung.
11. 0 - 0 Lc8 - a6
11. Ld3 x a6 Sb8 x a6
12. f2 - f3
Der Beginn des Marsches des weissen Bauern e3 nach e5, von wo er weiter vorzurücken und der gegnerischen Stellung einen ernsthaften Schlag zu versetzen droht. Im Gefolge des Bauern e5 wird auch sein Nachbar, der Bauer f3, bemüht sein, bis f5 vorzudringen, wonach mit f5 - f6 der entscheidende Schlag am Königsflügel geführt werden kann. Unzicker muss jetzt eine gute Methode finden, dem Vorgehen des weissen Mittelbauern zu begegnen.
12. ... Sa6 - b8
Der Springer strebt nach c6. Mehr Möglichkeiten, auf das weisse Zentrum einzuwirken, eröffnete jedoch das Manöver Sa6 - c7 - e6.



13. Dd1 - d3 Tf8 - e8
14. Se2 - g3 Sb8 - c6
15. Lc1 - b2 Ta8 - c8
16. Ta1 - e1 h7 - h6
Unzicker beabsichtigt, den Springer f6 nach h7 zu bringen, schwächt indes zu sehr den Königsflügel. Notwendig war, sich auf einen Verteidigungsplan zu orientieren, der von folgenden Hauptanliegen der Stellung ausging: erstens auf keinen Fall dem Läufer b2 die Diagonale a1 - h8 zu öffnen und zweitens den Vorstössen e3 - e4 - e5 und f3 - f4 unbedingt den Zug f7 - f5 entgegenzusetzen. Aufmerksamkeit verdiente 16. ... c4 mit der etwaigen Folge 17. Dc2 b5 18. e4 g6 19. e5 Sd7 20. f4 f5
17. e3 - e4 c5 x d4
18. c3 x d4 d5 x e4
19. f3 x e4 Sc6 - e5
20. Dd3 - d1 Se5 - c4
21. Lb2 - c1! ...
Die weissen Zentrumsbauern haben ideale Positionen bezogen und drohen mit entscheidender Wirkung vorzurücken: Nachdem der Springer f6 vertrieben ist, kann Weiss mittels Sg3 - f5 und Dd1 - g4 matt drohen bzw. einen unwiderstehlichen Angriff der Türme auf den Punkt g7 organisieren. Unzicker hat die Möglichkeit verpasst, die weissen Bauern aufzuhalten und wird sogleich dafür bestraft.
21. ... Sf6 - h7
22. e4 - e5 Te8 - e6
23. Te1 - e4! ...
Weiss lässt sich mit den Aktionen am Königsflügel Zeit. Das Zentrum befindet sich in seiner Hand, der Gegner kann nichts Wesentliches unternehmen und muss abwarten. Die schwarze Stellung ist strategisch verloren.
23. ... Sh7 - f8
24. Sg3 - f5 Kg8 - h8
25. Dd1 - h5 Tc8 - c7
26. Te4 - h4 ...
Es erhebt sich nunmehr die Frage, ob Weiss das entscheidende Opfer auf g7 oder h6 anbringen soll.
26. ... Sf8 - h7
27. Sf5 x g7!
Die Variantenberechnung ergab, dass das Opfer auf g7 am schnellsten zum Ziel führt. Der Leser möge beachten, wie hilflos Schwarz war, nachdem er die Bildung eines machtvollen weissen Bauernzentrums zugelassen hatte.
27. ... Kh8 x g7
28. Lc1 x h6+ Kg7 - g6
Oder 28. ... Kh8 29. T:f7.
29. Th4 - g4+ Te6 - g6
30. e5 - e6!
Schwarz gab auf.

Festgelegtes Zentrum

Im Abschnitt, der dem geschlossenen Zentrum gewidmet war, haben wir untersucht, wie sich die Bauern beider Parteien verschachtelten, lange Ketten bildeten und den Figuren dadurch völlig den Weg versperrten. Desweiteren lernten wir Partien mit offenem Zentrum kennen, wo den Figuren viel Raum zur Verfügung stand. Es gibt im Schach indes auch Stellungen eines Zwischentyps, in denen Elemente eines geschlossenen und eines offenen Zentrums vorhanden sind.
* Mitunter, wiederum im Ergebnis der Eröffnung oder von Abtauschoperationen, verschwindet im Zentrum das eine oder andere weiss-schwarze Bauernpaar vom Brett, und es verbleiben dort letztlich nur zwei Bauern, die sich einander gegenüberstehen. Ein solches Zentrum bezeichnen wir als festgelegt. Das Spiel nimmt in diesem Fall einen besonderen Charakter an. In der Brettmitte ergeben sich offene Linien, um die ein scharfer Kampf entbrennt, und Diagonalen spielen ebenfalls eine gewisse Rolle. Zugleich wirken aber auch Elemente eines geschlossenen Zentrums, da die das Zentrum blockierenden Bauern in bedeutendem Maße die Aktionen der eigenen und gegnerischen Figuren beeinträchtigen.
Obwohl die beiderseitigen Pläne in Stellungen mit festgelegtem Zentrum keine scharf ausgeprägten Besonderheiten aufweisen, wollen wir dennoch die Prinzipien andeuten, von denen sich die Spieler in derartigen Situationen leiten lassen müssen.

Der aktive Plan

Worin kann ein Vorteil in Stellungen mit festgelegtem Zentrum zum Ausdruck kommen?
Zunächst im Besitz einer offenen Mittellinie und vor allem in der Okkupierung von Stützpunkten auf diesen Linien. Um diese Vorposten wird auch der eigentliche Kampf geführt. Die festgelegten Bauern schaffen im Zentrum Felder, auf denen wir ungehindert eine Figur, meist einen Springer, etablieren können. Wenn sich auf der Nachbarlinie kein gegnerischer Bauer befindet, ist die Besitzergreifung eines solchen Feldes dauerhaft - der Gegner kann unsere Figur nicht durch einen Bauern vertreiben. Die aktiven Handlungen des Angreifers bestehen im Folgenden darin, auf derartige Vorposten mit Figuren einzuwirken, im Schutz der vorgeschobenen Figuren die Türme zu verdoppeln und dann den entscheidenden Schlag zu führen.
Weshalb ist eine so ungehinderte Verstärkung der eigenen Stellung möglich?
Vor allem deshalb, weil der Gegner eine vorgeschobene Figur in den meisten Fällen nicht abtauschen darf, ohne einen schwachen isolierten Bauern zu erhalten, der sofort in das Feuer der im Zentrum stehenden angreifenden Figuren geriete. Deshalb muss er den feindlichen Vorposten wohl oder übel dulden und abwarten, was weiter geschieht.

Der Verteidigungsplan

Die Verteidigung ist in derartigen Stellungen nicht leicht. Wie schon gesagt, ist ein Abtausch für den Verteidiger wenig nützlich, und trotzdem hat er seine Aufgabe darin zu sehen, den in sein Lager eingedrungenen gefährlichen Fremdling bei der ersten besten Gelegenheit zu vernichten. Der Abtausch einer vorgeschobenen Figur ist in Stellungen mit festgelegtem Zentrum eine Hauptmethode der Verteidigung.
Sollte es jedoch aus diesem oder jenem Grunde nicht möglich sein, den gegnerischen Vorposten zu schlagen, heisst es, sich auf Abwehrmaßnahmen zu beschränken. Diese Art der Verteidigung ist sehr kompliziert. Bei passivem Widerstand liefern wir uns dem Gegner völlig aus und können nichts anderes tun, als seinen entscheidenden Schlag abzuwarten.
Nur in seltenen Fällen bietet sich die Möglichkeit, auf der gleichen oder einer anderen Linie selbst einen gedeckten Vorposten zu errichten. Dies erleichtert die Verteidigung wesentlich.

Nimzowitsch-Indische Verteidigung
Stolberg - Botwinnik
Moskau 1940
1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sc3 Lb4 4. e3 00 5. Ld3 d5 6. Se2
Da Schwarz bereits d7 - d5 gespielt hat, wäre es besser gewesen, den Springer nach f3 zu entwickeln.
6. ... c7 - c5
7. 0 - 0 Sb8 - c6
8. c4 x d5 e6 x d5
9. a2 - a3 c5 x d4
10. e3 x d4 Lb4 - d6
- Die Stellung in der Brettmitte hat sich geklärt. Die Bauern d4 und d5 stehen einander gegenüber und bilden ein festgelegtes Zentrum. Auf dem Brett sind zwei offene Linien entstanden, um die natürlich die Hauptkämpfe entbrennen werden. Für Weiss bieten sich auf diesen offenen Linien die Stützpunkte e5 und c5 an, Schwarz verfügt entsprechend über die Felder e4 und c4. Wem es gelingt, diese wichtigen Vorposten als erster zu besetzen, wird sich damit auch ein positionelles Übergewicht sichern.
11. h2 - h3 ...
In der Absicht, den Läufer nach g5 zu führen, was im Augenblick an 11. ... L:h2+ und 12. ... Sg4+ scheiterte. Der Zug schwächt jedoch merklich den weissen Königsflügel und wird noch unangenehme Folgen haben. Besser war daher 11. lf4, wonach die Stellung im Gleichgewicht blieb.
11. ... h7 - h6
12. b2 - b4 ...
Auch dieser Bauernvorstoss ist nutzlos. Mit 12. Lc3, 13. Dd3 und 14. Lf4 hätte Stolberg gute Aussichten behalten, während die Initiative nun allmählich an Schwarz übergeht.
12. ... Tf8 - e8
13. Dd1 - b3 Lc8 - e6
14. Lc1 - d2 Dd8 - d7!
Um mit Hilfe des Opfers 15. ... L:h3! die Schwächung des weissen Königsflügels auszunutzen.
15. f2 - f4 ...
Einen solchen Zug muss man schon als positionellen Selbstmord werten. Um den Fehler zu bestrafen, bedurfte es allerdings der hohen Meisterschaft des Gegners. Das Opfer auf h3 war am besten durch 15. Sa4 zu verhindern (15. ... L:h3? 16. gh D:h3 17. Lh7+), womit der Springer c3 zugleich auf das starke Feld c5 gebracht würde. Jetzt erreicht Botwinnik mit eiserner Systematik eine entscheidende Schwächung des zentralen Schlüsselfeldes e4.
15. ... Le6 - f5!
Zunächst ist es notwendig, den Läufer d3 zu beseitigen, der das Feld e4 verteidigt. Überhaupt liegt es im Interesse von Schwarz, soviel gegnerische Figuren wie möglich abzutauschen, die den Kampf um das Feld e4 beeinflussen. Sieht Weiss wie in der Partie vom Tausch auf f5 ab, stellt Schwarz den Läufer nach e4, von wo dieser den Angriff all seiner Abteilungen dirigiert.
16. Db3 - c2 Lf5 - e4
17. b4 - b5 ...
Noch eine Ungenauigkeit, die auf einen Rechenfehler zurückgeht. Weiss gestattet dem Gegner, den Springer nach c4 zu führen und überlässt ihm so auch den Schlüsselpunkt auf der offenen c-Linie. Vorsichtiger war 17. Tad1.
17. ... Le4 x d3
18. Dc2 x d3 Sc6 - a5
19. Se2 - g3 ...
Weiss versucht, das auf e4 klaffende Loch zu stopfen. Er bemerkte offenbar erst jetzt, dass er nicht 19. S:d5 ziehen darf, weil Schwarz durch 19. ... S:d5 20. L:a5 Te3 ein gewaltiges positionelles Übergewicht bekäme.
19. ... Sa5 - c4
20. Ld2 - c1 Ta8 - c8
21. Ta1 - a2 Ld6 - f8
22. a3 - a4 Lf8 - b4
- Beachten Sie, mit welcher Beharrlichkeit Botwinnik jede gegnerische Figur ausschaltet, die das Feld e4 angreift!
Weiss beschliesst, den Springer zu behalten, aber auch dadurch wird die Einwirkung auf das Feld e4 um eine Figur reduziert.
23. Sc3 - d1 Sf6 - e4
* Eine Idealstellung bei festgelegtem Zentrum. Schwarz hat beide offenen Linien mit Türmen besetzt und auf ihnen Springer befestigt. Zwar gelingt es Stolberg, den Abtausch des Springers e4 zu erzwingen, doch tritt an dessen Platz mit nicht geringerer Wirksamkeit ein schwarzer Turm.
24. f4 - f5 Se4 x g3
25. Dd3 x g3 Lb4 - d6
26. Dg3 - f3 Ld6 - e7
Dieses Manöver ist erforderlich, um den gefährlichen Bauernzug f5 - f6 zu verhindern.
27. Df3 - g3 Le7 - f6
28. Lc1 x h6 Lf6 x d4+
29. Kg1 - h1 f7 - f6!
Der weisse Angriff ist abgeschlagen, und Schwarz dominiert uneingeschränkt im Zentrum. Mit dem letzten Zug nahm er auch noch das Feld e5 in Besitz. Botwinniks Strategie hat einen vollen Triumph davongetragen.
30. Lh6 - c1 Te8 - e4
31. Dg3 - d3 Sc4 - e5
32. Dd3 - b1 Tc8 - c4
- Ein malerisches Bild. Im Zentrum sind ausschliesslich schwarze Figuren aufmarschiert. Einer derart aktiven und geschlossenen Kräftekonzentration vermag Weiss nichts entgegenzusetzen.
33. a4 - a5 Ld4 - c5
34. b5 - b6 a7 - a6
35. Sd1 - b2 Tc4 - c3
36. Lc1 - d2 Tc3 - b3
37. Db1 - c2 Dd7 - b5
38. Tf1 - c1 Lc5 - f8
Die vorbereitenden Manöver der schwarzen Figuren haben nur ein Ziel - den entscheidenden Schlag am Königsflügel so wirksam wie möglich zu gestalten. Die zurückgeworfenen, jeglichen Stützpunkt im Zentrum entbehrenden weissen Figuren können keinerlei Widerstand leisten.
- Schwarz hat die Vorteile eines festgelegten Zentrums strategisch richtig ausgenutzt und das hat ihm im Grunde genommen ohne grosse Komplikationen den Sieg gebracht.
39. Tc1 - d1 Te4 - e2
40. Dc2 - c1 Tb3 x h3+!
Diese elementare Kombination beendet den Kampf am schnellsten.
41. g2 x h3 d5 - d4
Weiss gab auf. Gegen ein Schachgebot der schwarzen Dame auf der Diagonale h1 - a8 ist nichts zu erfinden.



