In Filmen und Romanen ist Liebe oft präsenter als Freundschaft. Ist das in der Philosophie auch so?
Das hat sich tatsächlich im Lauf der Zeit verändert. In den ersten
theoretischen Betrachtungen bei Platon oder später in der
aristotelischen Ethik galt Freundschaft (Philia) als eine Form der Liebe
neben anderen. Die zwei anderen zentralen Formen waren Liebe zu einem
göttlichen Wesen (Agape) und die erotische Liebe (Eros), die aber auch
die Liebe zum Schönen einschließt. In unserem Sprachgebrauch hat
vorrangig die Romantik dafür gesorgt, dass es primär um die romantische
Liebe gehen soll, so dass wir die anderen Liebesformen ein wenig aus dem
Blick verloren haben. Seitdem kennen wir auch die Hierarchie, welche
die Freundschaft der Liebe unterordnet.
Vor der Romantik war das anders?
Da war der Liebesbegriff zumindest nicht so explizit auf die
romantische Liebe und damit auch auf eine Form leidenschaftlicher und
sexueller Beziehung bezogen. Die Vorstellung vom »einzig wahren
Menschen« verbunden mit Herzschmerz und dem Leiden an der Liebe
beschreibt eine Liebespraxis, die wir tatsächlich der Tradition der
Romantik verdanken. Bis dahin gab es zum Beispiel auch ein relativ
gängiges Verb im Deutschen, das »freunden« heißt.
Was bedeutete das?
Das Wort geht zurück auf das Wort »friunt«, das so etwas wie »hegen
und pflegen« bedeutet, etwas, das wir auch heute noch mit Freundschaft
verbinden: Dem Gefühl von Geborgenheit und Halt sowie Ähnlichkeiten, die
ein Gefühl von Verbindung schaffen, ohne es einzufordern. Auch das
unterscheidet die Freundschaft von der Liebe: Sie ist eine
»Wahlverwandtschaft«, die nicht vertraglich festgelegt werden darf -
auch wenn wir gefühlt diese Ansprüche durchaus haben. Der französische
Philosoph Michel de Montaigne verstand die Freundschaft als etwas
Nährendes - im Gegensatz zur Liebe, an der man krankt und die einem
Schmerzen zufügt.
Das Ende einer Freundschaft kann doch auch schmerzlich sein?
Ja, die Übergänge sind fließend. Aber für Montaigne beruht die
Freundschaft auf einem geistigen Band, einem gemeinsamen Blick auf die
Welt. Eine Verbindung, für die wir uns freiwillig entscheiden und die
wir auch wieder lösen können. Der philosophischen Idee nach ist es zwar
schmerzlich, wenn dieses geistige Band der Freundschaft zerreißt - sei
es durch Entwicklungen oder zu große Distanz - aber es gibt ein
Einvernehmen über das Ende einer Freundschaft, die so nicht mehr
besteht. Was nicht bedeutet, dass wir darunter nicht leiden können.
Was bedeutet es für dieses geistige Band, wenn Freund*innen
unterschiedliche Ideale, politische Vorstellungen entwickeln - oder ein
anderes Einkommen?
Wenn sich neue Unterschiede entwickeln und bestimmte Automatismen
nicht mehr greifen, bedarf es eines neuen Hegens und Pflegens. Aber die
Frage ist, ob eine selbstverständliche Ähnlichkeit das tragende Element
einer Freundschaft sein muss, oder ob das auch Differenzen oder sich
ergänzende Verschiedenheiten sein können. Die Wertschätzung, die man
sich unter Freunden entgegenbringt, kann gerade aus dieser
unterschiedlichen Perspektive herrühren. Dabei stellt sich die Frage, ob
man die Entwicklung mitgehen kann, wenn die Freundschaft in einer ganz
anderen Situation entstanden ist. Entscheidend ist, wie bewusst man im
Austausch darüber ist. Denn egal, wie »gleich« man möglicherweise mal
gestartet ist, es wird immer Entscheidungen geben, die auf einen anderen
Lebensweg führen, sei es Familiengründung, Umzug oder ähnliches.
Was macht Menschen überhaupt zu Freund*innen?
Aristoteles unterscheidet zwischen Nutzenfreundschaften,
Lustfreundschaften und der Freundschaft der Trefflichen. Bei
Nutzenfreundschaften ist es wichtig, ein gemeinsames Interesse zu
verfolgen. Bei der Lustfreundschaft geht es ihm darum, dass es so etwas
gibt wie ein Gefallen am Miteinander sein. Die Gesellschaft des anderen
zu genießen, unabhängig davon, worauf es ausgerichtet ist. Das was die
meisten von uns meinen, wenn sie von guten, wahren oder besten Freunden
sprechen, ist erst das dritte. Für die Freundschaft der Trefflichen
braucht es ein gemeinsames ethisches Verständnis darüber, was im Leben
von Bedeutung sein soll. Dieser gemeinsame Wert ist etwas, das man bei
einem ersten Treffen vielleicht »erspürt«, dann aber durch Sprechen und
gemeinsames Erleben weiter ausarbeitet - oder eben auch nicht.
Funktioniert das auch digital, zum Beispiel in den sozialen Netzwerken?
