Sonntag, 29. Dezember 2019

Literaturtipp Geschichte der Flucht eines irakischen Kurden


Ein Korrespondent stellt zwei Bücher des Autors Alexander Bertsch vor, um sie den Lesern von "Rote Fahne News" zu empfehlen:
Korrespondenz
„Zufällig bin ich an zwei kleine Bücher von Alexander Bertsch gekommen.¹ In seinem Essay ‚Kein Fährmann wartet am Totenfluss‘ lässt er Loran, einen Kurden, der seine Heimat Irak zusammen mit der Familie verlassen musste, seine Geschichte erzählen. Es ist die Geschichte der Unterdrückung der Kurden und jeglicher fortschrittlicher Bewegung im Irak, die Geschichte seiner Flucht mit ihrem unendlichen Leid, und die Geschichte seiner neuen Lebenssituation in Deutschland.

Man erlebt die Brutalität, mit der die Regierungen des ‚freien‘ Europa ihre Grenzen abschotten, und dabei bewusst über die Leichen von Flüchtlingen gehen. Und man erlebt die Hilfsbereitschaft und Solidarität von engagierten Menschen, die ohne großes Aufheben mit anpacken und helfen.

Alexander Bertsch hat seine Abfassung unter das Motto gestellt: ‚Wenn du ein Flüchtling bist und stirbst, stellt niemand Fragen, aber um anderswo leben zu können, werden dir tausend Fragen gestellt.‘

Mit der gleichen schnörkellosen Sprache arbeitet Alexander Bertsch in seinem Kriminalroman „Mörderische Ausgrenzungen“. Sein Privatdetektiv Anton Vinaeger steckt mitten in einem Fall: der faschistische IS ist plötzlich im beschaulichen Heilbronn keine ferne Erscheinung mehr, sondern eine reale Bedrohung. Und immer nutzt Bertsch konkrete Fallfragen, um über politische Themen nachzudenken: ‚Was sind sichere Herkunftsländer? Wer hat das Recht, so etwas festzulegen?‘"


Alexander Bertsch
Kein Fährmann wartet am Totenfluss
Verlag Regionalkultur, 64 Seiten
ISBN-13: 978-3-89735-916-1
ISBN-10: 3-89735-916-2
7,90 Euro

Alexander Bertsch
Mörderische Ausgrenzung
Verlag Regionalkultur, 144 Seiten
ISBN-13: 978-3-95505-012-2
ISBN-10: 3-95505-012-2
9,90 Euro

Quellen & Links

¹ Alexander Bertsch hatte Philosophie, Literaturwissenschaft und Musik studiert und war lange Jahre am Elly-Heuss-Knapp-Gymnasium in Heilbronn als Musiklehrer tätig. Die beiden Bücher sind im „verlag regionalkultur“ erschienen.
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Magdeburg „Wir unterstützen von ganzem Herzen euren berechtigten Kampf um einen Tarifvertrag und höhere Löhne“


Für die Ortsgruppe Magdeburg der MLPD hat Monika Kuske den Beschäftigten der AMEOS-Kliniken die Solidarität ausgesprochen:
Von MLPD-Ortsgruppe Magdeburg
„Wir unterstützen von ganzem Herzen euren berechtigten Kampf um einen Tarifvertrag und höhere Löhne“
Die AMEOS-Kolleginnen und -Kollegen aus Sachsen-Anhalt beim Streik (foto: ver.di)
AMEOS ist ein Schweizer Klinik-Konzern, der sowohl in Sachsen-Anhalt als auch in Niedersachsen und in anderen Bundesländern mit brachialen Methoden gegen streikende Angestellte vorgeht.

Die MLPD-Ortsgruppe Magdeburg schreibt an die von Entlassungen betroffenen: „Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen, wir unterstützen von ganzem Herzen euren berechtigten Kampf um einen Tarifvertrag und um höhere Löhne. Die fristlose Entlassung von Beteiligten an den Streiks bei AMEOS finden wir empörend. Wir erklären allen Kolleginnen und Kollegen unsere volle Solidarität ...

