Dienstag, 22. Dezember 2015

Was von Mao übrig blieb (Christophe Zerpka)


1977 gab es für den Besucher aus Deutschland in China nur zwei Themen: Maos Tod und der Sturz der Viererbande. In jedem besuchten Betrieb, in Schulen und Kindergärten, in landwirtschaftlichen Betrieben wie in Behörden wurde zuerst auf den Tod des Genossen Mao und die Verbrechen der Viererbande eingegangen. Man spürte etwas von einem bevorstehenden Wandel. Aber in welche Richtung es gehen würde, war nicht auszumachen. Auch die leitenden Kader, welche man, da alle im gleichen Mao-Look gekleidet waren, nur an der Zahl ihrer Kugelschreiber in der Brusttasche erkennen konnte, schienen verunsichert. Dass China kein reiches Land war, konnte man überall sehen. Äußere Zeichen von Reichtum waren nicht zu erkennen, Autos hatten nur Funktionäre, das Haupttransportmittel war das Fahrrad, davon gab es unzählige. In ganz Peking waren nur drei Hochhäuser auszumachen.
38 Jahre später nach neun Stunden Flug Landung in Chengdu. (Die letzte Reise von Berlin nach Peking mit dem Zug hatte acht Tage gedauert.) Die Stadt im Südwesten ist mit 14 Millionen Einwohnern die viertgrößte Metropole der Volksrepublik. Im Ausland ist sie vor allem durch ihren Panda-Park bekannt, wo man sich um den Erhalt dieser vom Aussterben bedrohten Bärenart kümmert. Aber Chengdu ist auch eine jener Städte, die durch ein Regierungsprogramm viele westliche Firmen angelockt haben. Alle Weltkonzerne sind hier mit imposanten Gebäuden vertreten, aber auch chinesische Spitzenindustrie ist hier angesiedelt. Der kapitalistische Wachstumswahn, der hier zurzeit bei »nur« sieben Prozent liegt, manifestiert sich in einer ungebremsten Bauwut, in unzähligen Hochhäusern mit 40 Stockwerken und mehr, in umfangreichen Infrastrukturprojekten. Sinnbild des in Beton gegossenen Größenwahns ist das New Century Global Center. Das größte Gebäude der Welt beherbergt neben vielen Luxusläden Sportanlagen, Hotels und Restaurants.

Meine Gastgeber wohnen in Luxehills. Das ist eines jener abgegrenzten Wohngebiete für wohlhabende Chinesen und Ausländer, eine »gated community«, Wachposten kontrollieren die Zufahrten. Die Siedlung ist im italienischen Stil gebaut mit viel Grün und Golfplätzen. Auch das »Dorfzentrum« scheint eine Kopie aus der Toskana zu sein, selbst eine Art Kirche steht am Dorfplatz, allerdings ohne Inhalt. Viele der Prachtvillen stehen leer, es sind lediglich Spekulationsobjekte, deren Besitzer irgendwo auf der Welt auf einen Preisanstieg warten. Das Auge gewöhnt sich schnell an die vielen Luxuslimousinen. Manchmal werden vor dem Supermarkt neue Modelle präsentiert, auch ein Hubschrauber wurde schon angeboten. Das größte Privileg der hier Wohnenden ist jedoch die Stille. Hinter dem Schlagbaum am Wachhäuschen bleibt der Lärm der Großstadt zurück, nur ein paar Vögel zwitschern zwischen Bambus und Ginkgobäumen.

Die Stadt ist laut. Das liegt weniger an den vielen Autos, deren wichtigstes Bauteil die Hupe ist, sondern an der akustischen Produktwerbung, auf welche kein noch so kleines Geschäft verzichten will. Vor vielen Läden stehen Marktschreierinnen, oft mit Mikrophon, um Kunden anzulocken. Noch heftiger geht es in den Kaufhäusern zu. Auf jeder Etage gibt es Hostessen, die zum Kauf der vielen meist ausländischen Edelmarken animieren. Ohrenbetäubend geht es in der Lebensmittelabteilung zu. Hier sind es vor allem die Kunden, die sich bei den Sonderangeboten drängeln und die ständigen Durchsagen übertönen. Angenehm auffallend in all diesem Lärm sind die unzähligen Motorroller und Mopeds auf den Straßen, die fast alle auf Elektroantrieb umgerüstet wurden. Es ist ein bescheidener Beitrag zur Eindämmung der starken Luftverschmutzung, den man sich auch für europäische Metropolen wünscht.

Die Stadt ist grün. Es wird offensichtlich viel Geld ausgegeben, um selbst in den Hochhausgebirgen etwas Natur zu implantieren. Der Begriff ist wörtlich zu nehmen, denn fast alle Bäume haben Stahlstützen, da sie im ausgewachsenen Zustand gepflanzt werden und durch den Transport eines Teils ihrer Wurzeln beraubt wurden. Wenn die Pflanze dennoch schwächelt, hängt sie buchstäblich am Tropf, im Ast hängt ein Beutel und die Injektionsnadel steckt in der Rinde. Auf den Mittelstreifen der Straßen sieht man Rasen und Blumenrabatten. Von älteren Brücken hängen wilde efeuartige Gewächse nach unten, der hohen Luftfeuchtigkeit und dem milden Klima geschuldet. Neben dem weitläufigen Panda-Park im Norden gibt es im Zentrum mehrere Parks mit üppiger Vegetation. Am bekanntesten ist der Volkspark, der keinen Eintritt kostet und bei Teetrinkern und Kartenspielern beliebt ist.

Die Stadt ist reich. Jedenfalls auf den ersten Blick. Die zum Teil skurrilen, teils kitschigen Hochhäuser in der Innenstadt, meist Firmengebäude, die großzügigen Straßen, die ultramoderne U-Bahn, die vielen Luxusgeschäfte zeigen, dass es an Geld nicht fehlt. In China hat sich offensichtlich neben den Superreichen eine kaufkräftige Mittelschicht entwickelt, die in einen unbändigen Konsumrausch verfallen ist. Dabei ist man vor allem auf Westprodukte fixiert, was so weit geht, dass sich chinesische Firmen deshalb ausländische Namen geben. Auf den riesigen Werbeflächen sind die Protagonisten meist »Langnasen«, vermutlich, weil asiatische Gesichter nicht westliche Lebensart ausstrahlen. Vieles lässt an das Europa der vorletzten Jahrhundertwende denken, an Gründerzeit und Frühkapitalismus. Geld ist der Maßstab aller Dinge, Kaufen und Verkaufen, irgendwie reich werden, die Scheine mit dem Mao-Portrait sind Fetisch und Verheißung zugleich. Auf dem Kofferraum eines nagelneuen Mittelklassewagens hat es jemand auf den Punkt geklebt: »Money, money, come to me!«

Das Land, das immer noch von einer kommunistischen Partei regiert wird und das offiziell immer noch den Sozialismus anstrebt, ist eine Klassengesellschaft. Die Armen, einst von Mao zur herrschenden Klasse ernannt, haben nicht mehr viel zu sagen. Wenn man sich nicht von der neofeudalen Pracht blenden lässt, kann man sie bemerken. Bettler sieht man nicht, vielleicht ist das auch verboten, aber in den Restaurants halten manchmal alte Frauen verschämt die Hand auf. Wenn man nah genug an die halbfertigen Wolkenkratzer kommt, sieht man auch jene rechtlosen Wanderarbeiter, die im ganzen Land jene Häuser hochziehen, in denen sie niemals wohnen werden und die das Symbol für Chinas Wirtschaftswunder sind. Die Wanderarbeiter stehen um die dreirädrigen Garküchen, die sie mit billigem Essen versorgen, eine kurze Mittagspause.