Spannung im Zentrum

Einen solchen Zustand im Zentrum kann man auch als unausgereift bezeichnen, da noch nicht klar ist, welche Struktur die Mittelbauern schliesslich annehmen werden. Er ist in der Praxis am häufigsten zu beobachten: In den meisten Eröffnungen bleibt das Zentrum nach den Anfangszügen unausgereift, und erst im weiteren Verlauf des Kampfes bildet sich in der Brettmitte eine der bereits besprochenen Bauernstrukturen heraus.
* Bei ungeklärten Verhältnissen im Zentrum gestaltet sich das Spiel besonders schwierig, weil man unablässig darüber wachen muss, keine dem Gegner genehme Struktur zuzulassen. Kampf um eine vorteilhafte Zentrumsstruktur - das ist das Ziel aller Manöver bei einer unausgereiften Bauernstellung. Ein direkter Unterschied zwischen aktivem und Verteidigungsplan lässt sich in diesem Fall kaum nachweisen.

Der aktive Plan

Die Partei, die über die Initiative verfügt, muss solche Manöver anwenden, die den Gegner zwingen, sich mit einer für die aktive Seite günstigen Zentrumsstruktur abzufinden. Der Gegner wird natürlich alles in seinen Kräften Stehende tun, um das Schlimmste zu verhindern, und versuchen, eine für ihn mehr oder weniger erträgliche Struktur herbeizuführen. In diesem Fall hat der Angreifer zu entscheiden, ob er mehr erreichen oder sich mit der vom Verteidiger angebotenen Zentrumsstellung zufriedengeben will.

Der Verteidigungsplan

Entsprechend den Absichten des Angreifers sind auch die Abwehrmassnahmen festzulegen. Der Verteidiger hat bis zuletzt einer für ihn ungünstigen Struktur auszuweichen. Besitzt er zum Beispiel einen Springer, der Gegner indes einen Läufer, muss er - selbst wenn seine Stellung andere Nachteile aufweist - ein geschlossenes Zentrum anstreben, bei dem die Aussichten des Springers grösser sind als in offener Feldschlacht.
Der Verteidiger hat in Stellungen mit einem unausgereiften Zentrum einen besonders schweren Stand, weil es gerade hier kompliziert ist, dem Willen des Gegners untergeordnet zu sein und aufmerksam alle seine Drohungen zu parieren.

Es kommt vor, dass eine Partei ohne die Klärung der Bauernstruktur im Zentrum abzuwarten, einen Flankenangriff beginnt. Dies setzt ein besonders sorgfältiges Studium der Stellung voraus, muss doch ein Gegenschlag in der Brettmitte einkalkuliert werden, der für den Angreifer verderbliche Folgen haben könnte.
* Angesichts der alten Weisheit "Ein Gegenschlag im Zentrum ist die beste Erwiderung auf einen Flankenangriff" hat jeder, der Angriffszüge an einem Flügel plant, zunächst eingehend die Möglichkeiten eines Gegenspiels im Zentrum zu untersuchen.
Viele bekannte Grossmeister- und Meisterpartien wurden gerade beim Übergang von einem unausgereiften Zentrum zu einer der behandelten strategischen Bauernstrukturen entschieden. Hier kann man leicht einen Fehler machen, und andererseits kann eine richtige Entscheidung sofort Früchte tragen. Es ist deshalb notwendig, die Stellung ernsthaft zu durchdenken, bevor man die Zentrumsposition in dieser oder jener Weise verändert. Dafür Leitsätze zu formulieren ist schwer. Ob der gewählte Weg richtig ist, hängt von der Erfahrung und dem Talent des Spielers, vor allem aber auch hier von einer exakten Berücksichtigung der Stellungsfaktoren ab. Sind unsere Türme schlecht postiert, werden wir auf gar keinen Fall die Stellung öffnen, sondern sie im Gegenteil abriegeln.

Spanische Partie
Boleslawski - Keres
Zürich 1953
1. e4 e5 2. Sf3 Sc6 3. Lb5 a6 4. La4 Sf6 5. 0 - 0 Le7 6. Te1 b5 7. Lb3 0 - 0 8. c3 d6 9. h3 Sa5 10. Lc2 c5 11. d4
* Im Ergebnis der ersten Züge hat sich ein unausgereiftes Zentrum herausgebildet. Jeden Augenblick kann Weiss die Bauernstellung schliessen - dazu braucht er nur d4 - d5 zu ziehen - oder durch Tausch auf e5 bzw. c5 festlegen. Tatsächlich kommt es jedoch schon bald zu einer ganz anderen Lösung.
11. ... Dd8 - c7
12. Sb1 - d2 Tf8 - d8
13. Sd2 - f1 d6 - d5
* Ohne darauf zu warten, dass der Gegner die Bauernstruktur bereinigt, ergreift Keres als erster die Initiative. Mit seinen letzten Zügen hat er den aktiven Vorstoss des d-Bauern vorbereitet, und nun entbrennt in der Brettmitte ein heftiger Kampf.
14. e4 x d5
Später fanden die Theoretiker, dass Weiss mittels 14. de de 15. S1d2! merklichen Vorteil erzielen konnte, z.B. 15. ... ef 16. ef L:f6 17. D:f3 Le6 18. Se4. Keres musste deshalb, bevor er den Bauern nach d5 vorrückte, zunächst 13. ... cd spielen.
14. ... e5 x d4
15. c3 x d4 Sf6 x d5
16. Dd1 - e2 Lc8 - b7
17. Sf1 - g3 c5 x d4
18. Sf3 x d4
* Im Zentrum sind bedeutsame Veränderungen vor sich gegangen: Soeben war es noch durch weisse und schwarze Bauern verstellt, jetzt hingegen ist es wie leergefegt.
Der weitere Partieverlauf zeigt, dass Schwarz nicht umsonst die Spannung aufgehoben und ein offenes Zentrum herbeigeführt hat. Seine weitreichenden Figuren erhielten dadurch einen grossen Aktionsradius und werden rasch einen starken Druck auf die gegnerische Stellung ausüben. Eine richtige Lösung bei der Umwandlung des Zentrums gab Keres somit die Möglichkeit, sofort entscheidenden Positionsvorteil zu erlangen.
18. ... g7 - g6!
Schwarz nimmt gleich zwei weissen Springern das Feld f5 und macht alle Hoffnungen des Gegners auf einen Angriff am Königsflügel zunichte. Weiss stand hier das komplizierte und schwer zu berechnende Springeropfer 19. Sdf5 zur Verfügung. Boleslawski kann sich zu dieser an Verzweiflung grenzenden Fortsetzung nicht entschliessen und gerät allmählich in einen Angriff aller schwarzen Figuren.
19. Lc1 - h6 Le7 - f6
20. Sd4 - b3
Nach 20. Tad1 Sf4! bekommt Schwarz ein mächtiges Läuferpaar und die wesentlich bessere Stellung. Aber auch jetzt sichert er sich durch Doppelangriff auf den Bauern b2 ein materielles Übergewicht. Wir möchten den Leser nochmals darauf hinweisen, wie schnell die richtige Lösung des Zentrumsproblems Schwarz den Erfolg brachte.
20. ... Sa5 - c4
21. Sg3 - e4 Lf6 x b2
22. Sb3 - c5
Weiss hofft, durch ein Qualitätsopfer Verwicklungen schaffen und die Schwäche der schwarzen Felder am Königsflügel ausnutzen zu können. Keres hat jedoch alle Varianten genau berechnet und wehrt die harmlosen Drohungen des Gegners leicht ab.
22. ... Lb2 x a1
23. Te1 x a1 f7 - f5!
Die Stärke des Zuges ist nicht allein darin zu sehen, dass er das Feld g7 verteidigt; er erzwingt vor allem Abtausch und eine Vereinfachung der Stellung.
24. Sc5 x b7 ...
Oder 24. De6 De5. Schlecht ist auch 24. Sg5 wegen 24. ... Sf4.
24. ... Dc7 x b7
25. Se4 - c5 Db7 - c6
26. Sc5 - d3 Sd5 - c3
27. De2 - e1 Dc6 - f6
Schwarz ist nicht nur materiell im Vorteil, seine Figuren stehen obendrein äusserst aktiv. Der Kampf ist bereits entschieden und weiterer Widerstand nutzlos.
28. f2 - f4 Sc3 - e4!
Umgeht eine letzte Falle:
28. ... T:d3? 29. L:d3 Dd4+ 30. Kh1 D:d3 31. De6+
29. Kg1 - h2 Df6 - c3
30. De1 - b1 Sc4 - d2
31. Db1 - c1 Td8 x d3!
32. Lc2 x d3 Dc3 x d3
33. Dc1 - c7 Sd2 - f3+!
Weiss gab auf.
* In der soeben untersuchten Partie erlangte Schwarz durch richtige Lösung des Zentrumsproblems ein entscheidendes Übergewicht. Bei unausgereifter Bauernstruktur entschloss er sich, das Spiel in eine Stellung mit offenem Zentrum zu lenken, was sofort eine erhebliche Aktivierung seiner Figuren bewirkte.

Quelle: Alexander Kotow, Ohne Bauern läuft nichts, Sportverlag Berlin 1992

Kleine Historie der Schacholympiaden...

