Dienstag, 8. August 2023
Kita-Notstand in NRW
In der BRD gibt es ein Problem mit Arbeitskräftemangel, das betonen auch bürgerliche Politiker permanent. Eines von vielen Bereichen wo sich dieses Problem besonders drastisch zeigt ist neben dem Gesundheitsbereich und den Schulen, die Kindertagesstätten. In Deutschland startet am 01. August das neue Kita-Jahr, womit wieder viele neue Kinder in die Kindertagesstätten kommen werden. Alleine in Nordrhein-Westfalen sollen 760.619 neue Kinder in den Kindertagesstätten oder von Tagesmüttern betreut werden. Viele Eltern und Erziehungsberechtigte suchen aber immer noch verzweifelt nach Kita-Plätzen. Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung fehlen alleine in Nordrhein-Westfalen ganze 100.000 Kita Plätze.
Das es zu wenig Kita-Plätze und damit auch zu wenig Erzieherinnen und Erzieher gibt liegt u.a. daran das viele Menschen entweder nicht mehr in den Beruf einsteigen oder eben aussteigen. Die Gründe dafür sind vielfältig und auch verständlich. Viel zu wenig Personal auf zu viele Kinder, daraufhin eine Kinderbetreuung und Erziehung die eher Kinderverwaltung ist. Die Folge davon ist die das Erzieherinnen und Erzieher deutlich mehr Krankheitstage als der Bundesdurchschnitt haben und auch stark von psychischen Erkrankungen und Burnout betroffen sind. Einem ZDF-Bericht zufolge sollen u.a. deswegen bis ins Jahr 2030 über 230.000 Fachkräfte in Kitas fehlen
Diese desaströse Lage führt dazu das sich Kitas und Städte selber helfen müssen. Doch wie so oft im Imperialismus sind die Lösungen für ein Problem, Teil des Problems. In Mönchengladbach versucht man der Lage Herr zu werden in dem man Fachkräfte aus Spanien importiert. So arbeiten seit zwei Jahren immer mehr Spanierinnen als Erzieherinnen in Mönchengladbach, insgesamt ist die Zahl auf insgesamt 30 gestiegen. Und so gut es vielleicht für die einzelnen Individuen ist in Deutschland Arbeit gefunden zu haben und im Vergleich auch ganz gut bezahlt zu werden, so ist es gesamtgesellschaftlich am Ende des Tages doch ein Problem wenn Menschen aus anderen Ländern wie Ware wegen ihrer Arbeitskraft hierhin importiert werden und in den Ursprungsländern dafür ebenfalls ein Mangel an Erziehern und Erzieherinnen entsteht. In Grevenbroich versuchen Kitas die Personalverordnung zu lockern um die Reihen in den Kitas zu schließen. Mit einer Weiterbildung sollen zukünftig Hobby-Köche, Hobby-Handwerker und Hobby-Musiker in Kitas angestellt werden. In Solingen sollen Kinder von Eltern die keinen Kita-Platz bekommen jetzt in sogenannten Spielgruppen untergebracht werden. Die Kinder von Berufstätigen Eltern sollen zukünftig in zwei Spielgruppen für jeweils 10 Kinder für 15 Stunden in der Woche, also durchschnittlich schlappe drei Stunden am Tag betreut werden. Der Hohn dieser Maßnahme lässt sich nur noch dadurch überbieten, dass die Kinder jeweils in einem ehemaligen Verwaltungsgebäude und in einem leerstehenden Wohnhaus untergebracht werden sollen.
Derweil appellieren Kita-Beschäftigte, Elternvertretungen und Experten das mehr Geld für mehr Personal und eine größere Entlastung zur Verfügung gestellt werden soll. Der kürzlich verabschiedete Bundesfinanzhaushalt kürzt aber ordentlich Ausgaben im sozialen Bereich um mehr Geld für Aufrüstung und Kriege zu haben. Hinzu kommt das durch den 10,8% Tarifabschluss im öffentlichen Dienst, Kitas welche nicht von dem Tarifabschluss betroffen sind wie die von freien Trägern und Elterninitiativen jetzt darum bangen müssen, dass ihr sowieso schon wenigen Fachkräfte in besser bezahlende Kitas abwandern. Diese Beispiele zeigen auf das der Imperialismus nicht mehr in der Lage ist grundlegende Probleme des Volkes zu lösen. Stattdessen konkurrieren überall Kommunen und Kitas miteinander und stechen sich im verzweifelten Wettbewerb um Arbeiterinnen und Arbeiter noch gegenseitig aus.
Geschrieben von laji
03. August 2023
[IMI-List] [0637] Factsheet Klima & Krieg (aktualisiert) / IMI-Analse:, Litauen-Brigade
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Online-Zeitschrift "IMI-List"
Nummer 0637 .......... 26. Jahrgang ........ ISSN 1611-2563
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Liebe Freundinnen und Freunde,
in dieser IMI-List findet sich der Hinweise auf
1.) das aktualisierte Factsheet Klima & Krieg, das gratis bestellt
werden kann (Spenden sind da natürlich sehr willkommen);
2.) Links zu neuen Artikeln auf der IMI-Homepage, insbesondere über die
Ankündigung, eine Bundeswehr-Brigade in Litauen zu stationieren;
3.) Ein Artikel zum Zusammenhang zwischen den neuen Haushaltsplanungen,
der Zeitenwende und dem damit einhergehenden Sozialabbau.
1.) Factsheet Klima & Krieg (Juni 2023)
Einige neue Studien und vor allem die gestiegenen Rüstungsinvestitionen
haben es erforderlich gemacht, das Factsheet Klima & Krieg zu
aktualisieren, was mittlerweile geschehen ist.
Das zusammen mit den Naturfreunden herausgegebene Factsheet kann wie
immer gratis hier heruntergeladen werden:
https://www.imi-online.de/download/Klima_Factsheet_2023_web.pdf
Außerdem kann das Factsheet gerne auch in größeren Mengen ebenfalls
umsonst in Print bestellt werden. Bestelladresse:
NaturFreunde Berlin, Paretzer Str. 7, 10713 Berlin
Telefon: 030 810 560 250
E-Mail: info@naturfreunde-berlin.de
Uns ist es wichtig, Material möglichst günstig oder wie in diesem Fall
ganz gratis zur Verfügung zu stellen. Das können wir aber nur tun, wenn
uns genug Menschen durch eine Spende oder Mitgliedschaft dabei
unterstützen: https://www.imi-online.de/mitglied-werden/
2.) Analyse zur geplanten Stationierung einer Bundeswehr-Brigade in Litauen
IMI-Analyse 2023/29 [Links zu den Quellen finden sich auf der Internetseite]
Litauen: Deutsche Brigade – Verfestigte Fronten
https://www.imi-online.de/2023/06/28/litauen-deutsche-brigade-verfestigte-fronten/
Martin Kirsch / Jürgen Wagner (28. Juni 2023)
Ein deutlich sichtbarer Ausdruck der immer bedrohlicheren Verhärtung der
Fronten zwischen dem Westen und Russland stellt die wachsende
NATO-Militärpräsenz an der Ostflanke dar. Nun kündigte
Verteidigungsminister Boris Pistorius Pläne für eine nochmalige
drastische Erhöhung der deutschen Präsenz in Litauen an. Erstmals sollen
dabei Soldat*innen der Bundeswehr im großen Stil und mit allem was
dazugehört dauerhaft im Ausland stationiert werden. Im Zuge dessen wird
gleichzeitig auch der letzte Sargnagel in die NATO-Russland-Grundakte
geschlagen, mit der dieses Vorhaben in keiner Weise vereinbar ist. Wann
die benötigte Infrastruktur bereitstehen wird, ist unklar, Litauen hat
sich aber bereit erklärt, hier aufs Gas zu drücken – ob die Bundeswehr
für ihre Pläne aber genug Soldat*innen finden wird, ist durchaus fraglich.
Vom Bataillon zur Brigade
Bereits beim NATO-Gipfel in Warschau wurde im Juli 2016 mit der
„Enhanced Forward Presence“ (EFP) die Einrichtung permanenter NATO-Basen
in den drei baltischen Staaten und in Polen beschlossen. Stationiert
wurde zunächst jeweils ein Bataillon (~1.000-1.500 Soldat*innen), wobei
Deutschland in Litauen die Führungsrolle übernahm: „Das EFP-Bataillon
ist Teil der Verteidigungsplanung Litauens unter Führung der
Infanteriebrigade Iron Wolf, die ihren Sitz in Rukla hat“, erklärte das
Reservistenmagazin loyal. „Sie bildet mit der leichten Infanteriebrigade
Griffin das gesamte litauische Feldheer. Die Streitkräfte des Landes
umfassen 22.000 Soldaten.“
Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und kurz vor dem NATO-Gipfel
in Madrid wurde im Juni 2022 die Errichtung vier weiterer NATO-Basen
beschlossen (in der Slowakei, Ungarn, Rumänien und Bulgarien). Außerdem
sollten die seit 2017 bestehenden Bataillone zumindest teilweise auf
Brigadegröße (~3.000-5.000 Soldat*innen) aufgestockt werden – aus der
Enhanced Forward Presence wurde so die „Intensified Forward Presence“
(IFP). Im deutschen Führungsbereich wurde die Truppenzahl allerdings
zunächst „nur“ von rund 1.200 auf etwa 1.700 Soldat*innen vergrößert,
wovon etwa die Hälfte aus der Bundeswehr stammte. Außerdem sollte die
Verlegung des Gefechtsstands einer deutschen Brigade mit 20 Soldat*innen
ins litauische Rukla bei Bedarf eine rasche Vergrößerung der Truppenzahl
auf die besagte Brigadegröße erlauben (siehe IMI-Analyse 2023/30). In
der Folge wurden litauische Regierungsvertreter*innen jedoch nicht müde
weiter eine dauerhafte Präsenzerhöhung zu fordern.
