Sonntag, 18. Juni 2017

»Kanonen statt Rente«


Altersarmut: Ver.di kritisiert die Politik der Union und fordert eine Stärkung der gesetzlichen Vorsorge

Von Stefan Thiel
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Altersarmut programmiert: Geringe Löhne führen auch zu niedrigen Renten
Wenn sich an der Rentenpolitik nichts ändert, droht millionenfache Altersarmut: Zu diesem Ergebnis kommt eine von der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di in Auftrag gegebene Studie des Eduard-Pestel-Institutes, die am Freitag in Berlin vorgestellt wurde.
Der ver.di-Vorsitzende Frank Bsirske betonte bei der Präsentation, die Studie zeige, »wie groß die Betroffenheit ist«. Armutsrenten seien ein Phänomen, das »bis in die Mitte der Gesellschaft« reiche und damit »weit über den Niedrig­lohnsektor hinaus«. Auskömmliche Renten seien nach jahrzehntelanger Beitragszahlung »auch eine Frage der gesellschaftlichen Moral«, so Bsirske. Der Gewerkschafter forderte von der Bundesregierung einen Kurswechsel. Die gesetzliche Rente müsse gestärkt und das Lohnniveau angehoben werden. Die Gewerkschaft starte deshalb am Montag eine Aktionswoche unter dem Motto »Gute Löhne – gute Rente«, um die Diskussion in Betriebe, Behörden und in die Öffentlichkeit zu tragen.
In der Untersuchung war der Frage nachgegangen worden, wie hoch die Rentenerwartungen der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten ohne weiteres Einkommen im Jahr 2030 ausfallen werden. Es wurden also diejenigen Beschäftigten berücksichtigt, die ausschließlich auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind. Laut Studie sind das aktuell 94 Prozent aller Erwerbstätigen. Institutsvorstand Matthias Günther wies darauf hin, dass den Berechnungen die Bruttoeinkommen zugrunde liegen und somit »eher positiv gerechnet« wurde. Trotzdem fallen die Ergebnisse aus der Sicht von Lohnabhängigen nicht besonders positiv aus: Berücksichtigt man die beschlossene Absenkung des Rentenniveaus von 47,7 auf 43 Prozent, liegt die Rentenerwartung bei Neurentnern im Jahr 2030 selbst bei einem Bruttomonatslohn von 2.500 Euro und 40 Beitragsjahren bei etwa 810 Euro – und damit im Bereich der Grundsicherungsleistungen.
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Nach 45 Beitragsjahren müssen im Jahr 2030 im Westen 30 Prozent und im Osten 40 Prozent mit einer Rentenzahlung von maximal 800 Euro rechnen. Mit 40 Jahren sozialversicherungspflichtiger Arbeit erwerben in Westdeutschland 40 Prozent und in Ostdeutschland fast jeder zweite nur einen Anspruch auf höchstens 800 Euro. Bsirske gab zu bedenken, dass viele Lohnabhängige – insbesondere Frauen – aufgrund gebrochener Erwerbsbiographien gar nicht auf 40 Beitragsjahre kommen. »Nur« 30 Jahre Beitragspflicht bedeuten laut Studie für 63 Prozent in den alten und fast 75 Prozent in den neuen Bundesländern erwartete Altersbezüge von 800 Euro oder weniger. Günther benannte als wesentliche Ursachen für die vorprogrammierte Altersarmut vor allem den geschaffenen Niedriglohnsektor und die Absenkung des Rentenniveaus.
Die vielfach gepriesene private Altersvorsorge wird dem nicht entgegenwirken können: »Dass Bezieher von Bruttoeinkommen bis 1.500 Euro eine private Altersvorsorge aufbauen können, die eine Rente oberhalb von 200 Euro je Monat erreicht, ist zu bezweifeln«, so die Autoren der Studie. Auch Bsirske betonte, dass sich viele die private Vorsorge schlicht nicht leisten könnten. Fördermittel, die bisher in die sogenannte Riester-Rente geflossen seien, sollten besser in die gesetzliche Rente gelenkt werden. Die kürzlich durch den Bundestag gepeitschte Betriebsrente (jW berichtete) sieht der ver.di-Chef hingegen als »sinnvolle Ergänzung« zur gesetzlichen Rente. Letztere bleibe aber das »Standbein« der Altersvorsorge.
Während Bsirske für die rentenpolitischen Überlegungen der SPD tendenziell Lob übrig hatte, kritisierte er die Union scharf: CDU und CSU hätten bloß ein Konzept des »Weiter-so«, was »Altersarmut für viele« bedeute. Hinzu komme, dass Teile der Union grundsätzlich für das Prinzip »Kanonen statt auskömmlicher Rente« eintreten würden. Bsirske bezog sich hierbei auf eine Aussage des CDU-Politikers Jens Spahn, der Anfang des Jahres vorgeschlagen hatte, beim Sozialetat zu sparen, um bei den Rüstungsausgaben das Ziel von zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erreichen. Angesichts zu erwartender Armutsrenten müssen eben Prioritäten gesetzt werden.

En marche gegen Arbeiterrechte


In der zweiten Runde der Parlamentswahlen in Frankreich könnten Emmanuel Macron und seine Partei eine Zweidrittelmehrheit erringen. Das Ziel seiner elitenfreundlichen Politik ist ein Angriff auf den Sozialstaat