Am 20. Juli 1924 wurde in Paris die FIDE (Federation Internationale des Echecs = Weltschachverband) gegründet, die internationale Körperschaft, die die nationalen Verbände leitet. Der Wahlspruch: "gens una sumus" - wir sind eine Familie! Zum ersten Präsidenten wurde der Niederländer Alexander Rueb gewählt, der dieses Amt bis 1949 ausübte.
Die erste Schacholympiade im Sommer 1924 in Paris wurde späterhin als inoffiziell geführt, u.a. war sie noch nicht von der FIDE, sondern vom Französischen Schachbund organisiert worden. Die (mir) bekanntesten Teilnehmer waren Edgar Colle und Max Euwe. Offiziell nannte sich diese Veranstaltung "Tournoi International d`Amateurs" und war nur für Amateure zugelassen. Sieger wurde die tschechische Mannschaft, bei 54 teilnehmenden Spielern und 18 Mannschaften; ohne Deutschland.
Im Juli 1926 fand in Budapest eine zweite inoffizielle Schacholympiade statt, mit nur vier Mannschaften und einer "aus finanziellen Gründen ungemein schwachen deutschen Mannschaft" (Wiener Schachzeitung 15/1926) auf dem vierten Platz. Auf dem vom 15. - 17. Juli in Budapest tagenden FIDE-Kongress wurde Deutschland in den Weltschachverband aufgenommen.

1. Schacholympiade London 1927

Die Mannschaftskämpfe in London wurden an vier Brettern abgehalten; es war den Nationalmannschaften freigestellt, zusätzlich einen gleichberechtigten Ersatzmann zu nominieren - vom Veranstalter waren vier Spieler eingeladen, während für einen zusätzlichen Mann die Kosten selbst übernommen werden mussten. Zwar fehlten in London die (Ex- ) Weltmeister Lasker, Capablanca und Aljechin; aber mit Euwe, Grünfeld, Maroczy, Reti und Tarrasch war durchaus eine Auswahl der damals stärksten Spieler dabei, mit 16 Ländern fast alle damaligen FIDE-Mitgliedsstaaten. Die Schacholympiade wurde von 18. - 29. Juli gespielt, also an 11 Tagen 15 Runden, was zu zahlreichen Hängepartien führte. Erst in Helsinki 1952 ging man dazu über, grundsätzlich nur noch eine Partie pro Tag zu spielen...
Überaus kurios verlief die Partie Palau (Argentinien) - Kalabar (Jugoslawien): 1. d4 Sf6 2. c4 e6 3. Sf3 Lb4+ 4. Ld2 Ke7 5. Lb4:+ 1 : 0... Im 4. Zug hatte Kalabar König und Dame verwechselt, was er erst merkte, als er 5. ... Kb4: spielen wollte. Darauf wäre aber 6. Db3+ Ka5 7. Db5 denkbar... Deutschland erlangte den siebten Platz; bester deutscher Einzelspieler wurde C. Carls mit 9,5 aus 15 Punkten, vor Tarrasch, Mieses und Wagner.

2. Schacholympiade Den Haag 1928

In Den Haag durften nur Amateure teilnehmen, was dieser Olympiade weitgehend die Attraktivität raubte... Deutschlands Mannschaft erreichte den zehnten Platz bei 17 teilnehmenden Ländern, Sieger wurde Ungarn.

3. Schacholympiade Hamburg 1930

Aus Anlass seines hundertjährigen Jubiläums hatte der Hamburger Schachklub die Austragung übernommen, eine grosse Leistung angesichts der damaligen wirtschaftlichen Lage in Deutschland, der Inflation. Teilnehmer wie Aljechin, Rubinstein, Tartakower, Maroczy und Frank Marshall sorgten für weltweites Interesse. Deutschland erreichte mit H. Ahues, F. Sämisch, C. Carls, K. Richter und H. Wagner den dritten Platz hinter Polen und Ungarn.

4. Schacholympiade Prag 1931

Anlässlich seines 25jährigen Bestehens übernahm der Tschechoslowakische Schachverband die Ausrichtung der 4. Schacholympiade - 18 Partien in 15 Tagen pro Spieler, bei 19 Mannschaften.
Deutschland hatte seine Mannschaft vom Vorjahr mit Jefim Bogoljubow verstärkt, und die Österreicher kürten sich mit Grünfeld, Spielmann, Kmoch, Becker und Lokvenc schon im Vorfeld zum Favoriten... Aber ein "brutaler Faustschlag des Schicksals" (Alfred Brinckmann in den "Deutschen Schachblättern" 15/1931) liess Deutschland auf den 5. Platz abrutschen, nach einer 0,5 - 3,5 Niederlage gegen England. Österreich unterlag gegen Lettland, Ungarn und die Tschechoslowakei, fand sich sodann auf dem achten Platz wieder... im deutschen Team stellte Kurt Richter seine überragenden taktischen Fähigkeiten unter Beweis.
Sieger wurden die USA, Polen und die Tschechosöowakei mit Salo Flohr am ersten Brett.

5. Schacholympiade Folkestone 1933

Das Seebad Folkestone unweit von Dover ist erst seit der Fertigstellung des Eurotunnels zwischen Frankreich und England etwas bekannter, da dieser in Folkestone endet... Mit 15 Teilnehmerländern war diese Schacholympiade unterbesetzt. Die USA wurden erneut Sieger, gefolgt von Deutschland und der Tschechoslowakei. Deutschland war dem Ausschluss aus der FIDE wegen des Arierparagraphen durch eigenständigen Rücktritt zuvorgekommen und nahm nicht teil.

6. Schacholympiade Warschau 1935

Diese Schacholympiade sah die USA zum drittenmal in Folge als Sieger, mit Arthur Drake an Brett 4 mit 15,5 von 18 möglichen Punkten der beste Einzelspieler. Der 18jährige Paul Keres erlangte für Estland mit 12,5 von 19 bei drei Remis erstes Ansehen auf der Turnierarena. Deutschland fehlte auch in Warschau; ein Antrag des Grossdeutschen Schachbundes auf Aufnahme in die FIDE wurde abgelehnt. Die Einladung zu einer inoffiziellen Schacholympiade 1936 in München wurde hingegen mit 10 : 3 dergestalt entschieden, den FIDE- Mitgliedsstaaten Annahme oder Ablehnung der Einladung freizustellen... Gespielt wurde in einem Warschauer Offizierskasino, die Teilnehmer waren im Hotel Sejmowy untergebracht, das ansonsten für Abgeordnete bestimmt war.

Inoffizielle Schacholympiade München 1936

An der Schacholympiade in München beteiligten sich 21 Nationen, neben den skandinavischen und baltischen Staaten z.B. auch Brasilien mit Trompowsky... Zeitgleich fand in Nottingham ein Gegenturnier mit geteiltem Sieg von Botwinnik und Capablanca statt, vor Euwe, Fine und Reshevsky, weiter u.a. Aljechin, Flohr und Lasker. Der prominenteste Förderer der Olympiade in München war wohl der Reichsminister Hans Frank... "Annähernd 3.000 Schachkameraden aus allen Teilen Deutschlands haben sich für die Sonderzüge gemeldet, die aus 4 Richtungen zur Kampfstätte fahren werden." (Deutsche Schachblätter 15/1936) Erstmals wurde in einer Nachbarhalle des Spiellokals mit Demonstrationsbrettern für die Zuschauer analysiert. In München bestand eine Mannschaft aus zehn Spielern, von denen pro Runde acht zum Einsatz kamen. Gespielt wurde täglich von 9 - 13 Uhr und von 15 - 19 Uhr... Im Schnitt hatten die Spieler an zwei Tagen drei Partien zu bewältigen - es kam zu einer riesigen Anzahl an Hängepartien. Von Deutschland wurde allgemein der Gewinn der Goldmedaille erwartet, die Mannschaft war von Jefim Bogoljubow und Willi Schlage über ein Jahr in Trainingslagern vorbereitet worden. Stattdessen siegte die ungarische Mannschaft mit Maroczy, Havasi und Szabo (bestes Einzelresultat), gefolgt von Polen mit Najdorf und Friedmann. Deutschland mit Kurt Richter am Spitzenbrett erlangte die Goldmedaille.
Die zwei Bände mit den Partien dieser Schacholympiade, vom genialen Angriffsspieler Kurt Richter hervorragend kommentiert, sind inzwischen bei der Edition OLMS in Buchform erschienen...

7. Schacholympiade Stockholm 1937

Auch bei dieser Schacholympiade triumphierten wieder die USA; gefolgt von Ungarn. Der geteilte 3./ 4.Platz sah neben Polen überraschend Argentinien mit C. Guimard und I. Pleci vorn... Die FIDE wollte den Sieger des Turniers, Salo Flohr, nicht als rechtmässigen Herausforderer des Weltmeisters Max Euwe akzeptieren (vorausgesetzt, dieser hätte den Revanchekampf gegen Aljechin gewonnen), auch in Stockholm gab es Krach zwischen der FIDE und den Spielern... Dr. Alexander Rueb als Vertreter der FIDE wollte willkürlich Capablanca als Herausforderer von Dr. Euwe bestimmen. Euwe wiederum erklärte sich bereit, ggfs. 1993 gegen Capablanca zu spielen, der wiederum 1940 gegen Flohr antreten sollte... die erneute Weltmeisterschaft Aljechins machte diese ganzen Pläne dann aber zunichte.

8. Schacholympiade Buenos Aires 1939

Diese Schacholympiade vom 24.8. bis zum 19.9.1939 war vom Ausbruch des Zweiten Weltkriegs überschattet... neben der Teilnahme von Staaten wie Chile, Kuba, Brasilien ist eine Mannschaft "Böhmen und Mähren" ähnlich bemerkenswert wie "Palästina". England trat noch vor Beginn der Finalrunde zurück... Sieger wurde Deutschland mit den Spielern E. Eliskases (Österreicher), P. Michel, L. Engels, A. Becker (Österreicher) und H. Reinhardt, vor Polen und Estland. In einer Finalrunde B mit Island auf Platz 16 spielten sechs weitere lateinamerikanische Staaten um den "Copa Argentina" - Verlierer wurde Paraguay auf Platz 26. Mit den USA und Ungarn fehlten hingegen die Erstplatzierten von Stockholm...
Politische Auseinandersetzungen führten zum Ausfall von sechs Begegnungen, die dann 2 : 2 gewetet wurden. Die deutsche Mannschaft fürchtete, auf der Heimreise der britischen Marine in die Hände zu fallen, und kehrte auch nach Kriegsende nicht zurück. Auch der Pole Najdorf blieb in Argentinien...

9. Schacholympiade Dubrovnik 1950

Stärkster Spieler in Dubrovnik an Brett 1 war Miguel Najdorf für Argentinien, gefolgt von Wolfgang Unzicker für die BRD. Die Olympiade vom 20.8. bis 10.9.1950 fand unter denkbar ungünstigen klimatischen Verhältnissen statt, mit Temperaturen bis 45°C im Schatten. Die bundesdeutsche Mannschaft hatte mit Visaproblemen zu kämpfen, Lothar Schmidt war erst zwei Tage nach Beginn vor Ort und fehlte dadurch beim wichtigen Auftaktmatch gegen Jugoslawien. Jugoslawien errang die Goldmedaille, gefolgt von Argentinien und der BRD, die USA gelangten nur auf Platz 4.

10. Schacholympiade Helsinki 1952

In Helsinki trat die UdSSR an und errang mit Keres, Smyslow, Bronstein, Geller, Boleslawski und Kotow die Goldmedaille; gefolgt von Argentinien und Jugoslawien. Die BRD errang ohne Unzicker nur den 8.Platz, die DDR schaffte ohne Ersatzspieler (!) den 13. Platz. Der Idee, die Schacholympiade in die Olympischen Sommerspiele zu integrieren, war nie besonderer Erfolg beschieden - in Helsinki fand die Schacholympiade aber unmittelbar im Anschluss und an gleicher Stelle wie die Sommerspiele statt. 25 Teilnehmerstaaten führten wieder zur Qualifikation über Vorrundengruppen.