Am 26. Juni 2023 besuchte Verteidigungsminister Pistorius nun den
litauischen Truppenübungsplatz Pabradė in unmittelbarer Nähe der Grenze
zu Belarus, auf dem das deutsche und das litauische Heer die binationale
Übung Griffin Storm abhielten. Dabei wurden rund 1.000 Soldat*innen der
Bundeswehr nach Litauen verlegt, wo sie dann eine Gefechtsübung mit 200
einheimischen Streitkräften abhielten. Nach einem Gespräch mit seinem
litauischen Kollegen Arvydas Anušauskas ließ Pistorius dann die
sprichwörtliche Bombe platzen: „Deutschland ist bereit, dauerhaft eine
robuste Brigade in Litauen zu stationieren. Voraussetzung dafür ist, […]
dass die entsprechende Infrastruktur vorhanden ist, Kasernen,
Übungsmöglichkeiten und die genannten Depots. Wir reden bei einer
Brigade von 4.000 Soldatinnen und Soldaten, plus Material, und bei einer
dann dauerhaften Stationierung eben auch Familie.“
Mit Sack und Pack
Die Verlautbarungen des Verteidigungsministers sind von erheblicher
Tragweite, wie in militärnahen Medien wie etwa Soldat & Technik
hervorgehoben wird: „Auf den ersten Blick hat diese Ankündigung enorme
außenpolitische, als auch streitkräftepolitische Gravitas. […] An die
Soldatinnen und Soldaten gerichtet bedeutet dies, dass sie sich über
kurz oder lang darauf vorbereiten müssen ‚mit Sack und Pack‘ nach
Litauen umziehen zu müssen, nicht nur für wenige Monate, sondern dauerhaft.“
Tatsächlich handelt es sich hier um eine ganz andere Größenordnung als
bislang: Bis auf einige kleinere Kontingente gibt es mit permanenten
Auslandsstationierungen bisher in der Bundeswehr keine Erfahrungen. Das
dürfte die Truppe vor erhebliche Herausforderungen stellen. Schließlich
geht es hier nicht nur um die Soldat*innen an sich, sondern auch um
deren Angehörige sowie die gesamte Infrastruktur, die neben Kasernen und
Materialdepots auch Wohnungen, Kindergärten, Schulen und dergleichen
mitsamt entsprechendem Personal umfasst – insgesamt dürfte man hier von
einer Zahl von gut und gerne 10.000 bis 15.000 Personen sprechen.
Vor diesem Hintergrund müssen auch erst einmal Soldat*innen gefunden
werden, die bereit sind, ihren Lebensmittelpunkt für mehrere Jahre ins
Ausland zu verlagern – dazu gezwungen werden können sie aktuell nicht:
„Die dauerhafte Auslandsverwendung von Soldaten ist eigentlich nicht
vorgesehen und kann auch – bisher – nicht verordnet werden. Nur bei
zeitlich begrenzten, mandatierten Auslandseinsätzen oder
‚einsatzgleichen Verpflichtungen‘ wie etwa der Luftraumüberwachung an
der Grenze zu Russland ist das möglich.“ (Die Zeit, 26.6.2023) Bislang
galt die deutsche Präsenz in Litauen als eine solche einsatzgleiche
Verpflichtung, allerdings ist es ein himmelweiter Unterschied, ob
Soldat*innen für einen begrenzten Zeitraum oder langfristig
abkommandiert werden: „Es werde ‚äußerst schwer‘ werden, so prophezeit
ein ranghoher Soldat, hinreichend Freiwillige zu finden. Und wenn man
die Regelung ändert und die Versetzung anordnet? ‚Dann werden viele
kündigen.‘" (Ebd) Dementsprechend hielt sich auch die Begeisterung des
Bundeswehrverbandes in engen Grenzen, dessen Chef André Wüstner beim
RedaktionsNetzwerk Deutschland mit folgenden Worten zitiert wurde:
„Innerhalb der Bundeswehr hat die Ankündigung von Boris Pistorius
überrascht. Es gibt eine Menge konzeptioneller Fragen, angefangen beim
fehlenden Material, notwendigen strukturellen Anpassungen und
schließlich, wie sich diese Ankündigungen unmittelbar auf Soldatinnen
und Soldaten von Heer, Streitkräftebasis und Sanitätsdienst sowie auf
deren Familien auswirken.“
Angesichts dieser bereits jetzt absehbaren Schwierigkeiten versuchte
Pistorius bei seinem Auftritt zeitlich ein wenig auf die Bremse zu
treten: Das Kontingent werde "in dem Maße aufwachsen, wie die
Infrastruktur vorankommt", so der Verteidigungsminister ((Die Zeit,
26.6.2023). In weiser Voraussicht begann Litauen nach Angaben des
Reservistenmagazins loyal bereits lange vor der jetzigen Entscheidung
mit dem Aufbau der entsprechenden Infrastruktur – mutmaßlich auch, um
Druck auf die nun erfolgten Ankündigungen zu erzeugen: „Bis 2027 soll
ein EFP-Logistikhub in Rukla stehen. Die Fläche am Fluss Neris ist
planiert. Beim loyal-Besuch wurde gerade das Erdreich verdichtet. Das
Projekt wird von der NATO-Beschaffungsorganisation NSPA betreut, ebenso
der Bau neuer Kasernen unter dem klangvollen Namen ‚Neris Terrace
Infrastructure‘ für 3.000 Soldaten. Um den Deutschen die Stationierung
der EVA-Brigade in Litauen schmackhaft zu machen, planen die Litauer für
die Bundeswehr drei kleine ‚Militär-Städte‘.“ Vor diesem Hintergrund
zeigt sich die litauische Seite optimistisch, relativ bald die
geforderte Infrastruktur bereitstellen zu können: „Litauens Präsident
Nauseda versprach den Vorbereitungen eine hohe Priorität einzuräumen. Er
will technische und rechtliche Verfahren beschleunigen um bis spätestens
2026 Wohngebäude, Übungsplätze, Munitionsdepots, aber auch Schulen und
Kindergärten bereitzustellen.“ (tagesschau.de, 26.6.2023)
Zielbild Heer – Woher nehmen, wenn nicht stehlen
Auch auf den aktuell laufenden Umbau des Heeres dürfte die jetzige
Ankündigung einigen Einfluss haben – schließlich wurde der NATO
zugesagt, bis 2025 eine, bis 2027 eine zweite und vor 2030 eine dritte
voll einsatzbereite Bundeswehr-Division (~15-20.000 Soldat*innen)
bereitzustellen (siehe IMI-Analyse 2022/45). Die im sogenannten
„Zielbild Heer“ niedergeschriebenen Strukturen zur Umsetzung dieser
Pläne wurden allerdings von Beginn an als nicht in Stein gemeißelt
präsentiert. So hieß es zu deren offizieller Vorstellung auf der Seite
der Bundeswehr Ende März 2023: „Auf dem Weg der Umsetzung des Zielbilds
muss sich das Heer darauf einstellen, dass es immer wieder zu
Anpassungen kommen kann. Diese können sich aus den externen
Einflussgrößen, […] den operativen Planungen im Bündnis sowie sich
verändernden Verantwortlichkeiten der militärischen
Organisationsbereiche ergeben. Hier gilt es bei aller verlässlichen
Planung die erforderliche Flexibilität zu wahren.“ Dieser Fall dürfte
mit den aktuellen Ankündigungen bereits vier Monate später eingetreten
sein. Die im „Zielbild Heer“ ausformulierten Pläne für die Erfüllung der
an die NATO gemachten Zusagen sind allerdings bereits jetzt
ambitioniert. Woher die Truppen und das Material für die Brigade in
Litauen kommen sollen, wurde bisher nicht kommuniziert. Eine bestehende
Brigade nach Litauen umzuziehen würde die besagten Ziele der
Einsatzbereitschaft von drei deutschen Divisionen wohl auch deutlich
über 2030 hinaus torpedieren. Der Aufbau einer aus Versatzstücken der
anvisierten Struktur zusammengeklaubten neuen Brigade in Litauen
erscheint daher wahrscheinlich.
Die aktuell im „Zielbild Heer“ vorgesehenen drei schweren Brigaden sind
ohnehin mit vier anstelle von drei Kampfbataillonen geplant. Je ein
Panzer- bzw. Panzergrenadierbataillon sollte bisher für regelmäßige
Rotationen nach Litauen bereitstehen. Würden diese drei Kampfbataillone
– vermutlich je ein Panzerbataillon aus Augustdorf und Hartheim sowie
ein Panzergrenadierbataillon ebenfalls aus Augustdorf, die erst zum 1.
April 2023 eher auf dem Papier an die neuen schweren Brigaden
angeflanscht wurden – zusammengeführt, könnte so der Kern einer neuen
Brigade in Litauen entstehen. Alles steht dies alles unter dem
Vorbehalt, dass sich relevante Teile des dortigen Personals bei
Fertigstellung der Infrastruktur in Litauen auch dorthin umziehen
lassen. Deutlich komplizierter dürfte der Aufbau einer neuen Brigade für
Litauen im Bereich der Kampf- und Führungsunterstützungstruppen werden.
So hantieren die Strukturpläne des Heeres bereits jetzt mit deutlich
mehr Einheiten im Bereich Aufklärung, Pioniere, Artillerie und Logistik
als aktuell vorhanden. Daher lässt sich aus den bisher geplanten
Strukturen in diesem Bereich nichts herausziehen, ohne andere Ziele
grundsätzlich in Frage zu stellen. Mittel- bis langfristig wären
Strukturen unter Einbeziehung von deutlich mehr Reservist*innen für die
Verbände in Deutschland denkbar. So hieß es bereits bei der Verkündung
des Zielbildes Heer weiter: „In allen Überlegungen wird auch die Reserve
weiterhin eine Schlüsselrolle spielen.“ (Ebd.) Wo die für Litauen
benötigten Truppen aber eher kurzfristig herkommen sollen, ohne die
volle Einsatzbereitschaft von drei deutschen Divisionen für die NATO
deutlich zu verschieben, bleibt ein Rätsel.
Vermutlich auch deshalb hat sich Verteidigungsminister Pistorius bei
seiner Ankündigung explizit zwei Hintertürchen offen gelassen.
Einerseits hängt der Zeitplan des Umzugs der Brigade nach Litauen, wie
erwähnt, vom dortigen Fortschritt der Bautätigkeiten im Bereich der
Infrastruktur ab. Und zweitens formuliert Pistorius den grundsätzlichen
Vorbehalt der Zustimmung der NATO: „Die Kompatibilität mit den
NATO-Plänen […] ist von zentraler Bedeutung. Denn der SACEUR [der
militärische Oberbefehlshaber des Bündnisses] und die NATO müssen
naturgemäß, angesichts einer sehr langen Ostflanke, das Prinzip der
militärischen Flexibilität wahren.“ Die tatsächliche Entscheidung über
die jetzt vorgestellten Pläne dürfte daher frühestens auf dem
anstehenden NATO-Gipfel Mitte Juli in Vilnius fallen. Ein grünes Licht
für den Aufbau einer Bundeswehr-Brigade in Litauen würde dann wohl mit
einer offiziell vereinbarten Verzögerung der deutschen Pläne zum Aufbau
von drei für die NATO einsatzbereiten Divisionen bis 2030 einhergehen.
Auf NATO-Ebene dürfte allerdings bald die folgenschwere Diskussion im
Raum stehen, ob auch in Estland und Lettland entsprechende NATO-Brigaden
– vermutlich mit Truppen aus Großbritannien und Dänemark bzw. Kanada und
Spanien – aufgebaut werden sollten.