Diese Vorgänge zeigen einmal mehr, dass wir in Deutschland ein vollständiges und allseitiges gesetzliches Streikrecht durchsetzen müssen. Das Streikrecht in Deutschland ist - im europäischen Vergleich - äußerst eingeschränkt. Das wird genutzt, um die Löhne und Arbeitsbedingungen immer weiter nach unten zu drücken. Als Mitglied von ver.di finde ich euren Arbeitskampf ermutigend – auch für viele Beschäftigte in der Industrie und im Handel.“

Quellen & Links

https://www.rf-news.de/2019/kw51/wir-unterstuetzen-von-ganzem-herzen-euren-berechtigten-kampf-um-einen-tarifvertrag-und-hoehere-loehne 

Efrîn Angriff auf türkische Militärbasis



Die Befreiungskräfte Efrîns haben im nordsyrischen Şera eine türkische Militärbasis angegriffen. Wie die Widerstandsgruppe mitteilt, wurden dabei mindestens zwei Soldaten getötet.
Von ANF

Angriff auf türkische Militärbasis
Emblem der HRE (grafik: ANF)
Die Befreiungskräfte Efrîns (Hêzên Rizgariya Efrînê, HRE) setzen ihre Vergeltungsaktionen gegen Angehörige der Invasionstruppen in den türkischen Besatzungszonen Nordsyriens fort. Im Kreis Şera (Kanton Efrîn) ist eine Militärbasis der türkischen Armee angegriffen worden. Dabei wurden laut einer aktuellen Mitteilung mindestens zwei türkische Soldaten getötet. Drei weitere sind verletzt.

Nach HRE-Angaben ereignete sich die Aktion am Donnerstag, 26. Dezember. Etwa zeitgleich gingen Einheiten der Widerstandsgruppe auch in Azaz gegen türkisch-dschihadistische Besatzungstruppen vor. Zu den Aktionen liegen allerdings keine gesicherten Informationen vor. Als Reaktion auf die Angriffe bombardierte die türkische Armee in Şera die Dörfer Malikiyê, Merenaz, Şewarqa und El-Qamiyê mit schwerer Artillerie. Durch den Beschuss ist Sachschaden in den Siedlungsgebieten der Zivilbevölkerung entstanden.

Die HRE haben sich im vergangenen Jahr nach der Besatzung von Efrîn durch die Türkei gegründet. Seitdem finden ununterbrochen Vergeltungsaktionen statt. Die Angriffe der bewaffneten Gruppe richten sich gegen das Besatzungsregime. Ziel sind sowohl die türkische Armee als auch die von ihr gesteuerten Milizen.

Quellen & Links

https://www.rf-news.de/2019/kw51/angriff-auf-tuerkische-militaerbasis 

Wir fordern Aufklärung und Verurteilung der Polizeiaktion

https://www.rf-news.de/2019/kw51/jeder-faschistischen-aktivitaet-sofort-entgegentreten

Die folgende Solidaritätserklärung mit den Genossinnen und Genossen der MLPD aus Essen, die von faschistischen Attacken und Polizeigewalt betroffen sind¹, wurde von allen Besucherinnen und Besuchern der Jahresabschlussfeier der kämpferischen Opposition in Hamburg einstimmig beschlossen:
Korrespondenz aus Hamburg
Wir fordern Aufklärung und Verurteilung der Polizeiaktion
Anstatt den Faschisten ihre Märsche durch Essen-Steele zu untersagen, ging die Polizei brutal gegen friedliche Antifaschisten vor (rf-foto)
Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten, liebe Genossinnen und Genossen in Essen,
mit Empörung und Wut haben wir von dem unsäglichen Polizeieinsatz in Essen gegen euren antifaschistischen Protest gehört. Es ist ein krimineller Akt, wie Polizeikräfte mit Verhaftungen, körperlicher Gewalt, sowie Einschüchterung versucht haben, euren Protest gegen das Auftreten der faschistische Bande „Steeler Jungs“ zu verhindern und damit die faschistische Propaganda zu ermöglichen.

Als erstes versichern wir euch unsere vollste und uneingeschränkte Solidarität. Wehret den Anfängen und kein Fußbreit den Faschisten, das hat euer mutiges Auftreten geprägt. Und es wird auch für uns Ansporn sein, jeder faschistischen Aktivität sofort entgegenzutreten!

... Wir fordern die strafrechtliche Verfolgung der verantwortlichen Polizeikräfte. Aber auch die politische Aufklärung und Verurteilung dieser Polizeiaktion durch die demokratische Öffentlichkeit. Für das Verbot aller faschistischen Organisationen und ihrer Propaganda.



Quellen & Links

¹ Mehr dazu hier auf Rote Fahne News!