11. Schacholympiade Amsterdam 1954

Ursprünglich sollte diese Schacholympiade am 1.9. in Buenos Aires stattfinden; die Argentinier waren aber aus finanziellen Gründen sechs Wochen vor Beginn gezwungen, die Ausrichtung der Olympiade an die FIDE zurückzugeben. Zwei Tage später erklärte die "Stichting voor Internationale Schaaktraditie van Amsterdam" mit Rückendeckung des Königlich Niederländischen Schachbundes, die Ausrichtung zu übernehmen, die Übernahme der Unterbringungskosten, aber nicht der Reisekosten - bis auf die USA waren dennoch alle Spitzenteams in Amsterdam dabei. Die UdSSR trat mit Botwinnik am ersten Brett an und errang Gold, gefolgt von Argentinien und Jugoslawien. Die BRD erreichte Platz 5, im B-Finale erreichte das Saarland Platz 22 direkt hinter Frankreich...

12. Schacholympiade Moskau 1956

Das beste Einzelresultat am ersten Brett erreichte Bent Larsen für Dänemark. Die UdSSR gewann erwartungsgemäss Gold, mit Ausnahme von Taimanow weitestgehend in der selben Mannschaftsaufstellung wie 1954; gefolgt von Jugoslawien und Ungarn. Die BRD erreichte den fünften Platz mit Unzicker am ersten Brett; der DDR mit Wolfgang Uhlmann am Spitzenbrett gelang nur der zwanzigste Platz, das Saarland Platz 26 (letztmalig angetreten).

13. Schacholympiade München 1958

Anlässlich ihrer 800-Jahr-Feier übernahm die Stadt München die Ausrichtung 1958. Unter den 36 Nationalmannschaften befanden sich mit Tunesien und Südafrika erstmals auch zwei afrikanische Staaten, seit 1952 waren auch erstmals die USA wieder dabei. Die Sowjetunion - wieder Sieger - trat nun mit Botwinnik, Smyslow, Keres, Bronstein, M.Tal und Tigran Petrosjan an. Jugoslawien erreichte den zweiten, Argentinien den dritten Platz. Die DDR hingegen kam auf den sechsten Platz, die BRD auf den siebten.

14. Schacholympiade Leipzig 1960

Die Besucherzahl von 75.364 zeigt, wie populär Schach in der DDR vor dem segensreichen Westfernsehempfang noch war - Fahrt- und Übernachtungskosten machten einen Besuch in Leipzig einfach. Die Kiebitze hatten u.a. die Möglichkeit, eine Schachbriefmarken- Ausstellung zu besuchen... Sieger war wieder die UdSSR, in der Aufstellung M.Tal, M.Botwinnik, P.Keres, V. Kortschnoj, W.Smyslow und T.Petrosjan. Silber erreichten die USA, Bronze Jugoslawien. Auf den fünften Platz gelangte die CSSR mit dem 16jährigen Vlastimil Hort (7,5/13). Die BRD mit Wolfgang Unzicker am ersten Brett erreichte den achten, die DDR mit Wolfgang Uhlmann den neunten Platz.

15. Schacholympiade Warna 1962

Vom 16.9. bis 10.10. fand an der bulgarischen Schwarzmeerküste ein erneutes Kräftemessen der Schach-Olympiamannschaften statt. Die UdSSR war in der Besetzung Botwinnik, Petrosjan, Spasski, Keres, Geller und Tal erneut überragender Sieger, gefolgt von Jugoslawien und Argentinien. Wolfgang Uhlmann am ersten Brett der DDR (8.Platz) gewann seine Partie gegen Botwinnik... Die BRD erreichte den 7. Platz mit Unzicker, Darga und Schmidt. Bobby Fischer (USA) kritisierte Remisabsprachen der Russen im Vorturnier... Die Atmosphäre bei seiner Verlustpartie gegen Botwinnik war entsprechend vergiftet.

16. Schacholympiade Tel Aviv 1964

So überragend der 3. Platz der BRD- Mannschaft war, so enttäuschend der 15. Platz und das Abrutschen der DDR- Mannschaft in's B-Finale... Das war Wasser auf den Mühlen derjenigen DDR-Sportfunktionäre, die Schach aus dem Sportgeschehen verbannen wollten!
Wieder hatte die UdSSR die Goldmedaille geholt, mit dem Neuling Leonid Stein. Bobby Fischer fehlte in der Mannschaft der USA (6.Platz), da seine finanziellen Vorstellungen sich stark von denen des US-Schachverbandes unterschieden.

17. Schacholympiade Havanna 1966

Im Hotel "Habana Libre", in dem die Spieler wohnten und spielten, war auch das Pressezentrum untergebracht. Bei der Eröffnung wurde ein Balett namens "Die lebende Partie" vorgeführt, bei der die berühmte Partie zwischen Capablanca und Lasker in Moskau 1936 nachgestellt wurde. 900 Organisatoten waren geschult worden, 120 Dolmetscher wurden gestellt, eine amerikanische Luxuslimousine mit Chauffeur für jede Mannschaft. Ein elektronisches Schachbrett im Riesenformat übertrug an einer Häuserwand im Stadtzentrum die wichtigste Partie des Tages live. Am 19. November, zum 78. Geburtstag des kubanischen Exweltmeisters Capablanca, wurde dies mit einer Simultanveranstaltung gefeiert, bei der 371 Olympiaspieler an 6840 Brettern antraten.
Unklarheit schien im Westblock zu passenden Boykottmassnahmen zu herrschen - die BRD-Mannschaft fehlte, die USA traten an!
Die Spitzenpartie zwischen Bobby Fischer und Tigran Petrosjan fiel aus, da Fischer aus religiösen Gründen (jüdischer Sabbat!) zwischen Freitag und Sonnabend 18 Uhr nicht spielen wollte. Um 16 Uhr qurde die Uhr angestellt, die Partie um 17 Uhr als gewonnen gewertet.
Die UdSSR gewann Gold mit Polugajewski als Ersatzspieler, die USA Silber, Ungarn (Portisch, Szabo...) Bronze. Die DDR landete mit Uhlmann, Pietzsch, Fuchs, Malich, Zinn und Liebert auf dem neunten Platz.

18. Schacholympiade Lugano 1968

Nach dem Einmarsch der Warschauer Pakt- Staaten in die CSSR und dem militärischen Abwürgen des Prager Frühlings gab es in der Schweiz viele Reaktionen, die Schacholympiade abzusagen. Aber dann setzte sich Alois Nagler durch, der Präsident des Schweizerischen Schachverbandes. Ludek Pachmann und Lubomir Karalek waren in Lugano zwar anwesend; aber nicht, um zu spielen, sondern um ihrem Protest Ausdruck zu verleihen...
Im Team der UdSSR - wie immer der Sieger - fehlte diesmal M.Tal, laut der Biographie von Kortschnoj nicht aus gesundheitlichen, sondern aus "moralischen" Gründen - Tal hatte zum zweitenmal geheiratet! Bobby Fischer erschien in Lugano, verlangte einen separaten Spielsaal und reiste nach der Ablehnung wieder ab.
Die BRD erreichte den fünften Platz, die DDR den zehnten Platz. Hinter Jugoslawien (Silber) errang diesmal Bulgarien Bronze.

19. Schacholympiade Siegen 1970

Siegen ist eine 60.000 Einwohner-Stadt in Nordrhein-Westfalen; hier wurde die Siegerlandhalle zum Spielsaal. 60 Nationen nahmen teil, aufgeteilt in sechs Vorrundengruppen, aus denen die ersten beiden Mannschaften in's A-Finale aufstiegen. Die Sowjetunion - wie immer Goldgewinner - hatte diesmal Boris Spasski am ersten Brett; Ungarn gewann Silber, Jugoslawien Bronze. Die USA mit Bobby Fischer am Spitzenbrett gelangten auf Platz 4, die BRD auf Platz 6, die DDR auf Platz 9.

20. Schacholympiade Skopje 1972

Die heutige Hauptstadt Mazedoniens erlebte mit 63 Teilnehmerstaaten einen neuen Rekord; erstmals wurde auch die Damenolympiade gleichzeitig ausgetragen (unverwunderlicherweise ebenfalls mit der UdSSR als Siegerinnenmannschaft). Nun waren 63 Teilnehmerstaaten ein neuer Rekord, dennoch gab es keinerlei organisatorischen Probleme angesichts der Unterstützung des Staatschefs und großen Schachfreundes Josip Broz Tito. 50.000 zahlende Besucher der Schacholympiade sprachen für die Popularität des königlichen Spieles im damaligen Jugoslawien. 1972 wurde erstmalig mit ELO-Zahlen gespielt... Zum letzten Male war die DDR mit Platz 10 dabei, zu verdanken dem DTSB-Präsidenten Manfred Ewald, der "nichtolympische Sportarten" von der Teilnahme an Welt- und Europameisterschaften ausschloss. Die Sowjetunion (erstmals mit Anatoli Karpow), Ungarn, Jugoslawien holten die Medaillen, die BRD gelangte auf Platz 5.

21. Schacholympiade Nizza 1974

Zum erstenmal in Frankreich - den Organisatoren schien die Erfahrung zu fehlen. Es gab kein komplettes Turnierbulletin, wenig Zuschauer, doch gesalzene Eintrittspreise. Lothar Schmidt beschwerte sich über die Unterbringung; Lärm von Presslufthämmern ab 6 Uhr 30 und Kasernenfrass - die sowjetrussische Mannschaft zog nach drei Tagen aus. Die Zahl der Teilnehmerstaaten stieg auf 74, der parallel stattfindende FIDE-Kongress beschloss die Austragung im Schweizer System ab 1976. Bobby Fischer glänzte durch Abwesenheit... Der 64jährige Miguel Najdorf feierte seine vierzehnte Olympiateilnahme, bei einem besonders schönen Sieg fing er an, lauthals zu singen. Rhodesien und Südafrika wurden wegen ihrer Apartheid aus der FIDE ausgeschlossen - Südafrika trat sofort zurück, Rhodesien spielte weiter. Algerien und der Irak weigerten sich nun, gegen Rhodesien zu spielen. Ebenso wie bei der Paarung Tunesien - Israel (von Tunesien verweigert) wurde das Ergebnis nach der Eloerwartung festgesetzt.
Gold erlangte mal wieder die UdSSR mit A. Karpow am Spitzenbrett, gefolgt von Jugoslawien und den USA. Die BRD mit Schmidt, Unzicker, Pfleger und Hecht erreichte den siebten Platz.

22. Schacholympiade Haifa 1976

Der Ostblock und die arabischen Staaten hatten als Alternative zur Olympiade in Israel eine Gegenveranstaltung in Tripolis, Lybien ausgerichtet, leider nur mit sehr mässigem Erfolg... 48 Nationen einschliesslich Andorra traten in Haifa an. Die BRD kam nur auf Platz 5, von sieben Grossmeistern der BRD fehlten fünf aus beruflichen Gründen. Sehr auseinander gingen die Meinungen zum erstmals angewandten Schweizer System. Bester Einzelspieler war J.Timman (Niederlande). Gold holten die USA, Silber die Niederlande, Bronze England u.a. mit J.Nunn.

23. Schacholympiade Buenos Aires 1978

Nach 1939 wurde Buenos Aires (8 Mio. Einwohner) zum zweitenmal Austragungsort einer Schacholympiade. Gespielt wurde in den Gängen unterhalb der Tribüne des River-Plate-Stadions: schlauchartige, bogenförmige Gänge, 15m breit, 2,5 m hoch und etwa einen halben Kilometer lang. Entsprechende Luftverhältnisse bei über tausend Zuschauern, die fast alle rauchten... in unmittelbarer Nähe lagen ein Schiessplatz der Armee und ein ziviler Flughafen. Die Dieselmotoren der Klimaanlage hatten einen Geräuschpegel wie ein paar Strassenbaumaschinen. Diese ganzen Umstände erreichten ihren Höhepunkt während der 13. und vorletzten Runde der Schacholympiade mit dem Radau tausender Fussballfans, was zu etlichen Kurzremisen führte. Kortschnoj spielte erstmals für seine "neue Heimat", die Schweiz und wurde bester Spieler am ersten Brett - Weltmeister Anatoli Karpow war abwesend.
Goldmedaillensieger wurde erstmalig Ungarn (Portisch, Ribli, Sax, Adorjan) mit einem Punkt Vorsprung vor der Sowjetunion (Spasski, Petrosjan, Polugajewski, Gulko); Bronze erreichten die USA, die BRD glückte der vierte Platz mit Hübner, Unzicker, Pfleger, Darga, Hecht und Borik.