Versenkt: NATO-Russland-Akte
An dieser Stelle würde es den Rahmen sprengen, die gesamte Geschichte
der gebrochenen westlichen Zusagen rund um das Versprechen, keine
Erweiterung der NATO vornehmen zu wollen, einmal mehr aufzuwärmen (siehe
dazu zB IMI-Analyse 2023/08). Im aktuellen Zusammenhang sollten aber
wenigstens die möglichen Auswirkungen auf die NATO-Russland-Grundakte
thematisiert werden. Die „Grundakte über Gegenseitige Beziehungen,
Zusammenarbeit und Sicherheit zwischen der
Nordatlantikvertrags-Organisation und der Russischen Föderation“ vom 27.
Mai 1997 war eines der wenigen Zugeständnisse, die seitens der NATO im
Austausch für Moskaus Akzeptanz der im selben Jahr beschlossenen (und
1999 vollzogenen) ersten NATO-Osterweiterung gemacht wurden. Der wohl
wesentlichste Bestandteil der Grundakte besteht in der Zusicherung, dass
das Bündnis künftig seine Sicherheitsaufgaben „eher dadurch wahrnimmt,
dass es die erforderliche Interoperabilität, Integration und Fähigkeit
zur Verstärkung gewährleistet, als dass es zusätzlich substantielle
Kampftruppen dauerhaft stationiert.“
Richtig ist zwar, dass die Grundakte diese Zusicherung vom
„gegenwärtigen und vorhersehbaren Sicherheitsumfeld“ abhängig macht,
dennoch waren viele Akteure nicht zuletzt in der Bundesregierung lange
darum bemüht, wenigstens den Schein zu wahren. Denn eigentlich war die
Grundakte spätestens mit dem Beschluss zur Stationierung der
NATO-Bataillone 2016 Geschichte – man behalf sich deshalb damit zu
argumentieren, bei vier Bataillonen handele es sich noch nicht um
substanzielle Kampftruppen und aufgrund des Rotationsverfahrens könne
auch nicht von einer dauerhaften Stationierung gesprochen werden. Diese
Argumentation lässt sich nun beim besten Willen nicht mehr aufrecht
erhalten. Faktisch wird die Grundakte damit endgültig versenkt. So
manch einem Politiker scheint diese Entwicklung gerade recht zu kommen.
Fritz Felgentreu etwa, der von 2013 bis 2021 als einer der
prominentesten SPD-Verteidigungspolitiker im Bundestag saß, twitterte:
„Die Grundakte ist doch längst in der Tonne. Ich würde nicht einmal auf
die formale Feststellung noch Energie verschwenden.“ Und für seinen
Parteikollegen, den ehemaligen Wehrbeauftragten Hans-Peter Bartels, ist
die Grundakte nur noch „Makulatur“.
Reißleine gegen Hochrüstung
Der Neue Kalte Krieg macht derzeit vieles möglich, wer wäre vor nicht
allzu langer Zeit auf den Gedanken gekommen, deutsche Soldat*innen
könnten im Ausland Militärbasen errichten, wie sie vor allem von den USA
bekannt sind?
Wie und in welchem Zeitraum die nun angekündigten Pläne dann tatsächlich
umgesetzt werden, steht aktuell noch in den Sternen. Die grundsätzliche
Richtung ist allerdings überaus Besorgnis erregend. Es ist dringend
notwendig, dass endlich die Reißleine gezogen wird, um dem immer weiter
eskalierenden Hochrüsten ein Ende zu setzen!
IMI-List - Der Infoverteiler der
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IMI-List] [0636] AUSDRUCK – Juni 2023 (Militarisierung)
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Nummer 0636 .......... 26. Jahrgang ........ ISSN 1611-2563
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Red.: IMI / Jürgen Wagner / Christoph Marischka
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-- Editorial (Christopher Schwitanski und Andreas Seifert)
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-- Ungebrochen oder modernisiert? Vom preußischem Militärstaat bis zur
Bundeswehr (Andreas Seifert)
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-- Militarisierung und Krieg. Der Rechtsruck aus der Mitte (Hannes Draeger)
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-- Feministische Militarisierung? Zur Aktualisierung eines (scheinbar)
paradoxen Phänomens (Claudia Brunner)
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-- Öffentliche Gelöbnisse nach der „Zeitenwende“ (Markus Euskirchen)
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-- Banaler Militarismus. Von süßen Leos und supergeilen Geparden
(Alexander Kleiß)
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-- Militärische Landnahme. Ein raumgreifender Prozess (Christopher
Schwitanski)
https://www.imi-online.de/download/Ausdruck113-Landnahme.pdf
-- Die militärische Seite der Digitalisierung (Hans-Jörg Kreowski)
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-- Wissenschaft und Krieg (Chris Hüppmeier und Robin Lenz)
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-- Militarisierung messen? (Markus Bayer und Paul Rohleder)
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MAGAZIN
NATO – UKRAINE – RUSSLAND
-- Air Defender 2023. Luftwaffenmanöver der Superlative im Juni über
Deutschland (Martin Kirsch)
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-- Umkämpfter Schwarzmeerraum (Yasmina Dahm)
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-- Munition für den Ukraine-Krieg. Die EU ASAP in Richtung
Kriegswirtschaft? (Jürgen Wagner)
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DEUTSCHLAND UND DIE BUNDESWEHR
-- Militärhaushalt 2024. Ausgaben auf dem Höhenflug (Jürgen Wagner)
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-- „Feministische Außenpolitik“ – oder die Quadratur des Kreises -
Jacqueline Andres und Yasmina Dahm)
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-- Sozialdemokratische Zeitenwende - Jürgen Wagner)
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-- Aufrüstung im Inneren. BaWü-CDU prescht bei Militarisierung vor
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-- Krisenprofiteur wird Generalinspekteur (Martin Kirsch)
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-- BE Strong? Ein Gratis-Magazin zur Rekrutierung Jugendlicher (J. Fischer)
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-- Beim Militär nichts verloren. Minderjährige in der Bundeswehr (Ali
Al-Dailami)
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-- Forderung nach einem Friedenssteuergesetz (Gertie Brammer)
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SAHEL-ZONE
-- Ignorierte Tyrannen. Zum erneuten Bürgerkrieg im Sudan (Pablo Flock)
https://www.imi-online.de/download/Ausdruck113-PF-Sudan.pdf
-- Anerkennung der Multipolarität. Bundesregierung passt ihre
Sahel-Strategie an (Christoph Marischka)
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-- Regierung und Parlament in Spanien gespalten über Umgang mit
Westsahara (Pablo Flock)
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[IMI-List] [0635] Onlineveranstaltung Air Defender / Termin IMI-Kongress / BW Strong und Sahel-Strategie
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Liebe Freundinnen und Freunde,
zunächst einmal zum Notieren schon einmal das Datum des nächsten
IMI-Kongresses:
IMI-Kongress:
25./26. November 2023
Hepperhalle (Westbahnhofstraße 23)
72072 Tübingen
Außerdem in dieser IMI-List:
1.) die Ankündigung einer IMI-Onlineveranstaltung zum Großmanöver Air
Defender (Donnerstag, 19h);
2.) Neue Texte zur aktualisierten Sahel-Strategie der Bundesregierung
und dem Jugendmagazin der Bundeswehr.
1.) Onlineveranstaltung: Air Defender 2023: Die NATO übt für den großen
Krieg – Deutschland als Drehscheibe
Datum: Donnerstag 1. Juni 2023, 19h
Über Big Blue Button: https://ultramarin.collocall.de/inf-q6o-sga-wbv
Die Vorbereitungen laufen bereits auf Hochtouren. Für das größte
Luftwaffenmanöver seit Gründung der NATO werden bis zum 12. Juni rund
100 Militärflugzeuge der US-Luftwaffenreserve (Air National Guard) nach
Europa verlegt. Für das folgende zweiwöchige Großmanöver kommen über 100
weitere Flugzeuge aus Europa dazu. Geübt wird für eine Militäroperation
nach Artikel 5 des NATO-Vertrages in Europa – sprich ein Krieg mit
Russland. Im Zentrum der Übung stehen nicht nur Flugplätze in und
Lufträume über Deutschland. Seit 2018 erdacht, geplant und in der heißen
Phase geführt wird der probeweise Luftkrieg über Europa von
Kommandoständen der deutschen Luftwaffe. Neben Informationen über das
Manöver selbst und die damit einhergehenden Eskalationsgefahren soll es
in einem Input auch um bereits geplante Proteste und die Geographie des
Manövers in Deutschland gehen.
Datum: Donnerstag 1. Juni 2023, 19h
Über Big Blue Button: https://ultramarin.collocall.de/inf-q6o-sga-wbv
Link zur Ankündigung der Veranstaltung (gerne weiterleiten):
https://www.imi-online.de/2023/05/30/onlineveranstaltung-air-defender-2023/
2.) Neue IMI-Artikel: Sahel & BW Strong
Die Sahel-Strategie der Bundesregierung wurde überarbeitet und wartet
mit einigen realistischen, teils aber auch sehr offenen Aussagen über
deutsche Begehrlichkeiten und Strategien in der Region auf.
IMI-Standpunkt 2023/018
Anerkennung der Multipolarität
Bundesregierung passt ihre Sahel-Strategie an
https://www.imi-online.de/2023/05/25/anerkennung-der-multipolaritaet/
Christoph Marischka (25. Mai 2023)
Außerdem ist soeben – eine Premiere – die erste bei uns in Rahmen eines
Schüler*innenpraktikums entstandene Arbeit veröffentlicht worden. Es
geht darin um BE Strong, das Jugendmagazin der Bundeswehr und wir
möchten diesen (kritischer) Blick aus der Zielgruppe hiermit empfehlen:
IMI-Analyse 2023/25
BE Strong?
Ein Gratis-Magazin zur Rekrutierung Jugendlicher
https://www.imi-online.de/2023/05/30/be-strong/
J. Fischer (30. Mai 2023)
Die Bundeswehr plant, ihre Wehrfähigkeit zu erhöhen. Dazu gehört vor
allem auch das Anwerben von neuen Rekrut*innen, das in letzter Zeit bei
vielen durch Werbetafeln und ähnliches wieder präsent geworden sein
dürfte. Dies ist Teil eines Versuches, die Zahl der Soldat*innen wieder
zu erhöhen, der aber mehr oder weniger wirkungslos bleibt. Denn die Zahl
der aktiven Soldat*innen bleibt dennoch rückläufig. Aus diesem Grund
wirbt das Verteidigungsministerium unter anderem mit Serien auf Youtube,
Veranstaltungen und auf Instagram, Snapchat und Facebook. Auch ein
Wiederaufnehmen der Schulbesuche von Soldat*innen in Baden-Württemberg
wurde von der CDU (in Baden-Württemberg Regierungspartei) gefordert. Zum
Konzept der Bundeswehr gehört aber nach wie vor auch noch das Werben in
Papierform, in Form des Magazins „BE Strong“, wobei das E in BE durch
ein quer gelegtes W dargestellt wird und so die Abkürzung BW
(Bundes-Wehr) darstellt.
Was ist „BE Strong“?