Von Sebastian Chwala
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Entschlossen, Frankreichs Wettbewerbsfähigkeit auf dem Weltmarkt nach deutschem Vorbild per Schleifung von Sozial- und Arbeiterrechten zu stärken: Emmanuel Macron
Sebastian Chwala ist Politikwissenschaftler und Autor des Buchs »Der Front National. Geschichte, Programm, Politik und Wähler«, Papyrossa-Verlag, Köln 2015, 143 S., 12,90 Euro. An dieser Stelle schrieb er zuletzt am 20.4. über die französischen Präsidentschaftswahlen.
Die Medien brauchten am vergangenen Sonntag nicht lange, um zu einer einhelligen Bewertung der Ergebnisse der ersten Runde der Parlamentswahlen in Frankreich zu gelangen. Begriffe wie »Triumph«, »Durchmarsch« oder »Erdrutsch« prägten die Schlagzeilen. Und tatsächlich, die Zahlen, die vorliegen, scheinen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig zu lassen. So kann man inzwischen davon ausgehen, dass »La République en marche!«, die erst vor etwas mehr als einem Jahr gegründete Partei des nunmehr amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron, im zweiten Wahlgang mit einer Zweidrittelmehrheit der Sitze rechnen kann, während die Oppositionsparteien zur machtlosen Parlamentsstaffage degradiert werden könnten.
Die Unterstützer Macrons werten das Ergebnis wie schon dessen klaren Sieg gegen Marine Le Pen in der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen als Beleg für eine starke und eindeutige Legitimität des neugewählten Staatsoberhaupts. Man muss diese Schlussfolgerung indessen nicht teilen. Sicher, sein Versuch, sich als »Mann der Mitte« zu präsentieren, hat gerade in gesellschaftlich privilegierten Milieus die Hoffnung geweckt, mit ihm wieder innenpolitische Stabilität zu erreichen. So vermochte es Macron, mit seinem Bekenntnis zu Europa Teile des (links-)liberalen Establishments auf seine Seite zu ziehen, die einseitig nur die positiven Aspekte der Europäischen Union sehen. Dazu zählen liberale Freiheitsrechte wie die Möglichkeit, sich seit dem Wegfall der Binnengrenzen im Schengen-Raum freier bewegen zu können. Nicht umsonst haben im April und Mai diejenigen für Macron gestimmt, die der »Globalisierung« etwas abgewinnen können: zu großen Teilen Menschen mit hohen Bildungsabschlüssen, einem höheren Lebensalter und relativ hohen Erwerbseinkommen. Dieses Milieu beteiligte sich am vergangenen Sonntag nicht nur in überdurchschnittlichem Maße an den Wahlen, sondern stimmte dabei auch mehrheitlich für die Kandidaten von »En marche!« Den Ton dieser Partei, die eher einer Bewegung gleicht, geben wirtschaftsliberale Vertreter des bürgerlichen Lagers und ehemalige Angehörige des rechten Flügels der sozialistischen Partei an, die glauben, mit dem Auftritt Macrons auf der politischen Bühne ließe sich die Politik von dessen Vorgänger François Hollande unter neuem Label fortsetzen.

Relativer Sieg

Die massive Wahlenthaltung, die zum ersten Mal bei einer Parlamentswahl der V. Republik die Marke von 50 Prozent überschritt, verweist allerdings auch auf die geringe gesellschaftliche Verankerung Macrons und seiner Partei. Die Kandidaten von »En marche!« erhielten gerade einmal 13,4 Prozent der Stimmen aller Wahlberechtigten. Besonders hoch war die Enthaltung unter Arbeitern, Angestellten, Jungwählern und Geringverdienern. Es waren vor allem die Wähler der Präsidentschaftskandidaten Jean-Luc Mélenchon und Marine Le Pen, die sich am ersten Wahlgang am vergangenen Sonntag nicht beteiligten.
Die Ende der 1990er Jahre vorgenommene Verkürzung der Amtszeit des Staatspräsidenten auf fünf Jahre brachte die Abstimmungstermine der Wahlen von Parlament und Präsident in zeitliche Nähe zueinander. Zuvor waren erstere auch ein Urteil der Wähler über Zustimmung oder Ablehnung der Regierungspraxis. Seit 2002 jedoch wurden die Parlamentswahlen mehr und mehr »präsidentialisiert«. Sie wurden zum formalen Akt, der dem neugewählten Präsidenten endgültig die Möglichkeit geben sollte, mit starker eigener Mehrheit, vom Parlament unbehindert, zu regieren.
Denkt man diese Entwicklung zu Ende, reduziert sich der aktuelle demokratische Wettbewerb um politische Programme auf die erste Runde der Präsidentschaftswahlen. Schon die Stichwahl gerät zur bloßen Entscheidung darüber, welcher der beiden Kandidaten das wohl »kleinere Übel« darstellt. Die Abstimmung über die Zusammensetzung des Parlaments ist dagegen von erheblich geringerer Bedeutung, vor allem für die Anhänger der Oppositionsparteien. Deren Stärkung, so die Einschätzung vieler Wähler, schränkte die Handlungsfähigkeit des Staats- und des Regierungschefs ein. Die »Cohabitation«, also ein Präsident ohne eigene parlamentarische Mehrheit mit einem Premierminister aus dem gegnerischen politischen Lager, wird mit einem unklaren politischen Kurs in Verbindung gebracht. So wuchsen seit 2002, jenem Jahr, als zum ersten Mal die Präsidentschaftswahlen unmittelbar vor den Parlamentswahlen stattfanden, die Mehrheiten des jeweils siegreichen Lagers trotz deutlich steigender Wahlenthaltung.
Dieser Tatsache waren sich die Strategen von »En marche!« bewusst. Macron musste einzig und allein in die Stichwahl gegen Marine Le Pen gehievt werden. Danach, so das Kalkül, hätte er freie Hand. Trotz alledem erreichte Macrons Bewegung am vergangenen Sonntag nur knapp 32 Prozent der abgegebenen Stimmen – das ist seit den 1990er Jahren das schlechteste Ergebnis für ein Wahlbündnis, das einem siegreichen Präsidentschaftskandidaten nahestand. Uneingeschränkte Euphorie bei den Siegern sollte da eigentlich nicht herrschen. Denn wenngleich der »Modernisierer« Macron das alte konservative Ideal der nationalen Sammlungsbewegung beschwört, kann trotz einer gewaltigen parlamentarischen Mehrheit noch lange nicht von einer gesellschaftlichen Hegemonie gesprochen werden.