Kommunen entschulden – ernst gemeinter Vorschlag oder SPD-Profilierung?


Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) will darüber nachdenken, hochverschuldeten Gemeinden ihre Schulden einmalig zu erlassen: "Ich stelle mir so etwas wie eine Stunde null dieser Kommunen vor." Eine Entschuldung wäre dringend geboten, aber handelt es sich um einen ernsthaften Vorschlag oder ist es nur ein neuer Profilierungsversuch der SPD-Spitze?
Von ako
Für die These eines Profilierungsversuch spricht sicher, dass dieser Vorschlag alles andere als neu ist. Bereits vor rund 15 Jahren forderte das überparteiliche, kommunale Wahlbündnis AUF Gelsenkirchen ein Zins- und Schuldenmoratorium im Rat. Das ist auch dringend erforderlich.

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes hatten die Gemeinden und Gemeindeverbände zum Stichtag 31. Dezember 2018 Gesamtschulden in Höhe von 129,7 Milliarden Euro. Je Einwohner entspricht dies einem Schuldenniveau von 1.692 Euro.¹ Dabei gibt es starke regionale Unterschiede. Im Saarland liegt die Verschuldung der Kommunen rechnerisch bei 3522 Euro pro Einwohner, in Sachsen bei 670 Euro pro Einwohner. Die Schuldensumme der etwa 2500 Kommunen, denen Scholz die Schulden erlassen will, beläuft sich auf 40 Milliarden Euro.

Unterschiede der wirtschaftlichen Entwicklung schlagen sich nieder

In den Kommunen bündeln sich die Lebensverhältnisse der Massen. Noch vor rund zehn Jahren erlebten viele Kommunen einen Kahlschlag sozialer und kommunaler Leistungen, Schließung von Bibliotheken, Hallen- oder Freibädern, mangelnde Infrastruktur usw. Aber seit der Niedrigszinspolitik hat sich die Lage etwas entspannt. Ein Beitrag waren zum Teil auch Länderprogramme wie der sogenannte Stärkungspakt in NRW.

In den letzten Jahren haben vor allem die so genannten Kassenkredite zugenommen. Sie sollen dazu dienen, vorübergehende Liquiditätsengpässe zu überbrücken, betragen aber inzwischen 27,4 Prozent der Verschuldung. Sie sind oft keine vorübergehende Ausnahme mehr, sondern werden regelmäßig gebraucht, um Personalkosten und andere regelmäßige Aufgaben zu bezahlen.

Wenn jetzt bürgerliche Scholz-Kritiker über mangelnde "Gerechtigkeit" jammern, weil die angeblich sparsameren Kommunen leer ausgehen, geht das am Problem vollständig vorbei. In den Kommunen schlägt sich weniger die Sparsamkeit der jeweiligen Ratsherren und -damen nieder, als vielmehr die Unterschiede der wirtschaftlichen Entwicklung. Hatten Nordrhein-Westfalen und das Saarland prosperierende Gemeinden, als Stahl und Kohle stark waren, sind es heute Bayern und Baden-Württemberg mit der noch kräftigen Automobilindustrie.

Unter kapitalistischen Bedingungen werden diese Unterschiede verstärkt. Die Gemeindefinanzierung zeigt zudem die Diktatur der Monopole über die ganze Gesellschaft. So können Unternehmen vor Ort ihre Ertragslage so schlechtrechnen, dass sie gegebenenfalls einen Teil der vorab bezahlten Gewerbesteuern sogar zurückfordern können. Keine Kleinigkeit, so reißen bei großen Monopolen solche Rückforderungen schnell mal Haushaltslücken in Höhe von 60 bis 80 Millionen Euro, wie in Gelsenkirchen mehrfach geschehen. Das ruft jeweils kurzfristige Maßnahmen auf Kosten der Bevölkerung hervor.

Entschuldung mit einer Bank?

Doch an dieser Diktatur der Monopole und der damit aufs Engste verwobenen Umverteilung von unten nach oben rüttelt Scholz nicht. Als einen Lösungsansatz sieht er das Modell „Hessenkasse“.² Mit einer Landesbank "entschuldet" das Land Hessen Kommunen, deren Kassenkredite auf diese Bank übertragen werden. Damit werden die Schulden aber letztlich auf Kosten anderer öffentlicher Kassen saniert - statt auf Kosten der Banken. Sie hatten in der Vergangenheit jahrzehntelang sprudelnde Zinseinnahmen aus diesen Schulden. Im Bundesdurchschnitt wurden die kommunalen Kredite seit 1950 schon mehr als viermal zurückgezahlt. "Damit ist kommunale Entschuldung fiskalisch mehr als begründbar", so der damalige Essener Ratsherr Dieter Keil bereits 2010.