Das erstmals 1977 (Damals noch unter dem Titel „Infopost“)
herausgegebene, sogenannte „Jugendmagazin“ der Bundeswehr, richtet sich
vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 14 bis 20
Jahren und versucht diese für eine berufliche Laufbahn innerhalb der
Bundeswehr zu begeistern. Dabei versucht es, seine Zielgruppe mit
optisch ansprechendem Design, einfachen Texten und zusätzlicher
Vernetzung in verschiedenen sozialen Medien zu gewinnen. Es erscheint
vierteljährlich seit 2016 unter dem Titel „BE Strong“ kostenlos, in
einer Auflage von etwa einer halben Million Stück (zuvor in ähnlicher
Auflage unter dem alten Titel „Infopost“) und kostete die deutschen
Steuerzahler*innen im Jahr 2020 rund 70.000€. Herausgegeben wird das
Magazin vom Bundesministerium für Verteidigung. Die Texte werden hierbei
offiziell nach Thema der jeweiligen Ausgabe ausgewählt, zielen im
Allgemeinen jedoch darauf ab, eine breite Akzeptanz für die Bundeswehr
innerhalb der Bevölkerung zu schaffen und junge Menschen eine Karriere
als Soldat*in als alltäglichen und attraktiven Arbeitsplatz zu vermitteln.
Aktuelle Ausgabe
Im Mittelpunkt der aktuellen Ausgabe von „BE Strong“ steht der Krieg in
der Ukraine und damit das Sondervermögen der Bundeswehr und die
verschiedenen Bereiche, in denen dieses Investiert wird, um die
allgemeine Wehrbereitschaft zu vergrößern und Deutschland und die Nato
für Kriege aufzurüsten. Gleichzeitig werden verschiedene
Aufgabenbereiche der Bundeswehr vorgestellt und als berufliche Option
angepriesen.
Minderjährige Zielgruppe
Nach offizieller Aussage der Bundeswehr zum erstmaligen Erscheinen von
„BE Strong“ richtet sich das Magazin an eine Zielgruppe im Alter
zwischen 14 und 20 Jahren. Im Jahr 2021 lag das Durchschnittsalter der
Abonnent*innen dementsprechend zwischen 14 und 23 Jahren. Dass dieses
sogenannte „Jugendmarketing“ der Bundeswehr für einen Beruf, in dem es
darum geht zu töten, extrem problematisch ist, ist wohl offensichtlich.
Doch es kommt hinzu, dass das Magazin sich in Gestaltung und Inhalt
offensichtlich an sozial verunsicherte Jugendliche wendet und versucht,
ihnen ein Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl, sowie Wertschätzung
zu vermitteln, um sie für den Dienst an der Waffe zu gewinnen (dazu
unten mehr). Kaum ein rhetorisches oder stilistisches Mittel bleibt für
diesen Zweck ungenutzt.
Mit welchen Tricks wird geworben?
In seiner aktuellen Ausgabe versucht das Magazin durch das Berichten von
verschiedenen persönlichen Erfahrungen von Soldat*innen, Jugendliche zu
gewinnen, indem es ihnen Identifikationspersonen und Vorbilder in
verschiedenen Bereichen der Bundeswehr liefert. Beispielsweise den
19-Jährigen „Heimatschützer“ Conor Lee H., die quer eingestiegene erste
Korvettenkapitänin Bianca S. (39) oder den Oberstabsgefreiten Hakan A.
(23) mit türkischem Migrationshintergrund. Die Bundeswehr versucht sich
als vielfältiger, toleranter und bunter Arbeitgeber zu präsentieren.
Ein Thema bleibt dabei jedoch stets außen vor: Das Töten selbst. Das
Wort kommt in der gesamten Ausgabe nicht vor und inhaltlich fragwürdige
Stellen strotzen nur so vor Euphemismen, so wird von „effektivem
Bekämpfen“, „Heimatschutz“ oder der „vielfältigen Zusammenarbeit auf
NATO-Ebene“ gesprochen, wo schlicht Krieg gemeint ist.
Was dafür übermäßig thematisiert wird, sind die „tollen“ Erfahrungen der
einzelnen Bundeswehrmitglieder und das Gemeinschaftsgefühl innerhalb der
Truppe. Conor Lee H. schreibt etwa: „Schon in der Grundausbildung war
das Biwak mein Highlight. Wir waren fünf Tage am Stück unterwegs. So
lange war ich noch nie in der Natur, vor allem nicht nachts.“ Bianca S.
„schwärmt“: „Gerne erinnere ich mich an die Häfen auf den Seychellen
oder in Madagaskar.“ Und es wird über das NATO-Hauptquartier berichtet,
dass es „wie eine große Familie [sei], in der sich alle gegenseitig
unterstützen“.
Auch die alten Steckenpferde der Rekrutierung: Verantwortung und
Anerkennung, kommen zum Tragen.
Diese Methode ist zusätzlich massiv fragwürdig, da sie
selbstverständlich darauf abzielt, Jugendliche, mit Mangel an genau
diesen, anzusprechen und sie in der Hoffnung, beides zu gewinnen, in die
Bundeswehr zu locken. Es ist also nicht Sinn und Zweck, die potenziellen
Rekrut*innen von der Sinnhaftigkeit der Bundeswehrtätigkeit zu
überzeugen, sondern ihnen das Gefühl einer tätigkeitsabhänigigen
Wertschätzung der Gesellschaft ihnen gegenüber zu vermitteln.
Zusätzlich lockt „BE Strong“ mit hohen Karriereaussichten,
Studienplätzen und kostenlosen Bahnfahrten für einen Beruf bei der
Bundeswehr - Dingen, zu denen eigentlich alle Zugang haben sollten. Auch
hier lässt sich wieder klar erkennen, auf welche Zielgruppe „BE Strong“
vor allem abzielt: Nämlich eine solche, die für einen Lebensstandard,
mit dem andere geboren wurden, ihren Kopf hinhalten soll. Wieder werden
Beispiele eingestreut, wie das von Jens F., der es ohne Hochschulreife
zum Hauptmann und Pilot geschafft hat.
Differenziert wird zwischen den verschiedenen Aufgabenbereichen, um die
potenziellen Rekrut*innen mit ihren Leidenschaften zu gewinnen. Um an
Technik interessierte Jugendliche zu gewinnen wird beispielsweise
ausschweifend über das neue System „Infanterist der Zukunft“ berichtet,
für Mediziner*innen über die ärztliche Tätigkeit und für
Seefahrtbegeisterte von der Korvette „Oldenburg“.
Der weitere Weg auf dem Einstig in die Bundeswehr fällt dann, dank der
offensiv am Ende von nahezu jedem Artikel platzierten Links zur
„Karrierekaserne“ der Bundeswehr, nicht schwer.
Rekrutieren mit dem Zeitgeist
Dies gehört auch zum neuen jungen Anstrich, den sich das Magazin geben
will. Neben dem Titel „BE Strong“, der an den Werbeslogan der U.S. Army
„Army Strong“ erinnert, versucht die Bundeswehr ihre Reichweite über
Social-Media-Kanäle wie Snapchat, Instagram, YouTube und Facebook
auszubauen und weist auf diese auch im Magazin hin. Mit interessanten
Gewinnspielen und Faktentafeln, die mit Informationen, wie zum Beispiel
der gefüllt sind, dass das Flugabwehrraketensystem Patriot bis zu 5
Ziele gleichzeitig bekämpfen kann, versucht „BE Strong“ die Leser*innen
dazu einzuladen, sich noch intensiver mit der Bundeswehr und allem, was
mit ihr im Zusammenhang steht, auseinanderzusetzen. Natürlich tauchen in
diesem Geiste auch immer wieder Ränge und Einheitsbezeichnungen auf.
Großzügig verteilt das Magazin auch Bundeswehrartikel, wie
beispielsweise Sporttaschen und Trinkflaschen.[1]
So schafft „BE Strong“ eine Gemeinschaft von „Bundeswehrfans“, deren
Alltag sich in allen Bereichen um die Truppe dreht.
Grundlegendes Weltbild
Ein besonders faszinierendes System verwendet das Magazin, wenn es darum
geht, die Leserschaft von umstrittenen politischen Entscheidungen zu
überzeugen. Das wiederkehrende Schema beinhaltet eine
fachvokabularreiche, komplexe und als alternativlos dargestellte
Erklärung für das Vorgehen, die mit einer schlichten und kraftvollen
Parole endet.
So wird gerechtfertigt, die Bundeswehr müsse sich: „konkret wappnen
gegen eine mögliche militärische Bedrohung, mit der Ausrüstung, mit
ihren Fähigkeiten, in der Aufstellung und Einsatzbereitschaft [...]. Für
die Sicherheit Deutschlands – ein großes Ziel: für uns alle.“
Auf dieselbe Art wird die Bündelung verschiedener Entscheidungsbereiche
im „Territorialen Führungskommando“ mit dem schnittigen Slogan
„Landesverteidigung – schnell und effektiv“ den Leser*innen als
logischer, unausweichlicher Entscheid präsentiert.
Neben der Rekrutierung versucht „BE Strong“ nämlich zusätzlich auch
noch, von der ethischen Rechtschaffenheit und Sinnhaftigkeit, sowie
Notwendigkeit der Tätigkeit der Bundeswehr zu überzeugen. Hierfür,
werden zum einen emotionalisierende Bilder eingesetzt, wie etwa direkt
auf der vierten Seite des aktuellen Magazins, die einen schreienden
jungen Soldaten in voller Montur und mit Deutschlandflaggen auf beiden
Schultern mit der Bildunterschrift „Heimatschutz“ zeigt. Aber auch die
Texte rühren an Emotionen, wie Nationalstolz, wenn zum Beispiel davon
berichtet wird, dass die anderen Nationen bei einer Rettungskettenübung
der Nato in Sachen medizinischer Expertise „nur von Deutschland lernen
könnten“, oder dass Deutschland „Führungsnation“ der NATO-Battelgroup in
Litauen sei. Aber auch mit Angst wird gearbeitet. Das
Sicherheitsbedürfnis steht in allen vier abgedruckten Leserbriefen und
dem Vorwort der aktuellen Ausgabe klar im Fokus. Eher unterschwellig ist
hierbei die in Formulierungen, wie: „Die Bundeswehr ist ein elementares
Instrument der Sicherheitspolitik, ohne Verteidigung lässt sich eine
glaubhafte und wirkungsvolle Sicherheitspolitik nicht aufrechterhalten“,
mitschwingende alternativlose Darstellung und Verharmlosung von
Militarisierung, ganz im Geiste von „Krieg ist die bloße Fortsetzung der
Politik mit anderen Mitteln“.