Produkt ökonomischer Netzwerke

Es gibt zahlreiche legitime Gründe, Macron wenigstens passiv die Gefolgschaft zu versagen. Dies wird deutlich, wenn man einen Blick hinter die Kulissen wirft. Gegründet im April 2016, besaß »Die Republik in Bewegung«, so der deutsche Name, relativ schnell erhebliche finanzielle Rücklagen; nicht zuletzt aufgrund der Kontakte, über die Emmanuel Macron verfügt. So war bereits im Mai 2016 in London eine private Dinnerparty veranstaltet worden, die einzig und allein das Ziel hatte, im Kreise französischer Internetunternehmer Geld für den Wahlkampf 2017 einzusammeln. Die Angehörigen des »French Tec« genannten Netzwerkes hatten die britische Hauptstadt aber in erster Linie deshalb als neuen Lebensmittelpunkt gewählt, um Steuern zu sparen. Im Dezember 2016 stieg eine Spendenparty in New York. Mit Unterstützung durch den US-Chef des Luxuskonzerns LVMH konnte Macron so weitere Kontakte zu finanzkräftigen Entrepreneurs aufbauen. Gleichzeitig erhielt er aber auch direkte Hilfe aus dem ökonomischen Establishment in Frankreich. Beispielsweise aus dem Umfeld des Multimilliardärs Patrick Drahi, Besitzer zahlreicher Kabelnetze und von Telefonanbietern, aber auch einer Holding, zu der die Zeitungen Libération und L’Express ebenso gehören wie der Nachrichtenkanal BFM TV. Drahi, der ebenfalls aus Steuergründen seinen Hauptwohnsitz in der Schweiz angibt, stellte seinen persönlichen Berater, den Investmentbanker Bernard Mourad, für Macrons Kampagne zur Verfügung. Mourad sollte dem Wahlkämpfer bei der Finanzierung helfen und Kontakte knüpfen. Macron konnte bis Ende des Jahres 2016 1,5 Millionen Euro an Spenden einsammeln.
Kurdisches Filmfestival
Mit Blick auf seine Sponsoren sollte nicht verwundern, dass Macron die Steuerbelastung sehr wohlhabender Haushalte weiter senken möchte. So sollen Geldvermögen nicht mehr der Vermögenssteuer unterliegen. Schon während der Präsidentschaften von Nicolas Sarkozy und Hollande waren die Untergrenzen, die zur Zahlung dieser Steuer verpflichten, erhöht worden. Die Steuersenkungspolitik zugunsten französischer Großkonzerne und deren Aktionären hatte Macron bereits als Wirtschaftsminister maßgeblich mit vorangetrieben.
Minister und Spitzenpolitiker sowie Wirtschaftslenker entstammen demselben Milieu. Nicht selten aus reichen Familien, haben sie in der Regel gemeinsam die Nationale Verwaltungshochschule (École Nationale d’Administration, ENA) besucht. Man kennt einander, man hilft einander. Kleine politische Gefälligkeiten öffnen die Tür zur freien Wirtschaft. Dabei ist üblich, dass sich Spitzenbeamte großen Konzernen andienen, gefördert von den öffentlichen Institutionen, die den Wechsel von der Beschäftigung im Staatsapparat zur Betätigung in der Privatwirtschaft dadurch erleichtern, dass sie eine jederzeitige Rückkehr garantieren. Vor allem der Finanzsektor ist dabei von Interesse.
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Hält von den Plänen Macrons nichts: Ein Teilnehmer einer Protestdemonstration einen Tag nach der Präsidentschaftsstichwahl vom 7. Mai in Paris
Diese Wirtschaftsnähe spiegelt sich in der Zusammensetzung des von Macron ernannten Kabinetts wider. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist die derzeitige Arbeitsministerin Muriel Pénicaud, die einst als hohe Beamtin in der Territorialverwaltung tätig war und danach von 1991 bis 1993 dem Beraterstab ihrer Vorgängerin Martine Aubry angehörte. Anschließend war sie jeweils als Vorstandsmitglied mit der Zuständigkeit für »Ressources humaines«, also Personalmanagement, unter anderem für den Telekommunikationsriesen Orange und den Lebensmittelgiganten Danone tätig. Dass Unternehmen in hohem Maße Minister und hohe Beamte aus dem staatlichen Verwaltungsapparat abwerben, um mit deren spezifischen Kenntnissen effektive Lobbyarbeit zu betreiben, ist nicht neu. Eher schon, dass sich die »ENA-Kader« durch gefälliges Verhalten gegenüber den Vertretern des großen Geldes für die Banken- und Versicherungskonzerne interessant machen.
Die Dominanz der Kapitalinteressen im Umfeld von Macron wird noch deutlicher, wenn man sich die Zusammensetzung der Kandidatenliste von »En marche!« ein wenig genauer anschaut. Von den 521 Kandidaten ist etwa die Hälfte im Privatsektor beschäftigt. Besonders gut vertreten sind Unternehmer und Führungskader, darunter nicht wenige, die bei Finanzkonzernen wie dem Versicherungsriesen Axa oder der börsennotierten Genossenschaftsbank »Crédit Agricole« beschäftigt sind.