Selbst heute im Zuge der aktuellen Niedrigzinspolitik vergeben die Banken noch gerne Kassenkredite an Kommunen. Denn wenn sie das Geld bei der Europäischen Zentralbank deponieren, müssen sie dafür eine Gebühr (negative Zinsen) vom 0,4 Prozent bezahlen. Jeder dritten Kommune wurden deshalb sogar schon Kredite angeboten für die sie Negativzinsen erhalten.³ Was kurzfristig Entlastung verspricht wird zum Bumerang, wenn die Niedrigzinspolitik zu Ende geht. Wenn im Zuge der 2018 ausgebrochenen Weltwirtschafts- und Finanzkrise die Banken den Geldhahn zudrehen, droht eine neue Runde des kommunalen Kahlschlags auf höherer Stufe.

Was fordert die MLPD?

Die Kommunen sind das schwächste Glied im Staatsapparat der Monopole. 2004 arbeitete Stefan Engel auf dem Magdeburger Parteitag der MLPD dazu heraus: „Die kommunale Selbstverwaltung war eine fundamentale Errungenschaft der demokratischen Revolution in Deutschland 1848. Unter der Diktatur der Monopole ist sie zu einer einzigen Farce mit entsprechenden Auswirkungen auf das Leben der Massen verkommen.“

Monika Gärtner-Engel warnte bereits 2013 im Rat der Stadt Gelsenkirchen vor dem was Olaf Scholz aktuell durch den Kopf spuckt:

"Lohn- und Gehaltszahlungen u.a. dringend erforderliche aktuelle Ausgaben werden mehr und mehr von Kassenkrediten abhängig und man wagt gar nicht daran zu denken, was passiert, wenn die Zinsen steigen oder Kassenkredite nicht mehr gesteigert werden können. (...) Die von Ihnen (den bürgerlichen Parteien im Rat) ... abgelehnte Forderung nach einem Zins- und Schuldenschnitt für die Kommunen löst zwar nicht alle Probleme, aber er wäre ein Schritt in die richtige Richtung, um die Kosten der Krise von denen tragen zu lassen, die sie verursacht haben.

Wenn allerdings das alles nicht zu verwirklichen ist, wenn alle Maßnahmen gegen die Masse der Bevölkerung tatsächlich "alternativlos" sind, wenn in einer Welt mit nie gekanntem Reichtum immer mehr Menschen arbeitslos und arm werden müssen – dann wäre es tatsächlich an der Zeit, sich verstärkt nach einer Systemalternative umzuschauen."⁴

Eine Entschuldung - nicht nur von 2500 - sondern von allen Kommunen wäre ein richtiger Schritt. Er muss allerdings auf Kosten der Banken erfolgen. Außerdem muss das Prinzip "wer bestellt, bezahlt" (Konnexitätsprinzip) durchgesetzt werden. Denn Bund und Ländern übertragen den Gemeinden Kosten, ohne sie mit den nötigen Finanzen dafür auszustatten. So entstehen im Bereich Flüchtlings- und Asylkosten, Unterhaltsvorschuss und Teilen von Hartz IV immer wieder neue Unterfinanzierungsquellen. Dass Olaf Scholz davon mit keiner Silbe spricht, unterstreicht, wie unlauter und wenig ernst gemeint sein Vorschlag ist. Wer das durchkämpfen will, muss sich in und für eine fortschrittlichen und unabhängigen Kommunalpolitik engagieren.