Es kommt darauf an. Geht es darum, Menschen zu finden, die
bestätigen, was ich sowieso schon glaube? Dann ist das im Grunde wieder
eine nutzenbringende Gemeinschaft. Oder geht es um einen Austausch, der
vielleicht aus einem Zweck entstanden ist, dann aber weit darüber hinaus
geht? Dann entsteht eine Freundschaft - vielleicht sogar eine sehr
innige - die aber meist dennoch auf eine bestimmte Facette meiner
Persönlichkeit gerichtet bleibt. Das entspricht dann einem anderen,
vielleicht modernerem Ideal von Freundschaft, wie es zum Beispiel von
dem Soziologen Georg Simmel beschrieben wurde. Das hehre Ideal von
Aristoteles entspricht meist ohnehin nicht unseren Erfahrungen in
gelebten Freundschaften. Gerade in unserer schnellen und mobilen Zeit
geht es oftmals darum, sich an bestimmten Stellen seines Seins zu
vereinen. Aber darin wird die Frage umso wichtiger, wie wahrhaftig ich
mich zu zeigen bereit bin: Lasse ich in solchen Beziehungen zu, dass es
auch Differenzen gibt? Traue ich mir zu, Menschen aus der digitalen Welt
auch in der Realität zu begegnen?
Hegel warnte davor, dass Freundschaften staatlichen
Machtstrukturen gefährlich werden können, indem sie diese unterwandern.
Auch Chefs versuchen zuweilen, Freundschaften unter Kolleg*innen zu
unterbinden. Ist Freundschaft eine subversive Kraft?
Erst einmal ist Freundschaft eine positiv besetzte Kraft, nichts, das
wir fürchten sollten. Wenn wir sie fürchten, dann geht es vielmehr um
einen Wunsch nach Kontrolle und Herrschaft, der die Freundschaft anderer
als potenzielle Gegnerschaft missversteht. Natürlich: Wenn sich
Menschen befreunden, ziehen sie sich gegenseitig anderen Menschen vor,
da wird keine Gleichbehandlung zu erwarten sein. Dennoch entsteht daraus
nicht automatisch eine Bedrohung. Und so war Aristoteles - im Gegensatz
zu Hegel - der Ansicht, dass Gemeinschaft, sogar eine
Staatengemeinschaft, durch Freundschaft getragen sein sollte. Im Sinne
der griechischen Idee des Politischen sollte Freundschaft die
eigentliche politische Kraft sein, auf der ein soziales Gefüge ruht. Im
Idealfall bräuchten wir dann so etwas wie Regeln und Gesetze nicht mehr,
die für Gerechtigkeit sorgen.
Das heißt, wenn alle befreundet wären, wäre die Welt gerecht?
Genau, aber eher im Sinne einer grundlegenden Haltung, die die
Freundschaft in all ihren Spielarten als Wert hochhält. Nicht im Sinne
einer individuellen Freundschaft, was natürlich völlig utopisch wäre. Da
wären wir eher bei Begriffen wie Solidarität, oder dem, was Aristoteles
als »grundsätzliches Wohlwollen« beschreibt. Damit meint er, dem
eigenen Handeln das Streben nach dem Guten zugrunde zu legen. Und das
Gute verträgt kein Kontrollbedürfnis im Sinne des Eigenen. Wenn wir das
Gute einmal nicht mit dem Eigenen verwechseln, ein Gedanke, den die
Schriftstellerin Juli Zeh in die Debatte geworfen hat, dann entsteht die
Möglichkeit, diesen Freundschaftsbegriff zu weiten.
Das Eigene mit dem Guten verwechseln - können Sie das erklären?
Na ja, zunächst geht es schlicht darum, nicht nur das für gut zu
halten, was mir persönlich nützt, mir einen Vorteil verschafft oder mir
Freude macht. Oft fehlen uns gegenwärtig aber die Maßstäbe für das, was
wir prinzipiell für gut halten. Im Wunsch nach Freundschaft pflegen wir
oft ein so hohes Ideal, dass wir den Eindruck bekommen, permanent zu
scheitern. Wir versuchen dann, uns selbst als das Maß aller Dinge zu
definieren und zu fragen: Was ist gut für mich? Was macht mich
glücklich? Dabei verlernen wir, an etwas Gutes und Wertvolles zu
glauben, das unabhängig von mir selbst ist oder das so etwas wie
Verzicht oder Einschränkung von mir fordert. So entsteht ein
narzisstischer Selbstbezug, der gar nichts mehr mit Freundschaft zu tun
hat. Sondern einen ökonomischen Gedanken von freundschaftlichem Nutzen
befördert.
Man sollte sich selbst also nicht so ernst nehmen?
Ja, das ist vielleicht der wichtigste erste Schritt. Dennoch sollte
es auch darum gehen, mit sich selbst befreundet zu sein. Aber eben nicht
in einem stetigen Optimierungsdrang oder einem Wunsch nach Steigerung
des Eigenen. Stattdessen sollte man sich selbst annehmen, in der
Verletzlichkeit und Bedürftigkeit, die einem als Mensch mitgegeben ist.
Was ist Freundschaft aus heutiger Sicht?
Ich glaube, das Freundschaft gleichzeitig ein kostbares Geschenk,
aber auch ein hartes Stück Arbeit ist - und eine Entscheidung. Antoine
de Saint-Exupéry hat ein Buch mit dem Titel »Bekenntnis einer
Freundschaft« geschrieben, in dem es darum geht, dieses Bekenntnis zu
formulieren. Wenn es schwierig wird, sich die Frage zu stellen: Ist das
jetzt das Ende der Freundschaft? Oder kann ich neu überlegen, was
bedeutet der andere Mensch für mich? Was gehört zu meiner
»Freundschaftspraxis« und warum? Freunde sind nicht einfach Menschen,
die uns durchs Leben tragen, sie fordern uns auch, aber sie sind immer
eine Bereicherung. Dazu gehört Zeit und Aufmerksamkeit und der Mut, sich
dieser Freundschaft wirklich zu widmen. Das scheint mir hin und wieder
aus dem Blick zu geraten.
https://www.neues-deutschland.de/artikel/1130649.ina-schmidt-vom-guten-und-eigenen.html