Dominanz der Kapitalinteressen

Die kommende Parlamentsfraktion in ihrer relativ homogenen sozialen Zusammensetzung wird mit ziemlicher Sicherheit geschlossen hinter dem Präsidenten und dessen Premierminister Édouard Philippe, einem rechtsliberalen Überläufer aus den Reihen der »Republikaner«, stehen, wenn es darum geht, Frankreich in den nächsten Monaten weiter neoliberal umzugestalten. Anders gesagt: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich die neugewählten Abgeordneten Macrons Ziel, zentrale Politikanliegen per Verordnungen und nicht mehr im Rahmen normaler Gesetzgebungsverfahren in Kraft zu setzen, verweigern werden.
In den nächsten Monaten werden zwei Themen im Mittelpunkt stehen, die Macron schnell abgearbeitet haben möchte: die weitere Demontage des Arbeitsrechts und die »Reform« der Sozialversicherungssysteme. Der Präsident, sein Premier sowie seine Minister, die allesamt über enge Kontakte zum Medef, dem Interessenverband des Großkapitals, verfügen, beabsichtigen, in großem Maßstab staatliche Regulierungen und Auflagen für die Unternehmen zu beseitigen. So plädiert Macron für eine vollständige Verlagerung der Regelung aller sozial- und arbeitsrechtlichen Fragen auf die Betriebsebene. Dort soll dann nicht nur über die Länge der Arbeitszeiten entschieden werden, sondern auch über die Frage, welche Form von Arbeitsverträgen rechtlich zulässig sein soll. Eine staatliche Regulierung ist nicht mehr vorgesehen, dafür aber die Einschränkung bisher gängiger Formen der innerbetrieblichen Gewerkschaftsarbeit. So sollen innerbetrieblich existierende Arbeitsaufsichten, die eine rechtlich autonome Form besitzen unter dem Vorwand, sie seien ineffektiv, verschwinden. Gleiches gilt für die »Delegierten«, die von den Beschäftigten auf der untersten Ebene der Betriebe gewählt werden und die Probleme und Bedürfnisse an der »Basis« thematisieren. Deshalb stehen sie im täglichen Austausch mit den Arbeitern und Angestellten und nehmen nicht selten eine kämpferischere Haltung auch gegenüber höheren Ebenen des Gewerkschaftsapparats ein. All diese Strukturen sollen zugunsten des – freilich rechtlich nicht aufgewerteten – Betriebsrates verschwinden. Verpflichtend ist dessen Einrichtung derzeit ab 50 Beschäftigten. Geplant ist indes eine Anhebung dieser Untergrenze.
Vorgesehen ist überdies die Umwandlung der beitragsfinanzierten Sozialversicherung in eine steuerfinanzierte. So sollen in einem ersten Schritt die Beschäftigten des Privatsektors ab dem 1. Januar 2018 von der Beitragszahlung befreit werden. Damit verspricht Macron gerade den Geringverdienern, Lohnerhöhungen erzielen zu können, verschweigt dabei aber, dass die »Sozialsteuer« CSG, die seit den frühen 1990er Jahren existiert, zur Gegenfinanzierung des ganzen Projektes erhöht werden soll. Für Haushalte mit geringen Einkommen kommt dies einem Nullsummenspiel gleich und belastet zudem Menschen viel stärker, die keine Sozialversicherungsbeiträge abführen. Mittelfristig dürften auch die Sozialbeiträge der »Arbeitgeberseite« fallen. Geringere Kosten, so wird es dann heißen, verbesserten die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, was wiederum Arbeitsplätze schaffe usw.
Trotz des Aufschreis angesichts dieser geplanten »Reform« des Arbeitsrechtes, deren grobe Planung in der letzten Woche vor der ersten Runde der Parlamentswahlen öffentlich wurde, gelang es den Gegnern Macrons nicht, breite Wählermassen gegen »En marche!« zu mobilisieren. Ein Teil der Desillusionierung hat sicherlich mit der Enttäuschung über den verpassten Einzug Jean-Luc Mélenchons in die Präsidentschaftsstichwahl zu tun. Das eigene Elektorat demobilisierte sich schon rasch nach dem Ende der Wahlkampagne, aus der Dynamik, die sich bis zum 23. April entwickelt hatte, wurde Stillstand.

Sieg oder Niederlage?

Gleichzeitig prallten aber auch die verschiedenen Interessen von »France insoumise« (Aufständisches Frankreich, FI) und der Kommunistischen Partei (PCF) aufeinander. Während FI klar den Führungsanspruch innerhalb der Linken für sich postulierte und jedes Bündnis mit der Sozialdemokratie ablehnte, wollte sich der PCF dieser Dominanz nicht unterordnen. Gemeinsame Kandidaturen mit FI hätten bedeutet, dass der Parteivorstand der Kommunisten erklärt, Mélenchons Wahlprogramm vollständig zu unterstützen. Zudem hätte dies den Mandatsträgern des PCF abverlangt, allen Aktiven und Wählern von FI uneingeschränkte Transparenz zu demonstrieren. Dieser Forderung des FI konnte und wollte der organisatorisch autonome PCF nicht nachgeben, zumal das maßgebliche Interesse der Partei seit Jahren vor allen Dingen darin besteht, nicht vollständig von der politischen Landkarte zu verschwinden. Dies verlangte aber die Möglichkeit zur Wahl von originären kommunistischen Kandidaten sowie die Bildung eigenständiger Fraktionen in den parlamentarischen Gremien auf allen Ebenen. Und deshalb lässt die Partei offen, mit welchen Akteuren des »Mitte-links-Spektrums« sie im Rahmen des französischen Mehrheitswahlsystems kooperiert. Dieser politischen Strategie mangelt es allerdings eines radikalen Geistes – nicht zuletzt auch deshalb, weil viele führende Funktionäre des PCF mit der Vorstellung von einer grundlegenden institutionellen Reform Frankreichs nur noch wenig anfangen können, schließlich könnten die eigenen bescheidenen Pfründe in Frage stehen.
Der Riss, der durch das linke Lager geht, macht die Sache unübersichtlich. Einige sicher geglaubte Wahlkreise konnten nicht mehr gewonnen werden, wobei deutlich wurde, dass FI die klare Siegerin innerhalb dieser internen linken Auseinandersetzung ist. Auch bei dieser Wahl zeigte sich, dass FI die politische Rolle, die die Kommunistische Partei über Jahrzehnte eingenommen hatte, nämlich eine radikale Kritik mit konkreten politischen Reformangeboten zu verbinden, überzeugender einnimmt als diese selbst. Erneut gelang es »France insoumise«, in denjenigen Regionen überdurchschnittlich gute Ergebnisse zu erzielen, die einst von der »kommunistischen Linken« dominiert worden waren. In 73 Wahlkreisen zogen FI-Kandidaten in die Stichwahlen ein.
Die sozialistische Partei ist fast vollständig eliminiert. Dazu haben linke Akteure wesentlich beigetragen. Die neoliberale Orientierung der Sozialdemokratie konnte erfolgreich in Frage gestellt werden. Neue Räume, in denen neue Formen linker Organisationen entstehen können, wurden geschaffen, und vielleicht erwächst daraus ja wirklich dereinst eine Bewegung mit gegenhegemionalem Charakter.