Gesamtziel
Das Magazin zeigt deutlich die Bemühungen des Verteidigungsministeriums,
junge Menschen für die Bundeswehr zu begeistern, die zum großen Teil
noch minderjährig sind. Hierbei werden diese emotionalisiert, ihnen wird
kein vollständiges und transparentes Bild des Soldat*innenalltags
vermittelt und sie werden mit rhetorischen und medialen Mitteln
beeinflusst. Dies ist eine hochproblematische Methode, steht jedoch
keinesfalls kontextlos, sondern im Einklang mit verschiedenen
Öffentlichkeitsarbeitsprogrammen, wie etwa den auf Youtube erscheinenden
Serien der Bundeswehr oder dem Vorschlag der CDU in Baden Württemberg
Soldat*innen wieder regelmäßig an Schulen zu schicken.
Es wäre höchste Zeit, zumindest Jugendliche, die noch nicht einmal
wahlberechtigt sind, nicht mehr bewusst für Kriege und Militär
begeistern zu wollen.
Anmerkung
[1] Für alle „Give Aways“ des Verteidigungsministeriums im Zuge der
Nachwuchswerbung fielen im Jahr 2020 rund 777.000€ Kosten an:
https://dserver.bundestag.de/btd/19/284/1928412.pdf
IMI-List - Der Infoverteiler der
Informationsstelle Militarisierung
Hechingerstr. 203
72072 Tübingen
imi@imi-online.de
Sie können die IMI durch Spenden unterstützen oder indem Sie Mitglied werden (http://www.imi-online.de/mitglied-werden/).
Spendenkonto:
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bei der KSK Tübingen (BIC: SOLADES1TUB)
[IMI-List] [0634] Aufrüstung Schwarzes Meer / Militärhaushalt / Sudan
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Online-Zeitschrift "IMI-List"
Nummer 0634 .......... 26. Jahrgang ........ ISSN 1611-2563
Hrsg.:...... Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.
Red.: IMI / Jürgen Wagner / Christoph Marischka
Abo (kostenlos)........ https://listi.jpberlin.de/mailman/listinfo/imi-list
Archiv: ....... http://www.imi-online.de/mailingliste/
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Liebe Freundinnen und Freunde,
in dieser IMI-List finden sich
1.) der Hinweis auf eine Studie zur Aufrüstung der Schwarzmeerregion und
damit verbundenen, innenpolitischen Spannungen in Bulgarien;
2.) der Hinweis auf eine Analyse des Haushalts-Entwurfs im Hinblick auf
Rüstung und Militär;
3.) eine Analyse zum Bürgerkrieg im Sudan
1.) Aufrüstung im Schwarzmeerraum
IMI-Studie 2023/01
Aufrüstung im Schwarzmeerraum
Geopolitische Interessen und innenpolitische Konflikte in Bulgarien
https://www.imi-online.de/2023/05/16/aufruestung-im-schwarzmeerraum/
Yasmina Dahm (16. Mai 2023)
Aus der Einleitung:
„Das NATO-Mitglied Bulgarien steht bei der Eskalation der Spannungen
zwischen Russland und der NATO geographisch und innenpolitisch zwischen
den Fronten und wird dabei immer häufiger ein Ziel von
NATO-Truppenbewegungen und groß angelegten Manövern im Schwarzmeerraum.
Dass dem Schwarzen Meer und der Schwarzmeerregion eine große
strategische Relevanz in Auseinandersetzungen zwischen Russland und der
NATO beigemessen werden, geht aus einer Vielzahl von Strategiepapieren
und einer immer größeren militärischen Präsenz an der NATO-Südostflanke
hervor, die im Folgenden thematisiert werden sollen. Aufgrund seiner
Bedeutung für geopolitische Interessen in der Schwarzmeerregion wird an
dieser Stelle auch auf das Meerengenabkommen von Montreux eingegangen,
das die Durchfahrt durch den Bosporus und die Dardanellen regelt und
damit den Wasserweg zwischen dem Mittelmeer und dem Schwarzen Meer
reguliert.“
Die vollständige Studie als PDF:
https://www.imi-online.de/download/IMI-Studie2023-01-Schwarzmeerraum.pdf
2.) IMI-Analyse: Militärhaushalt 2024
IMI-Analyse 2023/24
Militärhaushalt 2024
Ausgaben auf dem Höhenflug – Bundeswehr auf Shopping-Tour
https://www.imi-online.de/2023/05/19/militaerhaushalt-2024/
Jürgen Wagner (19. Mai 2023)
3.) Zum Bürgerkrieg im Sudan
IMI-Analyse 2023/23
Ignorierte Tyrannen
Zum erneuten Bürgerkrieg im Sudan
https://www.imi-online.de/2023/05/17/ignorierte-tyrannen/
Pablo Flock (17. Mai 2023)
Friedensverhandlungen im Sudan scheinen kaum eine Perspektive für
Frieden und noch weniger für Demokratie und Gerechtigkeit zu bieten. Mit
dem Jahre langen Votum für die Autokratie bleibt auch der Westen
verantwortlich für die aktuelle Katastrophe.
Versprochene und immer wieder gebrochene Waffenstillstände,
Friedensverhandlungen zwischen Generälen verschiedener
Sicherheitsinstitutionen eines Landes und eine schreckliche humanitäre
Situationen – seit Mitte April ist der Sudan wieder auf den Titelseiten
der Zeitungen und in den TV-Nachrichten zu sehen. Alle sind darüber
informiert, welches Land aus dem globalen Norden seine Bürger*innen am
schnellsten, entschiedensten, oder – wie es die Bundeswehr gerne über
sich hört – am robustesten evakuiert. Die sudanesische Bevölkerung wird
währenddessen oft nur mit der Zahl der hunderten Toten bedacht,
vielleicht noch ergänzt durch eine halbwegs aktuelle Bezifferung der
tausenden Verletzten, der hunderttausenden intern Vertriebenen und
Geflüchteten und dem leicht zu unterschätzenden humanitären Faktor, dass
vielen Menschen in der Hauptstadt Khartoum das Wasser und die
Lebensmittel ausgehen, während eine Flucht aus der Stadt wegen der
Straßenkämpfe lebensgefährlich bis unmöglich ist. Beide Kriegsherren
scheinen keine Probleme damit zu haben, Wohngebiete zu bombardieren bzw.
als menschliche Schutzschilde zu verwenden. Kritische zivile
Infrastruktur wie Krankenhäuser werden angegriffen und fallen auf Grund
von Stromausfällen und Materialmangel aus, während sich Krankheiten
ausbreiten. Besonders in Gebieten der Miliz Rapid Support Forces RSF
wird auch von Angriffen auf Zivilist*innen und sexueller Gewalt
berichtet. Tausende sitzen wegen fehlenden Papieren z.B. auf der Flucht
nach Saudi-Arabien im Port Sudan fest oder fliehen in die ebenso
kriegszerrütteten Länder Südsudan und Äthiopien.
Für die seit dem Putsch der Generäle immer wieder in Großprotesten
aufbegehrende und dabei mehrfach auch massakrierte Bevölkerung kommt das
nicht überraschend. Ein Nachfolgekrieg zwischen den beiden Generälen,
die während anhaltender Protesten im Jahr 2019 ihren damaligen Chef an
der Staatsspitze ersetzten, war stets eine Möglichkeit, da beiden
Verfahren wegen Kriegsverbrechen drohen könnten, wenn die Macht von
zivilen, gewählten Volksvertretern übernommen würde. Eine Integration
der RSF in die regulären Streitkräfte, wie es von den zivilen Kräften
für Freiheit und Veränderung (FFC), die am sogenannten Übergangsprozess
beteiligt waren, wie auch von den davon ausgeschlossenen
Übergangskomitees gefordert wurde und im Dezember letztendlich auch
beschlossen wurde,[1] erschien kaum wahrscheinlich – weder in den vom
obersten General al-Burhan anvisierten zwei Jahren, noch in den vom
Milizenführer Mohamed Hamdan Dagalo vorgeschlagenen zehn Jahren.
Von der ethnischen Gewalt zur Gewaltökonomie
Zu groß sind die Reichtümer, die individuellen politischen Chancen und
wirtschaftlichen Netzwerke, aber eben auch drohende Strafen, die die
beiden Generäle in den vorangegangenen Bürgerkriegen im Sudan aufgehäuft
haben. Auch wenn der jetzige Konflikt keiner dieser typischen
postkolonialen Konflikte über Landverteilung und Staatsdominanz zwischen
verschiedenen in einem Staat zusammengepferchten Ethnien ist,
entspringen die materiellen und sozialen Ressourcen der beiden durch
Gewalt geadelten Streithähne solchen postkolonialen und zudem durch den
Klimawandel angeheizten Konflikten.
Die Bevölkerung im nicht-muslimischen, schwarzafrikanischen Südsudan und
dem vormals unabhängigen Kalifat Darfur im Westen des Landes wurde
während der britischen Kolonialzeit und bei der Entkolonialisierung der
Hauptstadt Khartoum im arabischen Norden unterstellt. Nachdem die
Bevölkerung im Südsudan keine Lebensverbesserung spürte, während seit
Jahrzehnten die Ölquellen sprudelten, begann 1983 der schreckliche
Bürgerkrieg, der 2011 letztendlich zur Gründung des Südsudans führte. In
Darfur führte der Rückgang des fruchtbaren Landes zu ethnischen
Spannungen endete in dem, was Harald Welzer in seinem gleichnamigen Buch
den ersten „Klimakrieg“ nennt.[2] Die Regierung unter dem
Langzeit-Diktator Omar al-Bashir bewaffnete die aus arabischen,
viehtreibenden Gruppen rekrutierten Dschandschawid Milizen, welche die
Fur und andere, oft als „afrikanisch“ identifizierte, Ackerbau
betreibenden Bevölkerungsteile teilweise vertrieben und dabei einen
Genozid mit über einer viertel Millionen Toten begingen.
Der jetzige Armeechef General Abdel Fattah al-Burhan machte in Darfur
militärische Karriere unter dem Diktator al-Bashir. Dieser wartet
mittlerweile in Den Haag auf sein Verfahren wegen diesem Genozid,
nachdem al-Burhan ihn gemeinsam mit Dagalo wegputschte und auslieferte,
dessen Rapid Support Forces die institutionalisierten
Dschandschawid-Milizen sind.
Dagalo, der mit seinen schweren Menschenrechtsverbrechen in Darfur, an
Demonstranten in Khartoum und seiner fehlenden staatlichen Legitimation
im jetzigen Konflikt die größten Chancen auf internationale
Strafverfahren hat, hat natürlich auch kein Interesse, an Souveränität
einzubüßen und sich unterzuordnen und damit auslieferbar zu machen. Mit
sicheren Cashflows und Waffenversorgung kann er es wagen und könnte es
sich lohnen, die zahlenmäßig überlegene Armee herauszufordern. So können
international vernetzte Warlords und Reste einer diktatorischen
Militärverwaltung auf dem Rücken einer demokratiehungrigen Bevölkerung
ihren Krieg um Macht und Pfründe austragen.
Ein geopolitischer Stellvertreter-Bürgerkrieg?