Man nimmt die vielen Kleinverkäufer wahr, die an Straßenecken und auf Fußgängerbrücken alles anbieten, was verkäuflich ist, von Feigen über billiges Kinderspielzeug bis zum Selfie-Halter für das allgegenwärtige Smartphone. Selbstverständlich gibt es auch die unzähligen dienstbaren Geister: Chauffeure, Türsteher, Wachleute, Putzkräfte und vor allem Straßenfeger. Es scheint, als wolle der Staat mit diesen zahlreichen Niedriglohnjobs das soziale Gefälle etwas mildern. Sie ließen sich leicht, zumal in diesem technikbesessenen Land, durch Automaten oder Maschinen ersetzen. Und Mao Zedong? Die Chinesen lieben ihn, weil sie das Geld lieben: Auf allen Geldscheinen ab 1 Yuan ist sein Konterfei abgebildet. In Chengdu gibt es vor der technischen Universität noch eine Statue des Staatsgründers. Auf dem Antikmarkt findet man zwischen Buddha-Statuen und Nippes manchmal auch eine Mao-Büste. Für Nostalgiker gibt es an einigen Ständen Portraits und Mao-Bibeln. An Orten, die er in Chengdu besucht hat, ist eine Plakette angebracht, ein Fotomotiv für Touristen aus der Provinz.

Rote Fahnen? Eine der zahlreichen Supermarktketten (Hongqi) trägt diesen Namen, auch jene Hilfskräfte, die die Fußgängermassen bei grün über die Kreuzung lotsen sollen, haben neben der Trillerpfeife eine rote Fahne in der Hand. Und wenn auf einem unbebauten Grundstück ein Meer von roten Fahnen weht, ist das keine Revolution, sondern eine Verkaufsveranstaltung für Interessenten von Eigentumswohnungen, die hier demnächst hochgezogen werden.

Bleibt die Frage, wie lange dieser von Deng Xiaoping initiierte kapitalistische Rausch noch anhält. Der Nachholbedarf ist groß. Aber auch der Unmut derer, die nicht über die Rauschmittel verfügen. In den Akkordhöllen an der Küste gab es schon Streiks, Arbeiter stürzten sich von Hochhäusern. Dazu kommt die allgegenwärtige Korruption, die Rechtlosigkeit. In der Geschichte endeten solche Entwicklungen oft mit Revolution oder Krieg.

Ein neuer Heiliger (Hartwig Hohnsbein)


Das große Heer ihrer Heiligen ist der Stolz der katholischen Kirche ebenso wie ein großer Misthaufen der Stolz einer Bauernfamilie war; galt er doch als Zeichen ihres Reichtums und brachte Ansehen.

Das große Heer katholischer Heiliger umfasst inzwischen 6650 »Heilige« und »Selige« im Wartestand, die noch heiliggesprochen werden müssen und dadurch zur kultischen Verehrung freigegeben werden. Der Prozess der Heiligsprechung kann Jahre, ja Jahrzehnte dauern, bisweilen aber läuft er ab wie am Fließband, so zur Zeit des polnischen Papstes Johannes Paul II. Er schaffte es, während seines Pontifikats (1978 bis 2005) 1338 Personen selig und 482 heilig zu sprechen, an manchen Tagen über 100 auf einen Streich.

Heilige sollen vorbildliche Menschen gewesen sein, die ein Wunder bewirkten oder als Märtyrer starben. Wenn sie einmal heiliggesprochen sind, kann ihnen ihre Heiligkeit nicht mehr genommen werden, selbst dann nicht, wenn schlimme Verfehlungen aus ihren Erdentagen bekannt werden – die himmlische Gesellschaft wird sie dennoch für Zeit und Ewigkeit ertragen müssen.

Seit dem 23. September gibt es einen neuen Heiligen: Junípero Serra. Seine Seligsprechung hatte noch Papst Johannes Paul II. 1988 vorgenommen, nachdem verbreitet wurde, dass der 1784 Gestorbene ein angebliches Heilungswunder aus dem Jenseits bewirkt habe. Seine Heiligsprechung durch Papst Franziskus, der sich zuvor zu ausführlichen Gesprächen mit dem US-Präsidenten Barack Obama getroffen hatte, geschah in der Basilika der Unbefleckten Empfängnis in Washington, dem Nationalheiligtum der USA, das »Maria, der Patronin der USA« gewidmet ist. Ganz in der Nähe, in der Ehrenhalle des Capitols, in der jeder Bundesstaat der USA mit zwei Statuen vertreten ist, steht ohnehin schon seit langem – für den Staat Kalifornien – eine Statue mit der Büste des Franziskanerpaters Serra. Wer hier geehrt wird, gilt als ein »Held der amerikanischen Nation«. Serra habe, so heißt es, mit großer christlicher Freude und unermüdlichem Eifer aus dem Evangelium die Christianisierung des Westens durchgeführt und sei dabei zum Gründer der Städte San Diego, San Francisco und Los Angeles geworden. Seit seiner Seligsprechung 1988 ist allerdings noch einiges mehr über ihn öffentlich bekannt geworden:
1713 in der kleinen Stadt Petra auf Mallorca geboren, wo nun viele Häuser mit seinem Bildnis geschmückt sind, schloss Serra sich 1730 dem Franziskanerorden an. 1769 ging er in die »neue Welt«, um »Amerika zu missionieren«, zunächst nach Mexiko, wo er als Kommissar der Inquisition für Hexenprozesse zuständig war, dann in das Gebiet des heutigen Kaliforniens mit dem Auftrag, hier die Indianer zu christianisieren, und das hieß, die Ureinwohner von ihrem Grund und Boden zu vertreiben, ihre »heidnische Kultur« zu vernichten und jenes Gebiet dem mexikanischen »Vizekönigreich Neuspanien« einzuverleiben. Dazu entwickelte Serra ein Konzept, wonach »Missionsstationen« errichtet wurden, in denen die Ureinwohner nach ihrer Zwangstaufe gefangen gehalten und zur Sklavenarbeit gezwungen wurden. Wer die »Station« verließ, wurde von Soldaten, die die Missionare begleiteten, mit Gewalt zurückgebracht und brutal bestraft, zum Beispiel ausgepeitscht. Während 1769 in Kalifornien 300.000 Ureinwohner lebten, waren es 100 Jahre später mit Hilfe jenes Missionsplanes, den Serra entwickelt hatte, und durch die Seuchen, die die Eindringlinge eingeschleppt hatten, nur noch 50.000.