Bankrott der Demokratie


Gipfelvorbereitungen in Hamburg: Allgemeinverfügung gegen Demonstrationen in der »blauen Zone« und Campverbote

Von Kristian Stemmler
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Vorgeschmack auf die Gipfeltage: Polizisten schotten das Hamburger Messegelände ab (8. April)

»Das gesamte deutsche Polizeiequipment«

Hartmut Dudde wirkte zufrieden. Mit einem Dauergrinsen im Gesicht zählte der Gesamtseinsatzleiter der Hamburger Polizei für den G-20-Gipfel bei einer Pressekonferenz am Donnerstag im Polizeipräsidium auf, was man Anfang Juli so alles aufbietet zum Schutz der Mächtigen. Sämtliche deutschen Sondereinsatzkommandos seien dabei, erklärte er, »und wir haben 153 Hunde geholt«. Man werde »die größte Ballung von Dienstpferden deutschlandweit haben« und »die Hubschrauberei wird da sein.«
»Sie werden das gesamte deutsche Polizeiequipment hier in Hamburg sehen«, tönte der Polizeiführer, der für die linke Szene ein rotes Tuch ist, und fuhr fort: »Nur wenn's geht, eben möglichst zurückhaltend – wenn wir's komplett brauchen, packen wir's eben aus.« Diese hemdsärmelige Ankündigung verheißt nichts Gutes für den Verlauf der Gipfelproteste, denn Dudde gilt als »harter Hund«, als Erfinder der »Hamburger Linie«, die eher auf den Einsatz von Wasserwerfern und Schlagstöcken setzt als auf Deeskalation.
Das machte Dudde auf der Pressekonferenz indirekt deutlich, als er ausführte, wer friedlich demonstriere, werde die Polizei kaum wahrnehmen, sobald aber bei einem Aufzug Straftaten registriert würden, etwa eine Vermummung, müsse man eingreifen. Da könne man gar nicht anders, behauptete der Beamte, und verwies auf den Paragraphen 163 der Strafprozessordnung, in dem die Aufgabe der Polizei benannt ist, »Straftaten zu erforschen und alle keinen Aufschub gestattenden Anordnungen zu treffen«.
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»Hamburg zeigt Haltung«, so heißt ein Bündnis, zu dem sich prominente Hamburger aus Politik, Kultur, Kirche und anderen gesellschaftlichen Bereichen Anfang Mai zusammenfanden. Man wolle den zum G-20-Gipfel am 7. und 8. Juli anreisenden Staatschefs zeigen, dass die Stadt für »westliche Werte« steht, für eine »offene Gesellschaft«. Je näher der Gipfel rückt, desto grotesker wirkt das vom Bündnis gewählte Motto. Zumindest die Führung der Hansestadt lässt gerade jede Haltung vermissen – »Hamburg verliert die Fassung« würde es besser treffen.
Vor allem das Agieren der Polizei und des von der Dimension des Ereignisses offenbar überforderten Innensenators Andy Grote (SPD) wirkt hilflos. Grote behauptete allen Ernstes, das Gipfeltreffen werde ein »Festival der Demokratie«. Das sagte derselbe Senator, der mit allen Mitteln versucht, jeden Protest zu unterbinden, der über bunte Banner hinausgeht. Grote will die Camps der Gipfelgegner im Stadtpark und im Altonaer Volkspark verhindern, hat eine Allgemeinverfügung präsentiert, die in einem Gebiet von 38 Quadratkilometern, der ominösen »blauen Zone«, während der Gipfeltage Demonstrationen untersagt.
Der G-20-Gipfel wird eher als eine Bankrotterklärung der Demokratie in die Geschichte eingehen. Der von den Gipfelgegnern »Verbote-Grote« getaufte Innensenator und die Polizei weichen keinen Millimeter von ihrem Kurs knallharter Repression ab. Das bewies auch der Auftritt von Gesamteinsatzleiter Hartmut Dudde auf einer Pressekonferenz am Donnerstag. Dudde protzte mit dem Polizeiaufgebot zum Gipfel, erklärte, die Präsenz werde bereits am Mittwoch deutlich erhöht.
Am 6., 7. und 8. Juli wird der Weltöffentlichkeit wohl vor allem eines demonstriert werden: Wie weit sich die Herrschenden von der Bevölkerung entfernt haben. Es ist entlarvend, welche Maschinerie zum Schutz der Staats- und Regierungschefs der 19 »wichtigsten Industrie- und Schwellenländer« plus EU-Vertreter angeworfen wird. Um das Volk von ihnen fernzuhalten, marschiert ein Heer von Polizisten, Soldaten und Geheimdienstlern auf. Fachleute gehen eher von 20.000 bis 25.000 Sicherheitskräften aus als von den bisher genannten 17.000.
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In der blauen Zone, von der Polizei als »Transferkorridor« verharmlost, wird das Grundrecht auf Versammlungsfreiheit kassiert – nur damit die Konvois der Staatschefs ungestört zwischen Flughafen, Hotels und Tagungsorten hin- und herrasen können. Donald Trump, der Präsident der USA, wird zur Beförderung in einen gepanzerten Cadillac gesteckt, »The Beast« genannt. Das zum Thema Bürgernähe im 21. Jahrhundert.
Vom Gipfel in Hamburg werden verstörende Fernsehbilder um die Welt gehen: Bewaffnete Polizisten auf den Straßen, Hubschrauber kreisen über der Stadt, Protestler werden in Containerknäste verschleppt. Ob die Winkefotos von Merkel, Trump und Co. vor der Kulisse der Elbphilharmonie das aufwiegen, darf bezweifelt werden.
Protest gegen den harten Kurs des Senats kommt fast nur von links. Die mitregierenden Grünen erweisen sich als Totalausfall ebenso wie die anderen in der Bürgerschaft vertretenen Parteien. Der Antrag der Linksfraktion, Gipfelgegnern Flächen zum Campieren bereitzustellen, wurde am Mittwoch abgeschmettert. In der Lokalpresse gab es immerhin scharfe Kritik von Morgenpost und taz an der Allgemeinverfügung und von der Zeit am Verbot der Zeltlager.
Arroganz der Macht und Rechthaberei konnte man Hamburgs SPD schon oft attestieren, obwohl Grote als auch sein Chef, der Erste Bürgermeister Olaf Scholz, Juristen sind. In Hamburg und im Rest der Republik kommen sie mit ihrer Strategie aber nicht gut an, wie eine Umfrage zeigt, über die das Magazin Stern am Mittwoch berichtete. Danach befürworten 44 Prozent der Befragten die Demos zum Gipfel. Mehr als die Hälfte erwarten von der Polizei ein zurückhaltendes Eingreifen, auch bei Ausschreitungen.
Selbst bei der Polizei scheint der Unmut zu wachsen. So berichteten Medien über den anonymen Brief eines Polizisten, der im Internet veröffentlicht wurde. In dem an die Staatschefs gerichteten Brief kritisiert der Beamte, Millionen würden für ein »belangloses Stelldichein« verschwendet. Das Geld sei bei »Familien am Rande« besser aufgehoben, bei »Menschen, die ohne Obdach auf der Straße erfrieren«.