Beide haben über die Jahre ihres Aufstiegs natürlich auch im Ausland
Verbündete gesammelt und verschiedene Mächte werden verdächtigt,
Stellvertreterkonflikte auszutragen. Ausgiebig thematisiert wurden in
den westlichen Medien natürlich die Verbindungen Dagalos zur
Söldnerarmee Gruppe Wagner des russischen Oligarchen Jewgeny Prigoschin.
Dessen Firmen Meroe Gold und M-Invest sind – wie auch in der
angrenzenden Zentralafrikanischen Republik – stark im sudanesischen
Goldgeschäft involviert, das hauptsächlich von Dagalo dominiert wird,
dem dabei Schmuggel und Raub nachgesagt werden. Die Lieferung von
Flugabwehrraketen durch ein Flugzeug der Söldnergruppe, über die
einhellig berichtet wurde, scheint dabei jedoch die einzige unmittelbare
Unterstützung zu sein. Die Gruppe Wagner bestreitet, im Land aktiv zu
sein. Ebenso durch das Gold an Dagalo gebunden sind die Vereinigten
Arabischen Emirate, die dessen größter Abnehmer sind und die Miliz im
Vorfeld mit Waffen versorgten.
In dem Licht sehen die internationalen Verbindungen seines Widersachers,
des offiziellen Staatschefs während der Übergangszeit, al-Burhan eher
bescheiden aus. Etwas Legitimationsshow konnte er sich bei einem Besuch
in Ägypten abholen und zumindest scheint es, nachdem Dagalos RSF einige
ägyptische Soldaten gefangen nahm und ein ägyptisches Flugzeug
zerstörte, dass al-Burhan auch etwas militärische Unterstützung bekam.
Natürlich haben auch die anderen Nachbarstaaten Interessen und
Präferenzen. Uwe Kerkow mutmaßt im Onlinemagazin Telepolis, dass die
äthiopische Führung eher Dagalo favorisiere, weil al-Burhan eben von
Ägypten unterstützt wird, welches Äthiopien wegen des Aufstauens des
Nils im Grand Etiopian Renaissance Damms mehrfach bedrohte. Belege dafür
bleibt er allerdings schuldig.[3]
Zudem wichtige Akteure in der generell destabilisierten Region sind
Warlords und Rebellengruppen. Wie Hannah Wettig in der jungle.world
schreibt,[4] sei der Gründer der Dschandschawid Milizen, Musa Hilal,
schon länger mit Dagalo verfeindet und nun explizit mit al-Burhan
verbündet, was wiederum den Tschad auf al-Burhans Seite ziehe, da Musas
Tochter mit dem ehemaligen Diktator, dem Vater des jetzigen Diktators,
verheiratet war. In der Zentralafrikanischen Republik sei es wiederum
andersherum: Dagalo kämpfe zusammen mit den Wagner-Söldnern an Seite der
Regierung, während die bekämpften Rebellen von Musa unterstützt würden.
Ein weiterer wichtiger Warlord in der Region ist Khalifa Haftar, Führer
der Libyan National Army, der zusammen mit dem Abgeordnetenhaus in
Tobruk den größten Teil Libyens regiert. Dieser lieferte wohl Waffen an
Dagalo und kämpft ebenfalls mit der Wagnergruppe. Allerdings wird Haftar
auch von Ägypten unterstützt, was die eindeutige Einteilung der
bewaffneten Gruppen in der Region in zwei Lager unterminiert.
Multipolarität der MENA-Region
Da beide Seiten im sudanesischen Konflikt bis vor Kurzem eine recht
geschmiert laufende geteilte Macht ausübten und beide, die sudanesische
Armee und die RSF, im Verbund mit verschiedenen arabischen Staaten Seite
an Seite im Jemen kämpften, scheitern Versuche, die Konfliktparteien zu
Stellvertretern größerer Mächte zu reduzieren. Russland, das von Dagalo
eine Zusage für eine Militärbastion im roten Meer bekam, ist die einzige
überregionale Großmacht, die aber auch nur über die private Söldnerarmee
mit Waffenlieferungen und Goldschmuggel involviert ist, welche, wie
kürzlich in der Ukraine gesehen, oft recht eigenständig agiert. Ägypten,
die Vereinigten Arabischen Emirate und die afrikanischen Nachbarländer
werden ihre Interessen sicherlich zu sichern suchen – doch ein
ausgedehnter Krieg im Land nutzt auch diesen wenig.
Saudi-Arabien, das wohl reichste und mächtigste Land der Region, scheint
deshalb auch kaum Partei zu ergreifen und bewirtschaftet stattdessen
zusammen mit den USA die Friedensverhandlungen und bietet Zuflucht für
Geflüchtete. Auch wenn die einzige westliche Großmacht sozusagen bei den
Friedensbrokern sitzt, sind dies keine besonders guten Nachrichten für
die Menschen im Sudan. Natürlich wird das Schweigen der Waffen von allen
vorrangig begrüßt werden. Doch die Zeiten, in denen demokratische Kräfte
und normale Menschen des Sudans an Verhandlungen über die
institutionelle Zukunft teilnahmen, sind wohl vorerst vorüber, und das
eigentlich auch schon lange.
Denn Autokratie und Gewaltherrschaft sind nicht nur für Russland, die
monarchischen Golfstaaten und das ebenfalls durch ein Militärregime
regierte Ägypten Normalität. Obwohl ihr Einfluss hier minimal erscheint,
erhalten auch die USA und die europäischen Mächte nur allzu gerne
autokratische Regime in der Region, solange diese ihren Interessen
entsprechen – was im Sinne europäischer Mächte bedeutet, dass diese sich
nur anschicken sollen, die Durchreise von Migranten aus den von
bewaffneten Konflikten und Klimawandel geplagten Gegenden Afrikas in
Richtung Europa zu unterbinden.
Grenzposten Sudan
Ebenso wie in Ägypten, Libyen, Marokko und der Türkei hatten die EU und
ihre Mitgliedsstaaten auch im Sudan keine Probleme damit, autoritäre und
menschenverachtende Regime in seine Grenzschutzstrategien einzubinden
und ihre repressiven Gewaltapparate dafür aufzurüsten.
So berichtete im Jahr 2016 beispielsweise der Spiegel über rund 46
Millionen aus der EU für den Grenzschutz im Sudan, von dem besonders die
RSF profitiert hätten,[5] die laut Human Rights Watch jedoch oft
gemeinsame Sache mit den erpressenden und vergewaltigenden Schmugglern
machten. Deutschland sei dabei federführend bei den Verhandlungen
gewesen. Eine Studie der Menschenrechtsorganisation Oxfam
veröffentlichte 2017 Ergebnisse, die belegen, dass von 400 Mio. Euro des
im Rahmen des Khartoum Prozesses verteilten Emergency Trust Fund for
Africa „nur drei Prozent in die Entwicklung sicherer und legaler
Migrationsrouten flossen. Der größte Teil ging an die
Migrationskontrolle.“[6]
Da diese Zusammenarbeit schon dem ehemaligen Diktator al-Bashir gute
Dienste im Sinne einer gewissen internationalen Akzeptanz durch den
Westen sowie mutmaßlich 2017 auch eine Lockerung der US-Sanktionen
einbrachte, war es für Dagalo nach dem Putsch naheliegend, gegenüber den
europäischen Ländern zu bekräftigen, dass sie die Migrationskontrolle
nicht im Eigeninteresse ausführten und sich die Länder im Norden ihren
Wohlstandsschutz etwas – am besten eine Flotte neuer Geländewagen –
kosten lassen sollten und das Militärregime besser akzeptieren sollten.[7]
Ein neues „Mythbusting“-Factsheet des Auswärtigen Diensts der EU
(EEAS),[8] das seit dem Ausbruch der Kämpfe ganz oben bei den
Suchmaschinen erscheint, gibt jedoch an, die EU hätte dem Sudan niemals
im Rahmen des sogenannten Khartoum Prozess, dem Migrationsforum mit den
ostafrikanischen Ländern, Gelder zur Migrationskontrolle bereitgestellt.
Der Kapazitätsaufbau im Rahmen des Better Migration Management Programms
mit der deutschen Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ)
sei wegen der politischen und der Sicherheitslage ausgesetzt. Ebenso das
Regional Operational Center in Khartoum (ROCK), in dem die
verschiedenen, größtenteils autokratischen Länder der Region Daten über
Grenzkontrolle und -schutz, Schleuserkriminalität und Migrationsrouten
austauschen. Wie die Deutsche Welle berichtete, geschah dies nachdem im
Juni 2021 die RSF ein Massaker an über 120 Demonstranten in der
Hauptstadt verübte.[9]
„Demokratische Werte“ im Sudan hinten angestellt
In jedem Fall war die Unterstützung gering, welche die Protestbewegung
gegen die Herrschaft der Militärs nach der Machtübernahme durch die zwei
Generäle bekam. Es wurden zwar z.B. in Deutschland Geberkonferenzen
organisiert, wo 1,8 Mrd. Euro an finanziellen Hilfen für den Sudan
gesammelt wurden, und die EU stellte 100 Mio. zur sozialen Absicherung
bereit.[10]
Doch die Unterstützung eines Übergangssprozesses, der durchgehend durch
Militärs geprägt war und nicht die Unterstützung der Masse der
Bevölkerung genoss, war zum Scheitern verurteilt. Im Gegensatz zu Mali,
das einen von breiten Massen der Bevölkerung unterstützten Putsch
erlebte und Sanktionen von Seiten der EU und seines regionalen Blocks
erlebte, hielten sich diese Druckmittel im Falle der viel unpopuläreren
Putschregierung im Sudan in Grenzen. Und das, obwohl die Aktivisten der
Widerstandskomitees drei Jahre lang vor einer solchen Situation wie
jetzt warnten.[11] Diese revolutionäre Basisorganisationen nahmen
deshalb auch nicht am Transitionsprozess der Generäle teil – waren aber
auch nicht dazu eingeladen.
Nun bleibt auch den Kräften für Freiheit und Wandel, den
zivilgesellschaftlichen Organisationen, die am Übergangsprozess
beteiligt waren, nichts anderes übrig, als Friedensverhandlungen zu
begrüßen. Eine zivile Beteiligung an der Gestaltung der institutionellen
Zukunft des Sudans bleibt an diesem Punkt unwahrscheinlich. Die
Widerstandskomitees sind derweil zum Rückgrat der von den Kämpfen
betroffenen Zivilbevölkerung geworden, managen improvisierte
Erste-Hilfe-Zentren, dokumentieren Kämpfe in Echtzeit, um sicherere
Fluchtbewegungen zu ermöglichen und richten Shuttle-Services ein[12] –
kümmern sich um den Scherbenhaufen, den man die bewaffneten Kräfte hat
anrichten lassen, in dem Glauben, dass diese ihre Macht irgendwann
einfach aufgeben würden.