Das alles wurde seit 2013 in mehreren Briefen dem Papst von den Stammesältesten der überlebenden Ureinwohner mitgeteilt und durch einen Artikel in der New York Times vom 21. Januar 2015 USA-weit bekannt gemacht. Es schien nun, als wolle Papst Franziskus endgültig zu seinem Vorgänger, Papst Benedikt XVI., auf Abstand gehen, der 2007 die Weltöffentlichkeit pastoralfrech angelogen hatte, indem er laut Pressebericht behauptete, das Christentum sei den Urvölkern Lateinamerikas nicht auferlegt worden. Vielmehr sei Christus der Retter gewesen, den sich die Indianer im Stillen herbeigewünscht hätten (Hamburger Abendblatt, 16.5.2007). Im Juli 2015 bat der neue Papst »demütig um Vergebung, nicht nur für die Vergehen der Kirche an sich, sondern auch für Straftaten, die gegen die einheimischen Völker während der sogenannten Eroberung von Amerika verübt wurden« (zit. nach NZZ, 10.7.2015).

Dann allerdings, an jenem dunklen 23. September 2015, fand der neue Papst zu seinem Vorgänger zurück. In seiner Predigt zur Heiligsprechung jenes Mannes, der des Völkermordes hätte angeklagt werden müssen, heißt es: »Heute gedenken wir eines dieser Zeugen, der in diesem Land die Freude des Evangeliums bekundet hat, Bruder Junípero Serra. Er verkörpert die ›Kirche im Aufbruch‹, diese Kirche, die herauszugehen und die Wege zu beschreiten weiß, um die versöhnliche Zärtlichkeit Gottes allen mitzuteilen ... Junípero suchte die Würde der Gemeinschaft der Ureinwohner zu verteidigen ... Das war die Form, die Junípero fand, um die Freude des Evangeliums zu leben ...« (www.w2.vatican.va) Junípero, so möchte ich die Papstrede ergänzen, ist nun in das Heer der Heiligen aufgenommen. Da trifft er mit vielen, vielen anderen »Heiligen« seiner Art zusammen, etwa mit dem Heiligen Robert Bellarmin, der als Großinquisitor im Jahre 1600 den Prozess gegen Giordano Bruno führte und als vorbildlicher Kirchenlehrer der Nachwelt zeigte, wie man Menschen verbrennt, die nicht mehr daran glauben wollen, dass die Welt eine Scheibe ist. Und er trifft sicherlich auch gern mit dem Gründer des Opus Dei zusammen, mit Josemaría Escrivá, der die Diktatoren Franco und Pinochet geschätzt zu haben scheint und entsprechend auch den Sturz von Salvador Allende als »nötiges Blutvergießen« bezeichnete (zit. nach Wikipedia). Der kritische Zeitgenosse auf Erden kann nach der Heiligsprechung Serras dem Wort etwas abgewinnen, das der französische Aufklärungsphilosoph Claude Adrien Helvétius (1715–1771), ein Zeitgenosse Serras, in Bezug auf das Heer der Heiligen gesprochen hatte: »Wenn man ihre Heiligenlegende liest, findet man die Namen von tausend heilig gesprochenen Verbrechern.«

