Montag, 17. Oktober 2016

TUIfly: ver.di lehnt Ausverkauf ab – „Beschäftigte haben genug Opfer gebracht“



Illegal zum Erfolg: Nachdem ihnen ein Ausstand erschwert wurde, 
sammelten Tuifly-Beschäftigte Krankheits- statt Streiktage. Den 
Konzern zwangen sie so zum verhandeln

"Was ein historisches Ereignis ist, lässt sich für Zeitgenossen oft 
nur schwer ermessen. Im Fall des wilden Streiks, der vom 3. bis 7. 
Oktober 2016 im deutschen Luftverkehr stattfand, können wir uns 
allerdings heute schon sicher sein, dass er Geschichte geschrieben 
hat. (...) Obwohl es sich um eine illegale Aktion handelte, die 
logischerweise ohne Anführer stattfand, kam es am Ende der Streikwoche 
zu Verhandlungen mit Beschäftigtenvertretern – darunter die 
Gewerkschaften ver.di und Unabhängige Flugbegleiter Organisation 
(UFO). Die am Konflikt zunächst unbeteiligten Verkehrsminister des 
Bundes und Niedersachsens, Alexander Dobrindt (CSU) und Olaf Lies 
(SPD), intervenierten. Das Sickout konnte nur durch weitreichende 
Zusagen eingedämmt werden: Arbeitsplatzgarantien und Bestandsschutz 
für drei Jahre. (...) Der wilde Streik ist auch eine Reaktion auf das 
Vorgehen des Arbeitsrechtlers Thomas Ubber (Kanzlei Allen & Overy). 
Dieser hatte erfolgreich versucht, den Widerstand der Gewerkschaften 
durch gerichtliche Streikverbote, Schadensersatzforderungen und 
Gesetzesänderungen zur Tarifeinheit zu brechen. Ubber vertritt mit Air 
Berlin, Lufthansa, DB, Fraport und anderen de facto ein 
Branchensyndikat. Für Fraport konnte Ubber am 26. Juli ein 
spektakuläres Urteil des Bundesarbeitsgerichts gegen die Gewerkschaft 
der Fluglotsen (GdF) erwirken (1 AZR 160/14). Dieses erklärte einen 
Streik vom Februar 2012 wegen Kleinigkeiten für illegal..." Artikel 
von Elmar Wigand vom 13. Oktober 2016 bei Arbeitsunrecht
https://arbeitsunrecht.de/tuifly-erfolgreiches-sickout-schockt-transportbranche/

Auch interessant im Text: "... Sickout: Kollektives Krankfeiern als 
Revolte der unteren Mittelklasse: Der wilde Streik durch 
Massenkrankmeldungen ist für die deutsche Gewerkschaftskultur im 
Allgemeinen untypisch, was aber nicht für Beschäftigte im 
Transportsektor und im öffentlichen Dienst gilt. Der US-Autor Mark 
Hamill schrieb im April 1969 einen einflussreichen Aufsatz, in dem er 
Phänomen des “sickout” als Teil einer “Revolte der weißen unteren 
Mittelklasse” charakterisierte. Zunächst wurde die Aktionsform unter 
Polizisten als “blue flu” (blaue Grippe) und Feuerwehrmännern als “red 
rash” (rote Krätze) populär. Am 18. Mai 1969 begann die 
US-Fluglotsengewerkschaft PATCO erfolgreich mit dieser Kampfform zu 
experimentieren, sie sollte das “sickout” in den 1970ern 
perfektionieren. Die systematische Zerschlagung von PATCO durch die 
Reagan-Administration verwundert daher im historischen Rückblick 
nicht. (...) Bereits 1973 war die Kampfform  des Sickout auch in 
Westdeutschland angekommen – durch renitente Fluglotsen, die sie Hand 
in Hand mit der Methode des “Bummelstreiks” (Dienst nach Vorschrift) 
einsetzten. Der Spiegel titelte im Juli 73: “Lotsenstreik – Diktatur 
der Spezialisten?” (12) Der Bundesgerichtshof verbot solche 
Aktionsformen in Deutschland mit einem Urteil vom 31.1.1978 (Az. VI ZR 
32/77) als sittenwidrig und bedrohte Gewerkschaften fortan mit 
drakonischen Schadensersatzforderungen..."
Siehe dazu im LabourNet: [Am Beispiel TUI Fly] Krank oder Streik? 
Krankheit als Kampfmittel?
http://www.labournet.de/?p=105414

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