24. Schacholympiade Malta 1980

Auch in Malta wurde über ungewöhnliche Wohnverhältnisse geklagt, über Küchenschaben und Kakerlaken ebenso wie über langes Schlangestehen bei der Essenausgabe und zu häufiges, schlecht zubereitetes Lammfleisch. Bei der Endauswertung der Schacholympiade in Malta hatten die UdSSR und Ungarn beide 39 Punkte, erst die Buchholzwertung sicherte den sowjetrussischen Sieg - mit Karpow am Spitzenbrett und Kasparow als zweitem Ersatzspieler. Die BRD schaffte nur den 25. Platz...

25. Schacholympiade Luzern 1982

91 Länder sowie eine B-Mannschaft des Veranstalters, um eine gerade Zahl der Mannschaften zu erreichen - ein neuer Rekord! Gold sicherte sich die UdSSR wieder mit altgewohnter Sicherheit, insbesondere mit Karpow, Tal, Jussupow und Kasparow. Eine Überraschung hingegen war der zweite Platz der CSSR mit Vlastimil Hort, Jan Smejkal und Lubomir Ftacnik. Bronze holten die USA. Die DDR glänzte als einziges europäisches Land überhaupt (!) durch Abwesenheit; die BRD war personell zwar besser besetzt als 1980, gelangte dennoch nur zum 15. Platz.

26. Schacholympiade Saloniki 1984

Schach im Land der Götter - die Hafenstadt Saloniki bot dafür grosszügige Räumlichkeiten auf dem Messegelände. Die Sowjetunion trat ohne "K & K" an - Beljawski, Polugajewski, Waganjan, Tukmanow, Jussupow und Sokolow, erreichten einen klaren ersten Platz mit vier Punkten Vorsprung vor England (Miles, Nunn, Speelmann; Nigel Short als zweiter Ersatzspieler). Der Bronzesieger USA hatte mit Roman Dzindzichashvili einen Exilgeorgier am Spitzenbrett, der von Raj Tischbierek als "Zocker, wie er im Buche steht, zwischen Genialität und Wahnsinn lebend" charakterisiert wurde. Die BRD erreichte den sechsten Platz.

27. Schacholympiade Dubai 1986

Dubai ist eines der sieben Emirate, die 1976 zu den Vereinigten Arabischen Emiraten zusammengeschlossen wurden. Nur 86.000 qkm gross und 1,6 Mio. Einwohner zählend, hat Dubai mit seinen riesigen Ölvorkommen ein entsprechendes wirtschaftliches Potential. Die Gesamtausgaben der Schacholympiade wurden auf 25 Mio. Mark geschätzt! Die Medaillen waren diesmal noch begehrter als sonst - sie hingen an massiven Goldketten. Israel wurde die Teilnahme versagt - obwohl daraufhin einige Teilnehmerstaaten absagten (u.a. die Niederlande, Schweden, Dänemark und Norwegen), wurde ein erneuter Rekord von 107 Teilnehmernationen erreicht.Nicht völlig überraschend siegte die UdSSR mit Kasparow und Karpow am ersten und zweiten Brett, aber nur mit einem halben Punkt Vorsprung vor England mit Miles, Nunn, Short und Chandler; Bronze erzielten die USA. Die BRD mit Kindermann, Lau, Bischoff und Hickl erreichten Platz 13.

28. Schacholympiade Saloniki 1988

Die Lebererkrankung des DTSB-Präsidenten Manfred Ewald gab seinem Stellvertreter Klaus Eichler die Möglichkeit, ein DDR-Schachteam zur Schacholympiade nach Saloniki zu schicken, zum erstenmal wieder seit 16 Jahren. Der siebzehnte Platz mit Uhlmann, Bönsch und Knaak mag sich enttäuschend anhören; die BRD schaffte mit Vlasimil Hort am Spitzenbrett nur den achtzehnten! Die Sowjetunion schaffte mit Kasparow und Karpow einen deutlichen Vorsprung von 40,5 Punkten vor England als Silbergewinner mit 34,5 Punkten und den Niederlanden (J. van der Niel, G. Sosonko, P. van der Sterren, J. Piket) mit ebenfalls 34,5 Punkten Bronze.

29. Schacholympiade Novi Sad 1990

Zum Zeitpunkt der Schacholympiade in Novi Sad war die DDR zwar seit sechs Wochen nicht mehr existent,ost- und westdeutscher Schachverband aber noch nicht "wiedervereinigt", was zur Teilnahme einer Mannschaft namens "DOR" führte, die mit Bönsch, Knaak, Uhlmann und Tischbierek den 24. Platz erreichte. Westdeutschland hingegen kam mit Hübner, Hort, Lobron und Kindermann auf den neunten Platz. Die UdSSR erreichte mit Iwantschuk, Gelfand, Beljawski und Jussupow den ersten Platz, gefolgt von den USA und England.

30. Schacholympiade Manila 1992

Nun existierte 1992 also auch keine UdSSR mehr... aber Russland (Kasparow, Khalifman, Dolmatow, Drejew, Kramnik, Wyschmanawin) erreichte den ersten Platz, Usbekistan Silber, Armenien mit Petrosjan als Ersatzspieler Bronze. Weitere acht ehemalige Sowjetrepubliken erzielten Plätze zwischen fünf (Lettland) und 43 (Kasachstan). Deutschland erreichte mit Hübner, Lobron, Hertneck und Hort den 13. Platz. Ursprünglich sollte diese Schacholympiade in Puerto Rico stattfinden, das wurde aberaus dortigem Geldmangel heraus abgesagt,und das Heimatland des FIDE-Präsidenten Florencio Campomanes sprang ein. Beim Einlauf der Fahnenträger wurde die bundesdeutsche Mannschaft versehentlich von einer DDR-Fahne repräsentiert...

Grundlage für diesen Artikel ist das überaus empfehlenswerte Buch von Raj Tischbierek, "Sternstunden des Schach- 30mal Olympia", erschienen im Verlag Sport und Gesundheit GmbH, Berlin 1993.