Harte Töne Richtung USA


Senatsbeschluss zu »Strafmaßnahmen« gegen Russland. Deutsch-österreichischer Schulterschluss gegen »völkerrechtswidrige« Sanktionen

Von Knut Mellenthin
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Es geht ums Geschäft: Röhren für die Erdgasleitung Nord Stream II liegen am Hafen von Mukran auf Rügen
Ungewöhnlich heftig haben am Donnerstag die Regierungen in Berlin und Wien auf die Entscheidung des US-Senats reagiert, neue Sanktionen gegen Russland zu verhängen. In einer gemeinsamen Stellungnahme erhoben der österreichische Bundeskanzler Christian Kern und der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel sogar den Vorwurf, dass Teile der geplanten Strafmaßnahmen »völkerrechtswidrig« seien. Gabriels Vorgesetzte, Bundeskanzlerin Angela Merkel, ließ ihren Regierungssprecher Steffen Seibert mitteilen, dass sie die Aktion »befremdlich« findet. »Es ist, vorsichtig gesagt, ein eigenwilliges Vorgehen des US-Senats.«
Die Regierungen in Berlin und Wien haben schon wiederholt ihr Interesse angedeutet, die seit 2014 von den USA und ihren Verbündeten gegen Russland praktizierten Sanktionen zurückzufahren. Merkel und Gabriel verknüpfen das allerdings mit der unrealistischen Erwartung, Russland müsse gleichzeitig zu »Zugeständnissen« auf der Krim, in der Ostukraine und möglichst auch noch in Syrien oder anderen Teilen der Welt bereit sein.
Aber das ist nicht Thema der am Donnerstag von Kern und Gabriel veröffentlichten Pressemitteilung. Diese enthält im Gegenteil ein pflichtschuldiges Grundsatzbekenntnis zur Frontbildung gegen Russland und zur Fortsetzung eines »geschlossenen und entschlossenen Vorgehens der EU und der USA bei der Lösung des Ukraine-Konflikts«. Die deutsch-österreichische Empörung richtet sich lediglich gegen »die Drohung mit völkerrechtswidrigen extraterritorialen Sanktionen gegen europäische Unternehmen, die sich am Ausbau der europäischen Energieversorgung beteiligen«. Das bezieht sich auf die in der vom US-Senat beschlossenen Fassung des Gesetzes vorgesehene Möglichkeit, europäische und andere ausländische Firmen, die sich am Bau vom Nord Stream II beteiligen, mit schweren Nachteilen auf dem US-amerikanischen Markt zu bestrafen. Eine wesentliche Funktion der neuen Erdgaspipeline besteht darin, russisches Gas unter Umgehung der Ukraine nach Europa zu liefern.
In der deutsch-österreichischen Presseerklärung heißt es zu diesem Thema: »In bemerkenswerter Offenheit beschreibt der US-Gesetzentwurf, worum es eigentlich geht: um den Verkauf amerikanischen Flüssiggases und die Verdrängung russischer Erdgaslieferungen vom europäischen Markt. Ziel sei es, Arbeitsplätze in der Erdgas- und Erdölindustrie der USA zu sichern.« Das bringe »eine völlig neue und sehr negative Qualität in die europäisch-amerikanischen Beziehungen. (...) Europas Energieversorgung ist eine Angelegenheit Europas, und nicht der Vereinigen Staaten von Amerika! (...) Keine Vermengung außenpolitischer Interessen mit wirtschaftlichen!«
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In Wirklichkeit ist die Methode, die der US-Senat hier anwenden will, kein Bruch mit bisherigen Gewohnheiten. Nahezu alle Sanktionen gegen den Iran beruhten und beruhen darauf, nicht das Land selbst zu bestrafen, zu dem die USA fast gar keine wirtschaftlichen Beziehungen haben, sondern dessen Geschäftspartner. Vor allem Investitionen in die iranische Öl- und Gasproduktion, Lieferungen von Maschinen und Kooperation mit iranischen Unternehmen in diesem Sektor wurden hart geahndet. Das Ergebnis war der fast vollständige Rückzug europäischer und chinesischer Firmen. Proteste der deutschen Bundesregierung gab es nicht. Vielleicht lag das daran, dass vor allem Franzosen und Italiener betroffen waren.
Jetzt fällt auf, dass sich nur Berlin und Wien sofort zu einer gemeinsamen Stellungnahme gegen die geplanten zusätzlichen US-Sanktionen zusammengefunden haben. Zwischen den konkurrierenden EU-Volkswirtschaften besteht keine vollständige Übereinstimmung der Interessen. Durch die neue Pipelineführung von Nord Stream II zum Beispiel fühlen sich Polen und die baltischen Staaten geschädigt.
Ein unmittelbar praktisches Thema sind Flüssiggaslieferungen aus den USA für die europäischen Staaten noch nicht. Das US-Exportvolumen ist bisher gering und das Gas geht hauptsächlich nach Japan, Südkorea und China. Nur wenige Lieferungen kamen bisher in einigen südeuropäischen Ländern und der Türkei an. Russlands Produktionskosten sind niedriger, seine Transportwege besonders nach Nord- und Mitteleuropa kürzer.
Die Entscheidung des US-Senats für das neue Sanktionsgesetz fiel am Donnerstag mit 98 gegen zwei Stimmen. Die einzigen Gegenstimmen kamen vom Republikaner Rand Paul und vom Demokraten Bernie Sanders, der im vorigen Jahr fast Präsidentschaftskandidat seiner Partei geworden wäre. Demnächst folgt die Beratung im Abgeordnetenhaus. Abgestimmt wird dort aber wohl erst nach der Sommerpause. Eine große Mehrheit gilt auch dort als sicher.