China: Die Mao-Witwe


Dieser Text erschien 1981 in EMMA. Heute will niemand wahr haben, mit welchen Hoffnungen der Maoismus verbunden war.
In der Person Jiang Qings versucht die derzeitige chinesische Führungsspitze denjenigen abzuurteilen, den sie nicht mehr vor den Richterstuhl zerren kann: Mao Zedong, seinen Utopismus, seinen kommunistischen Radikalismus. Man zeigt uns im Fernsehen eine nicht mehr junge, gefasste Person mit kurzem, aber noch dunklem, dichtem Haar, den Kopf ein wenig geneigt, wie um besser zu hören. Man zeigt uns weder Beweismaterial noch Zeugenaussagen für irgendwelche Delikte.
Diese strenge Frau, die in der Öffentlichkeit stets in grauer Männerkleidung auftrat, ungeschminkt unter der Brille und mit straff zurückgekämmten Haar – die Uniform einer egalitären Revolution der Armen –, wurde öffentlich karikiert mit geschminktem Gesicht; Finger, Handgelenke und Ohren mit Gold und Brillianten überladen, mit superhohen Absätzen und im bis zum Oberschenkel geschlitzten Kleid, das den Blick auf die Beine freigibt. Wie eine Schauspielerin aus fernen Zeiten, gierig und korrupt. – Sie, die Gleichheit gepredigt hatte, die es gewagt hatte, nach Maos Tod die Nachfolge Hua Guofengs anzugreifen, und die Deng Xiaoping vorgeworfen hatte, er wolle China wieder „auf den Weg des Kapitalismus“, des Konsumismus, der gesellschaftlichen Schichtenbildung, der Ausbeutung zurückführen.
Auch die Männer des linken Flügels wurden schonungslos dargestellt, aber als Ehrgeizlinge oder zweideutig. Keiner von ihnen hüfteschwingend oder in Unterhosen: Das sind die Waffen der Frauenfeindlichkeit, die sich gegen die Frau richten, die es gewagt hat, das Wort zu ergreifen, und die Hand nach der Macht auszustrecken. Das sind nicht nur chinesische Waffen.
Eine subtile Komplizenschaft verbindet das Gericht in Peking mit der westlichen Presse. Die Ermittler brauchten also nur das unglaubliche Märchen zu verbreiten, Jiang Qing habe während des Verfahrens einen Striptease vorgeführt – um sie zu verwirren? Um sie zu verführen? Auf jeden Fall, weil sie angeblich gewohnt sei, mit ihrem Körper leichtfertig und provozierend umzugehen – und schon griffen die großen westlichen Zeitungen die Story mit spöttischen Schlagzeilen auf. Welcher männliche Leser lacht nicht über einen Strip einer Siebenundsechzigjährigen? Auch wenn es nicht stimmt, was macht das schon?
„Erschießt mich auf dem Tiananmen- Platz und ruft das Volk zur Exekution herbei“, hat sie vor Gericht gesagt. Es war, glaube ich, nicht nur eine Herausforderung – vielleicht ein Wunsch. Ihr Leben war von einer totalen politischen Leidenschaft durchdrungen wie von einer starken elektrischen Spannung. Die Macht war für sie nicht Ziel, sondern Mittel dieser Leidenschaft. In ihrem Namen hat Jiang Qing fast alle nur denkbaren Fehler begangen, außer denen, die man ihr vorwirft. In ihrem Namen könnte sie sicher leicht den Tod ertragen.
Im Jahr 1972 hat sie der amerikanischen Journalistin Roxane Witke von sich erzählt, die ihr Buch (‚Genossin Tschiang‘) jedoch erst 1977 drucken ließ, als Jiang Qing bereits inhaftiert war.
Es ist ein Zeugnis dafür, wie Jiang Qing sich in einem entscheidenden Moment ihres Lebens sah – als sie noch Hoffnung hatte, das ‚linke Prinzip‘ aufrechtzuerhalten und sich gleichzeitig von dem Verdacht befreien musste, mit dem in Ungnade gefallenen und unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommenen Funktionär Lin Piao kollaboriert zu haben. Das Selbstporträt, das daraus entstand, ist zweifellos authentisch, gerade aufgrund seiner verhängnisvollen Naivität.
Es ist eine lange, bittere Klage über die Härte ihres Lebens, zuerst in tiefster Armut, immer im Kampf. In drei Abschnitten. Der erste umfasst die Zeit von ihrer Geburt bis zu ihrem Eintritt in die Schule für dramatische Kunst in Tsinan, also 1914 bis 1928. Ihr Vater ist Herr Li, ein armer und gewalttätiger Trinker. Die nicht mehr junge Mutter muss fliehen und nimmt die kleine Li Cin mit in eine Art von Halbsklaverei. In ihrer Kindheit lernt Jiang Qing zwei Arten von Unterdrückung kennen: einmal die der Frau durch den Mann, dann die der Bauern durch die Reichen, veranschaulicht durch die abgehackten Köpfe, die die Feudalherren der Umgebung als Warnung für ihre anderen Sklaven an den Mauern der Stadt aufhängen lassen.
Bis zu dem Gesetz von 1950 können Frauen verkauft werden, und der Vater hätte sein weibliches Neugeborenes wie ein Katzenjunges erwürgen können, ohne dass Gesetz oder Sitte es ihm verboten hätten.
Dann gelingt es Li Cin, an einer Theaterakademie zu studieren, und von dort aus führt ihr Weg ins kulturelle und politische Zentrum des vorrevolutionären Chinas, ins Shanghai der 30er Jahre. Erst arbeitet sie am Theater, wo man ihr einen wirkungsvolleren Namen geben wird, Li Yun-ho, was Wolkenkranich bedeutet, dann beim Film, wo sie einen frivoleren Namen erhält, Lan Ping, „Blauer Apfel“. Sie ist grazil, konzentriert, schön.
Hier in Shanghai und gerade in diesen Jahren wenden sich Wolkenkranich und Blauer Apfel der Politik zu. Zuerst einem proletarischen Theaterverband, der progressive Stücke auf dem Land aufführt. Später der Partei. Aber wie schwer ist es für die kleine Schauspielerin, im Untergrund Fuß zu fassen. Jiang Qing spricht von Misstrauen, Drohungen, Erpressungen, Fallen. Als die Polizei sie aufgreift, wird sie vom CVJM, nicht von der kommunistischen Partei gerettet. Sie ist ein verbittertes Mädchen, als sie 1937 nach Yenan, die rote Basis, gelangt, um an der Akademie für dramatische Kunst zu studieren und zu arbeiten.
In Yenan findet das Mädchen, das noch mal von vorn anfangen will, nicht nur zur Partei. Sie trifft auf Mao. Jung, verträumt, leicht anarchistisch, ohne Uniform – der, der am meisten denkt, am wenigsten arbeitet und sich weniger an die Disziplin hält.
Als sie Mao begegnet, wird es fürs Leben sein. Die pflichtbewussten jungen Männer von Yenan sind mit dieser Verbindung keinesfalls einverstanden. Erst 1939 werden sie Mao gestatten, sie zu heiraten. Die Fotografien, die uns aus jener Zeit erhalten sind, zeugen von einer Liebe: zwei junge Menschen, die mit dem gleichen Blick nach vorne schauen, in eine schwierige, unbestimmte Zukunft. Auf einem späteren Schnappschuss sitzt Jiang Qing zu Pferd, hinter Mao. Wie ein Junge wirkt sie.
Als Frau des großen Vorsitzenden muss sie zwischen 1939 und 1964 abseits stehen, um das Misstrauen nicht zu schüren. Nach der Befreiung wird sie ein Amt als politische Beraterin in der Filmindustrie erhalten, sich aber nicht viele Freunde schaffen. Weder bei den Bürokraten noch bei den Intellektuellen, die sich nicht damit abfinden wollen, aus Kunst Pädagogik zu machen, ist sie beliebt.
Während in Mao allmählich die Gewissheit wächst, dass die Struktur der Partei angegriffen werden muss („Bombardiert das Hauptquartier!“), um die Massen zu befreien, schließt sich Jiang Qing näher an ihn an, gewinnt Einfluss, Macht. Im Jahr 1964 wird sie zum ersten Mal sprechen, 1967 wird zum ersten Mal diese Rede veröffentlicht. Es sind ihre flammenden zehn Jahre, endlich hat sie die Möglichkeit, gegen die unterschwelligen Arten von Unterdrückung zu kämpfen, die Unterdrückung durch den Geist, durch die Kultur, durch die Sitte, durch die alte Kultur. Sie wirft sich nicht nur mit Begeisterung, sondern auch mit der Bitterkeit wiederaufgewühlten, vergangenen Schmerzes in den Kampf.
Als Leitfaden dienen ihr jene „Gespräche über Kunst und Kultur“, die Mao in Yenan führte und die als die orthodoxeste, der sowjetischen Ideologie am nächsten stehende von all seinen Abhandlungen anzusehen sind. Die falschen Ideen überwinden, indem man sie ausrottet; den Menschen die Furcht aus dem Herzen reißen, indem man das Gute und das Böse ohne Schattierungen aufzeigt; den Feind in uns verfolgen, die Ungeheuer, die lockenden Dämonen, die die geheimsten und gewaltigsten Mächte umgarnen …
Jiang Qing wird Mitglied des Zentralkomitees der Kulturrevolution und dessen Beraterin fürs Heer, wo man allerdings der Meinung ist, dass der Bedarf an Kulturrevolution eher gering sei. Und in der Tat, als sie versucht, die Heeresspitze zu entflammen, muss sie sich schnell zurückziehen. Doch ihren Ruf als Extremistin wie auch als unbarmherzige Verfolgerin jeder Art von Kultur, die nicht strengstens propagandistisch ist, wird sie nicht mehr loswerden.
Sie ist es, die die alte Oper in Peking zerstört, die Drachen, Prinzessinnen und Krieger. Und sie ist es, die mithilft, den Bestand der Bibliotheken auf wenige Titel zu reduzieren. Sie ist unnachgiebig. Sie glaubt daran, dass sich der neue Mensch auf diese Weise konstruieren lässt, wie eine junge Pflanze, die man nur gut düngen und kräftig gießen muss.
Ist sie auch rachsüchtig? Ihre heutigen Ankläger behaupten das. Sie soll sich an jedem und allem in diesen zehn Jahren gerächt haben. An allen, die sie in den dreißiger Jahren in Shanghai und in den fünfziger Jahren in der Partei gedemütigt haben.
Im Prozess ist Jiang Qing nicht eingeschüchtert: „Wie im alten China verlangt ihr von der Witwe die Schulden, die ihr von dem Ehemann zu Lebzeiten nicht einzufordern wagtet“. Sie denunziert Heuchelei, spricht von Verrat. Sie hat keine Angst, weder vor denen, die ihr den Prozess machen, noch vor dem Tod. Nur eines könnte sie erschüttern: Wenn sich in ihr ein Zweifel über den Sinn ihres Lebens einschleichen würde. Ob die Linke nicht vielleicht Fehler begangen hat? Ob man die Menschen durch einen streng überwachten Umerziehungsprozess wirklich ändern kann? Vermutlich werden wir nie erfahren, ob Jiang Qing von solchen Zweifeln geplagt wird.
Rossana Rossanda, EMMA 4/2005
Der hier gekürzte Text erschien zuerst in EMMA 3/1981. – Die Autorin ist eine der bekanntesten Linksintellektuellen Italiens und Gründerin der Zeitung Il Manifesto.