Quellen & Links

¹ Bertelsmann Finanzreport 2019, S. 61
² http://kommunalwiki.boell.de/index.php/Hessenkasse
³ https://www.presseportal.de/pm/128616/3943586
⁴ Redebeitrag in der Haushaltsdiskussion 2013 (dokumentiert auf http://www.alternative-kommunalpolitik.de)

https://www.rf-news.de/2019/kw51/bundesfinanzminister-will-kommunen-entschulden-und-alles-beim-alten-lassen 

Die Philosophin Ina Schmidt über die Besonderheiten eines »geistigen Bands« und die Freundschaft zu sich selbst

In Filmen und Romanen ist Liebe oft präsenter als Freundschaft. Ist das in der Philosophie auch so?
Das hat sich tatsächlich im Lauf der Zeit verändert. In den ersten theoretischen Betrachtungen bei Platon oder später in der aristotelischen Ethik galt Freundschaft (Philia) als eine Form der Liebe neben anderen. Die zwei anderen zentralen Formen waren Liebe zu einem göttlichen Wesen (Agape) und die erotische Liebe (Eros), die aber auch die Liebe zum Schönen einschließt. In unserem Sprachgebrauch hat vorrangig die Romantik dafür gesorgt, dass es primär um die romantische Liebe gehen soll, so dass wir die anderen Liebesformen ein wenig aus dem Blick verloren haben. Seitdem kennen wir auch die Hierarchie, welche die Freundschaft der Liebe unterordnet.
 Vor der Romantik war das anders?
Da war der Liebesbegriff zumindest nicht so explizit auf die romantische Liebe und damit auch auf eine Form leidenschaftlicher und sexueller Beziehung bezogen. Die Vorstellung vom »einzig wahren Menschen« verbunden mit Herzschmerz und dem Leiden an der Liebe beschreibt eine Liebespraxis, die wir tatsächlich der Tradition der Romantik verdanken. Bis dahin gab es zum Beispiel auch ein relativ gängiges Verb im Deutschen, das »freunden« heißt.
Was bedeutete das?
Das Wort geht zurück auf das Wort »friunt«, das so etwas wie »hegen und pflegen« bedeutet, etwas, das wir auch heute noch mit Freundschaft verbinden: Dem Gefühl von Geborgenheit und Halt sowie Ähnlichkeiten, die ein Gefühl von Verbindung schaffen, ohne es einzufordern. Auch das unterscheidet die Freundschaft von der Liebe: Sie ist eine »Wahlverwandtschaft«, die nicht vertraglich festgelegt werden darf - auch wenn wir gefühlt diese Ansprüche durchaus haben. Der französische Philosoph Michel de Montaigne verstand die Freundschaft als etwas Nährendes - im Gegensatz zur Liebe, an der man krankt und die einem Schmerzen zufügt.
Das Ende einer Freundschaft kann doch auch schmerzlich sein?
Ja, die Übergänge sind fließend. Aber für Montaigne beruht die Freundschaft auf einem geistigen Band, einem gemeinsamen Blick auf die Welt. Eine Verbindung, für die wir uns freiwillig entscheiden und die wir auch wieder lösen können. Der philosophischen Idee nach ist es zwar schmerzlich, wenn dieses geistige Band der Freundschaft zerreißt - sei es durch Entwicklungen oder zu große Distanz - aber es gibt ein Einvernehmen über das Ende einer Freundschaft, die so nicht mehr besteht. Was nicht bedeutet, dass wir darunter nicht leiden können.
Was bedeutet es für dieses geistige Band, wenn Freund*innen unterschiedliche Ideale, politische Vorstellungen entwickeln - oder ein anderes Einkommen?
Wenn sich neue Unterschiede entwickeln und bestimmte Automatismen nicht mehr greifen, bedarf es eines neuen Hegens und Pflegens. Aber die Frage ist, ob eine selbstverständliche Ähnlichkeit das tragende Element einer Freundschaft sein muss, oder ob das auch Differenzen oder sich ergänzende Verschiedenheiten sein können. Die Wertschätzung, die man sich unter Freunden entgegenbringt, kann gerade aus dieser unterschiedlichen Perspektive herrühren. Dabei stellt sich die Frage, ob man die Entwicklung mitgehen kann, wenn die Freundschaft in einer ganz anderen Situation entstanden ist. Entscheidend ist, wie bewusst man im Austausch darüber ist. Denn egal, wie »gleich« man möglicherweise mal gestartet ist, es wird immer Entscheidungen geben, die auf einen anderen Lebensweg führen, sei es Familiengründung, Umzug oder ähnliches.
Was macht Menschen überhaupt zu Freund*innen?
Aristoteles unterscheidet zwischen Nutzenfreundschaften, Lustfreundschaften und der Freundschaft der Trefflichen. Bei Nutzenfreundschaften ist es wichtig, ein gemeinsames Interesse zu verfolgen. Bei der Lustfreundschaft geht es ihm darum, dass es so etwas gibt wie ein Gefallen am Miteinander sein. Die Gesellschaft des anderen zu genießen, unabhängig davon, worauf es ausgerichtet ist. Das was die meisten von uns meinen, wenn sie von guten, wahren oder besten Freunden sprechen, ist erst das dritte. Für die Freundschaft der Trefflichen braucht es ein gemeinsames ethisches Verständnis darüber, was im Leben von Bedeutung sein soll. Dieser gemeinsame Wert ist etwas, das man bei einem ersten Treffen vielleicht »erspürt«, dann aber durch Sprechen und gemeinsames Erleben weiter ausarbeitet - oder eben auch nicht.
Funktioniert das auch digital, zum Beispiel in den sozialen Netzwerken?