Anmerkungen
[1] Al-Rujuob, Awad: Sudan leader says to build professional army under
elected civilian authority aa.com.tr 26.03.2023
[2] Welzer, Harald: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird.
Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn 2008
[3] Kerkow, Uwe: Eskalation im Sudan: Anzeichen eines neuen
Stellvertreterkrieges. telepolis.de 23.04.2023
[4] Wettig, Hannah: Krieg statt Demokratie. shop.jungle.world 27.04.2023
[5] Dahlkamp, Jürgen und Maximilian Popp: EU to Work with African Despot
to Keep Refugees Out. 13.05.2016 spiegel.de
[6] Zitat aus: Chandler, Caitlin: Inside the EU’s flawed $200 million
migration deal with Sudan. thenewhumanitarian.org 30.01.2018 ; Oxfam
Briefing Note: An Emergency Trust Fund for Whom? The EU Emergency Trust
Fund – migratory routes and development aid in Africa. November 2017
oxfam.org
[7] Rosca, Matei: Top Sudan general warns country could be source of
refugee influx to Europe politico.eu 01.12.2021
[8] Mythbusting: What the EU Really does in Sudan. Download: eeas.europa.eu
[9] Wills, Tom: EU stops Sudan border control projects amid repression
fears. 22.07.2019 dw.com
[10] Erklärungen des Auswärtigen Amts in der Regierungspressekonferenz
vom 07.01.2022 auswaertiges-amt.de;
European Union announces €100 million to support the democratic
transition process in Sudan. 01.03.2020 reliefweb.int
[11] Luck, Taylor: Sudanese to world: Violence in Khartoum shows
strongmen can’t be trusted. 18.04.2023 csmonitor.com
[12] Palermo, Rachel: Amid Sudan’s Chaos, Youth Groups Work for Peace.
usip.org 02.05.2023
IMI-List - Der Infoverteiler der
Informationsstelle Militarisierung
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[IMI-List] [0633] Großmanöver Air Defender / Kriegswirtschaft - Friedenssteuer
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Hrsg.:...... Informationsstelle Militarisierung (IMI) e.V.
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Liebe Freundinnen und Freunde,
in dieser IMI-List finden sich
1.) Eine neue IMI-Analyse zum Großmanöver Air Defender, gegen das auch
Proteste geplant sind;
2.) Hinweise auf neue Texte zum Thema Friedenssteuergesetz und den neuen
EU-Töpfen zum Aufbau einer Kriegswirtschaft.
1.) Friedenssteuer - Kriegswirtschaft
IMI-Analyse 2023/21 (Update, 11.5.2023)
Munition für den Ukraine-Krieg
Die EU ASAP in Richtung Kriegswirtschaft?
https://www.imi-online.de/2023/05/09/munition-fuer-den-ukraine-krieg/
Jürgen Wagner (9. Mai 2023)
IMI-Standpunkt 2023/017
Forderung nach einem Friedenssteuergesetz
Zum vierzigjährigen Bestehen des Netzwerk Friedenssteuer e.V.
https://www.imi-online.de/2023/05/10/forderung-nach-einem-friedenssteuergesetz/
Gertie Brammer (10. Mai 2023)
2.) IMI-Analyse: Großmanöver Air Defender
IMI-Analyse 2023/22
Air Defender 2023
Luftwaffenmanöver der Superlative im Juni über Deutschland
https://www.imi-online.de/2023/05/15/air-defender-2023/
Martin Kirsch (15. Mai 2023)
Mitte Juni 2023 wird es laut über Deutschland. Die Bundeswehr, die US
Luftstreitkräfte und 23 weitere Verbündete planen die größte
Luftwaffenverlegeübung seit Bestehen der NATO.[1] Zentrum des folgenden
Luftwaffenmanövers werden drei Lufträume über Deutschland sein. An den
„drei Hauptdrehkreuzen“ im niedersächsischen Wunstorf, in Jagel und Hohn
in Schleswig-Holstein und in Lechfeld in Bayern haben die praktischen
Vorbereitungen längst begonnen.[2] Neben knapp 100 Kampf-, Tank- und
Transportflugzeugen der Luftwaffenreserve (Air National Guard)[3] aus
den USA werden über 100 weitere Militärflugzeuge aus 23 europäischen
Staaten sowie ein Flugzeug aus Japan beteiligt sein.[4]
Massive Belastung im deutschen Luftraum
Die zentralen Übungslufträume befinden sich über der Nord- und Ostsee
sowie über dem Norden, Nordosten und Südwesten Deutschlands.[5] Dort
sollen vom 12. bis 23. Juni täglich jeweils rund 40 bis 80
Militärmaschinen zu übungsweisen Luftkriegsoperationen aufsteigen.[6]
Insgesamt sind rund 250 sogenannte „Sorties“, also militärische
Flugbewegungen, pro Tag geplant. Um dieses massive Aufkommen von
Militärflügen überhaupt umsetzen zu können, werden die drei
Übungslufträume für den zivilen Luftverkehr täglich mindestens vier
Stunden vollständig gesperrt. Die zivile Luftfahrt rechnet auch an
großen Flughäfen wie Hamburg, Berlin, München und Stuttgart mit
deutlichen Einschränkungen und manöverbedingten Flugverspätungen.[7] Die
Anwohner*innen der betroffenen Luftwaffenbasen und Übungsräume müssen
darüber hinaus mit massivem Fluglärm der Kampfjets rechnen. Über
Mecklenburg-Vorpommern sowie an den Luft-Boden-Schießplätzen der
Bundeswehr in Bergen in Niedersachsen und Grafenwöhr in Bayern, kommen
durch das verstärkte Aufkommen von Tiefflügen besondere Belastungen
hinzu.[8] Daher schwört die Luftwaffe die Anwohner*innen bereits darauf
ein, dass sie den massiven Fluglärm der übenden Kampfjets doch bitte als
Beitrag zur militärischen Sicherheit Deutschlands ertragen sollten.
Übung für Artikel-5-Szenario
Sicherheit für Deutschland bedeutet in dieser Logik ein Übungsszenario,
in dem Luftkriegsoperation nach Artikel 5 des Nordatlantikvertrages,
also für einen Krieg der NATO mit Russland in Europa, trainiert werden.
Die Luftstreitkräfte der NATO gelten in solch einem Kriegsfall als
„Kräfte der ersten Stunde“, weil sie innerhalb von wenigen Minuten bis
einigen Stunden und damit deutlich schneller als Land- und
Seestreitkräfte, in die Kämpfe eingreifen könnten. Dem entsprechend soll
die Verlegung von rund 100 US Militärflugzeugen über den Atlantik nach
Deutschland und in angrenzende Staaten innerhalb von wenigen Stunden
vollzogen werden. Deutschland wird während Air Defender 23 in der Luft
übungsweise zu dem, was es auch in einem Kriegsfall wäre –
Logistikknoten und Zwischenstation für NATO-Kampftruppen, die von Westen
nach Osten ziehen. Während ein Großteil der Luftkriegsübungen über
Deutschland und der Nordsee stattfinden werden und die Flugzeuge der
Verbündeten in Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Polen und
Tschechien stationiert sein werden, sind im Rahmen des Manövers auch
tägliche Hin- und Rückflüge nach Estland und Rumänien vorgesehen. Die
übenden NATO-Jets fliegen also bis an die unmittelbare Ostgrenze des
Bündnisgebietes.[9]
Manöver in angespannten Zeiten - seit 2018 in Planung
Der Inspekteur der Luftwaffe, Ingo Gerhartz, brüstet sich damit, dass er
bereits seit seiner Amtseinführung 2018 an einem entsprechenden
Großmanöver plane. In 2019 startete die Luftwaffe eine kleinere
Übungsserie für einen von der Bundeswehr geführten multinationalen
Luftwaffengroßverband (Multinational Air Group / MAG). Nach Abstimmungen
mit den USA wurde 2021 die Integration einer Verlegeübung der
US-Luftwaffenreserve und die Namensgebung Air Defender 2023
beschlossen.[10] Neben der Zusammenziehung von über 200
Militärflugzeugen soll das deutsche Zentrum Luftoperationen im
nordrhein-westfälischen Kalkar während Air Defender 2023 unter Beweis
stellen, dass es in der Lage ist, Luftwaffenverbände dieser
Größenordnung zu führen. Ziel ist die Zertifizierung als Joint Air Force
Component Command der NATO – also als bündnisgemeinsames Kommando für
Großverbände der Luftstreitkräfte.
Auf diese deutsche Führungsrolle ist Gerhartz deutlich stolz. So betonte
er in einem Interview: „Es ist eine Übung, wo die NATO unterstützt. Aber
es ist eine deutsch geführte Übung.“[11]
Die Pläne für Air Defender 2023 stammen noch aus der Zeit vor der
russischen Invasion in der Ukraine im Februar 2022. Der aktuelle Krieg
in der Ukraine ist damit nicht ursächlich für die bevorstehenden
massiven Luftkriegsspiele. Neben dem gestiegenen Umfang – die Zahl der
Teilnehmerstaaten wurde im letzten Jahr von 18 auf 24 aufgestockt –
lässt sich auch die Wirkung des Manövers allerdings nicht ohne die
Betrachtung der prekären Sicherheitslage in Europa bemessen. So werden
die übungsweise Mobilisierung von fast 100 Militärflugzeugen und
mehreren tausend Soldat*innen der US-Luftwaffenreserve nach Europa und
die dortigen Luftkriegsübungen mit Flügen bis an die Grenzen zu
Russland, Belarus und der Ukraine in Moskau wohl kaum als Zeichen der
Deeskalation vonseiten der NATO gewertet werden.
Russland als Adressat
Wenig auf Entspannung bedacht zeigen sich auch die beiden für das
Luftwaffenmanöver maßgeblich verantwortlichen Generäle. Auch wenn
Russland in den offiziellen Dokumenten zu Air Defender 2023 nicht
genannt wird und das Manöver laut der Bundesregierung auf einem „rein
generischen Szenario“ basiert,[12] machten der deutsche
Luftwaffeninspekteur Ingo Gerhartz und der Chef der US Air National
Guard Michael A. Loh bereits an anderen Stellen deutlich, gegen wen sich
das Manöver richtet. Schon 2021 legte Loh seine Motivation für die
Teilnahme dar: „Ich möchte, dass [meine Leute] anfangen, mehr über
unsere drohenden Gefahren – China und Russland – nachzudenken und
versuchen, sie auf diese Standards zu bringen. [...] Was bedeutet es,
unter den Kommandostruktur der NATO zu stehen und wie operieren wir
eigentlich innerhalb der NATO?“[13] Luftwaffeninspekteur Gerhartz
drückte es so aus: „Mit der Übung Air Defender zeigen wir, dass die
Luftwaffe das erste militärische Mittel in einer Krise ist. […] Wir
können sehr schnell, in Stunden, Kräfte aus den USA nach Deutschland
verlegen und so für eine glaubhafte Abschreckung sorgen.“[14]
Damit wiederholt sich das bereits seit Jahren vollzogene Muster von
gegenseitigen militärischen Muskelspielen und Drohgebärden in einem
höchst unsicheren Umfeld auf immer konfrontativere Weise. Währenddessen
kommt es bereits im Regelbetrieb immer wieder zu gefährlichen
Situationen in den Lufträumen entlang der NATO-Grenzen, wenn sich dort
russische und NATO Kampfjets gefährlich nahe kommen. Allein im
vergangenen Jahr kam es laut NATO zu 570 solchen Vorfällen und damit zu
doppelt so vielen wie im Vorjahr.[15] Jeder dieser Vorfälle birgt die
Gefahr in sich, bei einem tatsächlichen Zusammenstoß zu einer
ungewollten Eskalation zu führen.