Dieser Artikel gehört zum
Dossier: China



Humor – der Regenschirm der Weisen (Ralph Hartmann)


Wer kennt Ann Cooper? Ich gestehe, bis vor kurzem kannte ich die US-Bürgerin nicht. Das änderte sich, als sie Ende Oktober vor Studenten der Freien Universität Berlin einen Vortrag zum Thema: »RT versus the world: Russias global Media Strategy« (»RT gegen die Welt: Russlands globale Medienstrategie«) hielt. In ihrer Lektion stützte sie sich auf ihren reichen Erfahrungsschatz. 25 Jahre arbeitete Cooper als Journalistin und Auslandskorrespondentin, darunter von 1987 bis 1992 als Bürochefin des National Public Radio (NPR) in Moskau. Zuletzt war sie Geschäftsführerin des Committee to Protect Journalists, eine in den USA ansässige Organisation, die sich, so zumindest ihr Statut, weltweit für Pressefreiheit und die Menschenrechte von Journalisten einsetzt.
Ann Cooper trat mit offizieller Unterstützung der US-Botschaft in der deutschen Bundeshauptstadt in der FU Berlin, im Hörsaal A, auf, um die knapp 50 Zuhörer über die von RT (ehemals Russia Today) ausgehenden Gefahren aufzuklären. Diese Aufklärung ist nur allzu erforderlich, wenn man bedenkt, dass die vom russischen Staat finanzierte Auslandsfernsehanstalt auf Englisch, Arabisch und Spanisch sendet, seit November 2014 auch in Deutsch Nachrichten verbreitet, über 2000 Mitarbeiter unterschiedlicher Nationalität beschäftigt, weltweit Korrespondentenbüros unterhält und ihren Sendeauftrag darin sieht, die Moskauer Sichtweise zu verbreiten und damit ein Gegengewicht zur Berichterstattung und Kommentierung westlicher Medien zu schaffen. Allein das schon ist eine Unverschämtheit, denn derartige Einrichtungen waren seit Jahrzehnten westlichen und damit ausschließlich zutiefst demokratischen Staaten vorbehalten.

Zu Beginn ihres Vortrages erinnerte Ann Cooper an Erklärungen von Hillary Clinton und anderen ihrer Landsleute, dass es einen »Informationskrieg« geben würde, den der Westen verliere und den Russland gewinne. Eine zentrale Rolle dabei nehme das Medienunternehmen RT ein, dessen Propaganda sich von der »goldenen Ära« des russischen Journalismus unter Gorbatschow und Jelzin unterscheide. Diese Ära sei 1999 zu Ende gegangen, exakt in dem Jahr, in dem Wladimir Putins Präsidentschaft begann. Ab diesem Zeitpunkt dienten die russischen Medien, von Ausnahmen abgesehen, vor allem der Desinformation. Das gelte auch für das Auslandsfernsehen RT, das die Medienexpertin vor allem an Hand zahlreicher Video-Schnipsel »analysierte« und so zu zwei, mehrfach wiederholten, einander widersprechenden Kernaussagen kam: »Ihr müsst nicht RT schauen«, es lohne ohnehin nicht, und »Ban RT« (Verbietet RT). Zweifelloser Höhepunkt der Veranstaltung war die an die Wand geworfene Präsentationsfolie, auf der, angelehnt an Wladimir Iljitsch Lenins Werk, die Worte »What to be done?«(»Was tun?«) und darunter »Ban RT« zu lesen waren.

Ja, die von den weltweit zu empfangenden RT-Sendungen ausgehenden Gefahren sind tatsächlich groß. Aber: »What to be done?« Als es gegen Jugoslawien und dessen Präsidenten Milošević ging, war es relativ einfach. Während der NATO-Aggression wurde das serbische Fernsehen zum feindlichen »Propagandazentrum« ernannt, und US-amerikanische Bomber unter dem Kommando von General Wesley Clark feuerten zwei Cruise Missiles auf Radio Televizija Srbija, verwandelten es in Schutt und Asche und töteten 16 serbische Journalisten. Um den »Sieg in der Informationsschlacht« perfekt zu machen, wurde der Sender auch aus dem Internet verbannt. Als das Kasseler Friedensforum bei Bundesaußenminister Joseph Fischer protestierte, erhielt es vom Auswärtiges Amt eine Antwort, in der es hieß: »Ich teile Ihre Ansicht, dass die Gewährleistung objektiver Informationsmöglichkeiten eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem Kosovo-Konflikt spielt. Die Einstellung der Übertragung des staatlichen jugoslawischen Senders RTS durch Eutelsat steht dem jedoch nicht entgegen. Dieser Sender dient ausschließlich den Propagandazwecken der jugoslawischen Regierung, nicht aber objektiver Information. – Mit Blick auf die Informationsmöglichkeiten der serbischen Bevölkerung kann ich Ihnen Folgendes mitteilen: Im Ausland gibt es zahlreiche Initiativen, die serbische Bevölkerung informiert zu halten. Zu den wichtigsten Radioprogrammen auf Mittelwelle in serbischer und albanischer Sprache zählen das erweiterte Programm der Deutschen Welle, Voice of America, BBC, Radio Free Europe und Radio France International ...«