Montag, 7. September 2009

Emil Joseph Diemer und sein Gambit

-Vorgeschichte- Armand Edward Blackmar, geboren am 30. Mai 1828 in Bennington/ Vermont und gestorben am 28. Oktober 1888 in New Orleans, war Musikkomponist und -verleger. Er veröffentlichte im Juli 1882 im amerikanischen Schachmagazin "Brentano´s Chess Monthly" in seiner Vaterstadt New Orleans die ersten Analysen und Partien mit der Urform des Gambits 1. d4 d5 2. e4 de 3. f3. Zum Pech Blackmars zeigte sich dann, das dieses mit 3. ... e5 glatt widerlegt wird. Auf 4. d5 krankt die weisse Stellung nach 4. ... Lc5 an langandauernden Entwicklungsschwierigkeiten, die Schwarz eindeutig zum Vorteil nutzen kann. Und 4. ... de5: ergibt Damentausch und kann bestimmt den Anziehenden nicht in Begeisterung versetzen. Und so lag die Idee des Gambits 1. d4 d5 2. e4 brach, bis 1889 Ignaz von Popiel in Wien erstmalig auf 2. ... de mit 3. Sc3 antwortete. Er wandte diese Neuerung gegen die dortigen stärksten Spieler wie Bauer, Fleissig, Englisch und Csank an. Diese glaubten, dem neuen Zug am besten mit 3. ... e5 antworten zu können; in Gedenken an Popiels Heimat, dem damals österreichisch regierten Lemberg, ging diese Antwort auf Vorschlag von Tartakower als Lemberger Gegengambit in die Schachgeschichte ein. 1893 veröffentlichte von Popiel seine Entdeckungen im "Wochenschach". In seinen Analysen antwortete er nach 1. d4 d5 2. e4 de 3. Sc3 Sf6 mit 4. Lg5 (heute bekannt als "Polnisches Gambit"), was ihm die Kritik einiger Zeitgenossen einbrachte, er wolle gar kein echtes Gambit spielen, sondern unter Aufgabe des Läuferpaares den geopferten Bauern so schnell als möglich zurückerobern. Von Popiel hat aber nach 1. d4 d5 2. e4 de 3. Sc3 Lf5 ausschliesslich mit 4. f3 fortgesetzt, also ein echtes Gambit gespielt und auf Materialgleichstand verzichtet. Aus seinen Anmerkungen ist erkennbar, das er die Urform von Blackmar sehr wohl kannte.
- Diemer -
Am 15. Mai 1908 wurde in Rudolfzell am Bodensee der Nachfolger des Von Popiel geboren: Emil Joseph Diemer. Mit neun Jahren erlernte er von einem älteren Schulkameraden das Schachspiel. Mit neunzehn machte er sein Abitur in Baden-Baden und begann mit dem Turnierschach. Ebenfalls 1927 begann er eine Buchhändlerlehre, 1931 wurde er arbeitslos. Am 24. 9. 1931 trat er der NSDAP bei, betrieb den Buchverkauf von NS-Literatur. Mit dem Eintritt in die Partei begann für ihn gleichzeitig die Karriere als Berufsschachspieler, eine Tätigkeit, die ihn dann später zum "Schachreporter des Grossdeutschen Reiches" werden liess. Im September 1931 fand er zum erstenmal ein Blackmar-Gambit, das in einer Stuttgarter Illustrierten abgedruckt war. Zu dieser Zeit spielte er bevorzugt "Colle-Stonewall" 1. d4 d5 2. e3 nebst baldigem f4; aus der Eröffnung heraus operierte er mit Bauernketten, Bauernstössen und dem Ansetzen von Hebeln. Diemer wurde 1932 Blitzmeister des Badischen Schachverbandes. 1933 wohnte Diemer einen Monat in Triberg, um Bogoljubows "Schachschule" (ein Lehrbuch für Anfänger) zu tippen. 1934 begann seine Arbeit als Schachjournalist mit dem Weltmeisterschaftskampf zwischen Bogoljubow und Aljechin. Er bekam von der NSDAP den Auftrag, während des Kampfes den jüdischen Grossmeister Nimzowitsch zu betreuen (offizieller Standpunkt "Wir nehmen von diesem Juden keine Notiz"...), der insbesondere vor dem Aufenthalt in Nürnberg grosse Angst hatte. Anscheinend stellte Diemer in solchen Situationen die schachlichen vor die antisemitischen Aspekte, und Nimzowitsch fühlte er sich verbunden. Diemer berichtete u.a. für den "Völkischen Beobachter", den "Illustrierten Beobachter" und die "Brennessel"; 1935 nahm er als Schachreporter am Weltmeisterschaftskampf Euwe- Aljechin teil, wo er sich mit Euwe anfreundete. 1936 war Diemer Korrespondent bei einem Turnier in Bad Podebrady, das Flohr vor Aljechin gewann; Diemer spielte dort auch selber, erstmalig sein BDG (Blackmar- Diemer- Gambit, eine Namensgebung, die Euwe 1951 vornahm) gegen Fux: 1. d4 d5 2. e4 de 3. Sc3 e5 4. de Dd1:+ 5. Sd1: Sc6 6. Lf4, was er dann noch im 30. Zug gewann. Diemers Tätigkeit als Schachreporter ging mit Ausbruch des 2. Weltkriegs zu Ende; nach Teilnahme am "Sitzkrieg" (Westwalleinsatz) und anschliessendem Lazarettaufenthalt in Bad Liebenzell wurde er als untauglich aus der Wehrmacht entlassen. Er arbeitete dann bis zur Kapitulation als Betriebsprüfer beim Finanzamt Baden- Baden. Nach kurzer Internierung in einem französischen Lager in Lindau und "Entnazifizierung" als Mitläufer fand sich Diemer 1947 auf der 1. Südbadischen Meisterschaft in Endingen ein, die von Bogoljubow gewonnen wurde, mit Diemer im hinteren Feld. In der anschliessenden Blitzmeisterschaft passierte es sogar dem Grossmeister Bogoljubow mit Schwarz gegen Diemer, dass er auf 1. d4 d5 2. e4 de 3. Sc3 Sf6 4. f3 mit 4. ... e5 antwortete, was nach 5. de Dd1:+ 6. Kd1: Sfd7 7. Sd5 Kd8 8. Lg5+ f6 9. ef gf 10. Sf6: zu der verblüffenden Situation führte, das Weiss einen Bauern geopfert hat, um nach der Abwicklung zwei Bauern mehr zu besitzen!Diemer stellte das Schach und das BDM in den Mittelpunkt seines Lebens, wobei er teilweise ärmliche Lebensbedingungen in Kauf nahm. 1950 wechselte er von seinem bisher stark verfochtenen 1. d4 d5 2. e4 de 3. Sf3 Sc6 4. f3 ef 5. Df3: zu 5. Sf3:. Seine Begründung, die Masse der Schachspieler könne sich mit dem Opfer von zwei Bauern in der Eröffnung schwer anfreunden, wirkt wenig überzeugend. 1951 gewann Diemer in Waldkirch die 5. Südbadische Meisterschaft und errang damit den höchsten Titel seiner Laufbahn; er durfte sich jetzt Badischer Meister nennen. Durch seine Turniererfolge mit dem BDG begannen auch stärkere Spieler, sich für dieses Gambit zu interessieren, insbesondere Tartakower und Euwe, später dann aber auch Spasski. 1953 jedoch wurde Diemer nach internen Streitigkeiten auf Betreiben des Deutschen Schachbundes aus dem Badischen Schachverband ausgeschlossen. Er nahm weiter an Turnieren des Bundes der Fernschachspieler teil, wobei er zeitweise bis zu 300 Partien gleichzeitig zu bewältigen hatte. 1955 begann Diemer mit der Herausgabe der "Blackmar- Gemeinde", die er wegen Überschuldung aber wieder aufgeben musste. Er unternahm Vortragsreisen durch ganz Europa, nahm an Turnieren in der Schweiz und in den Niederlanden teil. 1958 begann Diemer, sich mit Esoterik zu beschäftigen, u.a. Nostradamus, was ihn 1978 schliesslich zur Erkenntnis führte, das er die Reinkarnation vom eingangs erwähnten Blackmar sei. Seine düsteren Vorhersagen schreckten Veranstalter zunehmend ab, ihn zu Simultanturnieren etc. einzuladen. Bei Diemer bildete sich eine paranoide Shizophrenie heraus. 1964 wurde er in die Psychiatrie eingewiesen, 1965 in das Alten- und Pflegeheim Fußbach mit der Begründung: "Seine Nerven hielten der starken Beschäftigung mit Schach nicht stand." 1970 suchte Stapelfeldt Diemer im Pflegeheim auf und schaffte es, ihn wieder für das BDG zu interessieren. 1971 gelang es Stapelfeldt, sowohl das Pflegeheim als auch den Badischen Schachverband zu überzeugen, Diemer eine erneute schachliche Betätigung im Schachclub Umkirch zu gestatten. Mit Diemer am ersten Brett stieg der Verein von der untersten Klasse aus nun jährlich auf. 1973 nahm Diemer an Turnieren in den Niederlanden, Frankreich und der Schweiz teil, hielt Vorträge über "Schach und Nostradamus". Ab 1974 nahm seine Spielstärke ab, 1986 spielte er seine letzte Turnierpartie, weil sich seine Augen verschlechtert hatten. Am 10. 10. 1990 starb Emil Joseph Diemer.
- Korrektheit? -
Manche von Diemers Aussagen zu seinem Gambit wirkten auf die Schachwelt eher befremdlich, etwa "Spiele BDG, und das Matt kommt von allein." oder "Das BDG verändert den ganzen Menschen." Eindeutig ist etwa die Aussage von Ludek Pachmann: "Das BDG ist sichtlich inkorrekt."...Max Euwe schrieb am 5. Mai 1956 an Diemer: "Jede Stellungnahme (zum BDG) meinerseits, richtig oder unrichtig, könnte beantwortet werden mit zehn anderen Möglichkeiten, die wieder neue Probleme aufwerfen. Und von zehn kommt man auf hundert usw. Die Gambitspiele sind eben kompliziert; und es ist oft Geschmackssache, ob man lieber den Bauern oder den Angriff hat. Nun ist das Blackmar- Diemer- Gambit ja eine interessante Spielweise, aber ich kann doch dafür unmöglich den Rest meiner schachlichen Aktivität aufopfern. Verzeihen Sie daher meine Zurückhaltung, die sie nicht als Angst erklären müssen. Es ist vielmehr so, dass, wenn Tausende von Mücken auf einen zukommen, es absolut sinnlos ist, zehn oder hundert totzuschlagen."Eine aktuellere Stellungnahme von FM Konikowski (Dortmund) findet sich in der Rochade 10/ ´04, Seite 81: "Das vorgestellte Gambit bietet gute praktische Chancen genauso wie andere Gambitspiele. Jedoch bei genauem Spiel ist meiner Meinung nach seine Korrektheit fraglich. Es ist klar, dass Schwarz bei beschränkter Bedenkzeit die richtigen Züge erst finden muss. Also muss er auch theoretisch gut mit dem Gambit vertraut sein. Mit einem Satz: Die Hausaufgaben muss man unbedingt machen! Ein wichtiger Hinweis für die Anhänger der Skandinavischen Verteidigung: Das Blackmar- Diemer- Gambit muss man kennen, denn nach 1. e4 d5 kann 2. d4!? eine böse Überraschung sein, wenn Schwarz mit der Theorie des Gambits nicht vertraut ist."Sicher eignet sich das BDG vor allem für Angriffsspieler, was Diemer mit dem Slogan "Vom ersten Zug an auf Matt" zum Ausdruck brachte.
- Partiebeispiel -
Auf Initiative von W. Schneider (Kirschhausen/ Odenwald) wurde von 1968 bis 1975 in Vor-, Zwischen- und Endrunde ein BDG- Fernschach- Weltturnier durchgeführt, wobei Gewinne mit 3 Punkten und Remisen mit jeweils 1 Punkt gewertet wurden. Hierbei gelangte Georg Danner aus Österreich mit 53 Punkten auf Platz 1, Emil Kunath aus Heidenau mit 40 Punkten auf Platz drei, bei 21 Teilnehmern. - Emil Kunath wurde angesichts seines dritten Platzes im Fernschach-Weltturnier des Blackmar-Diemer-Gambits der inoffizielle Titel "BDG-Grossmeister" verliehen. (SZ 5./ 6.6.`76)Emil Kunath - Georg Danner1. d4 d5 2. e4 de 3. Sc3 Sf6 4. f3 ef 5. Sf3 Lg4 6. h3 Lf3: 7. Df3: c6 8. Ld3 (oder 8. g4 Dd4: 9. Le3 Db4 10. 000 e6 11. Td4 Da5 12. g5 Sd5 13. Sd5: cd 14. a4 Sc6 15. Lb5 Ld6 16. c4 00 17. Th4 g6 18. cd Se5 19. Df6 a6 20. Le2 Dd5: 21. Tf1 Sd3+! und Weiss gab auf, z.B. 22. Ld3: Dd3: 23. Ld4 Tc8+ 24. Lc3 Tc3:+ 25. bc La3#; G. Lagland aus Finnland gegen G. Danner, selbes Turnier...) Sbd7 9. Le3 e6 10. 00 Le7 11. Se4 00 12. c4! Se4: 13. De4: g6 14. Lh6 Te8 15. Tae1 Lg5 16. Lg5: Dg5: 17. h4 De7 18. Df4 Tad8 19. Te3 Sf8 20. Le2 Td7 21. c5 Ted8 22. Td1 Kg7 23. h5 g5 24. Tg3 h6 25. De5+ f6 26. De4 Td4:! 27. Td4: Dc5: 28. Tb3 Td4: 29. De3 b6 30. Tc3 Dd6 31. Tc6: Dc6: 32. Dd4: Dc5 Im 40. Zug gab Weiss die aussichtslos gewordene Partie auf.- Heutzutage spielt Emil Kunath das BDG nicht mehr mit Weiss wegen Inkorrektheit. -