Es kommt darauf an. Geht es darum, Menschen zu finden, die bestätigen, was ich sowieso schon glaube? Dann ist das im Grunde wieder eine nutzenbringende Gemeinschaft. Oder geht es um einen Austausch, der vielleicht aus einem Zweck entstanden ist, dann aber weit darüber hinaus geht? Dann entsteht eine Freundschaft - vielleicht sogar eine sehr innige - die aber meist dennoch auf eine bestimmte Facette meiner Persönlichkeit gerichtet bleibt. Das entspricht dann einem anderen, vielleicht modernerem Ideal von Freundschaft, wie es zum Beispiel von dem Soziologen Georg Simmel beschrieben wurde. Das hehre Ideal von Aristoteles entspricht meist ohnehin nicht unseren Erfahrungen in gelebten Freundschaften. Gerade in unserer schnellen und mobilen Zeit geht es oftmals darum, sich an bestimmten Stellen seines Seins zu vereinen. Aber darin wird die Frage umso wichtiger, wie wahrhaftig ich mich zu zeigen bereit bin: Lasse ich in solchen Beziehungen zu, dass es auch Differenzen gibt? Traue ich mir zu, Menschen aus der digitalen Welt auch in der Realität zu begegnen?
Hegel warnte davor, dass Freundschaften staatlichen Machtstrukturen gefährlich werden können, indem sie diese unterwandern. Auch Chefs versuchen zuweilen, Freundschaften unter Kolleg*innen zu unterbinden. Ist Freundschaft eine subversive Kraft?
Erst einmal ist Freundschaft eine positiv besetzte Kraft, nichts, das wir fürchten sollten. Wenn wir sie fürchten, dann geht es vielmehr um einen Wunsch nach Kontrolle und Herrschaft, der die Freundschaft anderer als potenzielle Gegnerschaft missversteht. Natürlich: Wenn sich Menschen befreunden, ziehen sie sich gegenseitig anderen Menschen vor, da wird keine Gleichbehandlung zu erwarten sein. Dennoch entsteht daraus nicht automatisch eine Bedrohung. Und so war Aristoteles - im Gegensatz zu Hegel - der Ansicht, dass Gemeinschaft, sogar eine Staatengemeinschaft, durch Freundschaft getragen sein sollte. Im Sinne der griechischen Idee des Politischen sollte Freundschaft die eigentliche politische Kraft sein, auf der ein soziales Gefüge ruht. Im Idealfall bräuchten wir dann so etwas wie Regeln und Gesetze nicht mehr, die für Gerechtigkeit sorgen.
Das heißt, wenn alle befreundet wären, wäre die Welt gerecht?
Genau, aber eher im Sinne einer grundlegenden Haltung, die die Freundschaft in all ihren Spielarten als Wert hochhält. Nicht im Sinne einer individuellen Freundschaft, was natürlich völlig utopisch wäre. Da wären wir eher bei Begriffen wie Solidarität, oder dem, was Aristoteles als »grundsätzliches Wohlwollen« beschreibt. Damit meint er, dem eigenen Handeln das Streben nach dem Guten zugrunde zu legen. Und das Gute verträgt kein Kontrollbedürfnis im Sinne des Eigenen. Wenn wir das Gute einmal nicht mit dem Eigenen verwechseln, ein Gedanke, den die Schriftstellerin Juli Zeh in die Debatte geworfen hat, dann entsteht die Möglichkeit, diesen Freundschaftsbegriff zu weiten.
Das Eigene mit dem Guten verwechseln - können Sie das erklären?
Na ja, zunächst geht es schlicht darum, nicht nur das für gut zu halten, was mir persönlich nützt, mir einen Vorteil verschafft oder mir Freude macht. Oft fehlen uns gegenwärtig aber die Maßstäbe für das, was wir prinzipiell für gut halten. Im Wunsch nach Freundschaft pflegen wir oft ein so hohes Ideal, dass wir den Eindruck bekommen, permanent zu scheitern. Wir versuchen dann, uns selbst als das Maß aller Dinge zu definieren und zu fragen: Was ist gut für mich? Was macht mich glücklich? Dabei verlernen wir, an etwas Gutes und Wertvolles zu glauben, das unabhängig von mir selbst ist oder das so etwas wie Verzicht oder Einschränkung von mir fordert. So entsteht ein narzisstischer Selbstbezug, der gar nichts mehr mit Freundschaft zu tun hat. Sondern einen ökonomischen Gedanken von freundschaftlichem Nutzen befördert.
Man sollte sich selbst also nicht so ernst nehmen?
Ja, das ist vielleicht der wichtigste erste Schritt. Dennoch sollte es auch darum gehen, mit sich selbst befreundet zu sein. Aber eben nicht in einem stetigen Optimierungsdrang oder einem Wunsch nach Steigerung des Eigenen. Stattdessen sollte man sich selbst annehmen, in der Verletzlichkeit und Bedürftigkeit, die einem als Mensch mitgegeben ist.
Was ist Freundschaft aus heutiger Sicht?
Ich glaube, das Freundschaft gleichzeitig ein kostbares Geschenk, aber auch ein hartes Stück Arbeit ist - und eine Entscheidung. Antoine de Saint-Exupéry hat ein Buch mit dem Titel »Bekenntnis einer Freundschaft« geschrieben, in dem es darum geht, dieses Bekenntnis zu formulieren. Wenn es schwierig wird, sich die Frage zu stellen: Ist das jetzt das Ende der Freundschaft? Oder kann ich neu überlegen, was bedeutet der andere Mensch für mich? Was gehört zu meiner »Freundschaftspraxis« und warum? Freunde sind nicht einfach Menschen, die uns durchs Leben tragen, sie fordern uns auch, aber sie sind immer eine Bereicherung. Dazu gehört Zeit und Aufmerksamkeit und der Mut, sich dieser Freundschaft wirklich zu widmen. Das scheint mir hin und wieder aus dem Blick zu geraten.
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1130649.ina-schmidt-vom-guten-und-eigenen.html