So brutal und höhnisch obendrein kann man mit Russland und Putin nicht umspringen. Also: »What to be done?« Die US-Administration versucht es mit einer Aufrüstung ihres Rundfunkdirektoriums, des Broadcasting Board of Governors (BBG) mit Sitz in Washington, D.C., das für internationale, auslandspropagandistische Hörfunk- und Fernsehprogramme der Regierung verantwortlich ist. Sein Jahresbudget beträgt offiziell 721 Millionen Dollar. Auch die Europäische Union will künftig ihren Einsatz in Sachen »Öffentlichkeitsarbeit« verstärken. Ein als »Russland Taskforce« bezeichnetes »Strategisches Kommunikationsteam Ost« soll »positive Narrative und Kommunikationsprodukte« in russischer Sprache entwickeln und damit »russischen Erzählweisen« in Osteuropa die Sicht der EU entgegenstellen. Das Team hat laut der Bundesregierung seit dem 1. September 2015 »seine volle Personalstärke erreicht«. Mit dabei sind neben EU und USA auch die NATO und die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE). Parallel dazu unterstützen die EU-Kommission und die EU-Mitgliedstaaten nichtstaatliche Medien in Russland finanziell, womit sie sich – zumindest könnten Putinversteher das so interpretieren – in innere Angelegenheiten einmischen. Wenn Russland gegen solche völkerrechtswidrige Praxis vorgeht, erhebt sich naturgemäß ein Sturm des Protestes. Weniger angreifbar ist dagegen das US-amerikanische Projekt mit dem harmlosen Namen »Digitales Parlament«. Dazu soll der in Prag tätige US-Sender RFE/RL Internet-User aus Russland und anderen Ex-Sowjetrepubliken auf einer gemeinsamen Plattform vernetzen. Die Führung des Senders lässt sich von der Einschätzung leiten, dass der Kampf gegen »das revanchistische Russland« die gleiche Bedeutung hat, wie der Kampf gegen den Islamischen Staat. Die Aufzählung ist äußerst unvollständig, aber allein die genannten Beispiele zeigen: Der »Informationskrieg« steht nicht bevor, er ist in vollem Gange.

Zurück zu Ann Cooper: Ihren exzellenten Vortrag hielt sie nicht nur an der FU in Berlin, sondern auch an höheren Bildungseinrichtungen in Kiel, Mainz, Halle sowie in Dresden in enger Kooperation mit den jeweiligen US-Generalkonsulaten in Hamburg, Frankfurt am Main und Leipzig. RT ist über diese Verketzerung nicht erzürnt. Im Gegenteil, der Sender zeigt sich erfreut, reagiert humorvoll und schließt nicht aus, dass sich »hinter all dem ja auch ein subtiler Trick fortschrittlich denkender, oppositioneller Botschaftsangestellter« verbergen könnte und fragt: »Was liegt da näher als eine Vortragsreihe zu organisieren, in der es vorgeblich darum geht, Stimmung gegen RT und Russland zu machen, diese dann aber dermaßen inhaltslos und unglaubwürdig zu gestalten, dass die Zuhörer im Ergebnis erst recht Lust darauf bekommen, sich die andere Seite der Medaille anzuschauen?« Laut Erich Kästner ist »der Humor der Regenschirm der Weisen«. RT hat ihn aufgespannt, und ich stelle mich darunter.

Jäger und Gejagter – Flug MH17 (1) (Jürgen Rose)


Während des Kalten Krieges diente ich als Oberleutnant der Bundesluftwaffe in der Funktion eines Feuerleitoffiziers einer Flugabwehrraketen(FlaRak)batterie vom Typ HAWK. Die US-amerikanische Rüstungsfirma Raytheon hatte dieses Waffensystem zur bodengebundenen Luftverteidigung gegen Flugziele im niedrigen und mittleren Höhenbereich produziert. Es wurde im NATO-Verbund entlang der innerdeutschen Grenze in Gestalt eines sogenannten FlaRak-Gürtels von Dänemark bis an die Grenze Österreichs zur Verteidigung des Luftraums über der Bundesrepublik Deutschland eingesetzt. Bereits in Friedenszeiten herrschte rund um die Uhr an 365 Tagen im Jahr eine ununterbrochene Feuerbereitschaft, waren die FlaRak-Verbände als »NATO Command Force« einsatztechnisch direkt dem Befehl der zuständigen NATO-Hauptquartiere unterstellt. Auf diese Weise stellte das Bündnis sicher, dass innerhalb weniger Minuten (!) eine Flugabwehrrakete auf ein angreifendes Kampfflugzeug abgefeuert werden konnte. Um meinen vollständigen Einsatzbereitschaftsstatus »Full Combat Ready« zu erhalten, habe ich selbst im Sommer 1985 erfolgreich eine scharfe Flugabwehrrakete HAWK auf dem NATO-Raketenschießplatz NAMFI auf eine Zieldrohne verschossen – Kostenpunkt des Lenkflugkörpers (LFK) damals rund 200.000 US-Dollar.
Vor diesem Hintergrund löst die teilweise erregt geführte Debatte um den Abschuss des malaysischen Airliners im Luftraum der Ukraine bei mir Irritationen aus. Unbestritten erscheint zunächst, dass das Flugzeug auf einer Flughöhe von etwa 10.000 Metern nicht einfach auseinandergebrochen und vom Himmel gefallen ist, sondern dass dies aufgrund massiver physischer Gewalteinwirkung geschehen sein muss. Ähnliches hat sich in der jüngeren Vergangenheit immer mal wieder ereignet, zum Beispiel beim Bombenattentat auf den Jumbo-Jet der PanAm über dem schottischen Lockerbie, dem Abschuss eines iranischen Verkehrsflugzeuges durch den US-amerikanischen Lenkwaffenkreuzer Vincennes über dem Persischen Golf, dem Abschuss von Flug KAL007 der südkoreanischen Korean Air Lines durch einen sowjetischen Abfangjäger über Kamtschatka oder jüngst über dem Sinai, als eine Bombe einen Airbus der russischen Kolavia vom Himmel sprengte.

Was im Falle des Fluges MH17 mitunter in Zweifel gezogen wird, ist der Befund der niederländischen Untersuchungskommission, dass die Maschine mittels einer Flugabwehrrakete des russischen FlaRak-Systems Buk M1, NATO-Code SA-11 Gadfly, abgeschossen wurde. Hartnäckig hält sich demgegenüber die These, ein ukrainisches Kampfflugzeug habe die Boeing 777 vom Himmel geholt. Tatsächlich war mindestens ein Kampfflugzeug vom Typ SU-25 Frogfoot zum Zeitpunkt des Abschusses in der Luft und hat gemäß den Angaben eines Presse-Briefings der russischen Streitkräfte den Flugkurs der MH17 gekreuzt. Zu Bedenken ist hierbei, dass ein Erdkampfflugzeug vom Typ SU-25 mit seinen Leistungsparametern (Geschwindigkeit, Gipfelhöhe, Bewaffnung) sicherlich die schlechteste Wahl zum Abschuss eines mit circa 900 Kilometern pro Stunde in 10.000 Metern Höhe fliegenden Airliners darstellt, besonders wenn man berücksichtigt, dass die ukrainische Luftwaffe über extrem leistungsfähige Abfangjäger vom Typ MiG-29 Fulcrum verfügt, die für eine solche Mission um ein Mehrfaches besser geeignet sind.