Kampfansage mit Kosmetik


Martin Ling über Donald Trumps Neujustierung der Kuba-Politik

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Der Adressat seiner Kuba-Politik liegt offen: Kubas Armee und Geheimdienst will US-Präsident Donald Trump treffen und damit die Regierung von Raúl Castro destabilisieren. Die Armee ist ein wichtiger Player im Tourismus und profitiert damit logischerweise von steigenden Touristenzahlen, woher die Besucher auch immer kommen. Und mit dem zielgerichteten Verbot von Finanztransaktionen mit dem mächtigen kubanischen Konzern Gaesa schlägt Trump zwei Fliegen mit einer Klappe: Gaesa gehört der kubanischen Armee und wird von Luis Alberto Rodríguez López-Callejas, Schwiegersohn und Vertrauter Raúl Castros, geleitet.
Havanna wird die Neuausrichtung der Kuba-Politik durch Trump sicher nicht mit Freude goutieren. Sowenig wie Gaesa-Partner Mariott. Das US-Unternehmen fürchtet schon um die Rentabilität auf der Karibikinsel getätigter Investitionen. Wenn das Trump-Dekret umgesetzt wird, entsteht wirtschaftlicher Schaden für Gaesa und seine Geschäftspartner.
Dass Raúl Castro wegen Trumps Kursschwenk schlaflose Nächte verbringt, ist nicht zu erwarten. Kubas Regierung und Wirtschaft ist seit 55 Jahren einer US-Blockade ausgesetzt, die in ihren negativen Auswirkungen weit über die Trumpschen Neuerungen hinausgeht. Havanna hat viel Erfahrung darin, flexible Antworten auf sich ändernde US-Politik zu geben.

Kohl und die Geschichtsbilder


Tom Strohschneider über Nachrufe als Narrativmaschinen, das konservative Unschärfeprinzip und eine Wende, die so nicht erinnert werden soll

Kohl und die Geschichtsbilder
Helmut Kohl ist gestorben und es ist wenig dagegen einzuwenden, dass Freund und Feind nun vor allem die Verdienste des Langzeitkanzlers würdigen. Die eigenartige Aufregung, die sich um den Titel der »Tageszeitung« rankte, verweist freilich darauf, dass diese eingeübte Weise des politischen Gedenkens nicht ganz ohne innere Widersprüche ist - es riecht ein wenig nach Zwang zur lobenden Erwähnung. (Wie oft hat sich die Zeitung, die nun ganz groß den Kohl ehrt, je für ihre Geschmacklosigkeiten entschuldigt?)
Denn wahr ist doch auch: Nicht jeder ehemalige Staatslenker bekommt den gleichen nachrufenden Beifall. Der ist abhängig von dem Geschichtsbild, das gerade als herrschender Konsens akzeptiert wird. Dieses zu bewahren, ja auch: vor kritischer Veränderung zu schützen, wird dann auch der angeblich gute Geschmack in Stellung gebracht.
Noch ein Beispiel: Dass der Sozialdemokrat Kurt Beck in seiner Erinnerung an Helmut Kohl neben allerlei guten Worten auch den Hinweis nicht unterließ, dass der CDU-Koloss ein wahrhafter Sozen-Fresser war, bot denn auch Anlass für wohlfeile Empörung: Das Monument Kohl, es soll nicht infrage gestellt werden.

Konservatives Unschärfeprinzip

Dabei geht es aber nicht einmal so sehr um den Politiker selbst. Sondern um eine bestimmte Erzählung von der Vergangenheit. Indem politische Ereignisse in die Person und deren Handeln gewissermaßen hineingeschrieben werden, gerät ein Teil des historischen Kontextes aus dem Blick - und das ist durchaus gewollt. Wenn nun etwa der »große Europäer« Helmut Kohl gewürdigt wird, dann beeinflusst das rückschauende Bild vom Kanzler, der den Weg in den Euro gegen Ablehnung und Kritik durchboxte, auch ein Narrativ über die Wirtschafts- und Währungsunion insgesamt: alternativlos, musste von starker Politikerhand durchgesetzt werden!
Dafür mag etwas mitverantwortlich sein, das man konservatives Unschärfeprinzip nennen könnte: Je weiter eine Phase politischer Entwicklung zurückliegt, desto eher wird dazu geneigt, diese im Lichte der Kritik an aktuellen Widrigkeiten als bessere Vergangenheit zu imaginieren. Dass Linkspolitiker an Kohl nun lobend erwähnen, dieser habe »die soziale Spaltung des Landes nie so groß werden lassen wie seine Nachfolger«, lässt sich so immerhin ein wenig erklären: Die rot-grüne Agendapolitik des Kohlnachfolgers Schröder ist der politischen Sensorik von heute näher als - sagen wir: die neoliberale, geistig-moralische Wende von 1982, die Kohl als ideologische Girlande für eine Politik diente, die natürlich auch soziale Spaltung zur Folge hatte.

Aus dem Erinnerungsbild herausgeschrieben

Oder einmal so gefragt: Kann man den zu Kohls Zeiten höheren Spitzensteuersatz, der zwar gut in die aktuelle Debatte über eine notwendige Umverteilung passt, gegen den antigewerkschaftliche Kurs der liberalkonservativen Regierung aufrechnen, der sogar die krisenkorporatistische DGB-Politik noch zu weit ging, und die deshalb 1996 ein antisoziales Bündel schnürte?
Wenn heute in den Erinnerungen an Helmut Kohl so getan wird, als sei der zentrale Grund für seine Abwahl 1998 eine Art personenbezogener Überdruss aufgrund überlanger Amtszeit, wird eben auch etwas aus dem Erinnerungsbild herausgeschrieben: die recht umfangreichen Proteste gegen die damalige Regierung. Dass damals eine der größten Demos der Geschichte der Bundesrepublik stattfand, dass sich Gewerkschaften und andere immerhin gegen die Einschränkung des Kündigungsschutzes durchsetzen konnten, all das ist eben auch: Helmut Kohl.