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Körbaer Teich versandet, weil in der Gegend inzwischen zu wenig Regen fällt. Aber es liegt nicht allein daran

Der Klimawandel und die kaputte Wand

 

Es lässt sich noch erahnen, welch ein Gewimmel hier früher herrschte. »Am See befanden sich mehrere Kinderferienlager, ein Landschulheim, das häufig Ziel von Klassenfahrten war, zwei Gaststätten, eine Eisdiele, ein Campingplatz«, erinnert sich die Berlinerin Kerstin Pohnke an die guten alten Zeiten des Nacherholungsgebiets Körbaer Teich. Es erstreckt sich an der Grenze der Landkreise Elbe-Elster und Teltow-Fläming. Die Ortschaft besteht fast ausschließlich aus Hütten und winzigen Häuschen, würde ohne den Tourismus gar nicht bestehen. Ein paar Arbeitsplätze hängen dran, aber nicht mehr viele. Dabei hat die Gegend Potenzial. Es gibt einen malerischen Naturlehrpfad und ein bronzezeitliches Hügelgräberfeld.
Pohnke, deren Familie 1992 einen der Bungalows nahe des Sees übernahm, wuchs im nahen Schlieben auf und verbindet mit dem Badeteich schöne Kindheitserinnerungen. Doch mittlerweile sieht es traurig aus im Ort - und das liegt nicht zuletzt daran, dass der Teich zunehmend verlandet. Der Schilfgürtel und die Bootsstege stehen weit weg vom Ufer auf dem Trockenen. Nach den beiden zurückliegenden heißen Sommern ist es besonders schlimm geworden. Kerstin Pohnke hat dieses Jahr niemanden baden sehen. »Man kann ans andere Ufer waten«, bedauert die 57-Jährige. Es sei eine traurige Geschichte von Verfall, Vergessenwerden und Abgehängtsein.
 Nicht nur Pohnke macht sich große Sorgen. Auch die Bürgerinitiative »Rettet den Körbaer Teich« fürchtet das Schlimmste. Hat der Teich überhaupt noch eine Chance, wenn es mit dem Klimawandel so weitergeht? Ja, aber nur bei einem Umdenken und schnellen Maßnahmen, denkt Christian Hentrich von der Bürgerinitiative. Vier Zuläufe des Teichs, die im Moment alle kein Wasser führen, müssten reaktiviert werden. Außerdem habe die Absperrmauer zum Schweinitzer Fließ hin Risse, die durch den Frost noch größer werden könnten. Gegenwärtig sei das kein Problem, da der Wasserspiegel sowieso nicht an die Mauer heranreicht. Das wäre aber eine günstige Gelegenheit zur unkomplizierten und vergleichsweise kostengünstigen Sanierung, findet Hentrich. Eine dichte Absperrwand wäre »essenziell« für den Teich. Hentrich ist vom Fach - ein Biologe mit dem Spezialgebiet Gewässerökologie.
Das zum Kreis Elbe-Elster gehörende Amt Schlieben weiß Bescheid. »Es ist angedacht, etwas zu unternehmen, um den Wasserzu- und -ablauf zu regeln«, erklärt Petra Hoffert. Wann es soweit sein könnte und was das kosten würde, vermag die stellvertretende Leiterin der Bauverwaltung jedoch nicht zu sagen. Das sei nicht abzusehen, sagt Hoffert. Auf jeden Fall müssten Fördermittel organisiert werden, denn aus eigener Kraft könne das Amt die notwendigen Baumaßnahmen nicht finanzieren.