Gegen die These, ein Kampfflugzeug habe den Airliner abgeschossen, spricht vor allem, dass die Trefferwirkung, wie schon anhand der ersten unmittelbar nach dem Absturz angefertigten Trümmerfotos erkennbar war, offensichtlich im Bereich des Cockpits lag, also an der Flugzeugspitze. Um eine derartige Trefferlage zu erzielen, müsste der Pilot des Kampfflugzeuges entweder direkt oder seitlich von vorn auf sein Ziel zugeflogen sein, um es mit seiner Bordkanone zu bekämpfen. Eine derartige Annahme ist aus taktischer Sicht abwegig. Frontalangriffe mit Bordkanonen hat lediglich die deutsche Luftwaffe gegen die »Fliegenden Festungen« der USAAF im Zweiten Weltkrieg geflogen, solange diese mangels entsprechender Bewaffnung nicht nach vorn schießen konnten. Nach Einrüstung eines MG-Turmes unter dem Bug der B-17G hatte sich das Thema erledigt. Ohnehin grenzte diese Angriffstaktik der deutschen Jagdpiloten schon damals an hellen Wahnsinn, denn die Annäherungsgeschwindigkeit der aufeinander zu rasenden Flugzeuge betrug etwa 1000 Kilometer pro Stunde. Für die Bekämpfung blieb lediglich ein kurzer Feuerstoß aus den Bordwaffen von ein, maximal zwei Sekunden Dauer, dann musste der Jäger hochziehen oder wegdrücken, um nicht mit seinem Ziel zu kollidieren. Im Falle MH17 versus SU-25 wäre die Annäherungsgeschwindigkeit circa doppelt so hoch, ein »erfolgreicher« Beschuss mit Bordwaffen schon von daher technisch ausgeschlossen gewesen. Wenn heutzutage Abfangjäger aufsteigen, um ein anfliegendes Feindflugzeug von vorn zu bekämpfen, so geschieht dies auf mittlere oder lange Distanzen mittels radargesteuerter Luft-Luft-Raketen. Davon abgesehen wäre es von dem betreffenden Kampfflugzeugpiloten im Fall MH17 komplett schwachsinnig gewesen, einen Airliner, der erkennbar völlig geradlinig in großer Höhe stur seine Bahn flog und keinerlei Anzeichen machte, seinen Kurs zu ändern oder gar Ausweichmanöver zu fliegen, mit einem hochriskanten und zudem ineffektiven Angriffsmanöver mittels Bordkanone zu attackieren. Entweder hätte er einen Lenkflugkörper benutzt, oder er hätte sich in aller Ruhe von hinten seinem Ziel genähert – so wie das Jagdflugzeugpiloten (fast) immer tun – und dann aus einer leicht überhöhten und in aller Regel seitlich etwas versetzten Position auf sein Ziel gefeuert (um nicht von den Trümmerteilen getroffen zu werden). Dieses Verfahren wäre nahezu risikolos und extrem erfolgreich gewesen. Allerdings hätte die Trefferwirkung der beim Aufschlag explodierenden und die Flugzeugbeplankung großflächig aufreißenden Granaten (nicht Kugeln) aus der Bordkanone in einem solchen Falle nicht im Cockpitbereich, sondern im Bereich des Leitwerks, des Rumpfhecks oder der Tragflächen mit den Triebwerksgondeln gelegen. Das Trefferbild bei der MH17 spricht dagegen, dass sich der Abschuss so zugetragen hat. Ähnlich hätte es ausgesehen, wenn der Kampflugzeugpilot sein Ziel mit infrarotgesteuerten Kurzstreckenflugkörpern attackiert hätte: Eine solche Rakete wäre sensorgesteuert auf den heißen Abgasstrahl der Turbine zugeflogen und hinter dem Triebwerk unterhalb der Tragfläche detoniert – entsprechend hätte das Trefferbild aussehen müssen, was nicht der Fall war.

Summa summarum lässt sich die Hypothese, MH17 sei durch ein Kampfflugzeug zu Boden gebracht worden, als absurd getrost zu den Akten legen. Alles spricht dafür, dass der malaysische Airliner vom Boden aus mit einer Flugabwehrrakete aus dem Himmel geschossen wurde. Aber von wo und von wem?
Der Autor war Oberstleutnant der Bundeswehr und ist Mitglied im Vorstand des »Darmstädter Signals«, des Forums für kritische StaatsbürgerInnen in Uniform.

Deserteure hier – Gesindel dort (Otto Köhler)


Diese Bundeswehr, die – so plakatiert sie – nicht länger »abwarten und Teetrinken«, sondern in den Krieg ziehen will, besitzt nirgendwo ein wahrhaftigeres Denkmal als in der Mitte Hamburgs zwischen Stephansplatz und Dammtor. Dort marschieren sie und marschieren und marschieren, seit 1936, seit die damalige deutsche Wehrmacht in das entmilitarisierte Rheinland eindrang, im ehernen Tritt und Schritt immer rechts und rechts und rechts um einen quadratischen Steinklotz herum. Und sind bis heute nicht an dem Ziel angekommen, das sie sich, unter ihren Stiefeln als Relief eingemeißelt, seit nun fast acht Jahrzehnten setzen: »Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen«.
1945 wollte die britische Militärregierung dieses von den Nazis errichtete Monument der Sterbehilfe in die Luft sprengen. Es geschah nicht. Seit 1966, seit ich in Hamburg lebe, bedauerte ich das sehr. Doch nun, seit Deutschland wieder ganz ist, seit deutsche Soldaten in aller Welt kämpfen, freunde ich mich mehr und mehr mit der zweiten Hälfte dieses Spruches an. Wer unbedingt Krieg führen will, soll auch sterben dürfen.

Seit dem 24. November 2015 will ich, dass dieses Denk-mal bleibt, solange es auch nur noch einen einzigen deutschen Soldaten gibt. Denn seit diesem Tag steht endlich das Mahnmal der Deserteure dem martialischen Kriegerblock gegenüber. Schon einmal in den achtziger Jahren gab es den Versuch von Alfred Hrdlicka, dem Nazimonument vom ewig mordenden Soldaten etwas entgegenzusetzen – das blieb unvollendet. Heute aber, da – wie Thomas de Maizière als Kriegsminister 2013 verkündete – wieder »getötet und gefallen« wird –, steht endlich der von dem Bildhauer Volker Land entworfene und realisierte »Gedenkort für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz«. Er steht exakt gegenüber dem Steinblock der »gemeinsten Kreaturen, die jemals den Soldatenrock der Geschichte getragen haben«. Das sind Auszüge aus Helmut Heißenbüttels Gedichtzyklus »Deutschland 1944«, die als filigranes schmiedeeisernes Ornament dem brutal marschierenden Kriegerblock Widerworte geben. Heißenbüttel will »dieses Gesindel, das sich aus der einstigen Zeit herübergerettet hat, abstoßen«. Heißenbüttels Text von 1971 kann man auch hören wie auch biographische Angaben zu allen namentlich bekannten 227 Opfern der Wehrmachtsjustiz in Hamburg.