Konfrontation statt Rückversicherung
Trotz alledem werden bisher gängige Formen der gegenseitigen
Rückversicherung zwischen NATO und Russland bei Großmanövern im Rahmen
von Air Defender 2023 einfach missachtet. Eine formale Benachrichtigung
Russlands halten der deutsche Luftwaffeninspekteur und der Chef der US
Air National Guard nicht für nötig. Bei einem Pressetermin Anfang April
auf der Joint Base Andrews bei Washington sprach Gerhartz sichtlich
stolz darüber, dass er einem Reporter am Vortag auf die Frage nach der
Informationspolitik gegenüber Russland geantwortet habe: „Wir werden
ihnen [Russland] keinen Brief schreiben. Sie werden die Nachricht schon
erhalten/verstehen, wenn unsere Flugzeuge ausschwärmen.“[16] Auf diese
bewusste Doppeldeutigkeit im englischen Original reagiert der US General
Loh vor laufenden Kameras mit einem breiten Grinsen. Bei dieser
Provokation handelt es sich allerdings nicht bloß um einen unnötig
provokativen Stil. Bisher war es gängige Praxis, dass NATO-Staaten ihre
Manöver auf formalem, diplomatischem Wege ankündigten und Einladungen an
Militärbeobachter, auch aus Russland und Belarus, aussprachen. Diese
Praxis diente der gegenseitigen Versicherung, dass die Militärübungen
zwar dem gegenseitigen Muskelspiel und der Abschreckung, nicht aber der
Vorbereitung eines Angriffs dienten. In der aktuellen Phase der
militärischen Konfrontation in der Ukraine auf diese
Kommunikationsformen zu verzichten, ist hochgradig gefährlich.
Proteste sind bereits angekündigt
Um die Kritik am Großmanöver Air Defender 2023 auch am Ort des
Geschehens sichtbar zu machen, mobilisiert die Friedensinitiative
Neustadt/Wunstorf am 10. Juni 2023 um 11:55 (fünf vor Zwölf) zu einer
Demonstration am Fliegerhost Wunstorf bei Hannover.[17] Zudem soll dort
während des Manövers vom 12. bis 23. Juni täglich eine Mahnwache
stattfinden. Vermutlich werden sich auch an anderen Standorten noch
Proteste formieren.
Anmerkungen
[1] Bundeswehr: Übung – Air Defender 2023, o.D., bundeswehr.de.
[2] Beispielhaft für Jagel und Hohn in Schleswig-Holstein: NDR:
Luftwaffen-Großübung Air Defender in SH - Die Vorbereitungen laufen, 04.
April 2023, ndr.de.
[3] Die rund 100 Militärflugzeuge aus den USA werden nicht von der
von US Air Force, sondern von der Air National Guard gestellt. Dabei
handelt es sich um Luftwaffenreservetruppen, die unter der Flagge der
US-Bundesstaaten fliegen und von deren Gouverneuren z.B. nach
Naturkatastropen eingesetzt werden kann. Darüber hinaus kann der US
Präsident die Air Natinal Guard im Krigsfall unter sein Kommando rufen
und weltweit in den Einsatz schicken. So waren Soldat*innen der Air
National Guard beispielsweise an den Kriegen im Irak und in Afghanistan
zu Tausenden beteiligt. Mit rund 100.000 Angehörigen und 1.300
Flugzeugen ist die Air Natinal Guard um ein vielfaches größer als die
gesamte Luftwaffe der Bundeswehr. Die Angehörigen der Air National Guard
sind zu großen Teilen keine Vollzeitsoldat*innen, sondern sogenannte
Militsoldat*innen. Neben einem zivilen Job absolvieren ein gewisses
Kontingent an Wochenendübungen und einer Großübung im Jahr, um sich an
den jeweilgen Waffensysteen fit zu halten. Für 46 Einheiten aus 36
US-Bundesstaaten wird Air Defender eben diese Großübung für das Jahr
2023 sein.
[4] Bundeswehr: Übung – Air Defender 2023, o.D., bundeswehr.de.
[5] Detailierte Informationen zu den Übungslufträumen finden sich
unter: Bundeswehr: Übung – Air Defender 2023, o.D., bundeswehr.de.;
Luftwaffe, Zentrum Luftoperationen: Vorübergehende Einrichtung von
Gebieten mit Flugbeschränkungen anlässlich der Militärübung „Air
Defender 2023“, 09.02.23, abrufbar unter: daec.de und Deutscher
Bundestag: Drucksache 20/6293, Kleine Anfrage: Air Defender 2023 – Die
Luftkriegsübung über Deutschland, 31.03.23, bundestag.de.
[6] Bundeswehr: Fact Sheet Air Defender 2023, o.D., bundeswehr.de.
[7] Hamburger Morgenpost: Mega-Militärmanöver – Wo Urlauber bald
starke Nerven brauchen, 08.05.23, morgenpost.de.
[8] Deutscher Bundestag: Drucksache 20/6293, 31.03.23, bundestag.de.
[9] Bundeswehr: Übung – Air Defender 2023, o.D., bundeswehr.de.
[10] Bundeswehr: Air Defender 2023 – Jahre der Vorbereitung, um 200
Flugzeuge in die Luft zu bekommen, 28.03.23, bundeswehr.de.
[11] Deutsche Welle: Die NATO übt Reaktionsfähigkeit ihrer
Luftstreitkräfte bei einer Krisensituation, 08.04.23, abrufbar via
youtube.com.
[12] Deutscher Bundestag: Drucksache 20/6293, 31.03.23, bundestag.de.
[13] Defence News: Germany, US plan major aerial drill to defend
Europe, 05.11.21, defensenews.com. (Übersetzung MK)
[14] Hamburger Morgenpost: Mega-Militärmanöver – Wo Urlauber bald
starke Nerven brauchen, 08.05.23, morgenpost.de.
[15] Redaktionsnetzwer Deutschland: Nato fängt in 570 Fällen russische
Jets ab – doppelt so viele wie im Vorjahr, 14.02.23, rnd.de.
[16] Defense Now: National Guardsmen Reveal Their Big Secret on Air
Defender '23 Media Day!, Minute 4, 05.04.23, Abrufbar via: youtube.com.
(Übersetzung des Autors)
[17] Friedenskooperative: Demo gegen Nato-Manöver Air Defender 23,
o.D., friedenskooperative.de.
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Informationsstelle Militarisierung
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Höchstrichterliche Entscheidung in der Schweiz wegen Fixierung als Folter
Schwere Niederlage von drei Züricher Psychiatern und dem Züricher Bezirks- und Obergericht: Wegen deren Handlungen hat das höchste Gericht der Schweiz, das "Bundesgericht", geurteilt, dass sie sich wegen einer 13 tägigen Dauerfixierung eines 15 jährigen als
Verstoß gegen das Folterverbot der Europäischen Menschenrechtskonvention
verantworten müssen. Deswegen können sie für diese Fixierung verurteilt werden: https://www.20min.ch/story/13-tage-gefesselt-brians-aerzten-droht-nun-doch-eine-verurteilung-436767756241
3 weitere Artikel dazu hier: https://press24.net/news/25906550/13-tage-gefesselt-brians-rzten-droht-nun-doch-eine-verurteilung
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Weiterer Bericht, wie Menschenrechte verächtlich es in der Schweiz zugeht:
Solche «fürsorgerische Unterbringung» (wie Zwangseinweisungen in der Schweiz verharmlost werden) werden in der Schweiz häufiger als kaum sonst wo angeordnet: Mit einem Wert von 1,8 Zwangseinweisungen pro 1000 Einwohner liegt die Schweiz gemäß einer Studie nur hinter Österreich und Australien. Untersucht wurden 19 Länder. https://www.nau.ch/news/schweiz/schweizer-arzte-therapieren-tausende-gegen-ihren-willen-66344837
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Wie sich Schweizer Psychiatrien am deutschen Mordprogramm durch Abschiebungen mitschuldig gemacht haben:
Ausgewiesen, vergast, vergessen
https://www.beobachter.ch/gesellschaft/krankenmorde-ausgewiesen-vergast-vergessen?wtmc=socialmedia.facebook.shared.web
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Zweites Experiment für den von Michel Foucault ausgelobten "Nobelpreis für wissenschaftlichen Humor":
Was denkt sich der Lachs, wenn er tot ist?
Dieser wichtige Frage hat sich die Neurowissenschaft gewidmet. 2009 veröffentlichte der Forscher Craig Bennett die Ergebnisse seines Experiments, bei dem er einen toten Lachs mit dem bildgebenden Verfahren eines Magnetresonanztomographen (MRT) untersucht hatte. Bennett, ein Psychologiestudent an der Universität von Kalifornien in Santa Barbara, untersuchte dann, wie das Gehirn des Fisches auf Fotos von Menschen in verschiedenen emotionalen Zuständen reagierte.
Die Tatsache, dass bei diesem Experiment überhaupt eine Gehirnaktivität festgestellt werden konnte - es war lediglich als Übung zur Kalibrierung des Scanners gedacht -, war ein frühes Warnzeichen dafür, dass man bei der Interpretation der statistischen Signifikanz von Ergebnissen aus Experimenten zur Bildgebung des Gehirns vorsichtig sein sollte. Heute sind einige der Meinung, dass die kognitiven Neurowissenschaften ein ausgewachsenes Problem mit der Reproduzierbarkeit haben. Andere hingegen sind der Meinung, dass die Lachs-Studie zusammen mit nachfolgenden Arbeiten, die methodische Schwächen aufzeigen, das Feld vorangebracht und die Forscher zu besseren Entscheidungen bei der Versuchsplanung und Dateninterpretation angeregt hat (Original Artikel hier).
Siehe dazu das Spiegel Interview, wie der Psychopharmakologe Felix Hasler über die Arroganz seiner Kollegen wettert: "Hirnforscher sollten nicht überreizen"
Die Geschichte hat noch ein Nachspiel: Auch der Verweis auf die hochfahrenden Hoffnungen der Genforschung sind eine gute Bezugnahme zur Warnung vor statistischen Fehlschlüssen, wie in diesem Artikel gewarnt wird.
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