 Kerstin Pohnke hat sich bereits im Frühjahr mit einer Petition an den brandenburgischen Landtag gewandt. Sie erhoffte sich Hilfe. »Für Menschen, die sich die Ostsee nicht leisten können, soll der Körbaer Teich wieder ein Ausflugsziel sein«, wünscht sie sich. Verglichen mit den Wassermassen, die zur Flutung in ehemalige Braunkohletagebaue in der Lausitz eingeleitet werden, benötige der Körbaer Teich doch nur ein Reagenzglas voll, meint sie.
Doch kurz vor Weihnachten erhielt Pohnke einen Bescheid vom Petitionsausschuss, der sie ernüchterte. Die Ausschussvorsitzende Karla Kniestedt (für Grüne) teilte ihr mit, dass man Stellungnahmen von den Kreisverwaltungen Elbe-Elster und Teltow-Fläming sowie vom Umweltministerium eingeholt habe. Demnach habe es eine Reihe von Studien zur Situation am Teich und in seinem Einzugsgebiet gegeben und es seien in den Jahren 1995 bis 2016 umfangreiche Maßnahmen ergriffen worden - ohne zählbares Ergebnis, denn der Wasserstand konnte nicht stabilisiert werden. Grundwasser fließe nur wenig zu. Entscheidend sei der Regen. Doch 2018 habe es ein erhebliches Niederschlagsdefizit gegeben, gefolgt von einem vergleichsweise trockenen Winter und einem niederschlagsarmen Frühjahr 2019.
»Die Situation ist nicht nur am Körbaer Teich zu beklagen. An drei umliegenden Oberflächenwasser-Messstellen wurden im Jahr 2018 die tiefsten Werte seit 15 Jahren erreicht«, informiert Kniestedt. Nach Auffassung von Umweltstaatssekretärin Silvia Bender könnte der Wasserspiegel nur durch die aufwändige Überleitung aus anderen Gewässern erhöht werden, schreibt Kniestedt. Dies komme aber nicht in Betracht, da das Wasserangebot in dem Areal großräumig zurückgegangen sei »und kein Gewässer für eine Überleitung infrage käme«. Für Pohnke enttäuschend endet der Bescheid mit der Auskunft, der Petitionsausschuss sehe »in dieser Angelegenheit keine Möglichkeit«, die Befassung damit sei erledigt.
Auf dem Parkplatz am See lässt sich auf einem Hinweisschild erfahren, dass es ökologisch sinnvoll sei, den Fischteich alle drei oder vier Jahre mal abzulassen. Doch in Wahrheit droht jetzt ein Totalverlust. Dann wäre es Essig mit den Plänen, eine ehemalige Gasstätte am Ufer im März und April 2020 als Seminarhaus und angeschlossenes Café neu zu beleben, wie es ein handgeschriebener Zettel an einem der Fenster verheißt.

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