Als Denkmal des Gesindels muss das Kriegermonument gegenüber dem Mahnmal für die Deserteure stehen bleiben. Stehen! Stillgestanden! Nicht weitermarschieren, wie es diese steinernen Krieger wollen.

Gerhard Zwerenz war der einzige Deserteur, den es neben einer Unzahl von Nazis und bis zuletzt treu für ihren Führer kämpfenden Soldaten je im Bundestag gab. Er sagte 1995 als – ein halbes Jahrhundert nach Kriegsende – die Rehabilitierung der nur 50.000 Deserteure unter den 18 Millionen deutschen Soldaten auf der Tagesordnung stand: »Denkt vielleicht wenigstens einer daran, was gewesen wäre, wenn diese 18 Millionen Soldaten ausgerufen hätten: ›Wir sind das Volk! Nie wieder Krieg! Mit uns nicht!‹ Wenn diese Soldaten dann nach Hause gegangen wären, wäre der Krieg aus gewesen: Ohne diese Wehrmacht hätte es keinen Holocaust, keinen Genozid, keinen zweiten Weltkrieg und nicht seine 50 Millionen Toten gegeben.«

So sprach Zwerenz vor zwanzig Jahren im Bundestag. Heute forderte, als der Gedenkort für Deserteure gegenüber dem Kriegerklotz eröffnet wurde, ein Transparent: »Asyl für Deserteure! Bundeswehr abschaffen!«

Ein vergessenes Geheimdienstverbrechen (2) (Heinrich Hannover)


An die Entführung und Folterung des Komponisten Isang Yun und die Mitwirkung bundesdeutscher Stellen an diesem Verbrechen erinnert nach fast 50 Jahren sein Anwalt (Teil 1 siehe Ossietzky 23/2015).
Ich führte eine umfangreiche Korrespondenz und Gespräche mit zuständigen Instanzen in Bonn und Karlsruhe und wurde vom damaligen Bundesjustizminister Gustav Heinemann, der meine Empörung über das Entführungsverbrechen teilte, zu einem zweistündigen Gespräch empfangen, das immerhin dazu führte, dass die Bundesregierung einen Prozessbeobachter nach Seoul schickte, nämlich den auch von mir hochgeachteten Juraprofessor Gerald Grünwald. Doch nachdem dieser sehr kritisch über das Verfahren berichtet hatte, glaubte die Bundesregierung, deren politische Richtlinien der für seine Nazivergangenheit bekannte Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) bestimmte, für die weiteren Gerichtsinstanzen ohne Prozessbeobachter auszukommen, und überließ die Entführten dem weiteren Gang der südkoreanischen Justiz, der für Yun mit einem auf zehn Jahre Freiheitsstrafe lautenden Urteil endete.

Der Präsident der Hamburger Akademie der Künste, Wilhelm Maler, hatte einen von international bekannten Musikern unterzeichneten Appell organisiert und an den südkoreanischen Präsidenten geschickt, in dem die Freilassung Isang Yuns gefordert wurde. Es gelang mir, die Redaktionen der Frankfurter Allgemeine und der Welt, die auch in Südkorea gelesen wurden, zu veranlassen, diesen von 181 prominenten Musikern aus aller Welt unterstützten Appell in großformatigen Anzeigen unentgeltlich zu veröffentlichen.

Zu meinen von offiziellen bundesrepublikanischen Instanzen offenbar mit Missfallen beobachteten Aktivitäten gehörten auch kritische Presseartikel – bis hin zur Wochenzeitung Die Zeit – und Rundfunkkommentare sowie Reden in mehreren Universitätsstädten, auch zusammen mit Professor Grünwald. Dabei verschwieg ich nicht die unbestreitbaren Indizien für eine Mitwirkung deutscher Geheimdienste an dem Entführungsverbrechen. Insbesondere verwies ich auf einen 47 Seiten umfassenden, angeblich vom südkoreanischen Geheimdienst stammenden Observationsbericht, aus dem sich ergab, dass die entführten Koreaner in der BRD jahrelang beobachtet worden waren. Das konnte nur einem deutschen Geheimdienst möglich gewesen sein, wenn man nicht unterstellen wollte, dass der koreanische Geheimdienst schon seit Jahren mit großem Personalaufwand in der BRD tätig sein konnte, ohne einem deutschen Geheimdienst aufzufallen. In dem Bericht wurde Isang Yun zum Haupt einer kommunistischen Verschwörerorganisation gemacht, die nach den Kategorien des bundesdeutschen politischen Strafrechts zurechtgezimmert war, das bestimmte »Ostkontakte«, also Verbindungen zu einem kommunistisch regierten Staat, als »landesverräterische Beziehung« definierte.

In der seriösen Presse wurden die skandalösen Umstände der Entführung kritisch erörtert und der Verdacht geäußert, dass ein deutscher Geheimdienst an der Entführung mitgewirkt habe. In der Frankfurter Allgemeinen vom 18.7.1967 hieß es: »In unterrichteten Kreisen Bonns gilt es seit dem Wochenende als wahrscheinlich, dass die Entführung von 17 südkoreanischen Bürgern durch den Geheimdienst Südkoreas aus der Bundesrepublik nicht ohne Hilfe und Kenntnis bestimmter deutscher Stellen … habe geschehen können.«

Der Bericht enthielt noch weitere Einzelheiten über die vom deutschen Geheimdienst geleisteten Dienste für die etwa 50 eingereisten südkoreanischen Geheimdienstbeamten und deren aus fünf bis sieben Personen bestehendes Vorkommando.

Der Generalbundesanwalt, der die bei örtlichen Staatsanwaltschaften geführten Ermittlungsverfahren an sich gezogen hatte, verkündete mit verdächtiger Eile, dass keine deutsche Behörde bei der Entführung mitgewirkt habe. Auch veranlasste er die Haftentlassung zweier tatverdächtiger Koreaner, die auf Antrag der örtlich zuständigen Staatsanwälte verhaftet worden waren. Meinen Antrag auf Akteneinsicht lehnte der Generalbundesanwalt ab. Die Akte wurde zum Staatsgeheimnis erklärt. Sie ist wahrscheinlich immer noch ein Staatsgeheimnis, wenn sie nicht geschreddert worden ist.