- Die Emil- Kunath- Variante im Blackmar- Popiel- Gambit -
Am 1. 8. 1945 wurde Emil Kunath (14 Jahre alt) Mitglied des Heidenauer Schachvereins. 1949 machte der damals 16jährige Manfred Mädler (heute Eigentümer des Schachhauses in Dresden- Blasewitz, am Blauen Wunder) ihn mit dem Blackmar- Diemer- Gambit in der Variante 1. d4 d5 2. e4 de 3. Sc3 f5 bekannt, nach der Dresdner Jugendmeisterschaft. 1956 kam es im Zusammenhang mit dem Turnersportfest in Leipzig zu einem Vergleichskampf mit dem TSV Giessen. Deren Spieler waren eine Woche lang Gäste in Heidenau (private Unterbringung), danach ging es gemeinsam nach Leipzig. Weihnachten/ Sylvester 1956 erfolgte die Revanchereise in den Westen, ebenfalls mit privater Unterbringung. Der Sportverantwortliche der Schuhfabrik, Hans Richter, übernahm die Absprachen mit den DDR- Behörden und sorgte für einen reibungslosen Ablauf - allerdings durfte Emil Kunath als Nicht- SED-Mitglied nicht die Mannschaft leiten, er wurde in dieser Funktion durch Willy Hanisch ersetzt. Ergebniss der zwei Duelle: 9, 5 zu 8, 5 für Giessen. Die Kunath- Brüder erreichten den Zug zurück in die DDR nur ganz knapp, waren dann froh, dem Verein nicht durch verspätete Heimkehr als "Republikflucht" Ärger bereitet zu haben. 1962 war Emil Kunath Hauptturnierleiter bei der DDR-Jugendmeisterschaft in Saßnitz.1963 starb der Vater von Emil Kunath, Emil konnte sich aufgrund der zeitlichen Belastung durch die Betriebsführung der Druckerei nicht mehr in der gewohnten Weise im Nahschach engagieren. Nach einigen Jahren schachlicher Passivität wandte er sich dem Fern- bzw. Briefschach zu. Er sah das auch als eine "Brücke zur Welt"; bei der ersten Blackmar- Diemer- Weltmeisterschaft 1968 nahmen über 200 Schachfreunde teil, u.a. aus Mexico, Argentinien, USA... Gelegentlich wurde ihm aber auch vom Fernschach abgeraten, eben wegen dieser internationalen Kontakte. 1972 gewann Emil die Heidenauer Stadtmeisterschaft, auch die Partien, wo er das BDGambit mit Weiss spielte im allgemeinen. 1987 gab er auf Vorschlag von Volker Drücke in Ludwigshafen die Broschüre zum Lemberger Gegengambit in dessen (heute nicht mehr existentem) Schachverlag heraus; eine Herausgabe in der DDR erschien aufgrund der "Inkorrektheit" des Gambits nicht erwünscht. 1988 wurde Emil zum Zoll in Dresden bestellt; Manfred Mädler, inzwischen Herausgeber der Gambit- Revue in Düsseldorf, hatte vorgeschlagen, die Schachfreunde aus der DDR könnten die Gambit- Revue mit Schachuhren bezahlen, in Ermangelung von Westgeld. Beim Zoll deutete man Emil an, es gäbe doch auch eine DDR- Schachzeitung. Als er erwiderte, man fände dort nur Sizilianisch und nicht sein Eröffnungsrepertoire, wurde ihm beigepflichtet. Bezüglich der Gambit-Revue half dann Emils Brieffreund Walter Schneider aus Baden- Württemberg mit den Devisen... 1992 beendete Emil Kunath seine Fernschachkarriere. 2002 gewann er gegen Mario Dietrich eine Partie mit den Anfangszügen 1. e4 e6 2. d4 d5 3. Sc3 de 4. f3...Das Blackmar-Popiel-Gambit ist auch unter dem Namen "Polnische Eröffnung" bekannt. Im Buch "Supertaktik modernen Gambitspiels" widmete Gerhart Gunderam, ein auch in der DDR anerkannter Eröffnungstheoretiker, Emil Kunath aus Heidenau eine eigene Variante: 1. d4 d5 2. e4 de 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 Sbd7 5. De2 - Kunath-System. Als Praxisbeispiel führte Gunderam die Partie E. Kunath, DDR gegen E. Meyer, Schweiz an:1. d4 d5 2. e4 de 3. Sc3 Sf6 4. Lg5 Sbd7 5. De2 c6 6. Se4: Se4: 7. De4: Da5+ 8. Ld2 Dd5 9. Dd5: cd 10. Ld3 e6 11. Se2 Ld6 12. a3 Sb6 13. b3 e5 14. de Le5: 15. Lc3 Lc3:+ 16. Sc3: a6 17. a4 Le6 18. Se2 Ke7 19. 00 Tac8 20. f4 g6 21. Sd4 Ld7 22. Tae1+ Kd6 23. f5 Tce8 24. Te8: Te8: 25. fg fg 26. Tf6+ Le6 27. Se6: Te6: 28. Tf7 Te7 29. Te7: Ke7: 30. Kf2 Kf6 31. Ke3 Ke5 und Remis im 42. Zug.
-Emil Kunath und der "Sneiders-Angriff" im Lemberger Gegengambit-
Im 1956 geschriebenen Buch "Vom ersten Zug an auf Matt" merkte Emil Joseph Diemer an, für nicht wenige Schachfreunde wäre der Zug 3. ... e5 das Problem Nr. 1 des BDG. FM Jerzy Konikowski führte in seinem Artikel "Zur Theorie des Blackmar- Diemer- Gambits" in der Rochade 10/ ´04 folgende Variante an: "1. d4 d5 2. e4 de 3. Sc3 e5 (Lemberger Gegengambit) 4. Dh5 Sf6 (Dd4: ist unklar) 5. De5:+ Le7 6. Lf4 Sc6 7. Dc7: Dc7: 8. Lc7: Lb4 und Schwarz hat keine Probleme."Nun wurde diese Variante in der Vergangenheit im allgemeinen anders gespielt, etwa E. Kunath - Richter-Mendau in einer Fernpartie 1979: 7. Lb5 Ld7 8. Lc6: Lc6: 9. Dc7: Dd4: 10. Sge2 Dc5 11. Td1 00 12. Le3 Db4 13. a3 Db2: 14. De7: Dc2: 15. Db4 a5 16. Dc4 und 1 : 0 im 19. Zug. Oder Kunath - Werner im BDG- Einladungsturnier: 6. ... 00 7. Dc7: Sc6 8. 000 Dc7: 9. Lc7: Lf5 10. d5 Tfc8 11. dc (besser Lg3!) Tc7: 12. cb Tb7: 13. Lc4 Tab8 14. Lb3 Sg4 15. Sh3 h6 16. Td5 g6 17. Td4 Sf6 18. The1 Lh3: 19. gh Lc5 20. Td2 Te7 21. Sa4 Lb4 22. c3 La5 23. Tde2 Te5 24. Lc2 Tbe8 25. f3 e3 26. f4 T5e7 27. f5 Sd5 28. fg Sf4 29. gf+ Kf7: 30. Tf1 Lc7 31. T2e1 Kg7 32. Tg1+ Kh8 33. h4 e2 34. Kb1 Tg7 35. Tg7: Kg7: 36. Ld1 Kg6 und 0 : 1 im 51. Zug.Viktor Kortschnoi vertrat übrigens die Auffassung, nach 3. ... e5 könne Schwarz nicht mehr gewinnen....Neben der oben erwähnten Variante "Sneiders- Angriff" 4. Dh5 kann Weiss auch mit dem Alfred-Lange-Gambit 4. Se4: antworten. Im von Diemer als "Stammpartie des Alfred- Lange- Gambits" bezeichneten Spiel zwischen Lange sen. - Lange jun., Schloss Wolfegg 1949, folgte 4. ... Dd4 5. Df3 Le7 (5. ... f5!) 6. Se2 Db6 7. S2c3 (7. Dg3!) Le6 8. Le3: Db2: 9. Tb1 Dc2: 10. Tb7: f5! 11. Tc7: Lb4 12. Lb5+ Kd8 13. 00! fe 14. Dh5 Kc7 (14. ... Sd7!) 15. De5:+ Ld6 (15. ... Kb7). Diemer schrieb: "Jetzt gewann 16. De6:! ganz einfach, anstelle des komplizierten 16. Sd5+!?" Fritz 6 empfiehlt hier aber 16. Dg7:+ Se7 17. Dh8: a6 18. La4 Dd3 19. Td1 Sbc6 20. Da8: Dc3: 21. Tc1. ... Den sogenannten "Fritz- Angriff" (1. d4 d5 2. e4 de 3. Lc4) spielte Diemer erstmalig bei der Schweizer Schachmeisterschaft 1956, hier geht 3. ... e5 nicht wegen 4. Dh5.Zum "Sneiders- Angriff" im Lemberger Gegengambit analysierte Emil Kunath in seiner Broschüre von 1987 gründlich die vier hauptsächlichen Antworten auf 4. Dh5, 4. ... ed, 4. ... Sf6, 4. ... Sc6 und 4. .... Dd4:?. Letzteres, die von FM Konikowski als "unklar" bezeichnete Variante 4. ... Dd4, wurde von Emil Kunath mit 5. Sb5 Dd7 6. De5:+ als unspielbar für Schwarz eingeschätzt. Der Computer empfiehlt hier 5. ... Sf6 6. c3 Dc5 7. Le3 Sh5: 8. Lc5: Sa6 9. Lf8: Tf8: 10. 000 Sf4. (5. Sb5 Sf6 6. Sc7:+ Kd8 7. Df7: Lb4 8. c3 Lc3:+ (8. Ke2 Lc5...) 9. bc Dc3: 10. Kd1 Dc7: 11. Dc7: Kc7: 12. Lb2 Sc6). Also besser gleich 5. Le3 Dd6 6. Se4: Db4+ 7. Sd2 Db2: 8. Tb1 Dc3 9. Se2 Sf6 10. Df7:+ Kf7: 11. Sc3:Der Sneiders- Angriff geht zurück auf eine 1960 bei der Meisterschaft von Lanzig in Michigan, USA, gespielte Partie zwischen Sneiders und O`Kelly: 1. d4 d5 2. e4 de 3. Sf3 e5 4. Dh5 ed 5. Lc4 De7 6. Lg5 Sf6 7. Lf6: Df6: 8. Sd5 Dd6 9. 000 Sc6 10. Se2 g6 11. Dh4 Le6 12. Sf6+ Kd8 13. Le6: De6: 14. Sd4: Sd4: 15. Td4:+ Kc8 16. Te4: Lh6+ 17. Kb1 Dc6 18. Dh3+ Kb8 19. Sd7+ Kc8 20. Se5+ De6 21. Sf7: Dh3: 22. gh Kd7 23. Td1+ Kc6 24. Te6+ Kc5 25. Sh6: 1 : 0Als beste Erwiderung auf 4. Dh5 schätzte Emil Kunath 4. ... Sc6 ein. Hierzu nun die Fernpartie Kunath-Nickl: 5. Lb5 Ld7 6. Lc6: Lc6: 7. De5:+ De7 8. Lf4 De5: 9. de 000 10. Sge2 Se7 11. Lg5 h6 12. Le7: Le7: 13. 00 Td2 14. Tac1 Lb4 15. Tfd1 Thd8 16. Td2: Td2: 17. Kf1 Lc3: 18. Sc3: g5 19. b4 e3 20. f3 g4 21. b5 gf 22. bc Tf2+ 23. Kg1 Tg2:+ 24. Kh1 bc 25. Se4 e2 26. Sc3 Tg5 27. Se2: fe 28. e6 fe 29. Te1 Te5: 30. Kg2 Kd7 31. Kf3 Kd6 32. Kf4 Kd5 33. c3 Te4+ 34. Kf3 Ke5 35. a3 a5 36. h3 a4 37. h4 h5 0 : 1
Quellen:Georg Studier: Emil Joseph Diemer - Ein Leben für das Schach im Spiegel seiner Zeit, Schachverlag Mädler 1996Gerhart Gunderam: Supertaktik modernen Gambitspiels, Schachverlag MädlerGerhart Gunderam: Blackmar-Diemer-Gambit, Walter Rau Verlag 1993Alfred Freidl: Das moderne Blackmar-Diemer-Gambit, Band 2; Schachverlag Rudi Schmaus 1984E.J.Diemer: Das moderne Blackmar-Diemer-Gambit, Band 1
Nun noch ein Text von Diemer selber, mit dem sich auch begründet, warum ich das hier in die Rubrik "Kunst" gestellt habe:
a propos - KUNST!Erkenntnisse und ein Bekenntnis.
Mein Herzensanliegen: SCHACH IST KUNST!
Für gut 99 von 100 Schachspielern ist Schach nicht mehr als ein schöner Zeitvertreib, bestenfalls eine geistreiche Unterhaltung, kurz, nur ein Spiel. Sie könnten genauso gut "Mensch-Ärgere-Dich-nicht" spielen. Soweit in Vereinen organisiert, wird es auch noch als Sport betrieben; bei dem es, wie beim Fußball, um Punkte geht. Und einige wenige dieser Schach-Sportler beschäftigen sich mit dem Geschehen auf den 64 Feldern als einer Wissenschaft.All diese zahllosen Anhänger des Königlichen Spiels sind aber im Grunde genommen zu bedauern. Denn an den wirklichen Schönheiten ihres Spieles gehen sie so ihr ganzes Leben lang blind vorüber.Für mich war Schach, als ich es 1934, also erst mit 26 Jahren, bewusst zu spielen begann (was ich dem wochenlangen Zusammensein mit Aljechin während seines Wettkampfes mit Bogoljubow zu verdanken hatte) von Anfang an nichts anderes als eine KUNST.Ich habe mich schon immer gefragt, warum. Es wird wohl der gleiche Vorgang gewesen sein, von dem Albert Einstein dem Prager Physiker Frank berichtet hat:"Wenn ich mich frage, woher es kommt, dass gerade ich die Relativitätstheorie gefunden habe, so scheint es an folgendem Umstande zu liegen: Der normale Erwachsene denkt nicht über Raum - Zeit - Probleme nach. Alles, was darüber nachzudenken ist, hat er nach seiner Meinung bereits in der frühen Kindheit getan. Ich dagegen habe mich derart langsam entwickelt, dass ich erst anfing, mich über Raum und Zeit zu wundern, als ich bereits erwachsen war. Naturgemäss bin ich tiefer in die Probleme eingedrungen als ein gewöhnliches Kind."Das Verhältnis zum Schachspiel musste daher für einen 26 jährigen ganz anders sein, als für jemand, der sozusagen mit dem Schachspiel gross geworden ist.Für mich war also das