Mit Brecht zu fragen: »Er allein?«

Man könnte diese Liste fortsetzen, und wie gesagt: dabei geht es nicht zuvörderst um den CDU-Politiker selbst, sondern um die Art und Weise der Erinnerung, um die Auslassungen und Betonungen. Weil interessant ist, was nicht oder nur selten nun in den Rückblick einbezogen wird. Der Streit um Bitburg, also der Auftritt an den Gräbern von Schergen der Waffen-SS. Die empörende Reaktion des Kanzlers nach dem rassistischen Mordanschlag von Solingen, als der CDU-Boss nicht zur Trauerfeier für die fünf von Neonazis getöteten Menschen erschien - und sein Regierungssprecher Vogel sagte, man wolle doch nicht »in Beileidstourismus ausbrechen«.
In einer besonderen Weise kommt das Phänomen in der Überhöhung Kohls als »Kanzler der Einheit« und »Wegbereiter des vereinten Deutschlands« zum Ausdruck. Erstens wäre doch mit Brecht zu fragen: »Er allein? Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?« Waren nicht auch jene in der DDR irgendwie beteiligt, die sich schon länger und vor allem seit dem Sommer 1989 dafür einsetzten, dass dieses Land eine andere Richtung nimmt?
Kohl selbst hatte ein widersprüchliches Verhältnis zu denen in der DDR, die den Mut hatten, auf die Straße zu gehen. Wohl aus zwei Gründen: Erstens hielt der CDU-Mann grundsätzlich wenig von zivilgesellschaftlichem Protest, diese Haltung ist in dem ihm zugeschriebenen und auf die Kritiker der Nachrüstung gemünzten Satz »Die demonstrieren, wir regieren« festgehalten.
Der zweite Grund: Ihm passte nicht, was zumindest bis in den frühen Winter 1989 hinein eine, wenn nicht die hauptsächlichste Stoßrichtung des politischen Aufbruchs in der DDR war: eine soziale, demokratische, ökologische Erneuerung dieses Landes. Und nicht der kurze Weg in die Bundesrepublik.
»Noch haben wir die Chance, in gleichberechtigter Nachbarschaft zu allen Staaten Europas eine sozialistische Alternative zur Bundesrepublik zu entwickeln. Noch können wir uns besinnen auf die antifaschistischen und humanistischen Ideale, von denen wir einst ausgegangen sind«, so hieß es noch an jenem Tag des Novembers 1989 in einem Aufruf, der breiteste Unterstützung hatte.
Es war der Tag, an dem Kohl im Bonner Wasserwerk seinen Zehn-Punkte-Plan aus der Tasche holte und damit die Initiative in die Hand nahm. Das hatte etwas mit der Macht des Faktischen zu tun, mit der Schwäche sowohl der Erneuerungskräfte als auch des alten Regimes in der DDR. Es hatte etwas damit zu tun, dass die ökonomischen Interessen groß waren. Auf allen Seiten.

Sein Mantel der Geschichte

Kohl hat auf die Demonstranten von Leipzig, Dresden und Berlin später mit großer Geringschätzung geblickt und gern an seinem eigenen »Mantel der Geschichte« gestrickt: die der DDR von ihm beim Honeckerbesuch von 1987 abgerungenen Erleichterungen in Fragen der Besuchserlaubnis hielt der Altkanzler für den Stein, der alles ins Rollen brachte. Und »nicht die Kerzen und die Gebete in der Kirche«. Er höhnte sogar über die Ansicht, »der Heilige Geist sei über die Plätze in Leipzig gekommen und habe die Welt verändert«. Oder: »Es ist doch dem Volkshochschulhirn von Thierse entsprungen, dass das auf den Straßen entschieden wurde«, wie es in den umstrittenen »Kohl-Protokollen« zu lesen war.

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Auch das ist der Kanzler der Einheit. Der entscheidende Punkt dabei jedoch ist nicht er selbst, sondern: In der Würdigung von Helmut Kohl wird ein ganzer Strang aus der Geschichte eines einmaligen Aufbruchs mit all seinen Widersprüchen herausgeschrieben, nämlich der ostdeutsche, der eigensinnige, der linke, der nicht schon von Anfang an auf »ein Volk« und eine bürgerlich-nationale Wende hinauswollte.
Angela Merkel hat die Rolle Kohls in jener Zeit als »höchste Staatskunst im Dienste der Menschen« bezeichnet. In der Tat, er nutzte die Gunst der Stunde, und niemand würde die Geschichte zurückdrehen wollen. Das Bild von ihr aber, das jetzt in den Nachrufen für einen zweifellos bedeutenden Politiker neu zusammengerückt, ausgemalt, verfeinert wird - es ist nicht das ganze Bild der Geschichte.

Bereits über 50 Tote durch Waldbrände in Portugal


Schwerste Feuer dieser Art seit Jahren / EU sagt Hilfe zu

Ein Mann beobachtet am 18.06.2017 in Avelar (Portugal) auf dem Balkon eines Hauses einen Waldbrand auf einem Hügel nahe der Stadt.
Ein Mann beobachtet am 18.06.2017 in Avelar (Portugal) auf dem Balkon eines Hauses einen Waldbrand auf einem Hügel nahe der Stadt.
Lissabon. Die Zahl der Toten des verheerenden Waldbrandes in Portugal ist nach Angaben der Regierung auf 57 gestiegen. Das Feuer wüte an zwei Fronten noch immer mit »großer Wucht«, sagte Innenstaatssekretär Jorge Gomes am Sonntag. Viele Opfer starben auf der Flucht vor dem Brand in ihren Autos, als das Feuer ihnen den Weg abschnitt.
Das Feuer war am Samstagnachmittag in der Region Leiria nahe der Ortschaft Pedrógão Grande im Zentrum des Landes ausgebrochen. Hunderte Feuerwehrleute mit 160 Löschfahrzeugen waren gegen die Flammen im Einsatz. Frankreich und Spanien entsandten Löschflugzeuge zur Unterstützung der portugiesischen Einsatzkräfte.
Regierungschef Antonio Costa sprach vom schwersten derartigen Unglück in Portugal seit Jahren. In den vergangenen Tagen herrschte in Portugal eine Hitzewelle mit Temperaturen von mehr als 40 Grad Celsius.

EU sagt Hilfe zu und organisiert Löschflugzeuge

Angesichts des verheerenden Waldbrands mit mindestens 43 Toten in Portugal hat die Europäische Union Hilfe zugesagt. »Es wird alles getan werden, um den Behörden und den Menschen in Portugal in dieser Zeit der Not zu helfen«, erklärte der zuständige EU-Kommissar Christos Stylianides am Sonntag.
Auf Bitte Portugals würden über die Nothilfekoordinierung der EU Löschflugzeuge organisiert. Frankreich habe sofort drei Maschinen zugesagt, die nun rasch entsandt würden. Zusätzlich helfe Spanien ebenfalls mit Flugzeugen. Stylianides drückte seine Trauer um die Opfer und sein Mitgefühl für die Betroffenen aus.
Der Brand rund 200 Kilometer nordöstlich von Lissabon ist für Portugal der schlimmste seit Jahrzehnten. Das Land hatte nach Ausbruch des Feuers am Samstagnachmittag zunächst nur zwei Löschflugzeuge im Einsatz. Agenturen/nd