Schach spielen eine KUNST. Und zwar eine Kunst, wie die Malerei, die Musik, die Dichtkunst. Ich spielte und spiele Schach, weil ich darin eine Möglichkeit sehe, mich künstlerisch, mich selbst schöpferisch zu betätigen. Immer setze ich mich ans Schachbrett, in der Hoffnung und Erwartung, ein KUNSTWERK gestalten zu können, besser gesagt, zu dürfen.Ich befinde mich mit dieser Auffassung heute nicht mehr allein. P.A. Romanowsky hebt im Geleitwort zu W.W. Smyslovs ausgewählten Schachpartien immer wieder auf den künstlerischen Charakter des Schachspiels ab. Da heisst es, dass Smyslov dem "künstlerischen Vermächtnis" M. Tschigorins folge. Und stellt fest: "Da die künstlerischen Ansichten Smyslovs ihren Ursprung vor allem in der Tschigorinschen Schachauffassung haben, ist es nicht weiter verwunderlich, dass die schachlichen Vorgänge in seiner Betrachtung künstlerischen Charakter erhalten, und dass bei seinem Wirken in dieser Kunst sein gesamtes Gedankengut tiefe Empfindung und echtes künstlerisches Pathos zum Ausdruck bringen." Und er rühmt Smyslov nach, dass "in seinem Spiel technische Entscheidungen und bestimmte Zugfolgen nicht Selbstzweck oder Methode des Schaffens sind, sondern Hilfsmittel zur kunstvollen Verwirklichung schöpferischer Gedanken" (Smyslov also ein legitimer Nachfahre von Paul Morphy!!).Und dass er, Smslov, jene Zugfolge wähle, "die ihn schöpferisch am meisten interessiert und die seinem Geschmack am meisten entspricht". Und es "nicht unterlässt, die rein mechanische Abwicklung nach Möglichkeit durch künstlerische Gedanken zu verschönern". (Was ja auch Paul Morphy in jeder seiner Partien sich zu tun bemühte. Ohne aber in seinen wahren Absichten, bis zum heutigen Tage, von der Nachwelt richtig verstanden worden zu sein. Man nehme nur Geza Maroczys Morphy-Buch zur Hand; man ist erschrocken und enttäuscht über soviel Verständnislosigkeit für Paul Morphys Künstlertum!). Hören wir, was Smyslov selbst Grundlegendes dazu sagt: "Im Schach erblicke ich eine interessante Bewegungssphäre schöpferischer Ideen, die aufgebaut sind auf den gegensätzlichen Plänen zweier Schachspieler, welche während eines spannungsreichen Kampfes danach streben, ein KUNSTWERK zu schaffen. Diese künstlerische Einstellung zum Schach als zu einem Ausdruck höchster Kultur des Volkes habe ich immer als die einzig fruchtbringende angesehen."Smyslov begründet auch, warum im Bewusstsein der nicht-russischen Schachwelt der Gedanke, dass Schach auch und vor allem eine KUNST ist, bisher nicht durchzusetzen vermochte:"Während W.Steinitz und seine Anhänger Schemata in das Schachspiel hineintrugen, die die Phantasie des Spielers durch strenge Gesetze formal logischen Denkens einengten, so betrachtete M.I.Tschigorin als Künstler das Schachspiel von einem anderen Standpunkt aus, nämlich als eine eigenartige Kunst, die nicht durch irgendwelche mathematische Formeln erfasst oder ausgedrückt werden kann".Und Smyslov stellt mit nur zu berechtigtem Stolz fest, dass in seiner Heimat Millionen die Schachkunst lieben, und zwar nicht zuletzt aus dem Grunde "weil sie in ihr neben den Möglichkeiten des sportlichen Wettkampfes die Grundzüge direkt künstlerischen Schaffens finden".Um was es hier geht, möchte ich so formulieren:
Vor einer schönen Kombinationsind Weltmeister und irgend ein unbekannter Schachkünstlerg l e i c h e n Ranges!
Der grosse Dichter Stefan Zweig spricht in seiner faszinierenden "SCHACH-NOVELLE" vom Schach als einer "Kunst ohne Werke". Er meint damit wohl, dass schachliche "Kunstwerke" nicht wie andere Kunstwerke mit den Augen, den Ohren und dem Tastsinn aufgenommen werden könnten. Nun, um eine schöne Partie, ein schachliches KUNSTWERK wie jedes Kunstwerk zu geniessen, zu bewundern, nachzuempfinden, bedarf es wahrhaftig nicht der Augen, der Ohren, des Tastsinnes! Ein nach den heutigen Begriffen "anerkannter" Künstler, und ein Kenner und Könner des Schachspiels haben vieles gemeinsam. Beide müssen eine ungeformte Welt ordnen. Die Welt der 64 Felder mit den 32 Steinen ist aber noch weit ungeformter, als die "Welt" jedes anderen Künstlers. Auch der Schachspieler muss das "Chaos" in sich tragen. Und dieses "Chaos" auf dem Schachbrett stellt ihn immer wieder vor Aufgaben, wie sie einem anderen Künstler kaum jemals gestellt werden. Der Maler hat seine Farben, er sieht, was er darstellen will. Ähnlich ist es beim Bildhauer. Der Komponist hört, was er zum Erklingen bringen will. Und der Dichter hat Gedichte, die er in Versen festzuhalten versucht. Jeder dieser Künstler weiss, was er will, was ihn erwartet, womit er zu rechnen und zu schaffen hat. Der Schachspieler dagegen weiss im vorhinein - nichts. Den Gegner mattzusetzen ist sein einziges Sinnen und Trachten. Wobei es nicht auf das Wie, sondern nur auf das Dass des Mattsetzens ankommt. Daher das grosse Missverständnis, im Schach alles mögliche sehen zu wollen, - nur keine Kunst. Weil das WIE - nicht wie bei jeder anderen Kunst - Selbstzweck ist, sondern nur - Mittel zum Zweck (Ein Opfersieg steht nicht höher als ein Beraubungssieg!).Auf das WIE hat der Schachspieler aber nur einen beschränkten Einfluss. Das hängt von vielen Faktoren ab, die von seinem Willen meist nur am Rande in eine bestimmte Bahn gelenkt werden können. Immer wieder schaltet sich der Gegner ein. (Was ja bereits mit dem ersten Zuge, mit der Wahl der Eröffnung beginnt!).Ein schachliches KUNSTWERK ist also das Ergebnis eines Kampfes zweier Individualitäten, deren einziges Interesse während der Partie nur darin bestand, den anderen zur Aufgabe zu zwingen. Der Gegner, genauer gesagt, der Verlierer, gibt also der Schachpartie und dem schliesslichen Kunstwerk das Gesicht; und das hat für jede große Partie Gültigkeit.Wer sollte nicht in diesem Tatbestand auch die Tragik des Schachkampfes erkennen können? Ja, nicht wenige Schachpartien, die den Anspruch erheben, als KUNSTWERKE gewertet zu werden, haben nicht selten einen Verlauf genommen, der wie bei einem Schicksalsdrama "Furcht und Mitleid" für den heldenhaft Untergegangenen hervorruft.Ob eine Schachpartie zu einem Kunstwerk wird, hängt immer davon ab, ob mir etwas einfällt. Diesen "Einfall" kann man nicht "erzwingen". (Man kann bestenfalls günstige Voraussetzungen für solche "Einfälle" schaffen, z.B. durch die Wahl der Eröffnung...!) Dieser "Einfall" hängt fast immer vom Zufall ab, das heisst vom Willen des Gegners. Die Anregung zum Einfall gibt also meist der Gegner. Der entweder einen Zug macht, der den Schachkünstler auf einen genialen Einfall bringt. Oder, was meist der Fall ist, er zwingt ihn geradezu, die entscheidende Opfer-Kombination - äusseres Kennzeichen des (schachlichen) KUNSTWERKES - auszulösen, will er nicht selbst verlieren.Der Kampf mit der Idee spielt bei einem Maler, einem Komponisten, einem Dichter die gleiche Rolle, die beim Schachkampf dem Gegner übertragen ist. Diese Ähnlichkeit des Schachspiels mit allen anderen "anerkannten" künstlerischen Ausdrucksformen ist doch nicht zu übersehen. Und kein Zufall!Zugegeben, ein Gemälde, eine Oper, ein Gedicht, ein Drama, ein Roman, wird, wenigstens bei uns in Westeuropa und in Amerika, im Augenblick noch von zahllos mehr Menschen verstanden, als zum Beispiel die "Unsterbliche Partie" Anderssens. Aber wenn man bedenkt, dass das allgemeine Bildungsniveau (die Voraussetzung für dieses "Begreifen", für dieses "In-Fleisch-Und-Blut-Übergegangensein"!) noch vor wenigen Jahrzehnten weit niedriger war, und von Jahr zu Jahr immer weiter vorschreitet, entfällt auch dieses immer wieder mit Vorliebe vorgebrachte Argument gegen das Schachspiel als KUNST. In der Sowjetunion gehört es längst zur Allgemein-Bildung, Schach spielen, und daher bei der Beurteilung eines schachlichen Kunstwerkes mitreden zu können. Warum sollte das nicht auch eines, hoffentlich recht baldigen Tages bei uns der Fall sein? Mittel und Wege, um diesen Ideal-Zustand zu erreichen, gibt es genügend - man muss sie nur richtig anzuwenden wissen!Über den Künstler und sein Schaffen las ich einmal:"Das Ungeformte muss er formen, und das Geformte muss er wieder einschmelzen, um zu neuen Formen zu kommen".Genau dieses Formen und Einschmelzen tut der Kenner und Könner des Schachspiels. In jeder Partie; oder versucht es wenigstens. Denn nichts anderes tut er, als immer und immer wieder die "Theorie" (die Praxis der Anderen!) zu verbessern, - oder zu wiederlegen; also das "geformte wieder einschmelzen, um zu neuen Formen zu kommen".Ja, ich möchte sogar noch weiter gehen. Vom KUNSTWERK spricht man gern als von einer "Fortsetzung des göttlichen Schaffens".Zu Beginn einer Schachpartie befindet sich nun der Schachspieler, ich möchte fast sagen, glücklicherweise nicht in der Situation jedes anderen Künstlers, zu dem Gott, der in seinem Werke innegehalten hat, nur zu sagen braucht: "Mach du weiter!". Nein, für jeden echten Schachkünstler beginnt jede Partie sozusagen mit den Worten der Schöpfungsgeschichte: "Und im Anfang war alles wüst und leer!" (Vorausgesetzt allerdings, dass er die Partie vom ersten Zuge an selbständig führt, und nicht etwa erst mit dem 15. oder gar 20. Zuge irgend einer Meisterpartie oder einer "Mode-Variante" seine eigene Partie zu spielen beginnt!)Für den Schach-KÜNSTLER handelt es sich also nicht um ein "Weitermachen", sondern immer und immer wieder um einen völlig neuen Anfang.Sollte SCHACH also eine NEUE KUNST sein?Für mich war das niemals eine Frage, in jeder Partie war und ist es immer wieder erlebte Wirklichkeit. Das hat ein Schachfreund leider noch niemals in einem Lehrbuch gelesen. Wäre es anders, wir bräuchten heute keine Klagelieder anstimmen über das mangelnde Interesse, das die Öffentlichkeit an unserem geliebten Spiel nimmt.Denn so wie ich es auffasse, könnte Schach nämlich die einzige KUNST sein, die ohne allzu große Schwierigkeiten von jedermann beherrscht und ausgeübt werden kann. Wir wissen doch alle, dass jedem halbwegs begabten, erfahrenen und geübten Schachspieler immer wieder einmal eine schöne Kombination gelingt, eine "Stern-Stunde" schlägt. Eine Kombination, der man es nicht ansieht, ob sie von einem grossen Meister oder von irgend einem der zahllosen unbekannten Schachfreunde ausgedacht wurde.Um es nochmals zu betonen:
Vor einer schönen Kombination sind alle gleich!!
Soll Schach also in der ganzen Welt zum Volksspiel werden, dann sehe ich nur den einen Weg:Im Schachspieler den unbekannten Schach-KÜNSTLER anzusprechen!